Interview

Schlachthausarbeit – Töten im Akkord

Marcel Sebastian über die Gefühle von Schlachthausarbeitern, systematische Probleme der Fleischbranche und die moralische Relevanz von Tieren

| Interview: Renate Brucker

Beitragschlachthaus
Marcel Sebastian - Foto: privat, Symbolbild "inside slaughterhouse" via flickr.com: Animal Freedom (CC BY 2.0)

Renate Brucker sprach für die GWR mit dem Soziologen Marcel Sebastian über seine Forschung.

Graswurzelrevolution (GWR): Das Töten von Tieren, besonders auch das Schlachten zu Ernährungszwecken, war im gewaltfreien Anarchismus immer schon ein Thema, ein Beispiel ist Tolstois Besuch des Schlachthauses in Tula. Im Internationalen Sozialistischen Kampfbund waren die Mitglieder zu einem Schlachthofbesuch und zur vegetarischen Lebensweise verpflichtet. Du hast dieses Thema wiederaufgegriffen. Was war Deine Motivation?

Marcel Sebastian: Die Mensch-Tier-Beziehung gehört zu meinen Forschungsschwerpunkten. Das Schlachten ist ein zentraler Bestandteil der gesellschaftlichen Beziehungen zu Tieren, wird aber nur selten untersucht. Dabei haben mich insbesondere die Akteure interessiert, die am Schlachten beteiligt sind: Wie nehmen sie ihre Arbeit wahr, wie gehen sie mit ihr um, wie nehmen sie die öffentlichen Diskussionen über die Schlachthofarbeit wahr?

GWR: Wie bist du bei deiner Untersuchung vorgegangen?

Marcel Sebastian: Ich habe mit 13 männlichen Arbeitnehmern aus sechs deutschen Schlachthöfen Interviews geführt und ausgewertet. Der Kontakt zur Branche war anfangs schwer. Erst als ich unterschiedliche Funktionsträger aus der Fleischindustrie von der Relevanz meiner Forschung überzeugen konnte, wurden mir auch Arbeitnehmer aus großen Schlachtunternehmen vermittelt. Die Gespräche dauerten zwischen 30 Minuten und zweieinhalb Stunden. Meine Interviewpartner waren alle fest angestellt und hatten eine Ausbildung zum Fleischer. Damit unterschieden sie sich von dem anderen wichtigen Teil der Schlachthof-Belegschaften: den meist osteuropäischen Schlachthofarbeiter*innen mit Werkverträgen.

GWR: Die Arbeitssoziologie hat diesen großen Teil der Arbeitswelt bisher vernachlässigt und nicht in die Bestrebungen um die Humanisierung der Arbeit einbezogen. Die aktuelle Debatte dreht sich um die Arbeitsverhältnisse wie Werkverträge, Löhne, Unterbringung. Du hast dich auf den Arbeitsinhalt konzentriert.

Marcel Sebastian: In meiner Dissertation interessierten mich vor allem die subjektive Dimension des Schlach
tens und deren kulturelle Rahmung. Die erste Studie behandelt die Frage, wie die Arbeitnehmer mit den betrieblichen Anforderungen an das Empfinden und Ausdrücken von Emotionen umgehen. Schlachthöfe stellen die Emotionserwartung, dass die dort Tätigen neutral auf das Töten reagieren. Wer Skrupel, Mitleid oder Schulgefühle hat, kann den Beruf nicht ausüben. Mich hat interessiert, ob die Arbeitenden grundsätzlich emotional unberührt vom Töten sind und wenn nicht, wie sie die notwendige Neutralität während der Arbeit herstellen. Die zweite Studie fragt nach den Reaktionsweisen von Schlachthofarbeitern auf die moralische Stigmatisierung der Schlachthofarbeit. Hier wollte ich herausfinden, inwiefern meine Interviewpartner moralische Stigmatisierung erfahren und ob sie sich eher aktiv gegen moralische Kritik wehren oder ob sie eher versuchen, Kritik und Stigmatisierung zu meiden und ihren Beruf in der Öffentlichkeit verheimlichen.

GWR: Was waren die Ergebnisse deiner Forschung?

Marcel Sebastian: Fast alle interviewten Schlachthofarbeiter sagten von sich, das Töten von Tieren mache ihnen nichts aus. Es stellte sich aber heraus, dass alle von ihnen Techniken nutzen, um emotionale Distanz gegenüber den Tieren herzustellen. Wichtig war hier etwa, keine individuellen Beziehungen zu Schlachttieren zuzulassen und diese vor allem als Werkstoffe zu betrachten, deren Zweck es ist, zu Fleisch verarbeitet zu werden. Dies gelang den Interviewpartnern unter normalen, routinierten Bedingungen. Interessant war, dass dieser ‚emotionale Normalbetrieb‘ des Schlachtens zeitweise unterbrochen wurde und die Arbeit emotional deutlich herausfordernder wurde – etwa, wenn Jungtiere geschlachtet werden mussten. Auch meine Frage, ob sie sich vorstellen könnten, Hunde zu schlachten, verneinten die Interviewpartner entschieden. Auffallend war, dass alle Interviewpartner schon in der Kindheit oder Jugend mit dem Schlachten von Tieren Kontakt hatten. Meist wurde auf dem eigenen Hof geschlachtet oder Familienmitglieder arbeiteten im Schlachthof und vermittelten so früh die entsprechenden Ideen und Einstellungen gegenüber dem Schlachten.

GWR: Haben deine Interviewpartner von moralischer Stigmatisierung berichtet und hat die Kritik an den Zuständen in Schlachthöfen Auswirkungen auf ihr Selbstbild?

Marcel Sebastian: Ja, meine Interviewpartner nahmen einen Wandel im öffentlichen Blick auf den Schlachtberuf wahr: Sie würden zunehmend kritisiert, obwohl die Mehrheit dennoch Fleisch konsumiert. Dies empfanden sie als ungerecht. Zudem sprachen viele vom schlechten Image ihres Berufs und fühlten sich falsch verstanden. Einer sagte etwa: „Die denken immer, man sei ein Killer“. Nur zwei meiner Interviewpartner erfuhren kaum oder keine moralische Stigmatisierung. Die anderen gingen ausnahmslos aktiv und konfrontativ mit dem Stigma um. Sie lehnten die kulturellen Ideen ab, die sie als stigmatisierend empfanden und argumentierten für die kulturelle Gültigkeit ihrer Sicht der Dinge. Viele betonten beispielsweise, dass ihrer Meinung nach Schlachtungen nur dann moralisch relevant sind, wenn diese nicht ‚sauber und ordentlich‘ durchgeführt würden und die Tiere mit unprofessioneller Härte behandelt würden. Vorwürfe systematischer Gewalt an Tieren, wie sie etwa Tierrechtler*innen oder Veganer*innen artikulieren, wiesen sie als uninformiert und übertrieben zurück. Ein Kernargument zur Reduktion der Stigmatisierung war: Nur wer Insiderwissen über Schlachthofarbeit hat, kann sich ein Urteil erlauben und nur Schlachthofarbeiter haben dieses Insiderwissen.

GWR: Gibt es daneben auch weitere „Entlastungstechniken“, z.B. Alkohol oder andere Mittel?

Marcel Sebastian: Diese vor allem psychologische Dimension stand nicht im Mittelpunkt meiner Forschung. Es gibt einige Berichte über den Konsum von Betäubungsmitteln als Reaktion auf die emotionalen und körperlichen Herausforderungen der Schlachtarbeit, aber in meinen Interviews kamen diese nicht zur Sprache.

GWR: Würdest du sagen, dass die „emotionale Neutralität“ eigentlich die lerntheoretische Formulierung der früher so genannten „Verrohung“ oder „Abstumpfung“ ist, Begriffe, die ja oft empört zurückgewiesen wurden? Dass also die Übertragung der Gewalt aus dem Mensch-Tier-Verhältnis auf das Mensch-Mensch-Verhältnis möglich oder wahrscheinlich ist?

Marcel Sebastian: Diese These ist gängig, aber sie lässt sich empirisch schwer belegen. Tatsächlich berichteten einige meiner Interviewpartner, dass ihnen das Töten anfangs schwergefallen sei – ein Hinweis auf eine Abhärtung über Zeit. Ein Schlachthofarbeiter sagte mir, er sei mit der Zeit gegenüber dem Schicksal der Tiere ‚abgestumpft‘. Andere erzählten, ihnen sei das Töten noch nie schwergefallen, was wiederum gegen die These gradueller Abhärtung spricht. Für einen anderen war es wichtig, dass die Schlachtung nach seinen Maßstäben von Respekt und Sauberkeit geschieht, damit sie für ihn emotional kein Problem darstellt. Das Bild ist also uneinheitlich und meine Forschungsperspektive letztlich auch nicht geeignet, um diese Frage wirklich zu klären. Das betrifft auch die Frage, inwiefern Gewalt an Tieren im Schlachthof das Gewaltpotential gegenüber Menschen steigert. Hier gibt es empirische Befunde aus anderen Studien, die beispielsweise einen Zusammenhang zwischen Schlachthof-Neubauten und dem Anstieg von Gewaltkriminalität in der Region gefunden haben, aber diese Studien reichen nicht aus, um abschließende Urteile zu fällen.

GWR: Berichte über „Schlachthofgräuel“ gibt es seit Jahrhunderten. Viele Menschen glauben aber, dass in modernen Schlachthöfen alles bestens durchorganisiert und überwacht würde. Es scheint aber gerade diese Organisation die Ursache großer Leiden zu sein, weil unter Stress stehende Lebewesen sich eben nicht reibungslos in vorgegebene Prozesse einordnen lassen.

Marcel Sebastian: Interessant finde ich vor allem, welche Behandlungsweisen von Tieren in welchem sozio-historischen und kulturellen Kontext als ‚Gräuel‘ betrachtet werden. Hier scheint mir, dass ein zunehmender Teil der Gesellschaft nicht mehr nur Fehlbetäubungen, Schläge oder sonstige Formen von ‚außergewöhnlicher‘ Gewalt in Frage stellt, sondern dass auch der besagte ‚Normalbetrieb‘ des Schlachthofs zunehmend in der moralischen Kritik steht. Fest steht allerdings: Aus der gegenwärtigen Form industrieller Fleischproduktion resultieren spezifische Gründe, warum Probleme auftreten können, da unter der Maxime der Profitmaximierung mit Hochdruck produziert wird. Wenn 30.000 Schweine pro Tag in einem Betrieb betäubt und getötet werden, kommt es unweigerlich zu Fehlern.

GWR: Die Fleischindustrie steht aktuell wegen der Ausbrüche von Covid-19 in vielen deutschen Schlacht- und Zerlegebetrieben in der Kritik. Denkst du, dass sich die Kritik auch auf die Situation der Tiere ausweiten wird?

Marcel Sebastian: Die Corona-Krise funktioniert in vielen gesellschaftlichen Bereichen als eine Art Brennglas und macht Probleme sichtbar, die vorher eher ignoriert wurden. Die schlechten Arbeitsbedingungen in der Pflege und in Krankenhäusern als Resultat von Sparpolitik waren die ersten Beispiele. Durch die Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen werden nun auch die systemischen Probleme der Fleischbranche sichtbarer. Diese Probleme sind das Resultat des Zusammenwirkens unterschiedlicher 
Akteure unter dem Vorzeichen von profitmaximierender und wachstumsorientierter Produktion: Einzelhandelsunternehmen buhlen mit möglichst günstigen Fleischpreisen um die Gunst der Konsumierenden. Schlachtbetriebe reagieren, indem 
sie versuchen, Fleisch günstiger 
zu produzieren, um den Konkurrenzkampf für sich zu entscheiden. Sie geben den Druck an die Betreiber*innen von Tierproduktionsanlagen weiter, die ihrerseits möglichst günstig – und das heißt meist zulasten der Tiere – produzieren. Die Schlachtunternehmen selbst sparen vor allem bei den Arbeitskosten. Etwa, indem flächendeckend günstige Arbeitskraft aus Osteuropa auf Basis von Werkverträgen über Subunternehmen eingekauft wird. Diese Subunternehmen maximieren ihrerseits ihren Gewinn, indem sie die Arbeitenden in überteuerten Sammelunterkünften unterbringen und starke Abhängigkeitsverhältnisse schaffen, die den meisten, die auf der Basis von Werkverträgen arbeiten, kaum Chancen zur Gegenwehr lassen. Die Branche steht unter enormem Druck und die Gewinnmargen sind klein. Die Last tragen diejenigen Akteure mit den geringsten Machtressourcen: die osteuropäischen Werkvertragsarbeiter*innen und die Tiere. Die öffentliche Aufmerksamkeit für diese systemisch bedingten Probleme der Fleischindustrie hat das Potential, auch die Situation der Tiere stärker in die öffentliche Debatte zu integrieren, da sie Resultat der gleichen ökonomischen Grundlage ist, wie die Situation der auf Werkvertragsbasis Beschäftigten.

GWR: Fleischkonsument*innen, die sich für fortschrittlich oder tierfreundlich halten, erklären oft, sie kauften nur „bio“. Macht das im Bezug auf das Schlachten überhaupt etwas aus?

Marcel Sebastian: Welche Produktionsweisen von Fleisch fortschrittlich sind, oder ob es diese überhaupt gibt, ist eine Frage, die wir als Gesellschaft aushandeln müssen. Der Begriff ‚bio‘ bezieht sich auf die Haltung der Tiere, nicht auf deren Tötung. Es gibt keine ‚Bio-Schlachtung‘, sondern nur Schlachtungen von Tieren aus Haltung mit einem Bio-Zertifikat. Hinter Bio-Fleisch steht die Idee, dass das Töten von Tieren legitim ist, aber die Bedingungen der Haltung optimiert werden müssen. Konventionelle Produktion beinhaltet die Idee, dass am gegenwärtigen Status Quo industrieller Tierproduktion kein Reformbedarf besteht. Perspektiven aus der veganen Szene oder der Tierrechtsbewegung betonen wiederum, dass nicht die Form der Fleischproduktion oder bestimmte Behandlungsweisen von Tieren, sondern deren Nutzung und Tötung als solche moralisch verwerflich sind. Als Gesellschaft müssen wir diese Positionen nun auf ihre Plausibilität prüfen und uns auch fragen, welche Interessen und Motive jeweils hinter den Positionen stehen. Fleischkonsum ist in diesem Sinne keine Privatsache. Ich denke, dass wir diese Diskussion nicht länger verschieben und wegschauen können.

GWR: Wenn wir dem Ziel einer gewaltfreien Gesellschaft näher kommen wollen, muss auch die Gewalt gegen Tiere angegangen werden. Haben sich aus deinen Forschungen Hinweise ergeben, ob wir diesen notwendigen Änderungen derzeit näher kommen und wie diese eher zu erreichen wären?

Marcel Sebastian: Es lässt sich ein komplexer, teils widersprüchlicher kultureller Wandel in der Mensch-Tier-Beziehung westlicher Gesellschaften nachvollziehen. Aktuell scheint die gesellschaftliche Wahrnehmung der moralischen Relevanz von Tieren zuzunehmen. Allerdings existieren deutliche, historisch gewachsene Unterschiede in den kulturellen Ideen gegenüber domestizierten Tieren: ‚Haustiere‘ wurden seit dem Beginn der westlichen Moderne zunehmend als Subjekte mit individuellen Persönlichkeiten wahrgenommen, während ‚Nutztiere‘ im Zuge der Industrialisierung ihrer Haltung und Schlachtung immer mehr als Objekte ohne Individualität behandelt wurden. Diese Kluft wird nun vermehrt in Frage gestellt. Die tradierten kulturellen Ideen, dass wir Schweine, Hühner oder Kühe nutzen und töten dürfen, erscheinen immer mehr Menschen als unangemessen. Wir befinden uns inmitten einer Kontroverse über gesellschaftliche Mensch-Tier-Beziehungen und über gesellschaftliche Naturverhältnisse im Allgemeinen. Wie diese Debatten ausgehen, bleibt offen. Aber die aktuelle Situation hat das Potential, eine grundlegende Transformation der Beziehungen zwischen Menschen und Tieren einzuleiten.

Marcel Sebastian ist Soziologe und wissenschaftlicher Koordinator des Interdisciplinary Centre for European Studies an der Europa-Universität Flensburg. Er ist Autor zahlreicher Artikel zur Soziologie der Mensch-Tier-Beziehung und hat im Mai 2020 seine Doktorarbeit bei der Uni Hamburg zum Thema „Cultural and institutional framings of human-animal relations“ eingereicht. Zudem ist er Mitglied der Group for Society and Animals Studies.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

Mehr zum Thema