Pandemie und Tierindustrie

Der Umgang von Menschen mit Tieren und seine Folgen

| Lisa Knoke

Pelzfarmen, Großschlachtereien, industrielle Futtermittelproduktion: Die Gier, mit der Tiere und Umwelt vernutzt werden, kennt weder Maß noch Grenzen. Spätestens mit der Coronapandemie sollte jedoch uns allen klar geworden sein, dass nicht nur Tiere und Ökosysteme, sondern auch jede*r Einzelne von uns der Tierindustrie zum Opfer fallen kann. Dass die Virusmutante einer einzigen Fledermaus den Tod von Millionen Menschen weltweit auslöst, mag ein schrecklicher Zufall sein; aber das System dahinter ist darauf angelegt, weiterhin solche Zufälle zu produzieren, wenn wir es nicht stoppen. (GWR-Red.)

Zoonosen sind von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragbare Infektionskrankheiten. Die Zoonose „Corona“ bestimmt seit über einem Jahr das politische und private Leben auf der ganzen Welt. Bislang sind etwa 2.850.000 (1) Menschen an SARS-CoV-2 (Severe Acute Respiratory Syndrome Corona Virus-2) gestorben, welches die Lungenkrankheit Covid-19 auslöst. Der Ursprung von SARS-CoV2 liegt wahrscheinlich auf dem „See- und Wildtiermarkt“ Huanan in Wuhan (China). Der Erreger gehört zu den Coronaviren, welche durch MERS (Middle East Respiratory Syndrome) und SARS bereits bekannt sind (2). Andere Beispiele für Zoonosen sind: Ebola, AIDS, Lyme-Borreliose, Zika, Hantaviren, Nipah-Virus, Schlafkrankheit und die Beulenpest (3).

Warum kommt es zu einem vermehrten Auftreten von Zoonosen?

Studien gehen davon aus, dass der Vorläufer des SARS-CoV-2 aus Fledermäusen stammt und über einen Zwischenwirt auf Menschen übertragen wurde. Voraussetzung für eine solche Übertragung sind Mutationen im Virusgenom, die es ermöglichen, Menschen zu infizieren (4). Damit ist Covid-19 eine der vielen Zoonosen, welche etwa 60 % bis 75 % aller Infektionskrankheiten ausmachen und weltweit Millionen Todesopfer fordern. In den letzten Jahrzehnten waren mehr als 75 % aller neu auftretenden Infektionskrankheiten Zoonosen mit steigender Tendenz (5).
Ausschlaggebend für die Übertragung eines Erregers auf eine andere Spezies ist der direkte Kontakt mit der infizierten Tierart oder deren Exkrementen. Mit der Domestizierung wild lebender Tiere wie Schweine, Rinder, Hühner oder Schafe kam es zu einem vermehrten stabilen Kontakt zwischen Menschen und anderen Tieren. In Kombination mit der Vergrößerung menschlicher Besiedlung zu Städten führte dies zu einer vermehrten Ausbreitung zoonotischer Epidemien. In den letzten Jahrzehnten ist der Kontakt von Menschen zu anderen Tieren, die bisher kaum oder keinen Kontakt zu Menschen hatten, durch anthropogene Faktoren enorm angestiegen, wodurch Entstehung und Verbreitung von Zoonosen begünstigt werden (6). Diese anthropogenen Faktoren sind (7):

Jagd, Handel und Verzehr von wild lebenden Tieren

Eine erhöhte Nachfrage nach „Wildfleisch“ und steigende Bevölkerungsdichten veranlassen immer häufiger Jäger*innen dazu, in intakte Ökosysteme einzudringen und dort wild lebende Tiere zu töten oder zu fangen. Nach weiten Transportwegen werden die gefangenen Tiere auf „Wildtiermärkten“ neben „Nutztieren“ eingesperrt, mit denen sie natürlicherweise nicht in Kontakt kommen. Dadurch und durch den häufig schlechten Gesundheitszustand der Tiere können Krankheitserreger leichter über Speziesgrenzen hinweg übertragen werden.

Zerstörung von Ökosystemen

Infolge der zunehmenden Zerstörung von Ökosystemen bspw. durch Abholzung, Brandrodung, Trockenlegung, Bergbau und Bebauung werden ganze Arten ausgelöscht und wild lebende Tiere vertrieben. Um zu überleben suchen diese dann die Nähe menschlicher Behausungen. Der Stress und die geänderten Bedingungen führen zu erhöhter Infektionsanfälligkeit und begünstigen zoonotische Übertragungen.

Futtermittelproduktion

Auf etwa 70–83 % der weltweit landwirtschaftlich genutzten Fläche werden Futtermittel für die globale Tierproduktion angebaut. Für den immer größer werdenden Hunger nach Fleisch und anderen Tierprodukten werden täglich immense Flächen Ur- und Regenwälder abgeholzt und durch Monokulturen oder Weideland ersetzt. Zur Ertragssteigerung werden massenweise Pestizide und Düngemittel verwendet, die zur Wüstenbildung führen können. Als einer der größten Faktoren für die Zerstörung intakter Ökosysteme trägt die Futtermittelproduktion massiv zum Verlust der Biodiversität bei und begünstigt somit die Entstehung und Verbreitung neuartiger Zoonosen.

Die Tierindustrie

Der mit Abstand wichtigste Faktor bei der Verbreitung und Entstehung von Zoonosen ist die globale Tierindustrie. Durch die Haltung vieler Individuen einer Art unter miserablen hygienischen Bedingungen werden die Tiere enormem Stress ausgesetzt. Häufig handelt es sich bei diesen Tieren zudem um Züchtungen, die darauf optimiert sind, zu produzieren (Fleisch/Milch/Eier), weniger widerstandsfähig und genetisch nahezu identisch sind. Dadurch können sich Krankheiten sehr leicht verbreiten, wie am Beispiel der Schweinegrippe gut zu erkennen ist (8).
Die miserablen Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen in der Tierindustrie begünstigen zudem die Verbreitung von Infektionen. Zahlreiche Schlacht- und Zerlegebetriebe der Tierindustrie weltweit sorgten mit Corona-Ausbrüchen für Schlagzeilen – allein in Deutschland gab es etwa 5.300 Infektionen in 60 Betrieben in 10 Bundesländern (9). Durch die Haltungsbedingungen der „Nutztiere“ steigt auch die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Mutationen und somit die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung auf Menschen. Tatsächlich wurde für das Influenzavirus gezeigt, dass hoch pathogene Influenzaviren wie H5N8 (Vogelgrippe), die potentiell pandemisch werden können, durch die industrielle Geflügelhaltung entstanden sind (10). Das Influenzavirus H1N1, welches als Spanische Grippe traurige Berühmtheit erlangte, infizierte während des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 etwa 500 Mio. Menschen und forderte 50 Mio. Opfer. Ausgangspunkt für dieses Virus war vermutlich eine durch wild lebende Vögel infizierte Hühner- oder Putenfarm (11).
Um einer Pandemie vorzubeugen, werden nach Bekanntwerden eines infizierten (häufig wild lebenden) Tieres sämtliche Individuen umliegender Anlagen getötet, auch wenn sie noch gesund sind. Auch zur Vorbeugung der Verbreitung von Corona-Virusvarianten wurden Millionen von anderen Tieren getötet, zum Beispiel auf Nerzfarmen weltweit. Auch in diesen Farmen werden Tausende Tiere auf engstem Raum unter miserablen Bedingungen gehalten. In Dänemark wurden Millionen Nerze getötet und die Kadaver vergraben – aus Angst vor der Verbreitung einer Coronavirus-Variante, die in diesen Tieren gefunden wurde. Durch dieses Vorgehen wurden der Boden und das Grundwasser in den entsprechenden Gegenden stark verseucht, und die Tiere mussten exhumiert werden. Anstatt endlich das grausame Pelzgeschäft abzuschaffen, erhalten die Pelzfarmer*innen beim Wiederaufbau finanzielle Unterstützung durch den Staat (12).
Um Infektionskrankheiten vorzubeugen, werden in vielen Intensivtierhaltungen (meist) prophylaktisch klinisch relevante Antibiotika zur „Bestandssicherung“ verwendet. Die Tier- und Agrarindustrie sind die derzeit größten Verbraucher*innen von Antibiotika. Wenn Bakterien über längere Zeit Antibiotika ausgesetzt sind, können sie Resistenzen entwickeln, welche zwischen verschiedenen Bakterienstämmen ausgetauscht werden können. Beispielsweise können beim Verzehr von ungekochtem Fleisch diese resistenten Bakterienstämme auf Menschen übertragen werden. Auch der Transport, die Verarbeitung und das Ausbringen von Gülle auf Felder tragen zur Verbreitung von Antibiotikaresistenzen bei. Somit ist die industrielle Tierhaltung mitverantwortlich für die derzeitige Verbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien, die schon jetzt weltweit Millionen Opfer fordern (13).
Die Tierindustrie ist mitverantwortlich für den menschengemachten Klimawandel – nicht nur durch direkte Ammoniak-, Methan und CO2-Emissionen, sondern insbesondere durch die oben genannten Faktoren wie Zerstörung von Ökosystemen und Wüstenbildung als mittelfristige Folge von Futtermittelanbau und Beweidung. Steigende Temperaturen begünstigen die Übertragung von Krankheitserregern, bspw. von Malaria oder der Schlafkrankheit.
Zusammengefasst haben die vergangenen Pandemien und die derzeitige Corona-Pandemie gemeinsame Ursachen: Ausbeutung anderer Tiere und verbliebener Ökosysteme, sowie eine auf Profitmaximierung ausgelegte globale Wirtschaftsweise. Dadurch kommt es zu einer Häufung von Krankheitsausbrüchen in den letzten Jahrzehnten.

Aktiv werden und bleiben!

Trotz bzw. gerade wegen der Corona-Pandemie hat es im letzten Jahr verschiedene kreative Aktionen gegeben! Hier ein paar Beispiele:
Es haben sich verschiedene Aktivist*innen der Tierbefreiungsbewegung zusammengeschlossen und das „Bündnis für gesellschaftliche Tierbefreiung“ ins Leben gerufen. Dieses hat verschiedene Forderungen aufgestellt und auf Aktionen vorgestellt, unter dem Motto: „Die Ursachen der Corona-Krise bekämpfen; deren Folgen solidarisch begegnen; den gesellschaftlichen Umbau vorantreiben; Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur beenden!“. (14)
Als Antwort auf die massiven und zahlreichen Corona-Ausbrüche in Schlacht- und Zerlegebetrieben durch die katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen wurden verschiedene Solidaritätskundgebungen, Besetzungen und Demonstrationen in ganz Deutschland abgehalten, z.B. die Arbeiter*innen-Aktionstage im Mai 2020 und die symbolische Blockade einer Tönnies-Schlachtfabrik in NRW durch das Bündnis „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“. (15)
Im März 2021 veröffentlichte das Bündnis „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“ eine Studie mit dem Titel: „Milliarden für die Tierindustrie – Wie der Staat öffentliche Gelder in eine zerstörerische Branche leitet“. Sie analysiert, welche Unsummen jedes Jahr als Subventionen oder andere Förderungen in eine Industrie fließen, die global gesehen katastrophale Auswirkungen auf Menschen, Tiere, Umwelt und Klima hat. Mit der Studie fordert das Bündnis die nötige Agrarwende und den Ausstieg aus der Tierindustrie. Die Studie zeigt: Die Entstehung und Ausbreitung von Pandemien wird durch öffentliche Gelder mitfinanziert!

Was können wir tun, um zukünftige Pandemien zu vermeiden?

Der wirksamste Schutz vor Zoonosen sind intakte Ökosysteme mit hoher Biodiversität, ein stabiles Klima und keine Tierhaltung! Wir sollten also alles daran setzen, die verbliebenen Ökosysteme zu erhalten und den Klimawandel zu stoppen. Hierzu müssen wir den Ausstieg aus der Tierproduktion voranbringen und tierindustrielle Anlagen schließen. Die frei werdenden Flächen sollten renaturiert oder für eine solidarische, ökologisch verträgliche, pflanzenbasierte Landwirtschaft verwendet werden. Wir brauchen ein globales gesamtgesellschaftliches Umdenken: Weg von einer profitorientierten Wirtschafts- und Produktionsweise, die auf Ausbeutung basiert, hin zu einer bedürfnisorientierten Produktion!
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Krankheiten wie Ebola, AIDS, Malaria oder die Schlafkrankheit besonders häufig Menschen im globalen Süden treffen, welche kaum Zugang zu Hygieneeinrichtungen, Medikamenten oder sauberem Trinkwasser haben. Auch Geflüchtete in Lagern leiden in besonderem Maße unter der Corona-Pandemie. Zeigen wir uns solidarisch mit ihnen!

(1) WHO, https://covid19.who.int/, 06.04.2021.
(2) Zheng, J. (2020): „SARS-CoV-2: an Emerging Coronavirus that causes a global threat”, Int J Biol Sci. doi: 10.7150/ijbs.45053
(3) RKI, www.rki.de/DE/Content/InfAZ/Z/Zoonosen/Zoonosen.html .
(4) Andersen, K. G et al. (2020): „The proximal origin of SARS-CoV-2”, Nat Med. DOI: 10.1038/s41591-020-0820-9
(5) WHO, www.who.int/neglected_diseases/diseases/zoonoses/en/ .
(6) Brookes et al. (2020): „Emerging Zoonotic Diseases: Should We Rethink the Animal–Human Interface?” Front Vet Sci. doi: 10.3389/fvets.2020.582743
(7) Wolfe, N. D et al. (2020): „Bushmeat hunting, deforestation, and prediction of zoonoses emergence”, Emerg Infect Dis. doi: 10.3201/eid1112.040789; Daszak, A. et al. (2020): „Workshop Report on Biodiversity and Pandemics of the Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“, vgl. https://ipbes.net/pandemics; UNEP, 2020: „Preventing the next pandemic: Zoonotic diseases and how to break the chain of transmission”, www.unenvironment.org/news-and-stories/statements/preventing-nextpandemic-zoonotic-diseases-and-how-break-chain ; Poore, J. and Nemecek, T. (2018): „Environmental impacts through producers and consumers. Science”, doi: 10.1126/ science.aaq0216; Steinfeld, H., Gerber, P., Wassenaar, T. D., Castel, V., Rosales, M., and Haan, C. de (2006): „Livestock's long shadow: environmental issues and options”, Food & Agriculture Org.
(8) www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-warum-viren-in-tieren-so-gefaehrlich-sind-a-bcfe8de8-3e04-49e8-9955-6f00e382d309
(9) www.corona-imschlachthof.de/
(10) www.nature.com/articles/d41586-019-02757-4; Alexander DJ (2007): „An overview of the epidemiology of avian influenza”.
(11) Tumpey, T. M. et al. (2005): „Characterization of the reconstructed 1918 spanish influenza pandemic virus”, Science. doi: 10.1126/science.1119392
(12) www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/coronavirus-laut-who-in-nerzfarmen-in-sechs-laendern-gefunden-17041401.html; www.tagesschau.de/ausland/daenemark-coronavirus-nerze-trinkwasser-101.html; https://taz.de/Corona-in-Daenemark/!5748854/
(13) Silbergeld E.K., et al. (2008): „Industrial Food Animal Production, Antimicrobial Resistance, and Human Health”, Annu Rev Pub Health doi: 10.1111/j.1574-6976.2002.tb00606.x.; https://science.sciencemag.org/content/365/6459/eaaw1944
(14) Vgl.: https://tierbefreier.org/bfgt/
(15) Für mehr Infos dazu: https://gemeinsam-gegen-die-tierindustrie.org/

Begriffserklärungen:
Zoonosen: Infektionskrankheiten, welche bei menschlichen und anderen Tieren gleichermaßen auftreten und zwischen diesen übertragen werden können. Es können Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten und Prionen über Speziesgrenzen hinweg übertragen werden und Zoonosen auslösen.

Intakte Ökosysteme: Normalerweise haben intakte Ökosysteme, wie Regen- und Urwälder, eine hohe Biodiversität, es leben also viele gut an die Umwelt und aneinander angepasste Arten nebeneinander. Aufgrund einer hohen Immunität der Arten durch langsame Anpassung von Erregern und Wirtstieren aneinander (Koevolution) werden Infektionskrankheiten eingedämmt. Wird beispielsweise durch Menschen in diese Ökosysteme eingegriffen, wirken die natürlichen Schutzmechanismen nicht mehr.

Die Tierindustrie und Pandemien. Der Umgang von Menschen mit anderen Tieren ist mitverantwortlich für die Entstehung und Verbreitung von Pandemien. Hauptgründe:

  • Futtermittelproduktion, Weidelandbeschaffung: Zerstörung von Ökosystemen, Klimawandel
  • Jagen, Einfangen und Verzehren von Tieren
  • Tierhaltung: hohe Übertragungs- und Mutationsrate
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