Frankreich: eine wahlpolitische Katastrophe

Die rechtsliberale Partei Macrons und der neofaschistische Rassemblement National als dauerhafte „Alternativen“?

 440 juni 2019 Lou Marin

Es hätte nicht viel schlimmer kommen können: Mit 23,3% gewann Marine Le Pens neofaschistische Partei Rassemblement National (RN, früher: Front National) die Europawahlen in Frankreich, kurz vor Macrons rechtsliberaler Partei LREM (La République en Marche) mit 22,4% – und langem Abstand vor der grünen Liste EE-LV mit 13,5%. Abgestürzt sind die alte konservative Partei LR (Les Républicains) mit nur 8,5% und Jean-Luc Mélenchons linke LFI (La France Insoumise) mit nur 6,3%. Die massiven sozialen Protestbewegungen des letzten halben Jahres haben sich quasi überhaupt nicht im Parteiensystem niedergeschlagen – oder sogar negativ. Und das bei mit 50,1% deutlich gestiegener Wahlbeteiligung für Europawahlen in Frankreich (GWR-Red.) Weiterlesen

Bücherverbrennung 2019

Kein Buch verdient den Scheiterhaufen

 440 juni 2019 Monika Kupczyk

Erich Kästner: „Mit solchen Methoden kann man zwar ein Volk vernichten, Bücher aber nicht. Sie sterben nur eines natürlichen Todes. Sie sterben, wenn ihre Zeit erfüllt ist. Man kann von ihrem Lebensfaden nicht eine Minute abschneiden, abreißen oder absengen. Bücher, das wissen wir nun, kann man nicht verbrennen.“ Am 31. März 2019, einem Sonntag, hat die polnische Stiftung „SMS aus dem Himmel“ auf ihrer Facebook-Seite Fotos einer Bücherverbrennung veröffentlicht. Die Priester dieser Stiftung haben mit Unterstützung ihrer Ministranten in Danzig zahlreiche Bücher verbrannt. Die für den Scheiterhaufen gewählten Titel sollen frevelhaft gewesen sein. Die Aktion wurde in Polen, als auch weltweit heftig kritisiert. Weiterlesen

Marseille: Einstürzende Altbauten

Eine mörderische Mischung aus Klientelismus und Gentrifizierung

 439 mai 2019 Lou Marin

Marseille ist eine schöne Stadt am Mittelmeer. Davon wird in diesem Artikel aber nicht die Rede sein. Denn Frankreichs wichtigste Hafenstadt ist für seine verarmten Bewohner*innen auch mörderisch und in dieser Hinsicht innerhalb Europas wahrscheinlich nur mit Genua oder Neapel zu vergleichen. Eine tödliche Mischung aus kommunalpolitischem Klientelismus und rücksichtsloser Politik der Gentrifizierung. (GWR-Red.) Weiterlesen

Das Ende des IS?

Rojava nach dem Ende der Kämpfe. Ein Situationsbericht aus Nordsyrien

 439 mai 2019 Michael Wilk

Dr. Michael Wilk ist Notarzt und Psychotherapeut. Er reist seit 2014 regelmäßig nach Rojava/Nordsyrien, unterstützt dort den Kurdischen Roten Halbmond (Heyva sor a kurd), versorgt Verletzte, unterrichtet in Notfallmedizin und schreibt regelmäßig u.a. für die Graswurzelrevolution. Heyva sor a kurd (Hsak) betreibt Ambulanzen und Apotheken, unterstützt Krankenhäuser, versorgt die Bevölkerung in Kampfgebieten und stellt die medizinische Hilfe in Flüchtlingslagern sicher. Im April 2019 war Wilk erneut im Irak und Syrien. Weiterlesen

„Ihr könnt uns nicht alle verbrennen!“

Reprivatisierung in Polen. Der Fall Jolanta Brzeska

 439 mai 2019 Monika Kupczyk

In den boomenden Großstädten Europas steigen die Mieten rasant. Gegen diesen „Mietenwahnsinn“ und für das Recht auf ein menschenwürdiges Wohnen für alle haben im April 2019 unter anderem in Berlin Zigtausende demonstriert. Wir beschäftigen uns in dieser Graswurzelrevolution im Rahmen eines Schwerpunkts mit Mieter*innenbewegungen gegen Umstrukturierung und Gentrifizierung. Den Auftakt macht Monika Kupczyk mit dem folgenden Artikel über den erschütternden Fall Jolanta Brzeska und die „Reprivatisierung“ in Polen. (GWR-Red.) Weiterlesen

Neubeginn der Rebellion?

Zivile Massenbewegungen in Algerien und im Sudan

 439 mai 2019 Johann Bauer

Die Dynamik dieser Massenbewegungen lässt hoffen. Betrachten wir nur den zivilen Widerstand im Sudan: Der Diktator Baschir ist gestürzt, das Militär hat aufgegeben, ihn zu unterstützen, der Vizepräsident und Verteidigungsminister Ibn Auf übernimmt den Vorsitz eines Militärrats und erklärt, die politische Macht nach zwei Jahren an eine zivile Regierung übergeben zu wollen. Ibn Auf war Chef des Militärgeheimdienstes, ein verantwortlicher Koordinator für die Brutalitäten der Dschandschawid-Milizen im Darfur-Krieg. Einen Tag später ist der Druck der Demonstrationen so stark, dass er zurücktreten muss. Am 11. April 2019 belagern über eine Million Menschen das Hauptquartier der Streitkräfte, entschlossen gewaltlos, freundlich, eine antimilitaristische Kulturbewegung. Auch der Geheimdienstchef Gusch muss die Junta verlassen. Und jetzt hoffentlich so weiter. Weiterlesen

Das Vaterland der Anarchie?

Anarchismus und Nationalismus in Spanien zu Beginn des 20. Jahrhunderts

 438 april 2019 Martin Baxmeyer

Das Drama um die katalanische Unabhängigkeit – Tragödie oder Komödie, je nach Geschmack und Perspektive – geht in seinen nächsten Akt. Bei Drucklegung dieses Artikels war noch nicht klar, ob es dem unappetitlichen Rechtsbündnis aus konservativer Volkspartei Partido Popular, der rechtsliberalen Ciudadanos und der rechtextremen Partei Vox gelungen ist, Ministerpräsident Pedro Sánchez (PSOE) zu Neuwahlen zu zwingen. Die durchaus eindrucksvollen Demonstrationen in Madrid und (vor allem) in Barcelona vor und während des Prozesses gegen zwölf führende katalanische Separatisten haben allerdings verdeutlicht, dass man in Spanien mit nationalistischen Ressentiments – egal ob katalanisch oder zentralspanisch – noch immer ebenso mühe- wie skrupellos Politik machen kann. Weiterlesen

„Grandiose Gewaltfreiheit“

Algerien am 11. März 2019: Bouteflika gibt auf und lässt die Wahlen verschieben. Skizze eines grotesken Militärregimes

 438 april 2019 Lou Marin

Am Abend des 11. März 2019 hat der soeben von einer weiteren Krankenhausbehandlung in Genf nach Algerien zurückgekehrte Präsident Abdelaziz Bouteflika – oder wie auch immer diejenigen, die in seinem Namen sprechen oder Briefe schreiben – auf die Präsidentschaftskandidatur am 18. April verzichtet. Die Wahlen, die auf den 18. April angesetzt waren, wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Ein erster Erfolg für die gewaltfreie Massenbewegung. (GWR-Red.) Weiterlesen

Der Kampf ums Wasser

Griechenland: Widerstand gegen kapitalistische Verwertung

 438 april 2019 Interview: Ralf Dreis

Der Pílion ist ein Berg von 1.624 Metern Höhe, an dessen Fuß die zentralgriechische Hafenstadt Vólos mit 200.000 Einwohner*innen liegt. Die in die Ägäis ragende gleichnamige Bergkette trennt den Pagasitischen Golf vom offenen Meer. Durch seine Quellen, die klaren Gebirgsbäche, die üppige Vegetation und das an den Südhängen milde Klima, ist der Pílion bei Einheimischen wie Fremden beliebt. In der Mythologie war er als Heimat der Zentauren bekannt. Seit Jahren leistet die ‚Bewegung für das Wasser‘ erfolgreich Widerstand gegen die kapitalistische Verwertung des Pílionwassers. Ralf Dreis sprach für die Graswurzelrevolution mit María Technopoúlou (54 Jahre) und Vangélis Galanópoulos (69 Jahre). (GWR-Red.) Weiterlesen

Ökologie und Anarchismus in Polen

Ein Interview mit der Anarchistin und Öko-Aktivistin Ludwika Wykurz

 438 april 2019 Interview: Monika Kupczyk, Adrian Sekura

Graswurzelrevolution (GWR): Du bist eine Anarchistin, die sich seit Jahren für die Verteidigung von Natur und Klima einsetzt. Warum sind dir diese Probleme so wichtig? Ludwika Wykurz: Bevor ich mit Ökologie angefangen habe, hatte ich Interesse am fairen Handel und der Globalisierungskritik, also an sozialen Themen, entwickelt. Die Natur habe ich immer geliebt. Ich fühlte … Weiterlesen