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Lifestyle: Schlechter Ruf, gute Tradition

Stichworte zum Postanarchismus 32

| Oskar Lubin

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Foto: Jules via flickr.com, https://flic.kr/p/MwAADc, (CC BY 2.0)

Oskar Lubin über  Bartpflege, Lifestyle-Linke und sozialrevolutionäre Haltung.

Die „uniforme Lebensart des Philisters“ (1), der Spießerinnen und Spießer, sie war immer wieder Zielscheibe anarchistischer Kritik. So nahm etwa der Dichter, Journalist und Anarchist Erich Mühsam die Lebensart der Bürger*innen aufs Korn und setzte ihr den Lifestyle der Bohèmiens entgegen. Aus „Wut gegen den vertrottelten Konventionsdrill“ (2) entwickelten sich andere, unkonventionelle Formen des Lebensstils. Mühsam kombinierte seine Kritik an der Lebensart und die Idee, aus ihr auch praktische Konsequenzen zu ziehen, zwar mit dem Aufruf zum Klassenkampf. Aber insgesamt hat der Lifestyle in der Linken keinen guten Ruf. In den 1980ern verband man ihn mit Oberflächlichkeit und Golf GTI, dem Lifestyle haftet der Makel des Unauthentischen und Tumben an. Wer auf Lifestyle setzt oder einen pflegt, dem oder der geht es angeblich nicht ums Wichtige und Wesentliche. Deshalb ist es auch so bitter, als „Lifestyle-Linke*r“ beschimpft zu werden, und deshalb wird auch der „Lifestyle-Anarchismus“ als Selbstbezeichnung sich nicht durchsetzen.

Zuletzt hatte Sahra Wagenknecht in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ über die „Lifestyle-Linke“ geschimpft. Sie meint damit großstädtische, akademische Milieus, die sich um gendersensible Sprache kümmern und einen gelebten Kosmopolitismus pflegen. Ein Großteil der Wähler*innenschaft der Partei Die Linke also. Wagenknecht aber bekämpft sie, weil diese urbanen Kosmopolit*innen nicht nur individualistisch und intolerant, sondern auch an sozialer Gleichheit nicht mehr interessiert seien. Statt für soziale Gleichheit seien sie „für Quoten und Diversity“ (3), als ob sich das ausschließen würde. Obwohl sie selbst „von einem aufgeklärten Konservatismus lernen“ (4) möchte, wirft sie den vermeintlich selbstgerechten Lifestyle-Linksliberalen letztlich vor, nicht mehr links zu sein.

Gibt es die Lifestyle-Linke überhaupt? Es scheint sich wohl doch eher um einen Schmähbegriff zu handeln, der andere denunzieren soll. Indizien für eine Linke, die ernsthaft behauptet, allein über den stilistischen und formalen Gebrauch von Konsumgütern ließen sich gesellschaftliche Transformationen herbeiführen, werden sich kaum finden lassen.

Eine Abkehr von der Frage danach, wie die Gesellschaft als ganze transformiert werden könne und welche Organisationsformen dafür zu wählen seien, hatte auch die Öko-Anarchistin Janet Biehl vor mehr als zwanzig Jahren schon dem „Lebensstilanarchismus“ vorgeworfen. Sie verteidigte dabei den libertären Kommunalisten Murray Bookchin, der im „Lebensstilanarchismus“ eine Abwendung von der revolutionären Tradition und ein Abtauchen in einen subkulturellen Kult der Selbstdarstellung sah. Wie Wagenknecht sah schon Biehl im positiven Bezug auf „Lifestyle“ eine individualistische Tendenz am Werk, die schließlich auch nicht mehr links sei: „Lebensstilanarchismus“, schrieb Biehl 1999 in der Graswurzelrevolution, „ist symptomatisch für die fast überall vorhandene verheerende Strömung nach rechts“ (5).

Tja. Der Lifestyle wird also zum Verbannungsurteil. Wer sich mit ihm beschäftigt oder ihn kultiviert, soll aus dem vielfältigen Universum des Linksseins ausgeschlossen werden. Das ist natürlich harter Tobak und fordert zur Gegenrede heraus.

Zunächst einmal sollte unterschieden werden zwischen der analytischen Beschäftigung mit Lifestyle auf der einen und seiner als praktisch-politisch verstandenen Pflege auf der anderen Seite. Was die Analyse betrifft, ist in der soziologischen Debatte spätestens seit Pierre Bourdieus Studie „Die feinen Unterschiede“ (1979, dt. 1982) klar, dass Lebensstile nicht nur Klassen repräsentieren, also milieuspezifische Gewohnheiten zum Ausdruck bringen, sondern auch Klassen reproduzieren, sie also stabilisieren. Auf dem Golfplatz und im Sterne-Restaurant vergewissern sich die Reichen ihrer abgegrenzten Existenz, insgesamt verweisen Möbel, Mampf und Markenschuh die Menschen auf ihre gesellschaftlichen Plätze. Sich mit Lifestyle zu beschäftigen, kann demnach auch heißen, die kulturelle Dimension von Herrschaft zu adressieren. Einen Lebensstil zu pflegen, kann in diesem Sinne auch bedeuten, verschiedene Versuche zu unternehmen, Bestehendes eben nicht zu reproduzieren, sondern dagegen aufzubegehren. Das wären also die praktisch-politischen Schlussfolgerungen aus dieser Analyse. Sie waren in der Tat häufig der Ansatz politisierter Subkulturen. Erich Mühsam und die Bohème Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts legen davon diverse Zeugnisse ab. Aber auch die Cultural Studies der 1970er erkannten das: „Resistance through rituals“ (6) (Widerstand durch Rituale) war der programmatische Titel eines Sammelbandes, der den emanzipatorischen Potenzialen von Lebensstilelementen in jugendlichen Subkulturen nachging.Potenziale ist aber auch das entscheidende Stichwort: Nicht jeder Stil und jede Geste entfalten automatisch widerständige Kraft in sozialer Hinsicht. Die Pflege von Bärten und Balkonpflanzen, die Beschäftigung mit biologischer Landwirtschaft, nachhaltigem Konsum und ein bisschen Hanf und Hygge machen noch keine sozialrevolutionäre Haltung, ein autonomes Outfit macht noch keine selbstverwaltete Gesellschaft. Allerdings: Hat das jemals jemand wirklich geglaubt? Gibt es die Lifestyle-Linke überhaupt? Es scheint sich wohl doch eher um einen Schmähbegriff zu handeln, der andere denunzieren soll. Indizien für eine Linke, die ernsthaft behauptet, allein über den stilistischen und formalen Gebrauch von Konsumgütern ließen sich gesellschaftliche Transformationen herbeiführen, werden sich kaum finden lassen.

Kämpft in sündhaft teuren Kostümen und sogar auf Gauweiler-Partys gegen Lifestyle-Linke: Sahra Wagenknecht – Foto: DIE LINKE, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons

Was es aber mit Sicherheit gibt, sind Linke, die den Lebensstil für gesellschaftspolitisch relevant halten. Die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen beispielsweise sprechen von Lebensweise (statt Lebensstil), um der Art und Weise des Gütergebrauchs ihre individuelle Schlagseite zu nehmen. Ähnlich wie Bourdieu meinen sie, dass es kollektive Lebensstile oder eben Lebensweisen gibt, die politische, ökonomische und soziale Verhältnisse stützen und Ungleichheiten vertiefen. Brand und Wissen sprechen in Bezug auf Nordamerika und Westeuropa von einer „imperialen Lebensweise“ (7): Wie wir hier leben, hat Auswirkungen auf das Leben anderer. Ressourcenverbrauch und Ausbeutung anderswo werden vertieft, das ist wohl nicht zu leugnen, je mehr Avocados hier gegessen, je mehr iPhones weggeschmissen und je mehr SUVs hier gefahren werden. Je verschwenderischer der Lebensstil im globalen Norden, desto schlechter geht es anderen und desto stärker wird die Natur belastet. Vielleicht müssten hier interne Differenzen der „imperialen Lebensweise“ in Sachen Zugehörigkeiten zu ethnischen Gruppen, Klassen, Geschlechtern und Staatsangehörigkeiten noch akzentuiert und das „Wir, der globale Norden“ hinterfragt werden. Aber so viel ist festzuhalten: Es wäre doch grundsätzlich merkwürdig, diesen zerstörerischen Lifestyle in Gesellschaftsanalysen nicht zu reflektieren. Und es wäre letztlich auch verkürzt, linke Kritik auf ökonomische Wertschöpfung, Ausbeutung und Handelsbeziehungen zu beschränken. Anarchistische Kritik hat sich darauf im Übrigen auch selten begrenzt.
Inwieweit Leute mit umwelt- und sozialverträglicheren Lebenskonzepten und Lebensstilen dann tatsächlich noch „einer neuen Kultur die Wege“ (8) zu weisen imstande wären, wie Erich Mühsam es der Bohème nachsagte tun zu können, wäre zu diskutieren. Eine postanarchistische Perspektive jedenfalls dürfte revolutionäre Lifestyle-Effekte nicht einfach voraussetzen. Schließlich gilt es auch, den Niedergang der Alternativkultur und die Einbindung der Kritik am „Konventionsdrill“ in die neoliberale Gesellschaftsformation aufzuarbeiten. Letztlich muss immer wieder neu ausprobiert werden, wie und durch welche lebensstilistischen Moves die Verhältnisse vielleicht doch wieder zum Tanzen gebracht werden können.

(1) Erich Mühsam: „Bohème“ [1906]. In: Ders.: Fanal. Aufsätze und Gedichte 1905–1932. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 1984, S. 44–49, hier S. 48.
(2) Ebd.
(3) Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt. Frankfurt am Main/New York: Campus 2021, S. 12.
(4) Ebd., S. 17.
(5) Janet Biehl: „Sozial- oder Lebensstilanarchismus? Eine Antwort auf die Kritik am Libertären Kommunalismus“. In: GWR 238, April 1999, https://www.graswurzel.net/gwr/1999/04/
sozial—oder-lebensstilanarchismus/
Die in der Februar-Ausgabe zuvor geäußerte Kritik am Ansatz von Murray Bookchin, das sei nur in der Fußnote erwähnt, kam von mir. Biehls Erwiderung referierte allerdings vor allem die US-amerikanische Debatte und ging ziemlich an meiner Kritik vorbei, die vor allem auf den Absolutheitsanspruch von Bookchins Ansatz und auf dessen Naturalisierungen des Sozialen zielte, vgl. Oskar Lubin: „Der citoyen als Protoanarchist. Im Libertären Kommunalismus steht die Stadt für Basisdemokratie und die USA als ideeller Heimatspender zur Verfügung“. In: GWR 236, Februar 1999, https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/libertaerer-kommunalismus/6149-oskar-lubin-der-citoyen-als-protoanarchist
(6) Stuart Hall/Tony Jefferson (Hg.): Resistance Through Rituals. Youth Subcultures in Post-War Britain [1975]. London: Routledge, 2. Aufl. 2006.
(7) Ulrich Brand/Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. München: Oekom Verlag 2017.
(8) Mühsam 1984, a. a. O., S. 49.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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