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Christlicher Anarchismus

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Der Mensch sei keinem Menschen untertan

Christlicher Anarchismus - Facetten einer libertären Strömung

Wer ermächtigt eigentlich Regierungen, anderen Staaten mit Gewalt zu drohen oder aber mit Waffen Zerstörung in ihren Ländern anzurichten? Schon im 13. Jahrhundert wagten Christen in Europa, untermauert mit biblischen Argumenten, ihren Fürsten, Königen und dem Kaiser das Recht abzusprechen, im Namen Gottes Gewalt auszuüben - sei es durch Unterdrückung und Ausbeutung oder Krieg. Obrigkeit und Kirche bestraften diese Regierungskritik oft mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen. Auf diesem wurden auch die Schriften der angeblichen Ketzer verbrannt. Daran erinnern Sebastian Kalica und seine sechs Mitautoren.

Manche »nd«- Leser werden wissen, dass auch der berühmte russische Schriftsteller Leo Tolstoi sich als christlicher Anarchist verstand. In diesem Band untersucht Alexandre Christoyannopolus (England) dessen Ideenwelt und fragt zugleich, ob die Bergpredigt tatsächlich ein christlich-anarchistisches Manifest ist.

Tolstoi hatte eine Ansprache des deutschen Kaisers vor Rekruten als biblische Anmaßung eines christlichen Herrschers kritisiert. Zunächst zitierte er ihn: »Rekruten! Ihr habt jetzt vor dem geweihten Diener Gottes und Angesichts dieses Altars Mir die Treue geschworen ... Ihr seid jetzt Meine Soldaten, Ihr habt euch Mir mit Leib und Seele ergeben. Es gibt für euch nur einen Feind, und das ist Mein Feind. Bei den jetzigen sozialistischen Umtrieben kann es vorkommen, dass Ich euch befehle eure eigenen Verwandten, Brüder, ja Eltern niederzuschießen - was ja Gott verhüten möge -, aber auch dann müsst ihr Meine Befehle ohne Murren befolgen.« Tolstoi kommentierte: »Ich weiß, dass die Versuchung darin besteht, dass der Betrug durch den Namen Gottes geheiligt wird. Der Betrug aber besteht darin, dass die Leute im Voraus versprechen, sich dem zu unterwerfen, was ein Mensch oder viele Menschen befehlen, während der Mensch sich doch nie jemandem unterwerfen darf als Gott«.

Gemeinhin wird angenommen, dass anarchistische Bewegungen von antiklerikalen oder antireligiösen Denktraditionen des 19. Jahrhunderts geprägt sind. Dieser Band fordert zu einer Überprüfung dieser Überzeugung heraus. Michael Bakunin, einer der Väter des Anarchismus, hatte in seiner Schrift »Gott und Staat« davor gewarnt, dass Religion die Völker verdumme und verderbe und die Vernunft, Hauptwerkzeug der menschlichen Befreiung, abtöte. Nun, der Russe hätte heute in Leonardo Boff oder Ernesto Cardenal, Vertreter der Theologie der Befreiung, sachkundige Gesprächspartner, die ihm helfen würden, christliche Irrlehre zu durchschauen.

Lou Marin (Frankreich), Mitherausgeber der anarchistischen Monatsschrift »Graswurzelrevolution«, hat vor Jahren einen Aufsatz über die Begegnung mit Dag Hammerskjöld und dem jüdischen Theologen Martin Buber mit der Frage überschrieben: »Können wir den ehrlichen Dialog in Zeiten des Misstrauens retten?« Ich verstehe dieses Buch von Kalicha als ein energisches Plädoyer dafür, miteinander zu reden, statt aufeinander einzuschlagen. Es gilt, sich den gefährlichen Behauptungen des Mainstreams, Gewalt müsse mit Gewalt beantwortet werden, zu widersetzen. Wie dies gelingen könnte, beschreiben in diesem Band erfahrene Praktiker wie Tom Cornell, New York, Mitherausgeber der Zeitschrift »The Catholic Worker«, Gründungsmitglied von »Catholic Peace Fellowship« und Pax Christi USA, sowie Simon Moyle, Baptistenpastor, der sich in Australien als Trainer in gewaltlosem Widerstand engagiert.

Herausgeber Kalica und Gustav Wagner erinnern an die christlich-politische Opposition der »Ketzer« in Europa, an die Waldenser im 12. und 13. Jahrhundert, an John Wycliff (ca. 1320 - 1384) und an den Rektor der Prager Universität Jan Hus, der 1415 auf dem Scheiterhaufen starb. Mit ihrer Kritik an gewalttätiger Politik im Namen Gottes waren sie Vorkämpfer der Reformation.

Christlicher Anarchismus meint Gewaltlosigkeit. Ob die Bergpredigt jedoch tatsächlich ein Manifest des Anarchismus ist, bleibt weiter zu diskutieren. Richtig ist, dass es gerade heute wieder darauf ankommt, Herrschaftsmodelle, die sich auf christlichen Untertanengeist stützen respektive diesen einfordern, argumentativ auch mit der Bibel zu überwinden, anstatt Duckmäuserei und Ergebenheit Nischen in demokratischen Gesellschaften einzuräumen.

Die Theologen der Befreiung praktizieren diese mühsame Auseinandersetzung seit 40 Jahren in Lateinamerika. In solidarischer Zusammenarbeit mit Sozialisten stehen sie für die Sklavenbefreiung und die Lösung der Eigentumsfrage. Im Zentrum ihres Strebens steht der Kampf um die Verteidigung der Menschenwürde und die Entlarvung christlich legitimierter kolonialer Anmaßungen.

Es bleibt zu hoffen, dass dieses facettenreiche Buch die nötigen Diskussionen um Gewalt und Gewaltlosigkeit, Krieg und Frieden, Ausbeutung und Widerstand befördert. Die Lektüre dürfte ein Gewinn für jeden lernbegierigen Leser sein. Das Buch könnte Anstoß geben insbesondere für einen gesellschaftlich konstruktiven Diskurs zwischen den ihre eigenen Widersprüche ehrlich reflektierenden Anarchisten, sich befreiungstheologisch aktiv einmischenden Christen und aus selbstverschuldeten Fehlern der Vergangenheit lernenden Marxisten.

Heinrich Fink
erschienen in: Neues Deutschland, 08.10.2013

Glaube und Aufstand

Dass Anarchismus nicht zwangsläufig mit der Ablehnung von Religion einhergehen muss, zeigt ein inspirierendes Buch mit Beiträgen, denen sowohl der Bezug zum christlichen Glauben, als auch die Ablehnung kapitalistischer und staatlicher Herrschaft gemein ist - frei nach Jacques Elluls Motto: »Biblisches Gedankengut führt direkt zum Anarchismus.« Das Prinzip der Gewaltfreiheit (gegenüber Personen) stellt dabei ein zentrales Element dar. Ein australischer Aktivist legt Zeugnis ab von antimilitaristischen, direkten Aktionen (NATO-Basen sind mitunter schlechter gesichert, als wir denken!), die Geschichte der Bewegung der US-amerikanischen Catholic Workers wird am Beispiel einer ihrer führenden Aktivistinnen, Dorothy Day, nacherzählt; es ist aber auch Raum für Theorie bzw. radikale Bibelinterpretation, wenn zum Beispiel Alexandre Christoyannopoulos die anarchistische Dimension der Bergpredigt auslotet. In die Geschichte begibt sich auch der hervorragende Beitrag von Gustav Wagner und Herausgeber Sebastian Kalicha, welcher die libertären Dimensionen im Denken und Handeln des böhmischen Revoluzzers Peter Chelcický im 15. Jahrhundert nachzeichnet. Kalichas Einleitung führt grundlegend in die Thematik ein und zeigt, dass Glaube und Anarchismus kein Widerspruch sein muss, auch wenn das zumindest in den deutschsprachigen Ländern noch immer 99 Prozent der Linken glauben. Unter den schwarz-roten Weihnachtsbaum damit!

Martin Birkner
erschienen in: ak - analyse & kritik, Nr. 589, 17.12.2013

Christentum und Anarchie – geht es zusammen?

Ja, so sehen es die (leider nur männlichen) Autoren dieses Sammelbandes, der dazu beiträgt, Gemeinsamkeiten zwischen den seit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion sich oft feindselig gegenüberstehenden Weltanschauungen zu finden.

Ein Beispiel ist der Beitrag von Christoyannopoulos: "Die Bergpredigt - ein christlich-anarchistisches Manifest" mit einer grundsätzlichen Kritik an Gewalt in verschiedenen Dimensionen und einer These, dass der Staat u.a. durch Kriegsführung gewalttätig sei. Dave Andrews erweitert die libertäre Bibelexegese um weitere Aspekte, z.B. Appelle, keine Macht über andere Menschen auszuüben. Dazu passt auch die Aussage des Pastors und Antikriegsaktivsten Simon Moyle: "Die 'Herrschaft' Jesu drückt sich daher im dienenden Dasein füreinander aus, nicht in der Beherrschung anderer." (S. 110)

Im praxisorientierten Teil beschreibt das Buch gewaltfreie Aktionen zivilen Ungehorsams gegen Militäreinrichtungen, die durch Aktive der Catholic-Worker-Bewegung durchgeführt wurden. Tom Cornell stellt zwei wichtige Persönlichkeiten dieser Bewegung vor: Dorothy Day und Ammon Hennacy. Hier werden wichtige Anliegen der Bewegung im Kontext einer von Day angestrebten gewaltfreien "grünen" Revolution des Herzens genannt: "Diese basierte zum einen auf Häusern der Gastfreundschaft (Houses of Hospitality) in den Städten, wo jene, die etwas besaßen, es mit denen teilten, die nichts (mehr) hatten und miteinander ins Gespräch kamen. Zum anderen basierte sie auf Landkommunen, wo ArbeiterInnen zu WissenschaftlerInnen und WissenschaftlerInnen zu ArbeiterInnen werden konnten." (S. 121)

Mit weiteren Kapiteln (z.B. über Jacques Ellul) wird die sehr informative Einführung in das Thema abgeschlossen.

Achim Schmitz
erschienen in: Brot & Rosen, September 2014

Christlicher Anarchismus

"Das Leben ist sonderbar!", schrieb der Anarchist Luigi Fabbri im März 1932 an seinen Gesinnungsgenossen Errico Malatesta: "der wahrscheinlich einzige, der einmal Deinen Namen trägt, wird ausgerechnet Priester. Aber wenigstens wird er die Lauterkeit des Glaubens erben, und das ist immerhin schon etwas" (Errico Malatesta: Ungeschriebene Autobiografie, Nautilus, 2008, S.26). Was Fabbri hier in Bezug auf Malatestas Sohn anklingen lässt, hatte Michael Bakunin, Malatestas alter Lehrmeister, schon Jahrzehnte zuvor folgendermaßen erläutert: "Die Religion als Theologie ist ohne Zweifel eine große Dummheit, aber als Gefühl und als Streben ist sie ein Ausgleich und eine wenn auch sehr illusorische Kompensation für das Elend einer unterdrückten Existenz und ein sehr realer Protest gegen diese tägliche Unterdrückung. (…) Proudhon hatte recht, als er sagte, dass der Sozialismus kein anderes Ziel habe, als die illusorischen und mystischen Versprechungen, deren Verwirklichung von der Religion in den Himmel verlegt wird, tatsächlich und in vernünftiger Weise auf Erden wahr werden zu lassen. Diese Versprechungen beschränken sich im Grunde auf Folgendes: Wohlstand, volle Entfaltung aller menschlichen Fähigkeiten, Freiheit in Gleichheit und universeller Brüderlichkeit." (Michael Bakunin: Philosophische Betrachtungen [1870/71], Edition AV, 2010, S.123)

Nicht allgemein mit (religiösem) Glauben und Anarchismus, sondern spezifischer mit dem Verhältnis von Christentum und Anarchismus, bzw. der Strömung des "christlichen Anarchismus" beschäftigt sich der gleichnamige, von Sebastian Kalicha im Verlag Graswurzelrevolution herausgegebene Sammelband. Er sei ein "facettenreiches, spannendes, geschichtsträchtiges und nicht zuletzt auch ein recht vitales Phänomen", dieser christliche Anarchismus so Kalicha. Vom diesem "einen Eindruck" zu vermitteln; und zwar der ganzen "Bandbreite christlich-anarchistischer Theorie und Praxis" (S.7) wird als Ziel des Bandes benannt. Damit verbinde sich "bis zu einem bestimmten Grad", so der Herausgeber weiter, die Hoffnung, "ein Bewusstsein für libertäres Christentum, für progressive und anarchistisch inspirierte Strömungen in der christlichen Community zu schaffen und so argumentativ gegen unreflektierte und reflexartige Schnellschlüsse gegen alles Religiöse und Christliche aufzutreten" (S.8). Zwar solle niemand bekehrt werden, dafür aber ein "polemikfreier Diskurs rund um progressives Christentum und Anarchismus eröffnet und weitergeführt" werden (S.9).

Neben einem das Thema insgesamt umreißenden Aufsatz des Herausgebers zu "Dimensionen libertärer Exegese", versammelt Christlicher Anarchismus weitere sechs Aufsätze, die sich sowohl mit der Darstellung christlich-anarchistischer Praxis, wie auch Theorie beschäftigen - und mit dem abschließenden Beitrag zu Peter Chelcický sogar einen Blick auf einen Akteur des 14.Jahrhunderts wirft, in dessen "Herrschaftskritik" sich "eine anarchistische Dimension" aufgetan hätte (S.180).

Immer wieder wird in den Aufsätzen - wen verwundert das - auf die Bergpredigt verwiesen. So meint Alexandre Christoyannopoulos in einem eigens dieser gewidmeten Aufsatz, dass "die Bergpredigt ein idealer Entwurf - ein Manifest sozusagen - für jegliche wirklich authentische christliche Gemeinschaft" (S.51) und gleichsam, "ein Manifest für eine christlich-anarchistische Gesellschaft" (S.81) darstelle. Ebenfalls nicht verwunderlich der immer wieder kehrende Verweis auf Leo Tolstoi, wenngleich hier der Aktivist Simon Moyle einhakt: "Viele Menschen, die sich mit dem christlichen Anarchismus beschäftigen, tun dies durch die Linse des Tolstoischen Nicht-Widerstands. Ich stelle hingegen die Behauptung auf, dass die christlich-gewaltfreie Praxis eine aktive ist, und daher auch aktiven Widerstand gegen Böses beinhalten muss. Als NachfolgerInnen Jesu in einer Welt, die von Gott geliebt wird, ist konfessionell motivierter Rückzug keine gewissenhafte Glaubensentscheidung." (S.105) Manchmal werden Selbstverständlichkeiten mit einprägsamer Frische angesprochen, so von Tom Cornell: "Bei Matthäus 25,35 hören wir Jesus sagen 'Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben’. Er sagte nicht 'Denn ich war hungrig und ihr habt ein Komitee gegründet’! Natürlich: Strukturen sind wichtig. Wir streben nach einer Gesellschaft, in der es einfacher ist, Gutes zu tun. Aber die beste Struktur wird in sich zusammenbrechen, wenn die Menschen damit aufhören, diese Werte umzusetzen und persönliche Verantwortung für die Bedürfnisse ihrer Brüder und Schwestern zu übernehmen. Die Revolution des Herzens ist eine permanente Revolution." (S.144) Andermal erfahren wir von radialen Theologen wie Jacques Ellul, der als "Vordenker sowohl der Technikkritik, der Medienkritik als auch des christlichen, besonders biblischen Anarchismus" von Lou Marin vorgestellt wird (S.147).

Der Band ist interessant und durchweg informativ. Sein Anliegen, den "christlichen Anarchismus" vorzustellen, kann insofern als gelungen gelten, als dass - nicht zuletzt durch den eröffnenden Aufsatz des Herausgebers - deutlich gemacht wird, inwiefern Anarchismus und Christentum Schnittmengen besitzen und wechselseitige Anknüpfungspunkte existieren. Dessen ungeachtet finden sich manchmal eher merkwürdige Aussagen. So wenn es zu Dorothy Day, zentrale Figur der innerhalb der katholischen Kirche organisierten Catholic Workers heißt: "Dorothy war unerschütterlich, wenn es um ihren Pazifismus, um ihre klassisch gandhische Gewaltfreiheit, um ihre Liebe zu den Armen und den ArbeiterInnen sowie um ihre Liebe und Loyalität zur katholischen Kirche ging. Sie wurde wütend, wenn sie beobachtete, wie kirchliche Autoritäten und Vertretungen ihre eigenen Lehren missachteten. (…) Dorothy wollte, dass die Kirche die Notwendigkeit des Friedens, die Notwendigkeit der Gewaltfreiheit, die Notwendigkeit der Gerechtigkeit und das, was wir heute die 'bevorzugte Option für die Armen’ nennen, mit Autorität lehren sollte. Sie war nicht so töricht, eben diese Autorität zu untergraben." (S.124) Da fragt man sich schon, was das mit Anarchismus zu tun hat. Und ist auch nachvollziehbar, wenn man wie der Anarchist Johann Bauer in einer anderen Publikation des Verlags der Graswurzelrevolution betonte, den "Katholizismus ethisch 'überbieten’" möchte (Johann Bauer: Ein weltweiter Aufbruch, Verlag Graswurzelrevolution, 2009, S.17), so stellt sich gerade in Bezug auf die Catholic Workers die Frage, wie das mit der Unterstützung einer hierarchisch strukturierten Institution, wie sie die katholische Kirche eine ist, möglich sein soll - zumindest als Anarchist. Die Ausführungen zu Day lesen so denn auch als das gerade Gegenteil der Bakunin’schen Kritik: "Im übrigen wissen wir aus der Geschichte, daß die Priester aller Religionen Verbündete der Tyrannei gewesen sind, mit Ausnahme der Priester verfolgter Kirchen. Und selbst diese Priester haben die Mächte, die sie unterdrückten, zwar bekämpft und verflucht, gleichzeitig aber ihre eigenen Gläubigen diszipliniert und dadurch immer wieder den Grundstein für eine neue Tyrannei gelegt. Die geistige Versklavung, welcher Art sie auch sei, wird immer mit natürlicher Konsequenz zur politischen und sozialen Versklavung führen." (Michael Bakunin: Die revolutionäre Frage [1868], 2000, S.65) Gerade dieser Kernaspekt der anarchistischen Religionskritik kommt meines Erachtens dann auch in Christlicher Anarchismus etwas zu kurz.

Und schließlich: Liebe und dem Nächsten dienen mögen ganz gute Sachen sein, dem Anarchismus geht es aber doch um viel mehr - bzw. anderes: Vernünftig, selbstbestimmt miteinander in Verbindung treten - ohne Rückgriff auf eine als unantastbar verstandene Schrift oder einen Gott sich legitimierend. Und steckt in der Zentralität der "Liebe" im christlich-anarchistischen Diskurs auch eine ernsthafte Gefahr? Muss man alle Menschen "lieben". Geht es nicht vielmehr um bescheideneres: Respekt? Kippt die Liebesforderung nicht schnell um in einen moralisierenden Zwang? Wie kaum ein anderer hat Max Stirner dieses Problem bearbeitet, wobei - und hier zeigt sich wieder die Komplexität unseres Themas - die Ausführungen zur Transformationsstrategie des christlichen Anarchismus wiederum in vielerlei Hinsicht an diesen erinnern (z.B. S.168). Stirner hatte selbst in Der Einzige und sein Eigentum (1844) geschrieben: Jesus "war kein Revolutionär, wie z.B. Cäsar, sondern ein Empörer, kein Staatsumwälzer, sondern einer, der sich emporrichtete. Darum galt es ihm auch allein um ein 'Seid klug wie die Schlangen’ [Matthäus 10, 16], was denselben Sinn ausdrückt, als im speziellen Falle jenes 'gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist’; er führte ja keinen liberalen oder politischen Kampf gegen die bestehende Obrigkeit, sondern, wollte unbekümmert um und ungestört von dieser Obrigkeit, seinen eigenen Weg wandeln. Nicht minder gleichgültig als die Regierung waren ihm deren Feinde, denn was er wollte, verstanden beide nicht, und er hatte sie nur mit Schlangenklugheit von sich abzuhalten. Wenn aber auch kein Volksaufwiegler, kein Demagoge oder Revolutionär, so war er und jeder der alten Christen um so mehr ein Empörer, der über alles sich erhob, was der Regierung und ihren Widersachern erhaben dünkte, und von allem sich entband, woran jene gebunden blieben, und der zugleich die Lebensquellen der ganzen heidnischen Welt abgrub, mit welchen der bestehende Staat ohnehin verwelken musste: er war gerade darum, weil er das Umwerfen des Bestehenden von sich wies, der Todfeind und wirkliche Vernichter desselben; denn er mauerte es ein, indem er darüber getrost und rücksichtslos den Bau seines Tempels aufführte, ohne auf die Schmerzen der Eingemauerten zu achten. Nun, wie der heidnischen Weltordnung geschah, wird’s so der christlichen ergehen? Eine Revolution führt gewiss das Ende nicht herbei, wenn nicht vorher eine Empörung vollbracht ist!" (Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum [1844], Alber Verlag, 2009, S.321)

Kurz und knapp: Ein verdienstvolles Buch zu einem sicherlich zurecht umstrittenen Thema - es gibt sich gute Gründe dafür "Warum ich kein Christ bin" (Kurt Flasch: Warum ich kein Christ bin, Beck Verlag, 2013) -, wobei andererseits vielleicht möglicherweise aufkommende Abwehrhaltungen von Seiten vermeintlich "anti-religiöser" Anarchisten nur als Zeichen zu werten sind, sich mit Fragen nicht mehr auseinandersetzen zu wollen, die die historischen "Klassiker" viel mehr - und auch dies zu Recht - umgetrieben hat.

Philippe Kellermann
erschienen auf: Mehring1, Das Blog des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung IFG, 24.10.2013

Eine gelungene Einführung

... in die ideengeschichtlichen Verbindungen zwischen Christentum und Anarchismus

Obwohl Christentum und Anarchismus nicht in dem Ruf stehen, viel gemeinsam zu haben, gibt es dennoch Berührungspunkte und Überlappungen: Einzelpersonen, die sich entweder in beiden Bewegungen verorten oder die in ihrem politischen Denken Impulse aus beiden Strömungen miteinander kombinieren, aber auch Gruppierungen, die sich sowohl als anarchistisch als auch als christlich verstehen.

Sebastian Kalicha hat in diesem Band einige dieser Positionen versammelt, wobei sowohl Außen- wie auch Innenperspektive zu Wort kommen. Neben Beiträgen also, die aus einer neutralen Perspektive die Verbindungslinien zwischen Anarchismus und Christentum nachzeichnen - dazu gehören der einleitende Überblicksartikel sowie die Beiträge über christlich-anarchistische Persönlichkeiten wie den französischen Philosophen Jacques Ellul (1912-1994) oder den böhmischen Reformator Peter Chelèický (15. Jahrhundert) - stammen andere Artikel aus der Feder von Aktivisten aus dem christlich-anarchistischen Umfeld selbst.

So schreibt der australische Community-Worker Dave Andrews über die "subversive Spiritualität der Christi-Anarchy", Tom Cornell von der US-amerikanischen Bewegung "Catholic Worker" stellt den Aktivismus von Dorothy Day und Ammon Hennacy vor, die diese Bewegung maßgeblich geprägt haben, und der baptistische Pastor Simon Moyle reflektiert aus seinen politischen Erfahrungen heraus Theorie und Praxis des christlichen Anarchismus.

Dabei wird deutlich, dass es ideengeschichtlich immer wieder ähnliche Aspekte sind, die hierbei eine Rolle spielen. So wird in mehreren Beiträgen das Thema Gewaltfreiheit aufgegriffen, die in der christlichen Tradition vor allem auf die so genannte "Bergpredigt" zurückgeht (in der die Grundlinien einer jesuanischen Ethik zusammengefasst sind, Matthäusevangelium Kapitel 5).

Ihrer Auslegung ist ein eigenes Kapitel gewidmet, dessen Autor, der Politikwissenschaftler Alexandre Christoyannopoulos, die Bergpredigt sogar als "christlich-anarchistisches Manifest" versteht.

Insbesondere ist dabei Jesu Aufforderung von Interesse: "Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, wenn dir jemand auf die rechten Backe schlägt, so halte ihm auch die andere hin." Dass das eine Aufforderung zur Gewaltfreiheit ist, ist klar, anderes allerdings bleibt zu diskutieren: Ist mit dem "Übel" jegliches Böses gemeint oder nur (wie man es auch übersetzen kann) der "Übeltäter"? Soll man dem Übel gar nicht widerstehen (wie Leo Tolstoi meinte) oder nur nicht unter Anwendung von Gewalt? Wie ist eine solche Aussage vor ihrem historischen Kontext zu verstehen? Und ist das jesuanische Gewaltverbot ein prinzipielles oder ein strategisches?

Ein weiteres wichtiges Thema ist die christliche Staatskritik, die sich historisch an der Auseinandersetzung der jüdischen Theologie mit der römischen Besatzung festmacht. Dieser Komplex wird ebenfalls in mehreren Beiträgen angesprochen, allerdings nicht so systematisch durchgearbeitet wie die Bergpredigt. Für das Thema des Buches ist die Frage der Staatskritik aber eigentlich zentraler, denn während sich Gewaltlosigkeit ja in vielen Weltanschauungen findet, ist die Ablehnung staatlicher Ordnungen sowohl im Christentum als auch im Anarchismus ein Alleinstellungsmerkmal - sie unterscheidet, zumindest in der Tendenz, den Anarchismus von anderen sozialistischen Bewegungen und das Christentum von anderen Religionen.

Ein drittes Thema ist die Frage nach dem Gottesverständnis, die ja entscheidend ist, um einen der wesentlichen Konflikte zwischen Anarchismus und Christentum zu verstehen: die Frage nach der Unterordnung unter eine höhere Autorität namens "Gott".

In einer Tradition, die in Gott ein höheres Wesen sieht, dessen Befehlen sich die Menschen unterzuordnen haben, entsteht zwangsläufig ein Konflikt zwischen dem Streben nach herrschaftsfreien Zuständen und Religiosität, und das ist - neben konkreter Kirchenkritik - ein Hauptargument im atheistischen Anarchismus. Es liegt auf der Hand, dass christlicher Anarchismus unter "Gott" etwas anderes verstehen muss als den "großen Zampano da oben", aber was genau, hätte im Buch noch etwas ausführlicher verhandelt werden können.

Dennoch ist dieser Sammelband unbedingt lesenswert und als Einführung in die ideengeschichtlichen Verbindungen zwischen Christentum und Anarchismus sehr gelungen.

Der einzige wirkliche Mangel ist, dass die wichtigste christlich-anarchistische Denkerin des 20. Jahrhunderts völlig fehlt: Simone Weil.

Nicht nur wird ihr Denken nicht dargestellt, sie wird auch von keinem der Autoren (Autorinnen gibt es keine) wenigstens mal erwähnt. Angesichts der ideengeschichtlichen Bedeutung von Weil ist diese Leerstelle unbegreiflich.

Zudem wäre sie ein Beleg dafür gewesen, dass sich christliche und anarchistische Grundsätze nicht nur miteinander vereinbaren lassen, sondern dass aus ihrer Kombination heraus originelle (und nach wie vor aktuelle) politische Ansätze entstanden sind.

Antje Schrupp
erschienen in: Graswurzelrevolution, Nr. 384, Dezember 2013

Christlicher Anarchismus

Das Prinzip Verantwortung

Der Anspruch dieses Bandes wird im Beitrag des Herausgebers Kalicha zu den "Dimensionen libertärer Exegese" mit einem Zitat des französischen Philosophen Jacques Ellul deutlich: "Es wird als selbstverständlich angesehen, dass AnarchistInnen allen Religionen ... feindlich gegenüber stehen. Es wird ebenfalls als selbstverständlich angesehen, dass gläubige ChristInnen die Anarchie, als Chaos und als Negation etablierter Macht, verabscheuen. Es sind diese simplifizierten und unbestrittenen Annahmen, die ich beabsichtige in Frage zu stellen." (S. 13)

Kalicha zeigt auf, dass die historische Feindschaft zwischen Anarchismus und Christentum auf der Instrumentalisierung des Christentums seit seiner Erhebung zur Staatsreligion Ende des vierten Jahrhunderts beruht. All die Scheußlichkeiten, die im Namen des Christentums danach bis in die heutigen Tage begangen wurden und werden - sind sie wirklich auf das Wesen des Christentums zurückzuführen? Dagegen lässt sich zunächst einwenden, dass gegen das Staatskirchentum immer auch häretische Bewegungen standen, die die subversiven, herrschaftskritischen und egalitären Impulse der jesuanischen Lehren und Bewegung aufnahmen, weitertrugen und so zum Ausgangspunkt für humanistische und revolutionäre gesellschaftliche Impulse wurden. Ein interessanter Beitrag dazu findet sich in dem Aufsatz von Kalicha und Gustav Wagner über "Peter Chelcicky und das Netz des Glaubens" aus der Zeit der Hussitenkriege. Und mit Leo Tolstoi finden Christentum und Anarchismus sich in einer neuzeitlichen Synthese zusammen, deren Bedeutung bis in aktuelle soziale Bewegungen hinein nicht unterschätzt werden können. Es sind solche Unterströmungen und versteckte Pfade, die die oberflächlichen Feindschaften untertunneln und zu interessanten und durchaus erfolgreichen Bewegungen führen. So sind die demokratischen und auf dem Konsensprinzip beruhenden inneren Verkehrsformen der Occupy Wall Street-Bewegung durch die Erfahrungen der Quäker bereichert worden, wie David Graeber an einer Stelle seiner Analyse dieser Bewegung herausarbeitet. Die Quäker wiederum wurzeln in den englischen Revolutionskirchen des 17. Jahrhunderts, deren Theologie auf deutschen Theologen der Mystik wie Sebastian Frank, Johannes Denck und Jacob Böhme fußt. Gustav Landauer hat die deutsche Mystik durchaus als subversiv und als Weggefährtin für sein libertäres Denken geschätzt.

Der Band stellt in seinen durchweg interessanten und lesenswerten Beiträgen darauf ab, dass das Neue Testament von einer ganz anderen, alternativen Vergesellschaftungsform erzählt: "Die Jüngerfamilie ist ein von Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen freier Bereich .... An die Stelle der von oben nach unten mit Gewalt durchgesetzten Herrschaft tritt das dienende Dasein füreinander. Das läuft auf die totale Umkehr der zwischenmenschlichen Perspektive hinaus: Der andere wird vom Objekt möglicher Beherrschung zum Partner, der ein Recht auf Hilfe und Zuwendung hat .... Durch sein Verhalten will Jesus das Strukturprinzip von Herrschaft und Gewalt durchbrechen, in dem er an dessen Stelle das dienende Dasein für andere setzt." (Roloff, zitiert in Kalicha, S. 35). Aber es kann nicht verschwiegen werden, dass Anarchisten und Christen im politischen Alltag ganz überwiegend ein distanziertes Verhältnis zueinander hatten und haben - die Gottlosigkeit bei den einen und eine Gewaltbereitschaft bei den anderen und zuweilen auch beides in der jeweiligen Praxis haben beide Geisteshaltungen nie so recht zueinander finden lassen. Dabei kann man durchaus Erwägenswertes in den Überlegungen von Alexandre Christoyannpopoulos zur Bergpredigt als einem christlich-anarchistischem Manifest finden (S. 49ff.). Darin setzt er sich mit ganz pragmatischen Erwägungen zur Ächtung von Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung auseinander: "Gewalttätige Mittel bringen nur weitere Gewalt hervor und korrumpieren und zerstören auf verhängnisvolle Art und Weise sogar die besten Ziele." (S. 63). Eine nähere Beschäftigung mit dem letzten "Jahrhundert der Extreme" zeigt die Plausibilität dieser These. Man wird deshalb dieser Einschätzung nicht substantiell widersprechen können: Gewalt gebiert Gewalt, Opfer werden zu Tätern und Täter zu Opfern. Aus christlich-anarchistischer Sicht verbietet sich zumindest jeder Kultus der Gewalt als Mittel des Fortschritts. Dies gilt sogar mit einiger Berechtigung für die militärische Gewalt zur Niederschlagung des Faschismus bzw. dem gewaltsamen Kampf der Befreiungsbewegungen, mit dem heute imperiale Kriege und Interventionen gerechtfertigt werden. Die biblisch begründete Ablehnung von Gewalt als Mittel für den Fortschritt hin zu mehr Freiheit und Demokratie kann anhand der jüngeren Geschichte angeblicher Befreiungsbewegungen oder -kriege gut exemplifiziert werden. Die Ergebnisse des 2. Weltkrieges bestanden in einer solchen gewaltfrei-libertären Sicht ja nicht zuletzt darin, dass die Bevölkerung der östlichen Hälfte Europas nach nazistischer Gewalt mit stalinistischen Diktaturen konfrontiert war, dass China 1949 in einer maoistischen Diktatur landete, dass die europäischen Siegermächte ihre Kolonien nach 1945 wieder besetzten und die einheimischen Völker blutig unterdrückten, dass der algerische Befreiungskampf nach einem Massaker französischer Truppen am 8. Mai 1945 (!!) mit Individualterror begann und mit der Errichtung einer repressiven Entwicklungsdiktatur - unter physischer Vernichtung oppositioneller Befreiungsbewegungen - gewonnen wurde. Nebenbei gesagt: Ein Albert Camus hat dies sehr früh gesehen und kritisiert, während ein Jean Paul Sartre sich noch in Elogen auf die Gewaltaktionen der FNL erging. Die gegen Japan und Frankreich sieghaften Vietminh brachten zunächst alle Trotzkisten um, derer sie habhaft werden konnten, die castristische Guerilla auf Kuba ließ es nach ihrem Sieg nicht bei der Erschießung gefangener Anhänger der gestürzten Diktatur Fulgencio Batistas bewenden, sondern verbot auch bald die oppositionellen anarchosyndikalistischen Gewerkschaften und sperrte ihre Anhänger ein usw. usf. Dieser geschichtliche Exkurs belegt die volle Berechtigung der christlich-anarchistischen Kritik, wie sie im Band eher theoretisch und theologisch entwickelt wird.

Auch deshalb ist es eine nützliche intellektuelle Herausforderung, sich den Versuchen - sowohl theoretisch als auch praktisch - zu stellen, mit den sich christliche Anarchisten und anarchistische Christen in die politischen Händel dieser Welt eingemischt haben. Dafür bietet der Band eine Reihe anschaulich dargestellter praktischer und theologischer Beispiele. Neben den bereits erwähnten Beiträgen liefert dafür Dave Andrews Anregungen für eine libertäre Interpretation der beiden Hauptteile der Bibel ("Die subversive Spiritualität der Christi-Anarchy", S. 89ff) sowie Simon Moyle Überlegungen zu Theorie und Praxis des christlichen Anarchismus (S. 105ff.). Ein sowohl in christlichen wie auch anarchistischen Kreisen umstrittenes Beispiel für eine Synthese skizziert Tom Cornell in "Dorothy Day, Ammon Hennacy und der Anarchismus - Leben und Werk zweier Catholic Workers" (S. 117-146). Weshalb eine sozialistische und libertäre Aktivistin und beeindruckende Persönlichkeit wie Dorothy Day sich ausgerechnet der hierarchischen, frauen- und emanzipationsfeindlichen katholischen Kirche unterstellte, dass wird schlussendlich auch nach der Lektüre des gut informierenden Beitrages von Cornell nicht vollständig klar. Das die Geburt ihres Kindes nach jahrelangen erfolglosen Bemühungen zu einem Bekehrungserlebnis führte, das ist noch gut nachvollziehbar. Aber warum dann die katholische Kirche, der Freiheit des Geistes, Selbständigkeit im Glauben und die evangelische Priesterschaft aller Gläubigen Fremdworte waren? Vielleicht war es ein Reflex auf die Bigotterie der puritanisch und calvinistisch geprägten protestantischen Kirchen Nordamerikas, deren Prädestinationslehre kapitalistische Rücksichtslosigkeit zum Zeichen für ein gottgefälliges Leben macht? Auf diese Fragen gibt auch der Abschnitt "Katholisch und anarchistisch?" (S. 140-144) keine zufriedenstellende Antwort. Immerhin bieten die Catholic Worker-Communities beeindruckende Beispiele für die Einheit von konkreter sozialer Arbeit mit den Outlaws und Outcasts, friedensbewegten direkten Aktionen gegen militärische Ziele und so gelebtem christlichem Glauben.

Besonders interessant ist schließlich der Aufsatz "Biblischer Anarchismus" von Lou Marin über den Zusammenhang Christentum-Gewaltfreiheit-Anarchismus bei Jacques Ellul (S. 147-172). Schon der knapp vorgestellte Lebenslauf des 1912 in eine großbürgerliche Familie geborenen Ellul mit multinationalen Wurzeln weckt das Interesse, weil hier Einflüsse aus der französischen Aufklärung mit denen einer in Frankreich minoritären und verfolgten hugenottischen Tradition zusammentreffen. Ellul wurde nie Marxist und schloss sich auch der KP nicht an, weil er die stalinistischen Verfolgungen Andersdenkender sowohl im spanischen Bürgerkrieg wie auch in der Résistance registriert hatte. In der Résistance schloss er sich der unabhängigen, radikaldemokratisch bzw. sozialistisch orientierten Gruppe "Combat" an, der auch Camus angehörte. Mit Passfälschungen und der Rettung verfolgten Widerständler und Juden war er ab 1940 aktiv. Für dieses Engagement wird er in der Gedenkstätte Yad Vashem geehrt. Nach der Befreiung wurde er kurze Zeit stellvertretender Bürgermeister von Bordeaux. Seine Erfahrungen führten zu seiner Hinwendung zur direkten Demokratie. Während Aldous Huxley für die Verbreitung der fundamentalen Technikkritik und anderer Werke Elluls im anglo-sächsischen Raum Sorge trug, blieb die Rezeption im deutschen Sprachraum weitgehend aus - interessanterweise ebenso wie die Rezeption Camus' als libertärem Sozialisten, die in größerem Masse erst jetzt mit der guten Aufnahme der von Marin herausgegebenen libertären Schriften Camus` zu dessen 100. Geburtstag begann. Elluls Einfluss erstreckt sich von Ivan Illich bis zu José Bové. Der Pariser Mai 1968, die französischen ökologischen und antimilitaristischen Bewegungen der Folgejahrzehnte fanden in Ellul einen zuverlässigen Verbündeten. Dieses praktische wie theoretische Engagement findet eine Fundierung in einer besonders zugespitzten protestantischen Gottesbeziehung: für Ellul ist Gott ein Gott der Liebe und Kommunikation, der deshalb "nicht auf der Spitze einer Pyramide von Ursachen stehen" kann (S.162). Ellul verwendete viel Energie auf die Herausarbeitung einer gewaltfrei-libertären Bibelexegese und der Kritik an der Integration des Christentums in eine Staatsveranstaltung nach der Konstantinischen Wende 313 n.Chr. Es ist ausgesprochen schade, dass von diesem inspirierenden Denker nur wenige Schriften auf deutsch und dann auch nur antiquarisch zu beziehen sind. Vielleicht nimmt sich ja Lou Marin und der kleine "Verlag Graswurzelrevolution" der Werke Elluls so an, wie dies mit Camus' libertären Schriften geschehen ist?

Es ist dem Buch "Christlicher Anarchismus" zu wünschen, dass er über die kleine Gemeinde der gewaltfreien Anarchisten und libertären Christen hinaus zu einer lebendigen Diskussion über die Denk- und Handlungsformen der frühen und häretischen Christenheit und ihre Bedeutung für die heutigen sozialen Bewegungen führt. Vielleicht stehen dafür die Chancen angesichts der vielfältigen Krisen in Theologie, Theorie und Politik nicht ganz so schlecht.

Thorsten Wegau
erschienen in: sopos - Sozialistische Positionen 12/2013

Christlicher Anarchismus

Das Interesse an den Verbindungen zwischen Anarchismus und Christentum ist in den letzten Jahren weltweit gestiegen. In England hat der Politologe Alexandre Christoyannopoulos mit seiner Studie Christian Anarchism: A Political Commentary on the Gospel (2010) einen akademischen Meilenstein gesetzt, in den USA wird auf der Website jesusradicals.com rege gepostet, in Ländern wie Frankreich oder Schweden sind neue Bücher zum Thema erschienen (L'anarchisme chrétien bzw. Att hoppas på ett annat system. En antologi om kristen tro och anarkism) und in zahlreichen weiteren Ländern, von Irland bis Neuseeland, organisieren sich christlich-anarchistische Gruppen. In diesem Kontext kommt es mehr als gelegen, dass nun mit dem von Sebastian Kalicha herausgegebenen Band Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung auch eine aktuelle deutschsprachige Publikation zum Thema vorliegt.

Erfreulich ist dabei vor allem, dass Kalicha wesentlich um eine Bereicherung der deutschsprachigen Debatte bemüht ist und sich nicht auf eine Zusammenfassung der bisher erschienenen Literatur beschränkt. So kommt der bedeutendsten mit dem Begriff des christlichen Anarchismus verbundenen Persönlichkeit, Leo Tolstoi, nur beschränkte Aufmerksamkeit zu, während wichtige historische Figuren wie Peter Chelcický Würdigung finden und mehrere Texte erstmals im Deutschen zugänglich sind.

Zu Letzteren zählt etwa das aus der Studie Christoyannopoulos' übernommene Kapitel "Die Bergpredigt - ein christlich-anarchistisches Manifest. Ausgewählte Passagen libertär interpretiert". Politischer Bibel-Exegese widmet sich auch der Aufsatz des australischen Aktivisten Dave Andrews, "Die subversive Spiritualität der Christi-Anarchy. Eine Studie zu radikaler biblischer Politik". Sehr interessante Originalbeiträge kommen von Simon Moyle und Tom Cornell. Moyle, ein Baptist aus Melbourne, berichtet in "Christlicher Anarchismus. Überlegungen zu Theorie und Praxis" von Aktionen christlicher AnarchistInnen in Australien und Neuseeland und erläutert die diesen zugrunde liegenden Überzeugungen. Cornell präsentiert eine für den deutschsprachigen Raum überfällige Skizze der 1932 in den USA gegründeten Catholic-Worker-Bewegung und ihrer bekanntesten Mitglieder Dorothy Day und Ammon Hennacy. Weitere Beiträge beinhalten eine Auseinandersetzung mit dem Denken von Jacques Ellul, verfasst von Lou Marin, und die erwähnte Studie Chelcickýs, die der Herausgeber in Zusammenarbeit mit Gustav Wagner beisteuert.

Der vielleicht anregendste Text des Bandes ist der von Kalicha unter dem Titel "Dimensionen libertärer Exegese. Reflexionen zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum" verfasste Überblick über die Thematik. Hier werden sowohl das historische Verhältnis von Anarchismus und Christentum aufgerollt als auch die darin wesentlichen Fragen erörtert: die Rolle der Kirche, christliche und anarchistische Ethik, die Bedeutung Jesus Christus und das Gottesverständnis.

Die gesammelten Beiträge bringen unterschiedliche Haltungen und Auffassungen zum Ausdruck. Trotzdem ziehen sich einige rote Fäden durch das Buch, vor allem pazifistische Ideale, das Bemühen, die eigene politische Haltung religiös/spirituell zu verankern, und ein damit verbundenes philosophisches bzw. holistisches Anarchismusverständnis. Neben feministischen Perspektiven bleiben mir persönlich pantheistische Gottesvorstellungen etwas unterbelichtet, was allerdings mystischen Interessen geschuldet ist, die den Rahmen des Christentums schnell sprengen können.

Sebastian Kalicha definiert seine Absicht als Herausgeber so: "Die Intention dieses Sammelbandes besteht … auch darin, unter nicht-religiösen AnarchistInnen ein Bewusstsein für libertäres Christentum, für progressive und anarchistisch inspirierte Strömungen in der christlichen Community zu schaffen und so argumentativ gegen unreflektierte und reflexartige Schnellschüsse gegen alles Religiöse und Christliche aufzutreten. Eine ebenso wichtige Absicht des Buches ist es, ChristInnen eine weitere, progressiv-radikale Facette, sowie eine alternative Interpretation ihres Glaubens näher zu bringen und sie auf einen wenig beleuchteten subversiven Charakter, der dem Christentum heute wie damals potentiell innewohnt, hinzuweisen. Menschen, die sich bereits als christliche AnarchistInnen verstehen, soll dieser Band als Ressource, Nachschlagewerk und Diskussionsbeitrag dienen, von denen es in deutscher Sprache ohnehin nur sehr wenige gibt." (8-9)

Es bleibt zu hoffen, dass das Buch all diese Gruppen erreicht. Es weiß zweifellos, spannende Diskussionen anzuregen. Christlicher Anarchismus ist eine wichtige Veröffentlichung zur richtigen Zeit.

Gabriel Kuhn
erschienen auf: Alpine Anarchist Productions, Dezember 2013

Die christlich-anarchistische Synthese - eine Rezension

Über libertäre Dimensionen im Christentum informiert ein neuer Sammelband

Die ideengeschichtliche Fusion von Christentum und Anarchismus zu einem christlichen Anarchismus erscheint auf den ersten und zweiten Blick höchst widersprüchlich. Es ist erklärungsbedürftig, wie diese beiden, in sich überaus fragmentierten und heterogenen Weltsichten zueinander finden können, denn atheistische Grundlagen sind nach herkömmlicher Sprachregelung für libertäre Bewegungen wesentlich charakteristischer als religiöse.

Diesen Erklärungsversuch hat jüngst der Herausgeber Sebastian Kalicha mit seinem Sammelband "Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung" unternommen. Der Band erschien im Verlag Graswurzelrevolution, der die gleichnamige, seit 1972 existierende gewaltfrei-anarchistische Monatszeitschrift "Graswurzelrevolution" herausbringt. Zur Intention des Buchprojektes schreibt Kalicha, der Mitherausgeber der "Graswurzelrevolution" ist: "Dieser Sammelband zum christlichen Anarchismus ist als Versuch zu verstehen, einen Eindruck von dieser Bandbreite christlich-anarchistischer Theorie und Praxis zu vermitteln, um so - sowohl aus christlicher als auch aus anarchistischer Sicht - eine neue, alternative Perspektive zu bieten, die althergebrachte und oft wiederholte Verdikte in Frage stellt, möglicherweise relativiert oder gar gänzlich aus dem Weg räumt." Dem Herausgeber geht es um eine differenzierte Herangehensweise an die Thematik und den Abbau gegenseitiger Skepsis in einem ,,polemikfreie[n] Diskurs". Demnach steht nicht die Wiedergabe bekannterer Darstellungen des Anti-Klerikalismus eines Michael Bakunin ("Gott und der Staat") oder Johann Most ("Die Gottespest") im Vordergrund, sondern die Ausgrabung und Freilegung von Momenten einer christlich-anarchistischen Symbiose.

Der knapp 200 Seiten umfassende Band, der Erstveröffentlichungen und übersetzte Texte vereint, enthält einschließlich des einleitenden Beitrags "Dimensionen libertärer Exegese. Reflexionen zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum" des Herausgebers sieben Artikel. Der hier gespannte thematische Bogen ist beschränkt, vermittelt aber einen recht repräsentativen Überblick über anarchistische Sequenzen in der christlichen Lehre. Ein christlicher Anarchismus wird in der Regel mit Leo Tolstoi (1828-1910) personifiziert, auch wenn sich dieser nicht als christlicher Anarchist bezeichnete. Um allerdings das christlich­anarchistische Beziehungsgeflecht in seiner Komplexität erfassen zu können, ist ein Rückgriff auf den "Tolstoianismus" unzureichend. Dies wurde von dem Herausgeber hinsichtlich der Textauswahl für den Sammelband ausdrücklich bedacht.

Ursprung, Inhalt und Praxis des christlichen Anarchismus

Die Inspirationsquellen des christlichen Anarchismus reichen bis zu den häretischen Ketzerbewegungen des 13. Jahrhunderts zurück, die sich wiederum auf das Urchristentum (die Paulusbriefe, die drei synoptischen Evangelien [das Markus-, Matthäus- und Lukasevangelium] und die Apostelgeschichten) beziehen. Sebastian Kalicha und Gustav Wagner skizzieren in dem Band am Beispiel des "hussitischen Tolstoj" (Gustav Landauer), Peter Chelcicky (ca. 1390-1460), das Leben und Wirken eines dieser Häretiker. Die "subversive Spiritualität" (Dave Andrews) des christlichen Anarchismus ist dabei ein zentrales Kennzeichen dieser dissidenten Strömung.

Aufschluss über die wesentlichen Substrate des christlichen Anarchismus will der Herausgeber geben. In seinem Einleitungsbeitrag bemüht sich Kalicha sichtlich, die (nachvollziehbaren) Berührungsängste, die zwischen Christinnen und Anarchistinnen bestehen, abzubauen. Hierbei verweist er darauf, dass es auf beiden Seiten Protagonistinnen gab, die sich für eine gegenseitige Bezugnahme einsetzten. Auf christlicher Seite waren dies bspw. Anhängerinnen des Quäkertums und der Catholic-Worker-Movement oder einzelne Priester bzw. Theologinnen wie z.B. Thomas J. Hagerty, der zu den Mitbegründerinnen der Industrial Workers of the World (IWW), den Wobblies, zählte. Auf anarchistischer Seite fanden bestimmte Inhalte der christlichen Lehre (insbesondere die Bergpredigt) viel Anklang, die selbst durch die klerikale Institutionalisierung der Religion nicht entwertet werden konnten. Fürsprecher besitzen christliche Anarchistinnen in Gestalt von Peter Kropotkin, Pierre Ramus [d.i. Rudolf Grossmann] und Gustav Landauer. Darin einstimmend äußern sich auch aktuell tätige anarchistische Autorinnen wie Murray Bookchin, wonach "das Christentum 'nicht nur ein zentralisiertes, autoritäres Papsttum hervorgebracht habe, sondern auch 'die Antithese dazu: einen quasi religiösen Anarchismus", wie Kalicha hervorhebt. Die Ablehnungsfront des Anarchismus gegenüber dem Christentum, die sich u.a. in dem geflügelten Ausspruch "Weder Gott noch Herr!" manifestiert, ist um einiges durchlässiger als vielerorts unter Anarchistinnen (und Christinnen!) vermutet wird.

Im christlichen Anarchismus vereinigt sich eine beachtenswerte Schnittmenge der beiden (vermeintlichen) Antipoden: der praktizierte Anti-Militarismus bzw. Pazifismus wird als allumfassende De-Militarisierung des Sozialen begriffen, die fundamentale Staatskritik reicht von der Nichtzahlung von Steuern und der Nichtinanspruchnahme staatlicher Fürsorge bis zur uneingeschränkten Staatsverneinung, die kommunalen egalitären Autarkie-Projekte stellen eine Adaption christlicher Urgemeinden dar und nicht zuletzt findet sich in der dezidierten Abwendung vom Klerikalismus ein libertärer Anti-Autoritarismus. Vor diesem Hintergrund kann es auch nicht mehr überraschen, dass der Gottesbezug kein quasi monarchischer ist, sondern Gott wird, wie es der Catholic-Worker Ammon Hennacy nach Kalicha pointierte, als "ein Prinzip des Guten, wie es von Jesus in dar Bergpredigt dargelegt wurde", verstanden.

Wie sich Momente eines christlichen Anarchismus in einer praktischen Haltung in Protestbewegungen ausdrücken, zeigt der australische baptistische Pastor und Antikriegsaktivist Simon Moyle in seinem kurzen Beitrag "Christlicher Anarchismus. Überlegungen zu Theorie und Praxis". Für Moyle "[ist] die christlich-gewaltfreie Praxis eine aktive" und ein "konfessionell motivierter Rückzug" ins stille Kämmerlein "keine gewissenhafte Glaubensentscheidung". Gewaltfreie Blockaden vor Militärbasen, um Manöver zu unterbinden, oder punktuelle Sabotageaktionen von Kriegsgerät, d.h. Schwerter zu Pflugscharen umzufunktionieren, stellen für das Mitglied der australisch-neuseeländischen Gruppe "South Pacific Christian Anarchists" zu rechtfertigende Eingriffe in das Räderwerk des Militärs dar.

Einer der hervorstechendsten christlichen Anarchisten ist zweifellos der 1912 geborene und 1994 verstorbene französische Universitätsprofessor und ehemalige Angehörige der Resistance Jacques Ellul, der von dem Albert Camus-Spezialisten Lou Marin in diesem Sammelband porträtiert wird. Elluls anarchistische Bibelinterpretation basiert darauf, nicht nur einzelne Teilaspekte zu untersuchen, sondern eine alt- und neutestamentarische Gesamtschau zu betreiben. Die Grundlagen für einen solchen biblischen Anarchismus legte Ellul in seinem Buch "Anarchisme et christianisme" (1988) vor. Elluls Bezugspunkt ist der frühchristliche Libertarismus, der mit der sog. Konstantinischen Wende und der Etablierung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich zu seinem Ende kam: "Mit dem Konzil von 314 endet die christlich-antietatistische, antimilitaristische und - heute würden wir sagen - anarchistische Bewegung." Für Ellul stellt die Anarchie primär die umfassendste "Verweigerungshaltung aus Gewissensgründen" dar, die deutlich anti-staatlich akzentuiert ist. Ellul gilt nach Marin als "eine gute protestantische Ergänzung zur orthodox-christlich beeinflussten Interpretation Tolstois."

Ellul, der als Pionier bereits in den 1930er Jahren mehrere libertär-regionalistische und gewaltfrei-ökologische Basisgruppen im Südwesten Frankreichs aufbaute, formulierte mit dem Aufsatz "Directives pour un manifeste personnaliste" (1935) das Konzept des "Personalismus". Hiermit sollte ein "dritter Weg" beschritten werden, der totalitaristische (sie!) und liberalistisch-individualistische Richtungen explizit ausschließt. "In den Mittelpunkt stellten sie [Ellul und sein Mitautor Emmanuel Mounier, Anm. OR]", so Marin, "ein Konzept der 'Person', die mehr sein sollte als ein liberales, autonomes und marktorientiertes Individuum, nämlich ein Wesen, das sich gerade durch seine Beziehungen zu anderen definiert." Dieses Konzept wird in christlich-anarchistischen Kreisen als eine Art Handlungsanleitung begriffen. Wirkungsmächtig wurde Ellul darüber hinaus durch sein Motto "Global denken, lokal handeln", das später von der Anti-Globalisierungsbewegung aufgegriffen wurde.

Die Bergpredigt als christlich-anarchistisches Manifest

Die Bergpredigt ist in einem weiteren Sammelbandbeitrag zentrales Thema. Alexandre Christoyannopoulos, Lehrbeauftragter einer englischen Universität mit dem Forschungsschwerpunkt christlicher Anarchismus, liefert mit seinem Text "Die Bergpredigt - ein christlich-anarchistisches Manifest" eine libertäre Interpretation der überlieferten Rede des Jesus von Nazaret, die in der Bibel im Neuen Testament im Matthäusevangelium drei Kapitel umfasst. Eine der bekannten Kernaussagen der Bergpredigt, dass "dem Bösen" kein Widerstand bzw. - besser- keine Vergeltung entgegengebracht werden soll, ist konstitutiv für den christlichen Anarchismus: "Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin." Durch diese Handlung soll die Gewaltspirale auf eine subtile Art und Weise unterminiert werden. Indem der Angegriffene auf den Akt der Gegengewalt bewusst verzichtet, überrascht er nicht nur durch eine unerwartete Reaktion, sondern lässt den gewalttätigen Übergriff wirkungslos ins Leere laufen. Es läge hingegen ein Missverständnis vor, wenn diese Handlungsweise als ein "inaktives, teilnahmsloses Akzeptieren von Bösen" ausgelegt würde.

Christoyannopoulos zufolge findet unter christlichen Anarchistinnen seit jeher eine kontroverse Diskussion darüber statt, welches Widerstehen legitim ist und welches nicht: "Widerstand gegen bestimmte Arten des Bösen, Widerstand mit bösen Mitteln, oder jeglicher Widerstand." Diese Auseinandersetzung wird immer dann virulent, wenn bspw. bei einer politischen (Massen-)Mobilisierung ein Aktionskonsens unter den Protestierenden gefunden werden muss, der gezielte Sachschadensdelikte ohne Personenangriffe akzeptiert. Grundsätzlich zielen gewaltlose Aktivistinnen, die sich einem christlichen Anarchismus verpflichtet fühlen, darauf, aus dem "der Zweck-heiligt-die-Mittel"-Muster auszubrechen und den "Kreislauf der Gewalt" zu durchbrechen.

Der von libertär orientierten Christinnen vertretende Gedanke der Anarchie, der Herrschaftslosigkeit auf allen Ebenen des Sozialen, ist biblischen Zeugnissen inhärent: "Da sie die Worte Jesu der Bergpredigt wörtlich nehmen und sie den Staat in Theorie und Praxis als einen eklatanten Widerspruch dazu sehen, glauben christliche Anarchistinnen, dass der Anarchismus eine unausweichliche Konsequenz des Christentums ist." Somit stellt die Bergpredigt "ein politisches Dokument, ein Manifest für eine christlich-anarchistische Gesellschaft" dar, wie Christoyannopoulos resümierend herausstreicht.

Der Einfluss der Catholic Workers auf die IWW

Der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausbildende Linkskatholizismus war innerhalb der proletarischen Bewegung durchaus strukturbildend. Die Organisationsstruktur der 1905 nach einem längeren Vorlauf gegründeten IWW wurde nach dem "Vater Hagertys Glücksrad"-Modell entworfen. Der bereits erwähnte Thomas J. Hagerty (1862-1920er Jahre) engagierte sich als römisch-katholischer Priester im Gründungsprozess der IWW. Neben des Entwurfs der grafischen Darstellung des Industrie-Unionismus war Hagerty für die Erstfassung der Präambel der IWW mitverantwortlich. Kurz nach der Konstituierung der IWW entfernte er sich von dieser und fristete in den 1920er Jahren offenbar ein Bettlerdasein in Chicago. Seine Spuren verloren sich im großstädtischen Moloch am Michigansee in Illinois. Der emanzipatorische Grundgedanke der IWW drückt sich in dem Ideal einer "One big Union" aus, einer Vereinigung aller Beschäftigten und Beschäftigungslosen weltweit unabhängig von beruflicher Situation, ethnischer Herkunft oder geschlechtlicher Orientierung.

Der römisch-katholische Diakon und Catholic-Workers-Aktivist Tom Cornell steuert mit "Dorothy Day, Ammon Hennacy und der Anarchismus" einen eher persönlich gehaltenen Erfahrungsbericht über zwei der Hauptvertreterinnen der 1932 konstituierten Catholic-Workers-Movement bei. Dorothy Day (1897-1980) zählte neben Paul Maurin (1877-1949) zu den Begründerinnen der Catholic Workers. Sie hatte als IWW-Mitglied einen klaren klassenspezifischen Blick auf die herrschenden Verhältnisse, der sich an der "klassisch gandhische[n] Gewaltfreiheit" ausrichtete. Ihren Entwicklungsweg zeichnete sie in ihrer bekanntesten Veröffentlichung "The Long Loneliness" (1952) nach. Ihre enge Verbundenheit zu den Wobblies machte sich auch daran fest, dass sie für das rebel girl der IWW, Elizabeth Gurley Flynn (1890-1964), die Grabrede verfasste.

Die Catholic Workers stellen unter den anarchistisch inspirierten Christinnen jene dar, die nicht grundsätzlich Formen der institutionalisierten Religion verwerfen, wobei sie sich auffallend undogmatisch geben: "Anstelle eines politischen Programms oder einer Ideologie haben Catholic-Worker-Anarchistlnnen eine Reihe von Grundhaltungen, Werten und Präferenzen. Prinzipiell gilt: je weniger Regeln und Vorschriften, desto besser", so Cornell. Day präferierte in ihren späten Lebenstagen den Begriff "Personalismus", um die katholische Arbeiterinnenbewegung zu kennzeichnen. Cornells charakterliche Anekdote zu Days Resolutheit in der Positionsfindung fällt indes durchaus zwiespältig aus: "Wenn Dorothy einmal zu einer Entscheidung gelangte, dann war's das. Sie begrüßte den Anarchismus, solange sie die Anarchistin sein konnte. Sie nannte es 'das abteiliche Prinzip', gemäß dem ein Abt ein Kloster leitet,"

Ammon Hennacy (1893-1970), der "viel mehr als eine Fußnote" in der Geschichte der Catholic-Workers nach Cornells Ansicht einnehmen müsste, war in erster Linie als friedensbewegter Aktivist in der McCarthy-Ära in den 1950er Jahren durch die öffentliche Diskreditierung sog. vor-militärischer Zivilschutzübungen bekannt geworden. Hennacys Autobiografie unter dem Titel "Autobiography of a Catholic Anarchist" (1953), die 1965 in einer erweiterten und umbenannten Fassung ("The Book of Ammon") erschien, vermittelt eine Vorstellung von den verschlungenen Pfaden, auf denen er im Verlauf seiner "One Man Revolution" wandelte. Hennacys individual-anarchistischen Züge hielten ihn keineswegs davon ab, sich selbstlos in den Dienst christlicher Barmherzigkeit zu stellen. Ais Mitbegründer des Joe Hill House in Salt Lake City, das nach dem bekannten IWW-Organizer und Folk-Sänger Joe Hill (1879-1915) benannt wurde, schuf er eine Stätte für die Armen der Armen.

Christlicher Anarchismus mit Fehlstellen

Da sich die Bandtexte auf den christlichen Anarchismus fokussieren, bleiben andere Richtungen des religiösen Sozialismus, der als überkonfessionelle Sammelbezeichnung bereits 1906 von den beiden Schweizer evangelischen Theologen Hermann Kutter (1861-1931) und Leonhard Ragaz (1868-1945) geprägt wurde, außen vor. Diese Buchpublikation steht auch nicht im Kontext einer sog. Politischen Theologie, die neben ihrer ursprünglich reaktionären Schlagseite (Carl Schmitt) auch eine progressive linke entwickelte (Johann Baptist Metz).

Die fehlende Vollständigkeit dieser Sammlung ausgewählter Texte unterschiedlicher Autoren zeigt sich vor allem an einer anderen Stelle schmerzhaft. Die niederländischen Tendenzen des christlichen Anarchismus werden komplett übergangen, was vor dem Hintergrund, dass aus dem Spektrum der christlichen Anarchistinnen in den Niederlanden wichtige inhaltliche und praktische Impulse sowie organisatorische Initiativen des Antimilitarismus hervorgingen, erstaunlich ist. Der Bund der Christen-Sozialisten (BCS) mit den Protagonisten Annee R. de Jong (1883-1970) und Bart de Ligt (1883-1938) bleibt ebenso ungenannt, wie das Bündnis religiöser Anarcho-Kommunisten (BRAC), zu dessen Gründungsmitgliedern u.a. Clara Meijer-Wichmann (1885-1922) zählte. Die umfangreiche Literatur zum christlichen Anarchismus aus dem westlichen Nachbarland findet dementsprechend keine Beachtung.

Unbeachtet bleibt in diesem Sammelband auch ein früherer, der 1988 im Athenäum-Verlag aufgelegt wurde. Jens Harms' "Christentum und Anarchismus. Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis" versammelt u.a. Texte von Micha Brumlik, Heiner Koechlin, Wolf-Eckart Feiling, Ulrich Klemm, alles Autoren, die sich verschiedentlich mit Fragestellungen eines libertären Verständnisses von Religiosität befasst haben. Dass vom Herausgeber zentrale Hintergrund- und Forschungsliteraturen nicht herangezogen werden, ist: ein Manko. Diese Fehlstellen machen sich auch deshalb bemerkbar, weil durch die Auslassung des christlich-anarchistischen Spektrums in den Niederlanden der Blickwinkel auf den christlichen Anarchismus verengt wird.

Noch eine abschließende Anmerkung: Die in Textbeiträgen des Bandes mehrmals unternommene Einordnung des revolutionären Unionismus der IWW unter das Dach des Anarcho-Syndikalismus ist fraglich. Dabei werden nicht nur die spezifischen Entstehungshintergründe der IWW verkannt, sondern auch zahlreiche O-Töne von Wobblies, in denen sich "ideologisch" vom Anarcho-Syndikalismus abgesetzt wird, überhört.

Trotz dieser kritischen Einwände bietet der Sammelband einen überaus interessanten Einblick in eine eher verborgen gebliebene Sphäre des Anarchismus, die durch diese Veröffentlichung aus ihrem Schattendasein geholt werden konnte.

Oliver Rast
erschienen auf: Soli-Komitee Olli R.

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