Ziviler Ungehorsam für eine Welt ohne Atomwaffen

Eine Aktivistin geht ins Gefängnis

| Clara Tempel

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Fotos: JunepA, Anne Lund [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)]; (of code) cs:User:-xfi- [Public domain]; Wikipedia

Am 21. März 2019 sitze ich auf einer kleinen Grünfläche in Hildesheim. Vor mir ein ehemaliges Kloster, heute ein Frauengefängnis, mein „Zuhause“ für die nächste Woche. Um mich herum sind viele Menschen, die Sonne kommt doch noch hinter den Wolken hervor. Ich bin aufgeregt und froh, dass es endlich losgeht. Wir haben lange auf diesen Moment hingearbeitet. Ein junges Mädchen fragt mich, warum ich ins Gefängnis muss.

21. März 2019: Verabschiedung vor dem Haftantritt. Clara und Unterstützer*innen am Frauengefängnis Hildesheim – Foto: JunepA

Ich erzähle von unserer Aktion Zivilen Ungehorsams im Herbst 2016. Wir haben die Startbahn des Atomwaffenlagers Büchel besetzt. Dort wo regelmäßig Soldat_innen für den Atomkrieg üben. Wir haben den Betriebsablauf des Militärgeländes gestört und wurden deshalb wegen Hausfriedensbruch verurteilt. Im Zuge unserer Prozesse haben wir – Menschen von JunepA (Junges Netzwerk für politische Aktionen) und befreundete Aktivist_innen – die Prozesskampagne Wider§pruch gegründet. Gemeinsam haben wir entschieden, dass meine 30 Tagessätze nicht vollkommen bezahlt werden sollen, sondern ich einen Teil davon in einer sogenannten Ersatzfreiheitsstrafe absitze.

Eine halbe Stunde später sind wir auf der anderen Seite des Gefängnisses. Dort ist das Licht gut und im Hintergrund sieht man Nato-Draht. Der NDR, die Hildesheimer Allgemeine und ein paar Radiosender möchten Interviews mit mir machen. Sie fragen mich, warum ich die Entscheidung getroffen habe, die Strafe im Gefängnis abzusitzen.

Ich bin überzeugt davon, dass wir nichts Unrechtes getan haben, als wir uns gegen die Atomwaffen eingesetzt haben. Ich sehe nicht ein, warum ich dafür eine Geldstrafe zahlen sollte – ich habe in Notwehr gehandelt, um meine eigenen Grundrechte gewaltfrei zu verteidigen. Mit meiner Entscheidung, ins Gefängnis zu gehen, möchte ich meiner Aktion Zivilen Ungehorsams Nachdruck verleihen. Außerdem möchte ich Ängste abbauen. Ich bin mir sicher: Wenn wir uns von unserer Angst vor Gerichtsverfahren und Gefängnissen nicht mehr lähmen lassen, können wir die Welt nachhaltig verändern.

Das ist leicht gesagt, aber tatsächlich klopft mein Herz sehr wild, als ich um kurz vor 12 vor der Gefängnispforte von all den Menschen verabschiedet werde. Wochenlang habe ich mich auf diesen Moment vorbereitet. Fast fühlt es sich so an, als würde ich in Aktion gehen: Ich habe meinen Wanderrucksack auf, meine Gitarre in der Hand und Notfallsüßigkeiten im Gepäck. Der Gedanke an eine gemeinsame Aktion tröstet mich: Draußen vor dem Gefängnis gibt es eine Dauermahnwache mit Zelten, Veranstaltungen und Aktionen zum Thema Atomwaffen. Ich gehöre dazu – nur dass mein Platz in dieser Aktion ein paar Meter weiter hinter Gittern ist.

Ich klingel an der Pforte, werde rein gelassen und laufe noch einige Meter neben dem alten Klostergraben zum ersten Aufnahmegebäude. Meine Mitstreiter_innen stehen auf der Brücke, lassen Seifenblasen fliegen und singen für mich. Das ist für mich das letzte Bild der Freiheit – diese wunderschöne, bunte Freiheit – und schon bin ich im Haus verschwunden. Das ist der Beginn von sieben Tagen Knast. Sieben Tage, in denen ich so viel erlebt habe, dass ich in ihnen einen ganzen Kugelschreiber leer geschrieben habe, um davon zu berichten. In jeder freien Minute habe ich Briefe geschrieben und Briefe gelesen. 500 Postkarten und Briefe habe ich in der Zeit bekommen – ein riesiges Geschenk für mich zwischen den kalten Mauern des Gefängnisses.

Der Verlust der Selbstbestimmtheit und die Unfreundlichkeit einiger Wärter_innen waren die größte Herausforderung für mich. Deswegen habe ich versucht, mir meine Selbstbestimmtheit so oft wie möglich zu erkämpfen und gleichzeitig freundlich zu mir selbst zu sein. Dabei hat mir der Satz „Wellbeing is Resistance“ geholfen. Immer wenn ich mir einen Tee gemacht, um eine Kopfschmerztablette gebeten oder mich im Spiegel angelächelt habe, dann wusste ich: Das ist ein Akt des Widerstands in diesem System, das darauf beruht, Menschen unglücklich und handlungsunfähig zu machen.

Eine Woche nach meinem Haftantritt scheint wieder die Sonne. Ich sehe sie durch das kleine Fenster der Übergangszelle, in der ich sitze. Sie ist nicht so eingerichtet wie meine Gefängniszelle (mit Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Fernseher, Klo und Waschbecken), sondern eher wie eine Ausnüchterungszelle. Ich muss hier einige Stunden warten, bis ich entlassen werde. Meine ganzen Sachen wurden mir abgenommen, das einzige, was ich in der Hand habe ist eine Caprisonne „Elfentrunk“. Ich will die Gefängnismauern und dieses klebrige Getränk hinter mir lassen.

Um 20 nach 10 ist es dann soweit: Ich habe das Glück, nach einer Woche das Gefängnis wieder verlassen zu können. Als ich durch die Pforte trete, fühle ich mich ein bisschen so, als wäre ich gerade mit einem Raumschiff gelandet – so eine andere Welt. Ich sage ein paar Worte zu all den Unterstützer_innen, die gekommen sind: Wenn die Last des Tages dich ins Wanken bringt, möge die Erde für dich tanzen, damit du dein Gleichgewicht wiedererlangst.“ Diesen Spruch hat mir jemand ins Gefängnis geschickt. Ich bin so froh, endlich wieder tanzende Erde unter meinen Füßen zu haben. Die Zeit drinnen war schwer. Und gleichzeitig komme ich gestärkt raus. Wie nach einer Aktion: Erschöpft, aber ermutigt. Sicher, das richtige getan zu haben. Gefängnisse können Menschen kaputt machen, sie basieren auf einem System von Überwachung, Gewalt und Angst. Und deswegen gehören Gefängnisse abgeschafft. Aber ich hatte das große Privileg, selbstbestimmt entscheiden zu können, ob ich ins Gefängnis gehe. Ich hatte unzählige Unterstützer_innen und die Prozesskampagne Wider§pruch, die mir den Rücken gestärkt hat. Und ich hatte eine starke innere Überzeugung, die mich durch diese Zeit getragen hat: dass dies – drinnen wie draußen – eine notwendige Aktion im Kampf gegen die Atomwaffen ist. Die Zeit im Gefängnis hat mir noch einmal mehr gezeigt, dass es gemeinsamen Ungehorsam braucht, um eine freie und solidarische Welt zu schaffen.

Clara Tempel

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.