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stern / zerbrochenes gewehr
christlicher anarchismus

anarchismus - theorie, kritik, utopie

Sebastian Kalicha (Hg.)
Christlicher Anarchismus
Facetten einer libertären Strömung

192 Seiten, 14,90 EUR
ISBN 978-3-939045-21-2

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"Biblisches Gedankengut führt direkt zum Anarchismus", meinte der Philosoph und christliche Anarchist Jacques Ellul. Dennoch werden Anarchismus und Christentum selten zusammengedacht. Christliche AnarchistInnen sind aber der Überzeugung, dass eben dies eine große Bereicherung sowohl für den Anarchismus als auch für das Christentum wäre. Der Sammelband geht der Frage nach, wie libertäres Christentum aussehen kann, stellt unterschiedliche christlich-anarchistische Traditionen vor und untersucht diverse Aspekte dieser libertären Strömung und der sich darauf berufenden Bewegung(en). Christlicher Anarchismus wird oft ausschließlich mit Leo Tolstoi assoziiert. Dieses Buch ist der Versuch, den christlich-anarchistischen Diskurs zu verbreitern und die unterschiedlichen Facetten und Debatten zum Thema einzufangen. Die Textsammlung bietet allgemeine Reflexionen zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum, Beiträge, die sich mit libertärer Exegese beschäftigen, Überlegungen zu christlich-anarchistischem Aktivismus sowie Porträts christlicher AnarchistInnen wie Jacques Ellul, Dorothy Day und Ammon Hennacy von der Catholic-Worker-Bewegung oder Peter Chel?icky. "Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung" bietet für AnarchistInnen, ChristInnen, christliche AnarchistInnen und für alle anderen, die sich für das Thema interessieren, einen prägnanten Überblick über christlich-anarchistische Theorie und Praxis.

Inhalt

Einleitung

Dimensionen libertärer Exegese
Reflexionen zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum
von Sebastian Kalicha

Die Bergpredigt – ein christlich-anarchistisches Manifest
Ausgewählte Passagen libertär interpretiert
von Alexandre Christoyannopoulos

Die subversive Spiritualität der Christi-Anarchy
Eine Studie zu radikaler biblischer Politik
von Dave Andrews

Christlicher Anarchismus
Überlegungen zu Theorie und Praxis
von Simon Moyle

Dorothy Day, Ammon Hennacy und der Anarchismus
Leben und Werk zweier Catholic Workers
von Tom Cornell

Biblischer Anarchismus
Der Zusammenhang Christentum-Gewaltfreiheit-Anarchismus bei Jacques Ellul (1912–1994)
von Lou Marin

Peter Chelcický und das Netz des Glaubens
Zur Ketzertradition des gewaltfreien Anarchismus
von Sebastian Kalicha und Gustav Wagner

Hinweise, editorische Notiz und Danksagung

Autoren

Einleitung

Die Intention

Christlicher Anarchismus? Dieser Begriff mag für viele ChristInnen und/oder AnarchistInnen seltsam anmuten, zu weit scheinen doch die Traditionen des Anarchismus und des Christentums auseinanderzuliegen, als dass es Sinn machen würde, diese zusammen zu denken. Christliche AnarchistInnen sind der Überzeugung, dass dies ein großes Defizit sowohl des Anarchismus als auch des Christentums ist - oder positiv formuliert: dass es für beide eine Bereicherung wäre, dies verstärkt zu tun. Der christliche Anarchismus ist ein facettenreiches, spannendes, geschichtsträchtiges und nicht zuletzt auch ein recht vitales Phänomen, mit einem reichhaltigen Fundus an Theorie und Praxis, Kontemplation und Aktion. Dieser Sammelband zum christlichen Anarchismus ist als Versuch zu verstehen, einen Eindruck von dieser Bandbreite christlich-anarchistischer Theorie und Praxis zu vermitteln, um so - sowohl aus christlicher als auch aus anarchistischer Sicht - eine neue, alternative Perspektive zu bieten, die althergebrachte und oft wiederholte Verdikte in Frage stellt, möglicherweise relativiert oder gar gänzlich aus dem Weg räumt. Diese Textsammlung versucht eine Lücke zu schließen. Nach einer prägnanten Einführung in den christlichen Anarchismus muss man im deutschsprachigen Raum lange suchen und letztendlich ist man häufig auf Texte und Publikationen in anderen Sprachen angewiesen. Während Publikationen zum christlichen Anarchismus Leo Tolstois zwar zumeist einem interessierten Publikum zugänglich waren und sind, so wird eine bloße Beschäftigung mit Tolstoi - so wichtig er auch sein mag - dem gesamten Spektrum des christlichen Anarchismus nicht gerecht. Oft scheint es so, als friste der große "Rest" dieser Strömung zumindest im deutschsprachigen Raum ein Schattendasein. Dieser Sammelband versucht dieses Defizit zu beheben und AnarchistInnen, ChristInnen und allen anderen, die sich für christlichen Anarchismus interessieren, einen ausgewogenen Überblick über diese Ideenlehre und einige ihrer einflussreichsten und interessantesten VertreterInnen zu bieten.

Es lag im Interesse des Herausgebers einerseits zu versuchen, eine Balance aus theoretischen und praxisbezogenen Texten zu finden und andererseits eine Mischung aus Historischem und Gegenwärtigem zu bieten. Auch dem heterogenen Charakter dieser Bewegung wurde versucht Rechnung zu tragen, weshalb unterschiedliche Interpretationen und Zugänge zu diversen Themen geboten werden: anti-klerikaler christlicher Anarchismus steht neben der Philosophie der Catholic-Worker-Bewegung; VertreterInnen eines passiven Nicht-Widerstands kommen ebenso zu Wort wie AktivistInnen, die für die gewaltfreie direkte Aktion und für aktiven gewaltfreien Widerstand eintreten; ChristInnen unterschiedlicher Konfessionen und "nicht-kirchliche" (Hennacy) ChristInnen werden vorgestellt.

Die Intention dieses Sammelbandes besteht bis zu einem bestimmten Grad auch darin, unter nicht-religiösen AnarchistInnen ein Bewusstsein für libertäres Christentum, für progressive und anarchistisch inspirierte Strömungen in der christlichen Community zu schaffen und so argumentativ gegen unreflektierte und reflexartige Schnellschüsse gegen alles Religiöse und Christliche aufzutreten. Eine ebenso wichtige Absicht des Buches ist es, ChristInnen eine weitere, progressiv-radikale Facette, sowie eine alternative Interpretation ihres Glaubens näher zu bringen und sie auf einen wenig beleuchteten subversiven Charakter, der dem Christentums heute wie damals potentiell innewohnt, hinzuweisen. Menschen, die sich bereits als christliche AnarchistInnen verstehen, soll dieser Band als Ressource, Nachschlagewerk und Diskussionsbeitrag dienen, von denen es in deutscher Sprache ohnehin nur sehr wenige gibt.

Es geht auch darum, die christliche Religion nicht so einfach den reaktionären Interpreten und Apologeten oder einem elitären, konservativen Klerus zu überlassen. Dieses Vorhaben ist prinzipiell nicht neu: Die im Sammelband behandelte mittelalterliche (Ketzer-)Bewegung der WaldenserInnen beispielsweise versuchte genau dem nachzugehen und in jüngerer Vergangenheit hatte vor allem die von Lateinamerika ausgehende Befreiungstheologie in größerem Maßstab versucht, das Christentum als emanzipatorische Kraft für einen radikalen sozialen Wandel zu begreifen und zu positionieren. Einem häufig als konservativ und reaktionär gebrandmarkten Christentum soll - unter anderem durch die hier gebotene libertäre Exegese und mit Beispielen aus der Praxis - ein fortschrittlicher, emanzipatorischer, rebellischer und libertärer Entwurf von Religiosität und Christentum entgegengestellt werden, der offen ist für linke, anarchistische und fortschrittliche Bewegungen, die sich gegen die Ungerechtigkeiten des Status quo engagieren und für einen fundamentalen Wandel eintreten. Es soll ein polemikfreier Diskurs rund um progressives Christentum und Anarchismus eröffnet und weitergeführt und nicht durch die Verlautbarung "der Wahrheit" ein Diskussionsprozess beendet werden.

Dieser Sammelband will zudem niemanden in die eine oder andere Richtung "bekehren". Er soll für jene, die - aus welchen Gründen auch immer - am christlichen Anarchismus Interesse haben, einen ausgewogenen Überblick bieten und jenen, die dem Ganzen skeptisch gegenüberstehen, hoffentlich einige neue, differenzierte Einblicke in unterschiedliche Facetten dieser Strömung und Idee näherbringen.

Der Sammelband

Den Beginn dieses Sammelbandes macht der Text "Dimensionen libertärer Exegese. Reflexionen zum Verhältnis von Anarchismus und Christentum" des Herausgebers Sebastian Kalicha, in dem versucht wird, einleitend einige allgemeine Reflexionen zum Thema - geschrieben aus einer anarchistischen Perspektive - anzustellen. Der Beitrag unterzieht den oftmals als unüberwindbar dargestellten Graben zwischen Anarchismus und Christentum einer kritischen Betrachtung und versucht darauf aufbauend zentrale Themen im christlich-anarchistischen Diskurs überblicksmäßig zu diskutieren sowie unterschiedliche Positionen christlicher AnarchistInnen zu bestimmten Themen darzulegen.

Der Text von Alexandre Christoyannopoulos "Die Bergpredigt - ein christlich-anarchistisches Manifest. Ausgewählte Passagen libertär interpretiert" rückt die von christlichen AnarchistInnen betriebene libertäre Exegese - in diesem Falle von Passagen der Bergpredigt - in den Mittelpunkt. Inhaltlich liegt der Fokus auf dem Verhältnis des Christentums zur Staatsmacht. Was kann aus der Bergpredigt dazu hergeleitet werden? Während zum Beispiel BefreiungstheologInnen durch ihre Solidarität mit den Armen und Marginalisierten häufig eine christliche Kapitalismuskritik in den Mittelpunkt ihres Engagements und ihrer Exegese rückten (und sich damit einhergehend oftmals positiv auf den Marxismus bezogen), so konzentriert sich Alexandre Christoyannopolous mit seiner Analyse darauf, den Staat und all seine Institutionen aus christlicher Sicht zu delegitimieren. Er stellt somit jenen Aspekt in den Mittelpunkt seines Beitrags, der auch fernab von religiösen Zugängen zum Thema den Anarchismus von anderen Formen des Sozialismus am stärksten unterscheidet. Ein weiterer Fokus seiner Analyse liegt auf einer christlich-anarchistischen Gewaltkritik. Dabei diskutiert er auch das Thema eines sich aus der Bergpredigt herleitenden und manchmal wörtlich verstandenen christlichen Nicht-Widerstands. Dieses Thema und diverse Interpretationen sind nicht unumstritten. Auch in christlich-anarchistischen Zusammenhängen wird hier häufig von der Tolstoischen Terminologie des "Nicht-Widerstands" (wobei Tolstoi selbst in seinen Schriften hier manchmal inkonsistent war) Abstand genommen. Ein Blick auf die Geschichte des christlich-anarchistischen Aktivismus zeigt deutlich, dass diese Bewegung teilweise weit davon entfernt war und ist, im Sinne eines wörtlich verstandenen Nicht-Widerstands lediglich passiv der Dinge zu harren. Wie Christoyannopoulos aber zeigt, gab und gibt es zu diesem Thema einige unterschiedliche Ansichten, die in dem Artikel behandelt werden.

Dave Andrews schließt mit seinem Text "Die subversive Spiritualität der Christi-Anarchy. Eine Studie zu radikaler biblischer Politik" an die libertäre Exegese des eben vorgestellten Artikels an und analysiert einige weitere für christliche AnarchistInnen wichtige Bibelpassagen fernab der Bergpredigt und rundet somit die libertäre Exegese im Sammelband ab. Der Text beschränkt sich dabei nicht nur auf das Neue Testament, sondern analysiert auch Teile des Alten Testaments sowie der unter christlichen AnarchistInnen sehr unterschiedlich und manchmal eher kritisch rezipierten Paulusbriefe.

Simon Moyle diskutiert in seinem Text "Christlicher Anarchismus. Überlegungen zu Theorie und Praxis", wie christlich-anarchistische Überzeugungen in der Theorie zu einem aktivistischen, aktiven gewaltfreien Widerstand in der Praxis führen. Das Konzept des passiven Nicht-Widerstands ablehnend, beschreibt er einige Aktionen, die er und andere christliche AnarchistInnen aus Australien und Neuseeland in den letzten Jahren organisiert haben und stellt ebenso einige theoretische Überlegungen zum Thema an.

Tom Cornell, Langzeitaktivist der Catholic-Worker-Bewegung und Pionier der US-amerikanischen Anti-Vietnamkriegsbewegung, porträtiert in seinem Artikel "Dorothy Day, Ammon Hennacy und der Anarchismus. Leben und Werk zweier Catholic Workers" diese beiden zentralen Figuren der Catholic-Worker-Bewegung. Dorothy Day, mit der der Autor 27 Jahre lang zusammenarbeitete, war 1933 gemeinsam mit Peter Maurin die Gründerin dieser Bewegung und ist bis heute ihr wohl bekanntestes Gesicht. Ammon Hennacy, den Cornell ebenfalls persönlich kannte, war von 1953-1965 Teil der Catholic Workers in New York City, wichtiger Wegbegleiter Dorothy Days und schon fast so etwas wie ein Paradebeispiel eines unermüdlichen christlich-anarchistischen Aktivisten. Mit seinem Konzept der "One Man Revolution" formulierte er seine ganz spezifische Konzeption des christlichen Anarchismus aus. Im christlich-anarchistischen Spektrum sind die Catholic Workers etwas Besonderes, weil sie den Anarchismus nicht nur mit dem Christentum, sondern gar mit dem Katholizismus in Verbindung bringen und somit den für (christliche) AnarchistInnen nicht unproblematischen Bereich der institutionalisierten Religion betreten. Dass die Catholic-Worker-Bewegung aber trotz dieser Abweichung von üblichen christlich-anarchistischen Konzeptionen als wichtiger Teil dieser Strömung gesehen wird, ist unbestritten. Tom Cornells Beitrag ist zudem nicht nur ein persönliches Porträt von Day, Hennacy und der Catholic-Worker-Bewegung, sondern (notgedrungen) auch eine spannende Reise in die Geschichte sozialer Protestbewegungen in den Vereinigten Staaten seit der Zwischenkriegszeit.

Anschließend stellt Lou Marin in seinem Artikel "Biblischer Anarchismus. Der Zusammenhang Christentum-Gewaltfreiheit-Anarchismus bei Jacques Ellul (1912-1994)" den französischen Soziologen und Philosophen Jacques Ellul vor, der zweifelsohne einer der herausragendsten und interessantesten christlich-anarchistischen TheoretikerInnen des 20. Jahrhunderts ist und viel zur christlich-anarchistischen Theoriebildung beigetragen hat. Im Mittelpunkt von Marins Analyse steht Elluls Buch Anarchie et christianisme (Anarchie und Christentum), in dem er sein Verständnis eines aus der Bibel herleitbaren Anarchismus skizziert.

Der letzte Artikel des Sammelbandes "Peter Chelïický und das Netz des Glaubens. Zur Ketzertradition des gewaltfreien Anarchismus" von Sebastian Kalicha und Gustav Wagner wagt einen weiten Sprung in die Geschichte und beschäftigt sich mit dem Laientheologen, Reformator und Vorläufer des christlichen Anarchismus Peter Chelcický, der bereits im Tschechien des 14./15. Jahrhunderts - in Zeiten von Ketzerverfolgung und Hussitenkriegen - Dinge ausformulierte, die heute ganz klar dem christlich-anarchistischen Spektrum zurechenbar sind. Chelcický kann und wird heute daher als einer der frühesten Vorläufer und als Inspiration für den christlichen Anarchismus betrachtet - und der Artikel wird zeigen, weshalb dem so ist. Hier wird deutlich, wie weit zurück die libertär-christliche Tradition reicht, auf die sich heutige christliche AnarchistInnen berufen können.

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