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"Fünf Minuten vor Vier" - Mehr als nur eine Uhrzeit!

Bhisham Sahni: Fünf Minuten vor Vier. Erzählungen. Aus dem Hindi übersetzt von Barbara Bomhoff und Silja Behnken unter Mitarbeit von Birte Plutat. Draupadi Verlag, Heidelberg 2017, 94 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-945191-22-4

Der in Pakistan geborene Bhisham Sahni (1905 - 2003) ist in Indien einer der bekanntesten Schriftsteller. Er erlebte während der Teilung Indiens 1947 hautnah mit, wie Familien auseinandergerissen und bei den religiösen Unruhen und Gewaltausbrüchen zwischen Hindus, Moslems und Sikhs etwa eine Million Menschen umgebracht wurden. Es kam zu Massenfluchten der verschiedenen Gruppen in jeweils entgegengesetzte Richtungen.

Sahni, der zu dieser Zeit als Helfer in einem Flüchtlingslager arbeitete, konnte erst 25 Jahre später über diese grauenvollen Ereignisse unter anderem in seinem berühmten, kontrovers diskutierten und verfilmten Romanklassiker "Tamas" schreiben. Gleichwohl beeinflussten diese Ereignisse sein schriftstellerisches Schaffen von Anfang an. Der säkular und humanistisch orientierte Sahni beschrieb in seinen zahlreichen Kurzgeschichten, wie sich viele leichtgläubige, verführbare Menschen schon durch vermeidbare Missverständnisse oder kleine Unstimmigkeiten in absurde Eskalationen treiben ließen.

Dies zeigt sich schon in der ersten Kurzgeschichte "Bhai Ram Singhs Mausoleum" aus dem Jahr 1955. Zu Beginn der Geschichte könnten die unbefangenen LeserInnen den Eindruck haben, dass Sahni hier nur eine ironisch überspitzte Darstellung des Lokalpatriotismus der selbstbewussten EinwohnerInnen einer gewöhnlichen Stadt zum Besten geben würde: "Kurz gesagt, die Bewohner dieser Stadt haben nur eines, das ihnen eigen ist: ‚ihre Schnurrbärte, deren Spitzen immer stolz nach oben gerichtet bleiben und die noch nie abwärts gebogen worden sind!'"

Doch die Geschichte nimmt Fahrt auf, als eines Tages ein etwas seltsamer Mann auftauchte, der selbstlos in der Stadt herumzog und einen Naturheiltrank gegen "Beulen und Geschwüre" anbot. Geduldet und nur mäßig beachtet, verkündete er nach zehn Jahren Dienst überraschend aus "Weltüberdruss" sein freiwilliges Ableben nachts um vier Uhr. Jetzt erst wurde aus dem in tiefer Meditation Verharrenden ein Heiliger, dem Opfergaben und Aufmerksamkeit im Übermaß zuteil wurden.

Die in gespannter Erwartung versammelte Bevölkerung wachte sensationsgierig die ganze Nacht und reagierte wütend, als das angekündigte Ableben zum genannten Zeitpunkt partout nicht eintreten wollte.

Also wurde durch Steinigung "nachgeholfen" und anschließend dieser Mord als Erfüllung einer prophetischen Vorhersage religiös verklärt. Dem armen "Heiligen" wurde anschließend ein großes Mausoleum errichtet, auf das nun die ganze Stadt stolz war.

Bei vielen indischen SchriftstellerInnen taucht als Thema das unglaublich egozentrisch-herrische Verhalten des gehobenen Mittelstands gegenüber "Untergebenen" auf. Sahni fügt mit der im Jahr 1983 geschriebenen Erzählung "Vorsicht, junger Herr!" eine besondere Note hinzu, indem er in die Haut eines actionfilmbegeisterten jungen Mannes schlüpft, der spätabends nach Hause kommt und vor der Tür etwas warten muss, bis der verschlafene Diener öffnet.

Inspiriert durch seine Kinowahnwelt lebt er hemmungslos mit einem gezielten Fausthieb ins Gesicht des Dieners seine Gewaltfantasien aus. Die Mutter wies ihn daraufhin zurecht: "Du hast einen schläfrigen Mann ins Gesicht geschlagen. Was ist das für eine Art Tapferkeit?" Der Diener entschuldigte sich und blieb noch Jahre in dem Haus.

Eine Generation später spielte sich eine ähnliche Szene ab, ebenfalls inspiriert durch einen Kinofilm. Der oben erwähnte Sohn war inzwischen erwachsener Familienvater, der seinen überdrehten Sohn nicht mehr bremsen konnte. Durch die höfliche und bestimmte Gegenrede des Dieners fühlten sich die übrigen Familienmitglieder provoziert und schmissen den Diener hinaus ohne ihm den ausstehenden Lohn zu zahlen.

Die Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Dienstpersonal nahm von Generation zu Generation zu. Aber auch der Widerstand, denn nun erreichte den Hausherren ein Telefonanruf: "Hier spricht der Sekretär der Hausdiener-Gewerkschaft".

Sahnis Sprache ist ungekünstelt und schlicht. Doch durch diese Selbstbeschränkung werden die Charaktere der Figuren auf knappem Raum deutlich herausgearbeitet. Sahnis Erzählungen sind keine vordergründig politischen Texte, sondern er erfasst mit der Darstellung des Alltagsgeschehens die Lebensrealität der Menschen wohltuend subtil.

Als sensibler Beobachter der unterschiedlichen Milieus entfaltet er ein soziales Panorama, bei dem der Erkenntnisgewinn der LeserInnen durch eigenständige Reflexion über seine Erzählungen angeregt wird.

Als politisch aktiver sozialistischer Schriftsteller setzte er sich für Ausgebeutete und Benachteiligte ein. Er war Mitglied der Progressive Writers Association (PWA) und arbeitete mit der sozialkritischen Theatergruppe Indian Peoples Theatre Association (IPTA) zusammen. Sein Bruder Balraj wurde ein berühmter Schauspieler und er selbst trat ebenfalls in Filmen auf, was seine gesellschaftliche Wirkung vergrößerte.

Nicht zuletzt betätigte sich Sahni als Übersetzer für russische Literatur ins Hindi, zum Beispiel übersetzte er Tolstojs Werke. Er besuchte anlässlich des 750. Berlin-Jubiläums die DDR und 1991 das SchriftstellerInnentreffen im Rahmen der Indienfestspiele in Berlin.

Sahnis Werk ist mit 7 Romanen, 6 Dramen und mehr als 125 Kurzgeschichten und Essays vielseitig und mit großem Gewinn zu lesen. Die vom Draupadi Verlag erstmalig in deutscher Übersetzung publizierten vier Erzählungen enthalten ein Grußwort von seiner Tochter Kalsara Sahni, ein interessantes Vorwort von Mitübersetzerin Barbara Bomhoff sowie ein hilfreiches Glossar.

Horst Blume
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