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Skepsis, Mystik und Anarchie – graswurzelrevolution

Skepsis, Mystik und Anarchie

Rückblick auf die Gedenkveranstaltung anlässlich des 100. Todestages Gustav Landauers in München am 2. Mai 2019

| Dr. Siegbert Wolf

Die beiden Protagonisten der Landauer Sprach- und Musikperformance „Die Trommel passt sich zornig an“, Jörg Fischer (Trommler) und Jaap Achterberg (Sprecher), auf dem Waldfriedhof München am 2. Mai 2019. Foto: Birgit Seemann

Anlässlich des 100. Todestages des von gegenrevolutionären Soldaten ermordeten Anarchisten Gustav Landauer (7. April 1870 Karlsruhe – 2. Mai 1919 München-Stadelheim) fand im Rahmen der Revolutionswerkstatt „100 Jahre Bairische Revolution und Räterepublik“ und in Zusammenarbeit mit dem Plenum R am 2. Mai 2019 auf dem Alten Teil des Münchner Waldfriedhofs am Gustav Landauer-Denkmal eine eindrucksvolle Gedenkveranstaltung statt.

Nach Ansprachen des Münchner Stadtrats Thomas Ranft und des Historikers Dr. Siegbert Wolf, Herausgeber der Werke Landauers, sowie einführenden Worten des Radiokünstlers, Journalisten und Religionswissenschaftlers Reto Friedmann folgte die gelungene Premiere der Musik- und Theaterperformance „Die Trommel passt sich zornig an“ zum kommunitären Anarchismus des Kultur- und Sozialphilosophen, (Anti-)Politikers und Initiators zahlreicher freiheitlich-sozialistischer Projekte Gustav Landauer von und mit Jaap Achterberg (Sprecher, Sänger), Jörg Fischer (Trommel), Reto Friedmann (Text), Oliver Augst (Komposition) und Dr. Siegbert Wolf (wissenschaftliche Begleitung).

Seit der feierlichen Einweihung der Gedenkstele für Gustav Landauer im Juni 2017 auf dem Münchner Waldfriedhof, Gräberfeld 95 (die GWR berichtete), besteht wieder ein bedeutender Erinnerungsort (nicht nur) für die libertäre Bewegung. Die freistehende, über 2,50 Meter hohe Stele aus gebürstetem Lavabasalt symbolisiert die Beharrlichkeit, mit der sich Landauer für eine Gesellschaft gleicher und freier Menschen engagiert hat. Der Stein ist in der Mitte in zwei Hälften gespalten, um dem Betrachter den gewaltsamen Tod Landauers plastisch vor Augen zu führen. Die beiden Stelenhälften sind mit einer blauen Glasplatte verbunden, die die Inschrift, ein Zitat aus Landauers programmatischen Hauptwerk „Aufruf zum Sozialismus“ (1911), trägt: „Jetzt gilt es noch Opfer anderer Art zu bringen[,] nicht heroische[,] sondern stille[,] unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben ein Beispiel zu geben.“ Die Wegseite der Stele ist zusätzlich mit wichtigen Lebensdaten versehen:

Gustav Landauer/Geboren Am/7. April 1870/Schriftsteller/Und Politiker/Theoretiker/Und Aktivist Des/Anarchistischen/Sozialismus/Gegner Des/Militarismus/Mitglied Der/Münchner/Räteregierung/1919/Wurde Am/2. Mai 1919/In Stadelheim/Brutal Ermordet“.

II.

Im Prozess einer anarchistischen Transformation der Gesellschaft wies Gustav Landauer der Kunst eine richtungsweisende Bedeutung zu. Vor allem der Lyriker ist für ihn „ein ewiger Empörer, ein Prophet, der an vermeintlich Festgefügtem zu rütteln vermag. Visionen für eine bessere Welt scheinen für Landauer in den präzisen Unschärfen der Poesie auf. An der Stelle, wo sich Sprache und Musik treffen, entsteht nach seiner Ansicht eine zukünftige Sprache, die Voraussetzung ist, um Neues zu denken.“ (1)

Da Dichtung und poetische Ausdrucksformen für Landauer keinen Anspruch auf objektive Wahrheit erheben, eröffnen sie die Möglichkeit, die zerrissene Verbindung der Menschen mit der Welt (wieder) herzustellen. Die nachhaltige Bedeutung, die er zur Erlangung einer kommunitären, freiheitlichen und gerechten Gesellschaft gerade der Kunst zuschreibt, ist nicht zu übersehen. Um die Dissonanz von ,Welt‘ und Individuum aufzuheben, verfüge der Mensch über den Bereich der Kunst – Theater, Poesie, Musik, Malerei.

Was Landauer suchte, waren Menschen mit freiem Geist und freiem Willen, um die Wirklichkeit neu zu gestalten. Seine Konzeption eines kommunitär-föderalistischen Anarchismus zielt auf die Regeneration der Welt und die Schaffung völlig neuer sozialer Arrangements im Verhältnis der Menschen und der Natur. Sie beruht zugleich auf dem Wissen, dass dies nur mit denjenigen Menschen möglich ist, die den ‚langen Atem’ zur sozialen Aktion, zur grundlegenden Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse in Freiheit, Gleichheit und Vielfalt entwickeln.

Ausgehend von der Sprachkritik seines Freundes Fritz Mauthner ist für Landauer die Zerstörung der Sprache grundlegende Voraussetzung zur Schaffung einer kommunitären Gemeinschaft, weil die „erstarrte Begrifflichkeit dem Zugang zur Wirklichkeit nicht förderlich sei“. (2) Der Weg führt, in Anlehnung an den spätmittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart, zunächst in eine „schweigende Innerlichkeit und schließlich zur Welt schöpfenden Musik.“ (3)

Für Landauer ist die Welt nur ein Bild und die Sprache kein selbständiges ,Geistgebilde‘. Die Sinnesorgane und vor allem die Sprache wirken hinsichtlich der Welt als Filter, die den ursprünglichen Reichtum der Welt und der Natur gar nicht oder kaum erkennen lassen. Landauer war nicht bereit, sich mit der Erkenntnis einer Sprachlosigkeit der Welt abzufinden. Im Sinne „Die Welt will werden“ suchte er nach Möglichkeiten zur Neugestaltung und nutzte die Sprachkritik zur gesellschaftlichen Befreiung. Symbolisiert Sprache Erstarrung, so ist die Welt für ihn „nur ein einzig-einiger ewiger Strom, der vom Unendlichen zum Unendlichen strömt.“ (4)

Die Welt neu zu entdecken, führe über die Welt des Individuums. Wiederhergestellt werden soll die Einheit von Ich und Welt. Dazu bedarf es der Befreiung von der „Tyrannei der Sprache“. Seinem Freund Fritz Mauthner offenbarte er: „Gewiss ist Sprachkritik untrennbar zu dem gehörig, was ich meinen Anarchismus und Sozialismus nenne, und ich wüsste auch nicht, wie es anders sein kann.“ (5) Vor allem Gemeinschaftserfahrungen mittels der Musik, der Kunst und des Theaters eröffnen, so Landauer, die Chance, der Sprache einen neuen Sinn abzuringen zur Schaffung von Welt.

III.

Die Gustav Landauer gewidmete Sprach- und Musikperformance „Die Trommel passt sich zornig an“ besteht aus drei Akten: Zerstörung der Sprache, Kontemplative Innerlichkeit und dynamische Neukonstruktion. Dem Trommler (Jörg Fischer) ist nur ein Sprecher (Jaap Achterberg) mit Mikrofon zur Seite gestellt.

Inhaltlich handelt das Hörspiel von der Trommel. Die Trommel als Material, Klangkörper, Musikinstrument, Ausführer und Sender, als „snare drum“, also eine Trommel mit Schnarrsaiten, gibt den Takt an. Das gesellschaftskritische Moment dabei ist die Verweigerung von geordneter, harmonischer Musik, Gewohnheit und Konventionen. Interessant seien vielmehr, so der Trommler Jörg Fischer, „stark geräuschhafte Hörangebote: Welche Klangeigenschaften stecken in der Snare als physikalischem Gerät?“ (6)

Der erste Schritt zur Text- und Musikentwicklung bezieht sich auf die bereits erwähnte Zerstörung der Begrifflichkeit der Sprache. Vorstellen sollen wir uns, wie der Zerfall der Sprache und damit die sich auflösende Vorstellung von Welt auf uns wirkt, um uns „mit Hilfe des entsetzlich zugerichteten Materials neue Fragen zu stellen.“ (7) Aufgeworfen werden Fragen an das Leben und Zusammenleben überhaupt. Da Sprache und Musik für Landauer in einem beziehungsreichen Spannungsbogen miteinander verbunden sind, wird diese Spannung auch in „Die Trommel passt sich zornig an“ erzeugt, indem sich Sprecher und Trommelspieler in eine konfliktgeladene Beziehung verstricken: „Der Trommler nimmt mit dem Trommler Kontakt auf, nähert sich ihm an, prallt ab, stößt ihn ebenfalls ab, flüchtet, trotzt und umgarnt den autistisch spielenden Spielgenossen. Sie kommen sich zunächst nicht näher.“ (8)

Schließlich führt der zweite Schritt von „Die Trommel passt sich zornig an“ in die kontemplative Innerlichkeit. Während eines Gefängnisaufenthaltes 1899/1900 übersetzte der nichtreligiöse Jude Landauer Predigten des christlichen Mystikers Meister Eckhart aus dem Mittelhochdeutschen ins moderne Deutsch. Was Landauer vor allem für Eckhart begeisterte, betraf dessen „mystisches Konzept der Absonderung zur innerlichen Gotteserfahrung mit dem Ziel der Einswerdung von Mensch und Gott. Landauer säkularisiert diesen Gedanken, indem er den Kosmos an die Stelle von Gott setzt.“ (9) Da sich im Innern des Menschen „Wirklichkeit nichtsprachlich direkt“ abbilde, „könne der Mensch über die Gefühle zu einer Einheit mit dem Kosmos“ bzw. der Welt gelangen. (10)

Die bisweilen kontemplative Begegnung zwischen Sprecher und Trommelspieler transformiert die Trommel von einem Instrument und Zweck, zu einem Gegenstand der Betrachtung. Während die ersten Akte einem kompositorischen Rahmen folgen, steht der dritte, „Dynamische Neukonstruktion“ genannte Akt unter dem Vorzeichen der spontanen Improvisation: „Er zeigt, dass es die Unwiederholbarkeit des klingenden, denkenden, miterlebenden Augenblicks […] ist, der einen Blick über die Horizonte hinaus ermöglichen kann, in diesen unseren utopiearmen Zeiten.“ (11)

Zudem fällt der Sprache im dritten Akt wieder eine größere Bedeutung zu. Denn auch Landauer kommt nicht ohne Sprache aus. „Diese neue Sprache ist jedoch dynamisch poetisch. Sie schafft Neues, indem sie im Gegensatz zur wissenschaftlichen Begrifflichkeit Unschärfen, Paradoxien und Widersprüche zulässt. Das Ziel dieser Sprache ist nicht die Vereinfachung zu einem Begriff, sondern die Öffnung zur Vielfalt. Unterschiedliche Wahrnehmungen werden von Landauer nicht als zu klärendes Defizit, sondern als Reichtum aufgefasst. Aus dieser sprachlichen Neukonstruktion leitet Landauer nun die Schaffung eines neuen, anarchistischen Gesellschaftsmodells ab. Der einzelne Mensch soll die vorgegebenen Begriffe zerstören, durch einen inneren Prozess zu sich kommen und sich mit ähnlich Gesinnten zusammenschließen und selbstverwaltete Produktions- und Lebensgemeinschaften gründen.“ (12)

Im letzten Abschnitt von „Die Trommel passt sich zornig an“ breitet sich „sprachlich-klangliche Differenziertheit und Vielschichtigkeit aus. Wörter und Klänge fransen aus, verschwimmen, transformieren sich, oszillieren zwischen verschiedenen Bildern und werden zum heiteren Spiel,“ (13) ganz im Sinne Gustav Landauers: „Zum Spiele also lade ich nunmehr“ ein. (14)

IV.

Dass Landauers libertärer Entwurf einer grundlegenden Umgestaltung gesellschaftlichen Lebens der Kunst, der Literatur, der Musik und dem Theater eine maßgebende Bedeutung beimaß, gilt es deshalb hervorzuheben, weil er eine ausschließlich politische oder ökonomische Umwälzung der bestehenden Herrschaftsstrukturen mitnichten für ausreichend hielt. Hinzu trat seine grundlegende Skepsis gegenüber so genannten objektiven Wahrheitswerten sowie dem Alleinvertretungsanspruch der Wissenschaft, die sich in seiner Sprach- und Erkenntniskritik abbildet. Dagegen setzte er eine aktivistische Mystik und eine „neue starke Aktion.“ (15)

Neben der Bewusstseins- und Gemeinschaftsbildung komme dem Kunstwerk – auch dem Theater – die Funktion zu, als „ein Medium der Welt und der Gemeinschaft“ eine neue Sprache zur Beförderung der sozialen Revolution zu finden. Zugleich bemühte sich Landauer, auf den sinnlichen Gehalt der Sprache, nämlich als Stimme, zu fokussieren: „Aus den Herzen der einzelnen bricht diese Stimme und dieses unbändige Verlangen in gleicher, in geeinter Weise heraus; und so wird die Wirklichkeit des Neuen geschaffen. Sie wird anders sein, schließlich, als das Ideal war, ihm ähnlich, aber nicht gleich.“ (16)

Landauer verstand seine öffentlichen, frei gehaltenen Vorträge als ein Medium, als eine dialogische Beziehung zwischen dem Autor und seinem Publikum zu kommunitärer Gemeinschaftlichkeit. Kunst ist somit nicht nur ein Ort, in dem die neue Gemeinschaft ‚vorgedacht’ wird, sondern zugleich eine praktische Option, zu befreiendem Handeln zu ermuntern, soziales Miteinander zu erlernen, Orte zu kreieren, in denen ein gewaltfreier, gleichberechtigter Umgang der Menschen untereinander eingeübt werden kann und soll. Diese Haltung Landauers, Kunst, Poesie und Theater mit einem gesellschaftlichen Zweck zu versehen – nämlich die Selbstermächtigung des Menschen – hat er programmatisch wie folgt formuliert: „Die Konsequenz der Dichtung“, der Kunst, des Theaters, der Musik, „ist Revolution, die Revolution, die Aufbau und Regeneration ist, – wer das nicht weiß, dem haben die Dichter nie wirklich gelebt.“ (17)

Dr. Siegbert Wolf

Anmerkungen:

1) Reto Friedmann: Musik- und Sprachperformance zur anarchistischen Utopie Gustav Landauers „Die Trommel passt sich zornig an“ (Pressetext, 2019), S. 3.

2) Ebd.

3) Ebd.; GLAS Bd. 15: Meister Eckharts Mystische Schriften (2019).

4) GLAS Bd. 7: Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluss an Mauthners Sprachkritik (2011), S. 50

5) Gustav Landauer an Fritz Mauthner vom 17.5.1911. (Gustav Landauer Papers, International Institute of Social History, Amsterdam, Inv.-Nr. 94).

6) zit. aus: Anm. 1, S. 4.

7) GLAS Bd. 7: Skepsis und Mystik, S. 98.

8) Anm. 1, S. 4.

9) Ebd.

10) Ebd. S. 5.

11) Hans-Jürgen Linke, Mit der Trommel denken. In: Frankfurter Rundschau vom 09.05.2019, Ausgabe: Deutschlandausgabe - Feuilleton, S. 35. Besprechung der Frankfurter Premiere von „Die Trommel passt sich zornig an“ am 07. Mai 2019 im Gallus Theater.

12) Anm. 1, S. 5.

13) Ebd.

14) GLAS Bd. 7: Skepsis und Mystik, S. 47.

15) GLAS Bd. 7: Skepsis und Mystik, S. 43.

16) GLAS Bd. 11: Aufruf zum Sozialismus. Ein Vortrag (2015), S. 38.

17) Gustav Landauer, Ein Weg deutschen Geistes (1916). In: GLAS Bd. 6.2: Literatur (2013), S. 29.