Interview

„Die Uniform in die Jauchegrube geworfen“

Interview mit dem Wehrmachtsdeserteur Rainer Schepper

| Interview: Bernd Drücke

Beitragjauche
Fotos: privat/ Bernd Drücke, Lisa Leonardelli (via flickr, (CC BY-SA 2.0),MisterBee1966 [Public domain], von Wikimedia Commons

Fahnenflucht ist in Deutschland bis heute nach § 16 Wehrstrafgesetz strafbar. Während des Zweiten Weltkriegs wurden von der Nazi-Justiz über 30.000 Todesurteile gegen Deserteure gefällt. Davon wurden mindestens 23.000 vollstreckt. Bis zum Kriegsende im Mai 1945 wurden viele Männer, die sich durch Fahnenflucht der Beteiligung am befohlenen Massenmord entzogen, standrechtlich erschossen. Dieser Gefahr zum Trotz desertierten während des Zweiten Weltkriegs von den 18,2 Millionen Wehrmachtssoldaten bis zu 400.000. Einer dieser Deserteure war der spätere Lehrer Rainer Schepper.

Nach Erscheinen seines Buches „Ich war Deserteur“ (1) wurde der Publizist und Rezitator standard- und niederdeutscher Sprache als „Vaterlandsverräter“ beschimpft. Sein 2016 erschienener „Lebensreport“ (2) dokumentiert auch, wie der Militarismus im Nazideutschland den Alltag der Jugendlichen bestimmt hat. Zentral sind die Erlebnisse, die Schepper während der letzten Kriegsmonate gemacht hat. Im Januar 1945 wurde der damals 17-Jährige zum Kriegseinsatz an die Ostfront kommandiert. Er floh, desertierte dreimal und entkam, trotz Standgericht und Strafkommando. Heute ist er vielleicht der letzte noch lebende Wehrmachtsdeserteur. Mit dem 91-Jährigen führte am 12.11.2018 GWR-Redakteur Bernd Drücke ein Zeitzeugengespräch (3), das wir hier in Auszügen veröffentlichen. (GWR-Red.)

Rainer Schepper im Gespräch mit GWR-Redakteur Bernd Drücke – Foto: Lothar Hill (MünsterTube)

Bernd Drücke: Ich finde es toll, dass Du bereit bist, uns Deine Geschichte zu erzählen. Anfangen möchte ich aber nicht mit einer Frage zum Zweiten Weltkrieg, sondern zum Ersten. Du hast viele Bücher publiziert. (4) Das Buch „Erinnerungen aus zwei Weltkriegen“ (5) hast Du 2015 herausgegebenen. In dem Kapitel „Kriegserinnerungen 1914-18 der Rote-Kreuz-Schwester Tine Schulte-Lippern“ geht es um die Erlebnisse Deiner Tante. Es handelt sich dabei um das Tagebuch, das sie als Krankenschwester an der Front geschrieben hat. Das Ende des Ersten Weltkrieges hat sich gerade [im November 2018] zum einhundertsten Mal gejährt. In diesem Krieg wurden über 17 Millionen Menschen getötet und über 20 Millionen verletzt. Der Schrecken dieses Massenmordens ist trotzdem kaum ein Thema in der Öffentlichkeit, sondern weitgehend in den Geschichtsbüchern verschwunden. Was war das Resümee Deiner Tante? Warum hast Du dieses Buch herausgegeben?

Rainer Schepper: Erstens, weil es eine Dokumentation der gesamten Zeit des Ersten Weltkriegs ist. Meine Tante Christine Schulte-Lippern, kurz: Tine, hat während des ganzen Krieges als Krankenschwester des Roten Kreuzes gearbeitet, an der Front in Frankreich. Dieser Bericht ist einzigartig, jedenfalls auch individuell. Sie ist mit großer Begeisterung in den Krieg 1914 hinein gegangen, hell begeistert fürs Vaterland, und sie hat lange noch auch an den Sieg geglaubt. Nachher kam die große Enttäuschung, die Resignation, und damit endet auch dieses Tagebuch. Dazu gibt es Fotografien aus der damaligen Zeit, die auch interessant sind. Ich habe das Buch im Elsinor und Longinius Verlag herausgegeben, kombiniert mit meinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg als Wehrmachtsdeserteur. Ich halte das für eine naheliegende Gegenüberstellung: hier die damalige heilige Vaterlandsbegeisterung und der Patriotismus und nachher die große, nochmalige Enttäuschung während der Hitler-Zeit mit alldem, was sich da ereignete.

Bernd Drücke: Du wurdest am 23. März 1927 in Münster geboren und bist aufgewachsen in einer katholischen Familie. Mittlerweile bist Du 91 Jahre alt, aber geistig immer noch sehr fit…

Rainer Schepper: … wird behauptet…

Bernd Drücke: … „wird behauptet“. Das ist auch so, das kann ich bestätigen. Du hast in Deinem „Lebensreport“, der 2016 herausgekommen ist, beschrieben, wie Du die Nazizeit in Münster, zunächst als Kind, erlebt hast. Zum Beispiel als Elfjähriger am 9. November 1938 die Reichspogromnacht, da sind in der Nacht über 1.400 jüdische Gotteshäuser im gesamten Reichsgebiet angezündet und zerstört wurden. Allein im heutigen Nordrhein-Westfalen wurden dabei mindestens 127 Menschen getötet. Die tatsächlichen Zahlen sind immer noch nicht geklärt. Die Nazis haben die Zahl der reichsweiten Todesopfer des von ihnen als „Reichskristallnacht“ gefeierten Pogroms mit 97 angegeben. Die Bundesrepublik hat diese Zahl übernommen. Die jetzt veröffentlichten Forschungsergebnisse für NRW zeigen aber, dass es wahrscheinlich wesentlich mehr Todesopfer gab…

Rainer Schepper: … aber es ist ja nicht wichtig, wie viele Menschen da getötet wurden, sondern, dass überhaupt Menschen getötet wurden…

Bernd Drücke: … das war der Auftakt oder ein Vorbote für die im Zweiten Weltkrieg organisierte massenhafte Vernichtung der Juden. Du hast die Reichspogromnacht 1938 als Kind in Münster erlebt.

Rainer Schepper: Ja und nein. Ich war damals in Burgsteinfurt. Ich lebte bei meinem Vater mit meinem vier Jahre jüngeren Bruder. Die Reichspogromnacht war von den Nazis einheitlich im ganzen Reich organisiert worden, wie man heute weiß, und mein Vater hatte nichts Besseres zu tun, als uns Kindern das zu zeigen. Der ist mit uns nach Münster gereist, und da sahen wir gleich die brennende Synagoge. Er hat uns die zerstörten jüdischen Geschäfte gezeigt, wo zum Beispiel in der Salzstraße – daran erinnere ich mich deutlich – Scheiben zertrümmert und Sachen aus den Geschäften heraus gerissen worden waren. Auf der Rückfahrt haben wir in Borghorst Station gemacht. Da haben auch einige Juden gelebt. Und auch da wurden die Häuser, die Wohnungen zertrümmert, Scheiben eingeschlagen. Ich erinnere mich an eine jüdische Frau, die kreischend und schreiend, verzweifelt auf der Straße stand, und mein Vater lächelte hämisch dazu. Ich fand das ganz furchtbar, ich durfte kein Wort sagen. In der Nazizeit hatte man ja den Mund zu halten, das war überall zu tun. Und der Abschluss war der Besuch des zerstörten und verwüsteten jüdischen Friedhofs am Bagno in Burgsteinfurt. Heute ist nichts mehr davon da. Es ist eine Gedenkstätte. Grabsteine von damals gibt es da nicht mehr. Ich bin vor einigen Jahren da gewesen. Es wird noch als Gedenkstätte erhalten, aber nicht mehr als Friedhof genutzt. Das war also ein grauenhaftes Erlebnis, zumal ich zu schweigen hatte. Ich war elf Jahre alt. Mein Vater war Nazi und stand voll dahinter. Später, nach dem Krieg, ist er mit mir zum Anne-Frank-Haus in Amsterdam gegangen und hat Krokodiltränen geweint. Das habe ich nie verstanden.

Das ganze Gespräch zum Ansehen

Bernd Drücke: Du hast in Deinem „Lebensreport“ auch beschrieben, wie Du die Verhetzung gegen die Juden erlebt hast, und dass das eben nicht nur von den Nazis ausgegangen ist, sondern dass dabei auch der Katholizismus eine große Rolle gespielt hat. Das Münsterland war damals stark katholisch geprägt, stärker als heute. Wie hast Du das erlebt?

Rainer Schepper: Wir wurden ja schon im Religionsunterricht und anhand der biblischen Geschichte und der Abbildungen darin gegen die Juden eingenommen; das waren dann die „Gottesmörder“. Und die verdienten angeblich nichts Besseres, als bestraft zu werden. Hitler war sozusagen ein später Vollstrecker dessen, was die Kirche Jahrhunderte hindurch getan hat. Bei der Inquisition haben sie quasi auch noch die eigenen Leute verbrannt. Aber die Judenverfolgung ist durch die Geschichte belegt. Im Religionsunterricht wurde uns indoktriniert, dass die Juden „Gottesmörder“ seien. Es tut mir leid, dass ich kein Exemplar mehr von den Schulbüchern habe. Da wurden die Juden bildlich dargestellt als Folterknechte, mit ihren Nasen, mit den Juden zugewiesenen Physiognomien, wie man das damals so darstellte, übrigens auch in der Nazizeitung „Der Stürmer“. Das war eigentlich nicht anders als in der Bibel und im Religionsunterricht. Ich hatte von vorne herein schon in der Schule von Geistlichen einen Hass, nein, das wäre zuviel gesagt, eine Angst und eine Aversion gegen die Juden indoktriniert bekommen.

Bernd Drücke: Im Januar 1945 warst Du 17 Jahre alt, da solltest Du an die Ostfront geschickt werden. Was ist da passiert?

Rainer Schepper: Ja, das ist eine lange Geschichte: Ich hatte mich zunächst einmal der Sache entzogen, dadurch, dass ich gefastet hatte. Wer keine hundert Pfund gewogen hat, also keinen Zentner, der wurde auch nicht eingezogen. Meine Mutter litt darunter, ich sollte mehr essen, schließlich habe ich es getan. Dann wurde ich zunächst zum Reichsarbeitsdienst einberufen, noch nicht sofort zur Wehrmacht. Aber das war insofern kein großer Unterschied, als dass auch der Reichsarbeitsdienst ziemlich nah an der Front eingesetzt wurde. Das war eine scheußliche Geschichte. Wir mussten uns abends am Hauptbahnhof in Münster stellen. Dann wurden wir mit der Eisenbahn an die Front verfrachtet und wussten zunächst gar nicht, wohin es gehen sollte. Es war sehr spät, und wir guckten durch die Fenster, in welche Richtung das ginge. Hoffentlich nicht nach Osten, nach Russland, sondern nach Westen. Nein, wir fuhren durch Berlin, da wussten wir Bescheid. Da war alles klar, wohin die Fahrt ging, und zwar nach Turek nordwestlich von Litzmannstadt, wie Lodz damals hieß. Da war das Reichsarbeitsdienstlager, und da sollten wir dann „Deutschland gegen die Russen verteidigen“. Man bewaffnete uns mit der Panzerfaust. An der wurden wir nicht einmal ausgebildet, sondern nur darüber instruiert, sie habe einen so starken Rückschlag, dass der Mann, der sie abfeuerte, umgeworfen werden konnte. So sollten wir russische Panzer abknallen, wenn die kämen. Schon bald wurde aber das Lager geräumt, um dem russischen Angriff auszuweichen. Die Front rückte näher und da habe ich einen Kranken gespielt, ich hatte einen Ohnmachtsanfall vorgetäuscht. Das ist eine lange Geschichte. Ich bin dadurch der Sache entgangen. Aber wenn ich das alles erzähle, wird es wahrscheinlich zu viel.

Bernd Drücke: Ach nö, erzähl mal.

Rainer Schepper: Jedenfalls bin ich bei der nächsten Gelegenheit desertiert. Ein anderer, wirklicher Kranker, ich bin ja nur so ein Simulant gewesen [lacht], und ich marschierten dann in Richtung Liegnitz. Und der Feldmeister, der uns begleitete, so nannte er sich, vielleicht so etwas wie ein Unteroffizier, fuhr auf dem Rad oder ließ uns Kranke oder Simulanten abwechselnd auf dem Fahrrad fahren. Inzwischen war die Bevölkerung auf der Flucht. Die Straßen waren verstopft und überfüllt von Menschen und Pferdewagen. Die flohen vor den Sowjets. Wegen der Hitler-Propaganda, in der es hieß, dass „jeder, der den Russen in die Hände fällt, verloren ist“. Wir sind zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs gewesen. Dann fand ich im Straßengraben ein herrenloses Fahrrad und habe das da herausgefischt. So konnten wir Beide dann auf dem Fahrrad fahren, durften auch ein Stück voraus fahren, sollten aber immer in Sichtweite des Feldmeisters bleiben. Da wurde es neblig [schmunzelt], und der Feldmeister war inzwischen vom langen Marsch etwas ermüdet. Irgendwann haben wir gesagt: „So, jetzt treten wir in die Pedalen und hauen ab.“ Das war natürlich höchst riskant.

9. November 1938 Reichspogromnacht Foto der zerstörten Synagoge in Münster – Foto: Stadtarchiv Münster

Am nächsten Ort haben wir eine Unterkunft bei freundlichen Schlesiern gefunden und konnten dort über Nacht bleiben. Wo der Feldmeister geblieben ist, das weiß ich nicht [lacht]. Der stand nun wohl da auf weiter Flur ohne Fahrrad. Wir haben einen der vielen Züge nach Westen erwischt. Das war ganz schwierig. Denn die Züge waren überfüllt mit Flüchtlingen. Sogar auf den Trittbrettern, die es damals noch gab und die außen entlang der Eisenbahnwaggons angebracht waren, standen die Menschen und hielten die Fahrt durch Eiseskälte und schneidenden Fahrtwind aus. Es waren Minus 14 Grad Kälte, nach meiner Erinnerung. In einem dieser Züge gab es einen Waggon, auf dem ein FMG stand, ein Funkmessgerät, das kannten wir schon von der Flak, von der Fliegerabwehr her, zu der wir als Luftwaffenhelfer eingezogen worden waren. Wir haben uns einfach dazu gesetzt, das war meine Idee, so dass jeder auf den ersten Blick denken musste, wir wären die Mannschaft zu dem Gerät.

Wir hatten zwei Wolldecken, und der wirklich Kranke, Friedhelm Jasser, aus Siegburg war er, glaube ich, schnatterte vor Kälte; da habe ich ihm noch meine Decke gegeben. Irgendwann war es jedenfalls so schlimm, dass ich meine Beine nicht mehr fühlte, wegen der Eiseskälte bis zu den Knien. Da habe ich gesagt: „Das mache ich nicht mehr, ich gehe jetzt runter.“ Ich meine, dass es in Sagan oder Liegnitz gewesen ist, so genau erinnere ich mich nicht mehr, da haben wir den Zug verlassen. Ich habe mich nur noch auf den Bahnsteig fallen lassen können, weil ich zunächst gar keine Kraft mehr in den Beinen hatte. Wir haben uns da im Wartesaal an einer warmen Suppe gestärkt.

Dann war aber die Schwierigkeit, wie wir da wieder heraus kommen konnten. Die Sperre war von Wachhabenden besetzt. Jeder, der uniformiert war, musste durch einen seitlich gelegenen Raum und sich da ausweisen und kontrollieren lassen. Wir mussten auch in diesen Raum, und ich dachte schon: „Nun sind wir verloren. Die werden Dich jetzt wahrscheinlich vor ein Standgericht stellen.“ Dann gelang es uns aber doch, ganz schnell hinter dem Rücken des Wachhabenden hinaus auf den Bahnsteig zu gelangen. Wir erwischten dann einen Zug Richtung Leipzig. Da trennten sich unsere Wege.

So kam ich dann nach Warendorf, wo meine Mutter und mein Bruder als Evakuierte lebten, mit angefrorenen Füßen. Ich habe dann ganz dumm getan und mich beim Wehrmeldeamt gestellt: „Wir wurden versprengt. Ich melde mich hier.“ – „Warum bist Du dann nicht Zuhause geblieben?“, wurde ich später gefragt. – „Nein.“ Ich habe mich da ganz vorschriftsmäßig gestellt und so getan, als sei ich versprengt worden, obwohl ich natürlich ganz genau wusste, dass es Blödsinn ist, ausgerechnet in Warendorf als Versprengter aus dem Osten anzukommen. Aber dort war man hochinteressiert und betroffen, meinen Bericht von der Front zu erhalten. Alle bebten ja: „Jetzt kommt der Russe, und das ist das Ende des Krieges.“ Und da konnte ich ihnen eine Menge erzählen.

Sie haben mich dann ins RAD (Reichsarbeitsdienst)-Krankenhaus nach Clarholz geschickt. Da waren zwar noch Ärzte, aber kein Kranker mehr da. Ich war der einzige Patient in diesem Lazarett in der Schule von Clarholz. Ich hatte einen ganzen Stab von Ärzten und Personal um mich, als der einzige Patient [lacht]. Da meine Füße nicht mehr in Schuhe und Stiefel passten, bin ich in Pantoffeln durchs Dorf gegangen, zum Friseur oder so, und fand bei einer sehr netten Lehrerin, die betulich um mich besorgt war und unter dem Dach der Schule wohnte, eine Zuflucht. Die hat mich dann bemuttert und betreut, hat mir herrliche Sachen zu essen gegeben, was damals im Krieg wirklich eine Ausnahme war. Auf dem Lande gab es das noch.

Bis dann der Gestellungsbefehl kam; inzwischen war meine Einheit nach Regensburg verlegt worden. Nun bekam ich den Befehl, nach Regensburg zu fahren. Ich dachte mir, dass, wenn ich da angekommen wäre, sie genau wüssten, dass ich desertiert bin. Dann würde ich abgeurteilt. Da durfte ich nie ankommen. Man wartete immer, dass der Krieg endlich zu Ende wäre. Ich bin dann erst einmal ganz dummdreist nach Warendorf gefahren und habe mich von meiner Mutter und meinem Bruder verabschiedet, dann nach Vorhelm zu Augustin Wibbelt und habe ihm meine ganze Geschichte erzählt.

Es ging weiter zu meiner Tante Tine Schulte-Lippern nach Gladbeck, die bekam es mit der Angst zu tun, dass ich da nicht bleiben dürfte, „wenn die dich erwischen“. Im Nebenhaus wäre die Familie Riemer, und der Sohn wäre im Krieg, wenn die mich hier sähen, die zeigten mich an, ich sollte zusehen, dass ich weiter käme. Sie schob mich sozusagen ab, wenn auch widerwillig und in größter Sorge.

Dann bin ich erst einmal Richtung Kassel gefahren, um Verwandte zu besuchen und möglichst die Weiterfahrt nach Regensburg zu verzögern. Ich war im Zug nach Kassel, und da kam auf einmal eine SS-Streife, die sogenannten „Kettenhunde“, mit Totenschädeln an einer Kette. Die kontrollierten mich, und da war ich dran. Ich wurde verhaftet und in Kassel vor das Standgericht gestellt. Und das hieß in der Regel: Rübe ab. Ich rechnete also mit allem, ob Strick oder Erschießen, die machen mich dort kaputt. Dann habe ich ihnen schöne Märchen erzählt. Ich war allerdings mit einem Fahrschein ausgestattet, nach meiner Erinnerung DIN-A-4 groß. Auf dem gab es, für den Fall, dass man nicht weiter konnte, Stempelfelder, auf denen bescheinigt werden konnte: „Weiterfahrt wegen Bombenangriff und Gleiszerstörung unmöglich.“. Dann bin ich immer zu solchen Bahnhöfen gekommen – ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe –, wo ich diese Stempel kriegte. Ich konnte lückenlos meine Stempel auf diesem Fahrschein nachweisen. „Bitteschön, tut mir Leid, ich bin nicht durchgekommen.“ Das glaubten die nicht. Ich sagte: „Wenn Sie mir nicht glauben, kann ich nichts dafür. Aber Sie müssen das glauben, es liegt doch deutlich vor Ihnen. Warum glauben Sie das nicht?“ Ja, dann bin ich auf die Weise da heraus gekommen.

Aber ich kam in ein Strafkommando nach Frankfurt am Main, um dort zu helfen, die Stadt zu verteidigen. Unter Bewachung. Ich weiß nicht mehr, ob da noch mehr wie ich waren, oder nur ich. Den ganzen Tag mussten wir im Flüchterner Tunnel stehen, wegen der Tieffliegerangriffe. Der Zug musste in Sicherheit bleiben, dann kam er am 23. März 1945, meinem 18. Geburtstag, in Frankfurt an. Da ging es zur Kaserne, und dort waren chaosähnliche Verhältnisse. Man wusste genau, dass Frankfurt bald eingezingelt wurde. Da war gar kein Entkommen mehr. Die Stadt wurde ständig bombardiert. Die Kaserne war überfüllt. Es waren nicht mehr ausreichend Betten vorhanden. Zum Glück waren es sehr warme Frühlingsnächte. Und ich musste mit anderen draußen kampieren.

Wenn Fliegeralarm kam, mussten wir die Kaserne verlassen und in die umliegenden Büsche und Wälder rennen und uns dort verstecken, um dann danach wieder zurück zu kommen. Da war ein vernünftiger Offizier, der Kommandant dieser Kaserne war, genaueres über die militärische Organisation dort weiß ich nicht, ich weiß nur noch, dass dort ein Landser lag, der sich mit Schnaps oder ähnlichem hat volllaufen lassen, der lag da ganz aufgedunsen, halb blau auf dem Rasen, das interessierte überhaupt keinen mehr. Jedenfalls sagte dann bald dieser kommandierende Offizier: „Jungs, Frankfurt ist eingekreist. Hier ist nichts mehr zu machen.“ Verteidigung wäre Unsinn. „Beim nächsten Fliegeralarm: haut ab! Seht zu, dass Ihr nach Hause kommt!“

Das habe ich dann auch gemacht. Nur ich war ja noch in Uniform, und Frankfurt stand kurz vor der Besetzung durch die Amis. Ich wollte ja nicht in Gefangenschaft. Ich war nun irgendwo in einem Bauernkotten, da hingen im Stall alte Klamotten, wahrscheinlich vom Knecht oder von einem Landarbeiter; da habe ich also kurzentschlossen meine Uniform in die Jauchegrube geworfen, die gab es damals noch überall auf den Höfen, und habe diese alten Klamotten angezogen und bin losmarschiert. Ich sah natürlich aus wie ein Clochard. Oder wie nennt man das? Wie ein Landstreicher. Das war mir aber auch ganz egal. Jedenfalls war ich nun Zivilist.

Frankfurt wurde beschossen. Inzwischen gab es nicht mehr nur Bombardements, sondern auch Artilleriebeschuss. Es war gefährlich, sich draußen aufzuhalten. Ich bin darum in einen „Straßenbunker“ gegangen. „Straßenbunker“ nannte man Unterstände, die für die Bevölkerung gemacht wurden, für die Nachbarschaft sozusagen, eingegraben in den Boden. Wer also keinen Luftschutzkeller aufsuchen konnte, der konnte in diesen Unterstand. Da bin ich dann also unbedarft hinein gegangen. Ich dachte, dass ich da jedenfalls vor Beschuss sicher wäre. Genau das aber war gefährlich. Denn ich fiel auf in meinen ollen Klamotten. Das konnte ja nun nicht sein. „Was ist denn das für Eener? Das kann ja nur ein Deserteur sein.“ Und in diesem Unterstand war dann auch ein Parteifunktionär, also ein Ortsgruppenleiter oder wie sich diese Leute nannten, und der wurde auf mich aufmerksam. Er stellte mich zur Rede, wer ich denn sei, ich wäre doch wahrscheinlich Wehrmachtsangehöriger, warum ich diese komischen Klamotten anhätte. Dann habe ich ihm gesagt: „Ich bin immer wieder vom Wehrdienst zurück gestellt worden.“ Was damals auch gestimmt hatte. „Ich hatte meine Cousine in Kassel besucht. Und da kam ein nächtlicher Bombenangriff. Wir mussten ganz schnell in den Keller. Das ganze Haus ist mitsamt meiner Kleidung über uns zusammen gebrochen.“ Da habe ich ihm dieses schöne Märchen erzählt. „Ich hatte nichts mehr. Und dann habe ich mir nur noch diese alten Klamotten besorgen können. Es gibt ja Kleidung nur auf Bezugschein. Was blieb mir übrig?“

Der glaubte mir das natürlich nicht, was ich ihm auch ehrlich zugestehen muss. Jedenfalls wurde die Sache brenzlig. Der wollte mich also verhaften, das konnte er ja. Ich sagte zu ihm: „Können wir mal gleich alleine sprechen und einen Augenblick nach draußen gehen? Ich habe Ihnen etwas zu sagen.“ – „Jaja, bitteschön.“ Dann standen wir also vor dem Bunker. Die Granaten schlugen in Frankfurt ein. Dann habe ich ihn angepfiffen: „Was fällt Ihnen eigentlich ein? Wie kommen Sie dazu, hier die Leute zu verunsichern? Natürlich bin ich Soldat. Natürlich habe ich meine Uniform weggeworfen. Wir haben Befehl, das zu tun. Wissen Sie nicht, dass Frankfurt eingekesselt ist? Wir haben Befehl, uns durch die feindlichen Linien durchzuschlagen, zu unserer Truppe. Und Sie verunsichern hier die Leute. Das ist Wehrkraftzersetzung! Ich zeige Sie an!“ – „Nein, um Gottes willen, nein. Das habe ich doch nicht gewusst.“ – „Das haben Sie als Ortsgruppenleiter nicht gewusst? Das können Sie mir doch nicht erzählen.“ – „Nein, also bitte, bitte, bitte, nein.“ – „Ja, dann sagen Sie mir wenigstens, wie ich auf den nächsten Weg zu meiner Truppe kommen kann. Ich muss ja erst einmal hier den Artilleriebeschuss abwarten.“ Und so weiter. – „Da geht es da lang, und da lang…“ – „Ja? Dankeschön. Heil Hitler!“ – „Heil Hitler!“ Puh. Da war ich raus [lacht].

Januar 1945: Baseler Platz in Frankfurt am Main – Foto: D Thompson [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Was machste, was machste, was machste? Da gab es noch die großen Bunker, die hatten wir auch hier in Münster stehen, wo mehr Leute rein passten, und dann strömte die Bevölkerung aus der Umgebung bei Fliegeralarm in diese Bunker. Ich dachte mir, da wäre ich dann anonymer, wenn ich in so einen Bunker ginge. Das habe ich auch getan. Und ich habe mich in die dunkelste Ecke gesetzt, um nicht aufzufallen. Dann dauerte es aber doch nicht lange, und es kamen wohlmeinende Leute zu mir, es waren ja längst nicht alles Nazis, die sagten zu mir: „Passen Sie auf! Sie werden beobachtet. Seien Sie vorsichtig!“ Da dachte ich: „Donnerwetter! Hier kannst Du auch nicht bleiben.“

Ich war damals ja gut-katholisch, und dann war Gründonnerstag. Und ich bin am Gründonnerstag in die nächste katholische Kirche gegangen, zum Gottesdienst, auch zur Kommunion, und ich habe mir da die Leute genauer angeguckt und habe einen Mann angesprochen, der mir sicher schien, und ich habe ihm meine Situation geschildert. Und ob er mich wohl bis zur Besetzung Frankfurts vielleicht bei sich zu Hause aufnehmen könnte. „Ja, selbstverständlich. Klar, mache ich.“ Seine Frau war auch dabei. „Aber folgen Sie mir bitte unauffällig, in einiger Entfernung. Ich habe“, erzählte der, „im Kriege nämlich Juden, die hier abtransportiert werden sollten, die kurz hierher kamen, Nahrungsmittel zugesteckt und bin dafür beinahe ins KZ gekommen. Ich möchte so eine Situation nicht nochmal haben.“ Und ich sagte: „Das kann ich gut verstehen.“ Da bin ich in entsprechender Entfernung gefolgt. Ich bin bei der Familie Gräff geblieben, bis Frankfurt besetzt war.

Es gab riesige Nahrungsmittellager, ich glaube, dass sie für das Militär waren. Dann ging es los, man plünderte diese Lager. Und ich habe der Familie Gräff dabei geholfen. Die hatten einen Bollerwagen, auch wenn es für Frankfurt unglaubwürdig klingt, aber die hatten so etwas. Jedenfalls sind wir losgezogen und haben den Wagen mit Lebensmitteln, Zigaretten und anderem vollgepackt. Ich bin einige Tage da geblieben, bis die Luft sozusagen rein war. Es blieb mir nichts anderes übrig, es fuhr selbstverständlich kein Zug mehr, gar nichts. Da war gar keine Aussicht, als den Weg nach Hause zu Fuß anzutreten. Das habe ich also getan. Diese Fußwanderung hat zwanzig Tage gedauert. Ich bin, glaube ich, am 31. März abmarschiert und kam am 19. April nach meiner Erinnerung morgens in Warendorf an.

Ich bin zweimal sehr bedroht worden von ehemaligen Kriegsgefangenen. Einmal von Polen auf einsamer Rheinstraße nach Assmannshausen, die wahrscheinlich durch ihre miesen Erlebnisse in der Gefangenschaft so wuterfüllt waren, dass sie mich lynchen und dann wahrscheinlich in den Rhein schmeißen wollten. Es war jedenfalls höchstgefährlich. Ich konnte mich dann auch mit denen nicht weiter verständigen, die glaubten mir nichts. Zum Glück oder aus Zufall – ich weiß nicht, ob es den Zufall gibt, ich glaube nicht daran – kam ein Konvoi mit amerikanischen schwarzen Soldaten. Die Polen stellten sich an den Straßenrand und jubelten denen zu. Und ich habe mich daneben gestellt und mitgejubelt [lacht]. Und da waren die Polen auf einmal um 180 Grad gedreht. Sie sahen, dass ich nun kein Nazi sein konnte, wie ich so den Amis da so zujubelte. Da war alles in Ordnung. Ich hatte auf meinem Rücken einen Karton mit Lebensmitteln für unterwegs und mit allen möglichen Sachen meiner Habe geschnallt; mein kleines, grünes Lackköfferchen hatte ich auch immer noch, von meiner Mutter. Wo es geblieben ist, weiß ich nicht (ganz unmöglich aus heutiger Sicht). Da boten sie mir sogar Zigaretten an, da habe ich gesagt: „Wisst Ihr was? Ich habe auch noch Zigaretten.“ Die hatte ich von der Plünderung in Frankfurt. Die wollte ich ihnen geben. – „Nein, nein, nein“, die wollten sie gar nicht. Da waren sie auf einmal nichts als Freunde. So bin ich aus dieser heiklen Situation ganz gut heraus gekommen.

Die zweite Situation war viel später, als ich durch das Sauerland zog, und zwar von Meschede aus, über den Stimmstamm. Ich wurde gewarnt, da herüber zu gehen, weil der ganze Stimmstamm, das ist ein Berg, voller russischer Kriegsgefangener läge, die jedem Deutschen die Gurgel durchschneiden würden. Das war damals ja tatsächlich nicht ganz unwahrscheinlich. Was sollte ich machen? Ich hatte keine Lust, große Umwege zu gehen. Ich dachte: „Geh mal los. Das wird schon nicht so dolle sein.“ Na, von wegen. Es war ja wirklich ein sehr warmer Frühling. Viele ehemals gefangene Russen lagerten dort im Walde, und sobald ich dort hinkam, mit meinem Paket auf dem Rücken und meinem Köfferchen, da ging das los. Ich habe das immer verglichen mit so einer Gänseherde. Schon als Kind habe ich mich davor gefürchtet. Wie die Gänse auf einmal von allen Seiten auf einen zukamen, es liefen ja welche frei herum, zum Beispiel in Thüringen, und wenn die Gänse einen mit ihren Schnäbeln zerhacken. Jedenfalls war ich nun plötzlich in der Mitte von diesen auf mich bedrohlich zukommenden Russen. Dann habe ich fröhlich gewunken und gesagt: „Hollander, na Huis heen gaan!“ Dann habe ich ein bisschen plattdeutsch, ein bisschen holländisch gesprochen. „Hollander, Hollander!“ Und es ging wie ein Lauffeuer durch das Lager. „Das ist ein Holländer!“ Ach, dann habe ich das also auch hinter mich gebracht [lacht]. Das waren die beiden heiklen Situationen mit ehemaligen Kriegsgefangenen.

Es gab aber auch heikle Situationen mit den Amis, die mich aufgriffen. Das erste Mal war im Westerwald. Da kam ich an einen jungen amerikanischen Offizier, dessen Eltern ursprünglich Deutsche, Deutschstämmige waren, der aber interessiert war, auch deutsch zu lernen. Ich kam mit ihm in ein seltsames, längeres Gespräch. Er versuchte, deutsch zu sprechen; ich versuchte, englisch zu sprechen. Das war ganz lustig. Der stellte mir dann aus Sympathie einen Passierschein aus. Da wurde bescheinigt, dass ich mit Wissen und Billigung der amerikanischen Militärregierung unterwegs wäre, und man möge mich überall durchlassen. Mit dieser Bescheinigung kam ich dann tatsächlich durch alle Wachen. Da passierte gar nichts.

Bis ich bei Bad Fredeburg war. Da zeigte ich auch das Ding vor. Die kassierten das aber und ließen sich auf nichts ein. Ich musste also auf einen Jeep steigen, und der fuhr mich nach Fredeburg in die Stadt. Auf der Treppe stand der Kommandant. Der ließ sich auf nichts ein und hat mich in einen Stollen einsperren lassen. In dem Stollen waren auch andere eingesperrt, ich weiß nicht, was das für Leute waren, da waren auch Frauen, da stand eine Wache davor. Ich war also erst einmal mehr oder weniger inhaftiert. Das kann ja heiter werden. Kein Ausweis, nichts mehr. Was machste? Wir mussten die Nacht auf Stroh schlafen. Dann habe ich es tatsächlich geschafft, am anderen Morgen, ich weiß auch nicht wie, wie schon davor in Kassel, hinter dem Rücken der Wache ganz schnell weg zu schleichen. Ich bin in Richtung Süden gegangen. Ich weiß auch nicht, warum. Es war an dem Tag Markt in Fredeburg. Ein altes Mütterchen aus Gleidorf schleppte ihre Taschen, und ich habe ihr vorgeschlagen, dass ich ihre Taschen zu tragen helfen könnte. Dann müsste sie mich nur bitte bei der Wache als ihren Sohn ausgeben. Das hat sie auch gemacht. Ich war also ihr Sohn und trug Mütterchen die Tasche. So bin ich da durch die Wache gekommen. Man musste sich ja immer etwas Neues einfallen lassen.

Und ich wieder durch die Wälder über die Berge, auf den Höhenweg. Da kamen mir wieder Amis entgegen. Die hatten damals dieses blütendweiße Weißbrot, was ja eigentlich gar nichts taugt, nahrungsmäßig, aber das war für uns etwas Großartiges, so etwas hatten wir ja jahrelang nicht gehabt, so etwas. Und ich habe so etwas gefunden. Ich biss gerade kräftig in so ein Weißbrot hinein, als da wieder die Amis waren. Nun dachte ich mir: „Du machst die Flucht nach vorne.“ Und ich sagte: „Das ist tolles Brot. Damit kann man den Krieg wohl gewinnen.“ Und solche Sprüche. Das fanden die lustig und haben mich durchgelassen. Das war, glaube ich, das letzte gefährliche Hindernis.

Kurz vor Warendorf, bei Westkirchen, hat mich ein Bauer mit seinem Pferdefuhrwerk ein Stückchen Weges mitgenommen. Das war die einzige, kurze Strecke auf meiner langen Wanderung, die ich gefahren bin. Sonst bin ich gelaufen. Ich kam in Warendorf an, und dann kam wieder eine heikle Situation, denn die Militärregierung beorderte an einem Tag alle Männer auf den Marktplatz, um ihnen einen Passierschein oder Ausweis zu geben; das müsse jeder haben, sonst käme er in Gefangenschaft. Die sind dann alle arglos dahin geströmt. Ich sagte: „Da gehe ich nicht hin!“ Meine Mutter meinte: „Das musst Du! Da musst Du hingehen!“ Und ich: „Nee, das tue ich nicht!“ Die sind also reihenweise auf Lastwagen geladen und ab in französische oder belgische Bergwerke transportiert worden. Und oft jahrelang weg gewesen. Ein Nachbar von uns, Jürgens hieß er, Fahrradhändler, ist zwei Jahre lang weg geblieben und musste in einem Bergwerk schuften. Danach war nie wieder von dem Schein, den angeblich jeder haben musste, die Rede gewesen. Die haben also einmal abkassiert da, und dann war das vorbei.

Dann habe ich mich dem amerikanischen „Überfallkommando“ zur Verfügung gestellt. Als Dolmetscher. Soviel Englisch konnte ich. „Überfallkommando“ deswegen, weil die ehemaligen Kriegsgefangenen, hauptsächlich Russen und Polen herum streunten, so war es ja, die hatten ja keine Bleibe. Was blieb ihnen anderes übrig zum Überleben? Für sie sorgte zunächst ja niemand. Sie haben also nachts Bauernhöfe überfallen und da abkassiert, und wenn Bauern Widerstand leisteten, haben sie diese auch schon mal erschossen. Das ist zum Beispiel in Augustin Wibbelts Nachbarschaft in Vorhelm passiert. Da ist ein Verwandter von ihm überfallen und – ich glaube, es waren Polen – erschossen worden. Und da habe ich mit den Amis gearbeitet. Und das Nachbarstöchterchen Lore, die mochte ich so gerne, die habe ich dann mitgenommen, das war dann natürlich für die Amis auch eine schöne Sache [lacht]. Da fuhren wir los zu irgendwelchen Bauernhöfen, klopften die Bauern heraus, und die machten gerne auf. Die Bauern tischten auf, Schinken, Butterbrote, Eier und was es damals alles so gab, das war für uns märchenhaft nach diesen Jahren des Darbens. Hunger wäre zuviel gesagt. Die Amis spendierten Zigaretten und vielleicht abends auch etwas zum Trinken, das weiß ich nicht mehr. Da haben wir so die Nächte verbracht.

Das war der Mai 1945, ein wunderschöner Monat. Herrliche Mainächte. Das habe ich also genossen. Ich bin mit den Amis losgefahren, wir haben Russen und Polen gefangen, die kamen dann ins Gefängnis, ins Rathaus.

Und am anderen Tag ließ man sie wieder laufen. So war das.

Bernd Drücke: Bis kurz vor Kriegsende wurden Wehrmachtsdeserteure hingerichtet. Für Hitler waren sie die Staatsfeinde Nummer eins. „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben“, lautete sein Befehl. Nach dem Krieg war „Deserteur“ für viele Deutsche immer noch ein Schimpfwort. Deserteure wurden oft als „Volksschädlinge“ diffamiert. Auch Du wurdest nach Veröffentlichung Deines Buches „Ich war Deserteur“ (6) als „Vaterlandsverräter“ beschimpft.

Rainer Schepper: Richtig, richtig. Mein Bericht ist sehr viel später erschienen; ich habe ihn erst 50 Jahre nach Kriegsende verfasst, aus meiner Erinnerung. Ich habe dann auch Vorträge in vielen Orten, Städten, Dörfern, in Volkshochschulen oder Lokalen gehalten. Und dann wurde ich oft übelst angegriffen, von Zuhörern als „Vaterlandsverräter“, als „Feigling“, als „Drückeberger“, als „unkameradschaftlich“ beschimpft, als einer, der seine Kameraden ins Feuer habe laufen lassen und sich selbst entzogen hätte. Heiße Diskussionen und übelste Angriffe, damals noch, lange nach Kriegsende.

Bernd Drücke: In Deinem „Lebensreport“ schreibst Du auch viel über Deine Kindheit und die starke katholizistische Prägung. Du bist dann erst mit 43 Jahren aus der Kirche ausgetreten?

Rainer Schepper: Ja, vorher ging es nicht.

Bernd Drücke: Das würde mich interessieren, wie dieser Ablösungsprozess vom Katholizismus stattgefunden hat?

Rainer Schepper: Das ist natürlich nicht von heute auf morgen gewesen. Das ist ein langer Ablöseprozess gewesen. Was mich zunächst beunruhigt, gequält oder als Problem beschäftigt hat, das war das Leiden in der Tierwelt. Also, wie kann ein allgerechter, allgütiger, allmächtiger Gott Tiere so leiden lassen? Warum das Leid in der Tierwelt? Noch dazu das Leid der Menschen. Unter dem Kreuz Christi. All diese Geschichten. Das habe ich damals noch akzeptiert. Aber ich konnte mich nicht damit zufrieden geben, dass Tiere leiden, unschuldige Tiere. Und dass sie noch zusätzlich vom Menschen gequält werden. Und das wird dann noch von der Kirche abgesegnet. Das war der Ansatzpunkt. Und dann ging das natürlich immer so weiter. Ich habe die Bibel nochmal sehr sorgfältig gelesen und die vielen Widersprüche darin gesehen, die ungeheuren Blutrünstigkeiten des sogenannten Alten Testaments. Dieser von Blut triefende, blutsaufende Gott, ‚tschuldigung, war bald für mich ein Ungeheuer. (7) So kam schrittweise der Denkprozess, ein kritisches Überlegen und durch Lesen diese innere Ablösung von der Kirche zustande, von der ich mich auch äußerlich schon viel eher getrennt hätte, wenn das nicht zur Folge gehabt haben würde, dass ich Münster hätte verlassen müssen. Es gab damals, ich war ja Lehrer, in Münster nur Bekenntnisschulen. Und zu Bekenntnisschulen gibt es ja inzwischen ein ganz neues Urteil, ganz interessant, das kennst Du bestimmt.

Bernd Drücke: Ja.

Rainer Schepper: Jedenfalls hätte ich also Münster verlassen müssen, um an einer Gemeinschaftsschule tätig zu sein. Und ich wollte nicht aus Münster heraus, aus verschiedenen Gründen. Ich bin hier durch die Mundart, durch die Sprache, durch die Dichtung, durch den westfälischen Mundartdichter Augustin Wibbelt und andere Dinge eigentlich verwurzelt, wenn man das so nennen soll, beheimatet, und ich hatte hier meine Wiese, auf der ich grasen konnte [lacht]. Ich hielt Vorträge mit plattdeutschen, niederdeutschen Texten, landauf, landab. Das ging nachher bis nach Flensburg rauf. Ich konnte also erst offiziell aus der Kirche austreten, nachdem es in Münster eine Gemeinschaftsschule gab. Es sei denn, wie gesagt, dass ich Münster verlassen hätte. Solange habe ich dann warten müssen, und das war 1970. Dann habe ich es sofort gemacht, und dann kam natürlich auch sofort die Reaktion. Ich habe es zwar nicht an die große Glocke gehängt. Aber es sickerte durch. Entsprechend setzte ein Kesseltreiben, auch auf beruflichem Gebiet, gegen mich ein, das dann schließlich zu meiner vorzeitigen, von mir selber initiierten Pensionierung geführt hat. Ich bin mit 51 Jahren, das war eine ganz hübsche Sache, aus der Schule raus gegangen, mit Ruhegehalt. Das war zwar reduziert, aber ich konnte es durch Vorträge im Fernsehen und Rundfunk, durch Bücherschreiberei und Journalismus aufbessern. Ich hatte mehr als meine Kollegen. Das war schon goldrichtig.

Euronews-Beitrag vom 11. 1. 2018 zu Minderjährigen in der Bundeswehr – Quelle: Youtube

Bernd Drücke: Heute erleben wir eine Zeit, wo finstere Geister wieder stärker zum Vorschein kommen. Rechtsnationalismus und faschistische Bewegungen haben weltweit Zulauf. Zudem erleben wir auch in Deutschland eine Remilitarisierung. Der deutsche Militäretat soll in den nächsten Jahren peu à peu auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, also 80 Milliarden Euro jährlich, erhöht werden. Die Bundeswehr soll von derzeit 180.000 bis 2025 auf 203.000 Soldaten anwachsen. Es gibt heute so viele minderjährige Soldaten beim Bund wie noch nie. Das ist eine traurige Entwicklung. Seit der Aussetzung der „Wehrpflicht“ 2011 hat die Armee mehr als 10.000 Minderjährige rekrutiert, allein 2017 waren es 2126. UNICEF definiert alle Soldaten unter 18 Jahren als Kindersoldaten. Was würdest Du den jungen Leuten sagen, die an den Schulen rekrutiert werden und sich freiwillig bei der Bundeswehr melden?

Rainer Schepper: Freiwillig?

Bernd Drücke: Ja, das sind alles Freiwillige. Die Bundeswehr ist ja seit Aussetzen der „Wehrpflicht“ eine reine Freiwilligen- und Berufsarmee.

Rainer Schepper: Ja? Bescherbelt! Was soll ich denen sagen? [beide lachen] Haben die denn keine Vorstellung?! Man muss doch mal nachdenken, was man tut. Ich bin doch für das, was ich tue, selber verantwortlich. Ist doch jeder. Das ist doch klar. Schon als Kind ist man das. Jeder auf seiner Ebene, auf seiner Stufe. Ich kann ja auch nicht das machen, was ich will. Irgendwo sind Grenzen. Natürlich sind auch im Denken Grenzen. Wir erleben doch überall das gleiche. Die ganze Geschichte durch. Da dürfen wir uns auch keine Illusionen machen. Natürlich betrachte ich diese Entwicklungen mit großer Sorge. Aber was nutzt das alles? Wir waren doch im Großen und Ganzen, also nach dem Krieg, alle froh, dass jetzt Frieden ist. Frie-den, das ist ja märchenhaft. Und dann gab es wieder etwas zu essen. Dann kam die Währungsreform. Und dann hatte man wieder etwas, und man konnte wieder etwas, und jetzt ging es los. Jetzt ging der Wohlstand los, jetzt kriegte man die Schnauze nicht voll, jetzt muss jeder den größten und dicksten Wagen fahren, jetzt fing der ganze Scheiß wieder von vorne an. „Ich, ich, ich, ich komme zuerst.“ Ist das gesellschaftliches Denken? Ist das Ethos? Also, ich finde, das ist keine schöne Entwicklung. Ich überlege auch die ganze Zeit, was ich dazu sagen müsste. Aber wo gibt es denn erfreuliche Entwicklungen? Wenn ich hier die Lokalzeitung aufschlage, die Todesanzeigen sind noch beim Durchblättern das Interessanteste [lacht], denke ich, dass es doch geradezu faschistoid ist, was man da liest. Was soll ich dazu viel sagen? Ich finde die Entwicklungen höchst bedauerlich und traurig. Was soll ich den jungen Leuten und Kindern heute sagen?

Bernd Drücke: Bedient Euch Eures Verstandes und widersetzt Euch.

Rainer Schepper: Ja, das A und O. Das A und O ist eine saubere Ethik. Und was ist Ethik? Ethik ist nichts anderes als der sogenannte Rechtsgüterschutz. Das kann das kleine Kind schon lernen. Das braucht nicht beten zu lernen und „Lieber Gott, mach mich fromm“, sondern: Da bist Du, und da bin ich. So. Da sind Deine Rechte, das ist Dein Bezirk. Und da sind meine Rechte, da ist mein Bezirk. Wichtig ist, dass kein Übergriff geschieht. Weder Du – das Kind oder wer auch immer – noch ich greifst, greife in den Bezirk des anderen ein. Jeder hat seine eigenen Rechte, natürlich auch seine eigenen Pflichten. Das war‘s. Das ist der Rechtsgüterschutz. Nichts anderes brauchen wir. Dann müsste es funktionieren.

Bernd Drücke: … und die Solidarität.

Rainer Schepper: Ja, natürlich. Das war‘s aber auch. Das ist es aber auch. Ich habe früher einmal meiner Geliebten gesagt: „Das Erste ist: I am I, das heißt: ich bin ich.“ Ich habe ein hohes Selbstverständnis. Da kann so leicht keiner dran ticken. Und, nebenbei gesagt: Eifersucht finde ich eine schreckliche Geschichte, finde ich idiotisch. Eifersucht ist erstens Minderwertigkeitsgefühl, das heißt, dass ich nur eifersüchtig sein kann, wenn ich meine, dass der andere mehr wert ist als ich; und zweitens Besitzanspruch, das ist auch ein Übergriff. Also, Eifersucht ist ethisch wertlos und abzulehnen. Aber ich wollte eigentlich etwas anderes sagen. Was war das denn gerade?

Bernd Drücke: Zur Solidarität? Zur Gegenseitigen Hilfe?

Rainer Schepper: Ja. Richtig. Solidarität. Die ergibt sich aus dem ethischen Verständnis, ganz klar. Mich einbegriffen, selbstverständlich. Das habe ich nie anders verstanden.

Bernd Drücke: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Anmerkungen:

1) Rainer Schepper: Ich war Deserteur. Reminiszenzen aus dem Jahre 1945, agenda Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-89688-386-5. Eine kürzere Version erschien als Artikel von Rainer Schepper unter gleichem Titel bereits im Mai 2000 in der Graswurzelrevolution Nr. 249, Seite 7

2) Siehe dazu: Rainer Schepper: Lebensreport, Elsinor und Longinus, Coesfeld 2016, ISBN 978-3-945113-10-3

3) Das Interview mit Rainer Schepper wurde am 12. November 2018 von Bernd Drücke geführt. Lothar Hill von MünsterTube hat das Gespräch gefilmt und einen Mitschnitt auf https://youtu.be/J5Ls_AfrAcE dokumentiert. Detlef Lorber (VVN/BdA) hat das Interview für „Antenne Antifa“ aufgenommen. Teile daraus werden voraussichtlich im Januar 2019 als Radiosendung im Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz.)ausgestrahlt und anschließend hier dokumentiert: https://www.nrwision.de/mediathek/sendungen/antenne-antifa/

4) Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Schepper

5) Rainer Schepper (Hrsg.): Erinnerungen aus zwei Weltkriegen. Teil I: Kriegserinnerungen 1914-18 der Rote-Kreuz-Schwester Tine Schulte-Lippern. Teil II: Ich war Deserteur. Reminiszenzen aus dem Jahre 1945 von Rainer Schepper, Elsinor und Longinus, Coesfeld 2015, ISBN 978-3-945113-06-6

6) Siehe: Ein Deserteur lehrt uns Gedächtnis. Rainer Schepper erinnert an seine Fahnenflucht, Rezension von Bernd Drücke, in: Graswurzelrevolution Nr. 352 (Libertäre Buchseiten), Oktober 2010, https://www.graswurzel.net/gwr/2010/10/ein-deserteur-lehrt-uns-gedachtnis/

7) Siehe dazu auch: „Das ist Christentum“ Rede von Rainer Schepper zum Militärgottesdienst von Kardinal Meisner auf der Domplatte in Köln am 20.1.2000, in: Graswurzelrevolution Nr. 249, Mai 2000, S. 9

Dies ist ein Beitrag aus der monatlich erscheinenden Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier