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Eine zweischneidige Waffe – graswurzelrevolution
Buchbesprechung

Eine zweischneidige Waffe

Zwei lehrreiche Bücher beschäftigen sich historisch mit dem Thema Sabotage

| Jochen Knoblauch

Das kleine Sabotage-Handbuch von 1944. Die besten Tricks des amerikanischen Geheimdienstes im Kampf gegen Hitler. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2018, 110 Seiten, 8 Euro

Elizabeth Gurley Flynn: Sabotage. Die bewusste Verringerung industrieller Effizienz. Verlag dialog-edition & trikont-Duisburg, Duisburg/Istanbul 2016, 56 Seiten, 8 Euro, ISBN 978-3-945634-14-1

Was immer sich die Programm-Chefs des Rowohlt-Taschenbuch Verlages so dabei gedacht haben, bleibt deren Geheimnis. Aber 73 Jahre nach Kriegsende „Das kleine Sabotage-Handbuch von 1944“ zu veröffentlichen, scheint mir doch ein recht subversiver Akt zu sein, selbst wenn er unbewusst war. Und so sehr sich Anarchist*innen über ein solches Handbuch freuen könnten, so zwiespältig bis fad ist der Nachgeschmack dieser Lektüre.

Das Buch bleibt heute – nicht nur aufgrund einer veränderten technischen Welt – harmlos, wenn es etwa um Sabotage der „Telegraphie“ geht usw. Das Nachwort von Kathrin Passig demonstriert eine bildhafte Belanglosigkeit. Zum einen ist es verwunderlich, dass dieses Handbuch erst 2008 in Amerika für die Öffentlichkeit freigegeben wurde. Auf der anderen Seite wundert es einen, dass die Amerikaner erst 1944 (!) zur Sabotage der deutschen Wirtschaft aufriefen, und sich ein Unterstützerheer von „Bürgersaboteuren“ herbei wünschten.

Neben dem üblichen Sabotieren von Maschinen durch falsche Behandlung etc. gibt es Tipps etwa wie: „Arbeiten Sie langsam“ oder „Wenn möglich, schließen Sie sich einem Betriebsrat an oder gründen Sie selbst einen“ oder auch: „Wenn Sie mal müssen, bleiben Sie etwas länger auf dem Klo.“ Aber der Gipfel ist unter der Überschrift „Zur Sachbeschädigung ermutigen“: „Sofern die Umstände es erlauben, sollte dem Saboteur vermittelt werden, dass er in Notwehr gegen den Feind handelt beziehungsweise Vergeltung für dessen zerstörerische Taten übt. Ein gesundes Maß Humor beim Vorstellen der Möglichkeiten zu einfacher Sabotage wird helfen, ihm die Angst davor zu nehmen.“ Dies könnte auch aus einem Flugblatt der Spaßguerilla aus den 1970er, 80er Jahre stammen, aber aus dem Mund des CIA-Vorläufers, dem Office of Strategic Services (O.S.S.) klingt es doch ein wenig befremdlich.

Im Nachwort gibt es allerdings kein einziges Wort zur historischen Situation in Nazideutschland, kein Wort zu den 10.000en – zum Teil zum Tode verurteilten – ZivilistInnen und Armeeangehörigen, die bereits vor den amerikanischen Tipps aktiv Widerstand geleistet haben. Es drängt sich auch die Frage auf, wer überhaupt dieses so hoch geheime Papier in Deutschland 1944 zu Gesicht bekommen hat? Dafür blickt Frau Passig in das heutige Amerika, wo „Sabotage“ anscheinend zum „Volkssport“ verkommt, weil dort überall in der Arbeitswelt Sabotage als persönliche Missfallenskundgebung gegen die Firma, gegen den Vorgesetzten etc. betrieben wird. Sabotage ist hier also weder ein Mittel des allgemeinen Arbeitskampfes noch eine Hoffnung darauf, falls die AfD demnächst den Bundeskanzler stellt (was hoffentlich nie geschehen wird).

Das „Handbuch“, ein kleines, niedliches Büchlein, zu konspirativen Zwecken auf das Format von 10,5 x 17 cm runter kopiert und vorsichtshalber zweisprachig, mag auch heute noch den einen oder anderen Tipp bereithalten, aber ansonsten eher ein müdes Lächeln hervorrufen. Ich weiß allerdings nicht, was passiert wäre, wenn ein kleiner linker Verlag den Text veröffentlicht hätte, ob da nicht gleich wieder der Staatsanwalt auf der Matte gestanden hätte.

Ein ganz anderer Gewinn kann aus dem Pamphlet „Sabotage – Die bewusste Verringerung industrieller Effizienz“ von Elizabeth Gurley Flynn von 1916 gezogen werden. Diese bringt uns nicht nur die in Deutschland recht unbekannte IWW-Aktivistin Flynn näher, die bereits mit 16 Jahren in der US-amerikanischen Arbeiter*innen-Bewegung aktiv und mit Emma Goldman befreundet war, sondern stellt die Sabotage hier als eine zweischneidige Waffe dar.

Die Sabotage als Kampfmittel der Arbeiterklasse wird vor dem Hintergrund großer Streiks in den USA als notwendig angesehen – was nicht ganz ungefährlich war, haben doch damalige Gerichte bereits Aufrufe zur Sabotage mit Gefängnis bestraft. Trotzdem lesen sich die Beispiele als recht „lustige“ Geschichten. Interessant allerdings ist auch der Blick von Flynn auf die Sabotage der Fabrikbesitzer, die ganz bewusst den Arbeiter*innen schlechtes Arbeitsmaterial zur Verfügung stellen, um minderwertigere Waren herzustellen (was gegen die „Ehre“ der Arbeiter*innen ging). Heute ist es längst ein Geschäftsmodell, billige Verschleißteile etwa in Waschmaschinen einzubauen, damit diese keine zehn Jahre mehr halten, sondern eben schneller kaputt gehen. Dies lässt sich heute auf fast alle Industrieprodukte anwenden. Sabotage ist und bleibt eine zweischneidige Waffe, ein legitimes Mittel in Arbeitskämpfen sowie in Zeiten staatlicher Repressionen oder des Krieges. Aber die Tatsache, dass die Sabotage ein Mittel ist, welches von allen benutzt werden kann, zeigt deutlich, dass sie als Kampfmittel hinterfragt und gut begründet werden muss. Letztlich bleibt die Sabotage als Kampfmittel aktuell, nur die Handbücher dazu müssten mal auf den neuesten Stand gebracht werden.

Jochen Knoblauch