libertäre buchseiten

Schlachtet die Heimat!

Lob des Ungehorsams!

| Leonhard F. Seidl

Vorabdruck aus: Klaus Farin (Hg.), Heimat?, Hirnkost Verlag, Berlin, Oktober 2020, 284 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-948675-03-5

Wir sollten von vorne beginnen. Mit der Erbsünde: Adam stibitzt den Apfel, Eva beißt genießerisch hinein, der süße Saft spritzt und wir feiern ab sofort jährlich ein Fest, das diesen Akt der Befreiung feiert. Natürlich sollten wir das Ereignis anders benennen und es damit umdeuten. Vielleicht „Abnabelung“, „Emanzipation“ oder „Lob des Ungehorsams“. Denn jene Abnabelung wirkt bis heute nach. Zwar hat Luther dafür gesorgt, dass wir heute, wenn wir wollen, keinen Ablass mehr dafür leisten müssen. Also nicht mehr zur Beichte schreiten müssen, um von unseren Sünden, die auch auf der Erbsünde beruhen, befreit zu werden. Ob er es als positiven Akt des Ungehorsams deuten würde, sei dagegen dahingestellt. War er doch der Meinung: „Drum soll hier erschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und daran denken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch; (es ist mit ihm) so wie man einen tollen Hund totschlagen muss: schlägst du (ihn) nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir.“

Widersprechen würde ihm die griechische Schöpfungsgeschichte, die ebenfalls auf „einen Akt des Ungehorsams“ zurückgeht, wie es Erich Fromm so treffend festgestellt hat. Denn Prometheus stahl den Göttern das Feuer und „legte … die Grundlage für die Entwicklung des Menschen“. Und war stolz darauf: „Ich möchte lieber an diesen Felsen gekettet als der gehorsame Diener der Götter sein.“

Die Erbsünde als eine Schuld ist tief in uns verankert, allen voran, katholisch sozialisierten Menschen wie mir. Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich in der dämmrigen, Weihrauch durchwalkten Kirche zum Beichtstuhl schritt. Am Abend zuvor hatte ich mir im Bett überlegt, welche Sünden ich begangen hatte, um sie dem Pfarrer hinter dem Holzgitter in der beklemmenden Enge des Beichtstuhls zu gestehen. Da ich damals noch ein äußerst anständiger Bub war, grübelte ich wie besessen, bis in die Nacht hinein, über mögliche Verfehlungen. Und goss damit den Samen der Erbsünde, für die nächtlichen, schuldgeplagten Grübeleien im Erwachsenenalter zwischen ein und drei Uhr morgens, die bekanntlich zu nichts führen, außer zu Augenringen und Gewissensbissen. Und hier zeigt sich wieder einmal die Bildhaftigkeit der deutschen Sprache. Die Bisse schmerzen, sie dringen ins Fleisch, lassen einen sich von der einen Seite des Bettes auf die andere werfen. Darum sind Begrifflichkeiten auch von derart eminenter Bedeutung, besonders, wenn sie mit tiefen Emotionen, Deutungsmustern und daraus hervorgehenden Handlungsmustern oder -anweisungen verknüpft sind. Eben Begriffe wie Erbsünde oder Heimat.

Gerade der gerne von Ernst Bloch zitierte Satz: „Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war“, spiegelt die emotionale Suggestion von Worten wider. Mit Heimat verknüpfen viele Menschen die Geborgenheit auf dem Schoß der Mutter, bestenfalls sogar des Elternhauses. Hinzu kommen Bäume, Wiesen, Wälder: Natur. Wer möchte es ihnen vergällen. Wir alle sehnen uns nach Harmonie. Und gerade im Weichspüler des Rückblicks ist sie in besonderem Maße vorhanden. Wie in einem Werbespot: Kräftige Farben, breites Lächeln (scheinbar) makelloser Menschen, blütenweiße, saubere Laken. Die Blutspritzer auf dem Weiß, durch die Schläge des Vaters oder Schüsse der Waffen-SS, würden verstören. Ebenso das noch warme Blut des erlegten Hirsches, aufgehängt an den Läufen, das aus der Hauptschlagader der durchschnittenen Kehle pulst. Der Hirsch als Element des Heimatgefühls. Nicht als Hirschkopf über dem Esstisch, sondern als Hirschbraten auf dem Esstisch. Als Mahl am Heiligen Abend. Durchdrungen vom Zauber der Bescherung, der Überraschung der Geschenke hinter dem bunten Papier und dem Spiel zu Füßen der Eltern und Verwandten. Der nicht selten am Weihnachtsabend aufbordende Streit wird im Rückblick häufig genauso ausgeblendet wie die anstrengenden, weil angespannten Verwandtenbesuche an den darauffolgenden Feiertagen bei Onkeln, Tanten und Großeltern. Darum bewirkte die Forderung nach einem Veggieday auch eine derart heftige Reaktion. Wie kommen die (damals noch) bösen Grünen nur auf den Gedanken, mir diese heimelige Erinnerung an den Braten oder andere fleischliche Genüsse, verknüpft mit Geborgenheit, zu rauben!?

Wenn wir nun versuchen würden, dem Begriff der Heimat eine fortschrittliche, emanzipatorische Bedeutung zu geben, fernab von Heimattümelei und Nationalismus, müssten wir den Hirsch schlachten, um die Blutspritzer auf dem weißen Laken zu zeigen, auf dem kitschigen Bild der verklärten Kindheit und damit der Heimat. Wie bei dem Begriff der Erbsünde sind die mit dem Begriff und der Realität der Heimat, also einer Nation, Gesellschaft, Region, einhergehenden Unterdrückungsmechanismen enorm. Denn Sprache formt Bewusstsein und geriert damit Realität. Fühle ich mich der Heimat zugehörig, fühle ich mich nicht selten auch als Teil der Macht und habe damit das Gefühl, „das Richtige“ zu tun, wenn ich gehorsam bin. Dann fühle ich mich als Teil der Gemeinschaft, nicht mehr allein, fühle mich aufgehoben in der Heimat. So, wie es Erich Fromm in seinem Aufsatz „Der Ungehorsam als ein psychisches und ethisches Problem“ beschrieben hat. Ein wesentliches Element dieses Gehorsams ist immer auch, nicht zu sündigen, also sich nicht schuldig zu machen. Was gerade in der Provinz gleichbedeutend ist mit gehorsam sein. „Provinz ist überall“, schrieb der homosexuelle, niederbayerische Dramatiker Martin Sperr und unterstrich damit die Weltläufigkeit dieses nicht selten brutalen Mechanismus, dem letztlich meist nur in der Stadt zu entkommen ist. Denn sobald man gegen die Regeln und Gesetze der Heimat verstößt, ist man ungehorsam und bekommt unmittelbar zu spüren, dass man sich etwas zuschulden kommen hat lassen.

Dank der Erbsünde wird bei Streitereien sofort die Frage aufgeworfen, wer Schuld hat. Es geht keineswegs um ein möglichst konstruktives Problemlösungsverhalten, mit dem allen gedient wäre, sondern um richtig und falsch und letztlich auch darum, wer das Sagen, die Macht hat. Somit hat die beklemmende Enge der Heimat immer auch ein ausgrenzendes Moment. Wer Ungehorsam ist, fällt auf und raus und kann kein Teil dieses Konstrukts sein. Die „Zugereisten“ auf altbairisch auch abfällig, „Zuagroaste“ oder „Preißn“ geschimpft, haben es qua Abstammung noch schwerer, was den Blut- und Boden-Aspekt des Heimat-Konstruktes und damit auch des -Begriffes offenbart – von dem es keine Entsprechung in anderen als der deutschen Sprache gibt. Und der nur im Singular auftaucht, was aufzeigt, dass es in Zeiten der Globalisierung nicht mehr zeitgemäß ist. Und das den „Eingeborenen“ mehr Rechte einräumt, als den Neuankömmlingen. Als würden die kapitalistischen Ausgrenzungsmechanismen nicht schon genügen.

Die mit Heimat einhergehenden Ausgrenzungsmechanismen sind eine Form von Gewalt, die das Grundbedürfnis nach Sicherheit raubt und seine Kumulation in Molotow-Cocktails und „Ausländer-raus!“-Rufen vor Unterkünften für Geflüchtete findet. Und sie äußern sich auch in zweierlei Maß der Bemessung von Gewalt. Wenn sich die Dorfjugend „fotzt“, gehört das zum Erwachsenwerden. Wenn geflüchtete Jugendliche andere angreifen, was keineswegs relativiert werden soll, aber ebenso ein Element der Lebensphase Jugend sein kann, gehören sie abgeschoben.

Wer also versucht, einen progressiven oder linken Heimatbegriff zu kreieren, ist zum Scheitern verurteilt. Oder wie sollte die „Heimat“ der alten Nazis, die eine „rassische“ Durchmischung ablehnten, wie auch der Neo-Nazis des „Thüringer-Heimatschutz“, aus dem der NSU entstand, und auch die der Faschist*innen der Neuen Rechten und der AfD positiv konnotiert werden? Der Rechtsruck und die tägliche Gewalt gegen „nicht-Heimat-Ansässige“ geben die Antwort: Überhaupt nicht. Genauso unmöglich ist es, einem Hirsch die Kehle auf einem weißen Laken durchzuschneiden, ohne dass es von Blut besudelt wird. Eher wird es uns gelingen, die Erbsünde als Akt der Befreiung und des Lobs des Ungehorsams neu zu schreiben und zu verinnerlichen.