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Walther L. Bernecker/Sören Brinkmann 378 Seiten, 20,50 EUR |
Unter den Ländern, denen erst in jüngerer Zeit der Übergang von einer Diktatur zur Demokratie gelang, stellte Spanien lange Zeit einen Sonderfall dar. Denn hier schien die demokratische Transition ohne eine öffentliche Aufarbeitung von politischer Repression und Gewalt vonstatten gegangen zu sein. Seit der Jahrtausendwende ist jedoch ein wahrhafter Erinnerungsboom zu beobachten, der sich in Forschung, Literatur und Massenmedien, aber auch in der von Bürgerinitiativen betriebenen Suche nach den schätzungsweise 30.000 bis heute Verschwundenen des Bürgerkrieges niederschlägt. Die Aufarbeitung ungesühnter Menschenrechtsverletzungen der Franco-Diktatur bedeutet eine substantielle Wende im Umgang mit der jüngeren spanischen Geschichte.
Das Buch spannt den Bogen von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart. Im Angesicht des 70. Jahrestages des Bürgerkriegsbeginns hebt die Darstellung an mit einem ereignisgeschichtlichen Aufriß der Kriegsereignisse (1936-1939) sowie einer auf Basis der jüngsten Forschungsergebnisse erstellten Opferbilanz aus drei Kriegs- und knapp vierzig Diktaturjahren. Den Schwerpunkt des Buches bildet sodann die Erinnerungsgeschichte von Krieg und Repression in den vergangenen siebzig Jahren, die von deren propagandistischer Verzerrung während des Franquismus über jenen sprichwörtlichen Pakt des Schweigens der Transition seit 1975 bis zum Boom der zivilgesellschaftlichen Vergangenheitsarbeit in jüngster Zeit reicht.
Aus dem Inhalt
I. Der Bürgerkrieg
- Zur Vorgeschichte: Problemlagen und Konfliktachsen in der Zweiten Republik (1931-1936)
- Ausgangskonstellation und Phasen des militärischen Kriegsverlaufs
- Die ausländische Intervention und die Politik der Nichteinmischung
- Die innenpolitische Entwicklung in beiden Kriegszonen
- Die Soziale Revolution: Anarchismus in der Praxis
- Zur Rolle von Kirche und Kultur
II. Die Repression in Krieg und Nachkriegszeit
- Die Folgen des Bürgerkrieges: Sieger und Besiegte
- Säuberungen und Massenerschießungen
- Konzentrationslager, Haftanstalten und Zwangsarbeiter
- Das Exil der Hunderttausende
- Herrschaftslegitimation, staatliche Gewalt und Kirche
- Zur ideologischen Rechtfertigung der Repression
III. Das erzwungene Gedächtnis im Franquismus
- Franco-Regime und Erinnerungspolitik
- Ikonographie Francos: Der Diktator im öffentlichen Raum
- Siegesästhetik des Franquismus
- Das Selbstbildnis Francos: Rasse und Imperium
- Die Kriegsromane der Sieger und Propagandafilme im Franquismus
- Die Wochenschau NO-DO: Ideologie und Propaganda
IV. Gedächtnisorte des Franquismus
- Belchite: Ruinen der Erinnerung
- Der Alcázar von Toledo: Mythos des Kreuzzugs
- Das "Tal der Gefallenen": Mausoleum der Sieger
- Zur Topographie des kollektiven Gedächtnisses
- Der neue Festkalender der Sieger
- "25 Jahre Frieden": Modernisierungsdiskurs im Spätfranquismus
V. Geschichtspolitik im Übergang zur Demokratie, 1975-1980
- Verzeihen und Vergeben: die Vorgeschichte der Transition
- Symbolik und Praxis der Versöhnung: Amnestie und Konsens
- Zwischen Erinnern und Vergessen: das Spanien der Republik
- Franquistische Symbolik nach Franco
VI. Erinnerungsansprüche der Gesellschaft, 1980-1996
- Das Schweigen der Politik und die Sternstunde der Fachhistorie
- Individuelle und kollektive Erinnerungen: das Gedächtnis der Verlierer
- Kultur und Erinnerung: zwischen Einklang und Dissonanz
VII. Die Rückkehr der Vergangenheit, 1996-2004
- Das Ende der Versöhnung: (Re-)Politisierung der Vergangenheit
- Die Mobilisierung einer kollektiven Erinnerung
- Bürgerkrieg und Diktatur im Gedächtnis der Generationen
- Öffentliche Erinnerung: zwischen Sentimentalisierung und Polarisierung
VIII. Erinnerungskultur in Spanien: auf dem Weg zur Normalität?
- Spurenbeseitigung: das Ende franquistischer Erinnerungslandschaften
- Die Reichweite der Erinnerungsarbeit: Perspektiven seit 2004
- Das Baskenland, Katalonien und Spanien: regionale Muster des Erinnerns
IX. Nachwort: Erinnerung, Gesellschaft und Demokratie
Die Autoren
Walther L. Bernecker, Dr. phil., Professor, geb. 1947, Studium der Geschichte, Germanistik und Hispanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 1973-1977 und 1979-1984 Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Augsburg, 1984/85 »Visiting Fellow« am »Center of Latin American Studies« der University of Chicago, 1986 Habilitation, 1988-1992 Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Bern, seit 1992 Lehrstuhl für Auslandswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg.
Neuere Veröffentlichungen (u.a.): »Spaniens Geschichte seit dem Bürgerkrieg.« München (3. Auflage) 1997; »Krieg in Spanien 1936-1939.« Darmstadt (2. Auflage) 2005, span. Ausg. Madrid 1996; (Mit-Hg.) »Spanien heute.« Frankfurt am Main (4. Auflage) 2004; (zus. mit H. Pietschmann) »Geschichte Spaniens seit dem Mittelalter.« Stuttgart (4. Auflage) 2005
Sören Brinkmann, geb. 1970, Studium der Geschichte, Auslandswissenschaft (Romanischsprachige Kulturen) und Volkswirtschaftslehre in Freiburg, Madrid und Erlangen/Nürnberg; 2000-2003 Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung; seit 2003 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Auslandswissenschaft (Universität Erlangen-Nürnberg); verschiedene Veröffentlichungen zur politischen Kultur und zur Regionsproblematik in Spanien; Buchpublikationen: »Aufstieg und Niedergang Spaniens«, Saarbrücken 1999; »Der Stolz der Provinzen«, Frankfurt am Main 2005.

