arbeit macht das leben süß

Papua-Neuguinea

Wie in Wien mit arbeitssuchenden Menschen umgegangen wird

| Rosalia Krenn

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Der Arbeitsmarkt in Österreich lädt zum Abflug - Collage: Dirk Sandbaumhüter

Alles in mir schreit. Hilfe. Da ist niemand, der meinen Schrei der Verzweiflung hört oder ihn zu verspüren vermag. Ich bin allein mit meiner Zukunftsangst. Aber ich bin. Ein Wesen, ein Mensch. Ich bin arbeitslos, das heißt, ich bin auf Arbeitssuche, in Wien.

Das Arbeitsamt ist für mich zuständig. Das Arbeitsamt ist aber wenig hilfreich. Studiert habe ich in Salzburg, viele Jahre lang war ich Sozialarbeiterin. Heute weiß am Arbeitsmarkt niemand so recht etwas mit mir anzufangen. Ich schreibe nieder, wie sehr ich mich von einer staatlichen Institution, die von der öffentlichen Hand gespeist den Auftrag hat, arbeitssuchende Menschen zu unterstützen, gequält und gedemütigt fühle.
Ich fühle mich einem System und seinen willfährigen Helferinnen und Helfern in einer Art und Weise ausgeliefert, die auch meinen Körper in Mitleidenschaft zieht, mittlerweile leide ich regelmäßig an Magenkrämpfen, obwohl ich die Wechseljahre schon längst hinter mir habe. Menschen in einem System der Unmenschlichkeit, die mir nicht helfen können oder nicht helfen wollen, versuchen mit aller Gewalt mein Selbstvertrauen dauerhaft zu beschädigen, mein Selbstwertgefühl zu erschüttern. Sollte ich deren Vorschlägen nicht nachkommen, drohen sie mir damit, das bisschen Geld, das die öffentliche Hand mir zubilligt, nicht mehr auszubezahlen. Diese Vorgangsweise wird Sperre der Bezüge genannt. Mit dieser Strategie werden Menschen, die sich auf Arbeitssuche befinden, gefügig gemacht. Ich will mich aber nicht fügen, ich weigere mich, jeden Unsinn mitzumachen. Diese Haltung wird bestraft. Anhand einiger Beispiele möchte ich darlegen, welche seltsamen Ideen des Arbeitsamtes ich nicht aufzugreifen vermochte. Ich wurde etwa an eine Religionsgemeinschaft vermittelt, die für Papua-Neuguinea eine Entwicklungshelferin suchte. Ein persönliches Vorstellungsgespräch wurde verlangt, die Flugkosten hätte ich selber zu tragen, man wolle sich vor Ort ein Bild von mir machen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Nach längeren Diskussionen akzeptierte das Arbeitsamt schließlich, dass ich weder Entwicklungshelferin bin noch das nötige Geld für einen dermaßen teuren Flug besitze. Diese erfolgreiche Abwehrhaltung meinerseits rächte sich alsbald. Ich wurde an die Volkshilfe vermittelt, die im Auftrag verschiedener Reinigungsfirmen Gebäudereinigungskräfte suchte. Die Volkshilfe ist eine gemeinnützige, überkonfessionelle Wohlfahrtsorganisation, die in Österreich und international soziale Projekte betreibt und unterstützt. Inmitten eines trostlosen Hinterhofes hatte die Volkshilfe ein schäbig zu nennendes Büro eingerichtet, um die vom Arbeitsamt geschickten Personen weiterzuvermitteln. Ein trauriger Anblick bot sich mir dort. Mit mir warteten zehn oder elf Männer darauf, aufgerufen zu werden. Sie waren alle über fünfzig Jahre alt, stammten aus Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens und waren vom Leben gezeichnet. Keiner dieser Männer war wirklich gesund und keinem dieser Männer hätte ich Schwerarbeit zugemutet. Dass das Arbeitsamt zynisch vorgeht, wundert mich nicht. Dass eine angesehene Organisation wie die Volkshilfe dieses grausame Spiel mitspielt ohne mit der Wimper zu zucken, hat mich verblüfft. Ohne Anteilnahme wurde den Männern die Adresse einer Gebäudereinigungsfirma in die Hand gereicht, bei der sie sich zu melden hätten. Endlich wurde ich aufgerufen. Ich war wütend genug, mich zu wehren. Ich sagte einer der Mitarbeiterinnen ins Gesicht, dass ich nicht studiert habe, um mit über fünfzig Jahren Stiegen zu putzen und dass ich auch den Männern, die vor mir abgefertigt worden waren, diese schwere Arbeit nicht mehr aufbürden würde. Die Volkshilfe sah in meinem Fall von einer Weitervermittlung ab. Seither gelte ich beim Arbeitsamt als uneinsichtig.
Ich wurde zu einem dreimonatigen Kurs verpflichtet, bei einer Nebenfirma des Arbeitsmarktservice (AMS) (1), deren einzige Kunden und Kundinnen vom AMS dorthin verpflichtet werden, die Nebenfirma trägt den Titel trendwerk. Ich machte die Bekanntschaft mit einer 59-jährigen Frau, die aus Bosnien als Gastarbeiterin nach Wien gekommen war, sich in Bosnien mit ihrem Mann ein kleines Haus aufbauen konnte und in naher Zukunft zurück nach Hause fahren wollte. In etwa einem halben Jahr wäre sie schließlich pensionsberechtigt.
Der Auftrag der Firma trendwerk besteht darin, Menschen dauerhaft in Arbeit zu bringen. Alle Frauen aus meinem Kurs waren über fünfzig Jahre alt, die meisten waren Reinigungskräfte, die aus Alters- und Gesundheitsgründen von ihren Firmen gekündigt und abgefertigt worden waren. Die Kurstrainer waren jung und dynamisch, rund 25 bis höchstens 30 Jahre alt. Sie erzählten uns Teilnehmerinnen, dass wir mit ihrer Hilfe Karriere machen würden. Das wäre ihr Ziel, uns zu Erfolg in der Arbeitswelt zu verhelfen. Auf meine Frage hin, ob ihnen das schon einmal gelungen wäre, bekam ich keine Antwort, nur ein verlegenes Lächeln.

Es bleibt mir nur zu hoffen, dass möglichst viele Menschen dieses Spiel durchschauen, und wir alle uns nicht zum Spielball der Reichen und Mächtigen und ihrer Handlanger, ihrer Systemerhalter, machen lassen.

Das Arbeitsamt speist mit Geldern eine Nebenfirma und zahlt Kurstrainern ein Gehalt, die ohne Gespür für Realitäten zum Großteil Gastarbeiterinnen fortgeschrittenen Alters von tollen Karrierechancen vorschwärmen.
Mir hat der Kurs eines aufgezeigt: Firmen wie trendwerk bieten dem AMS den Vorteil einer geschönten Arbeitslosenstatistik. Wer sich in einem Kurs befindet, taucht in der Statistik nicht mehr als arbeitslos gemeldet auf, und der Arbeitsminister kann in seinen Pressekonferenzen stolz verkünden, wie gut er arbeitet, wie erfolgreich „sein“ AMS Arbeitslosigkeit bekämpft. Wer so wie ich die sogenannte Notstandshilfe bezieht, ist nicht berechtigt, eine wie auch immer geartete Arbeit abzulehnen. Das einzige Glück, das ich habe, ist, dass sich bisher noch kein potentieller Arbeitgeber auf mich einlassen wollte, dabei vergesse ich auch nicht, die Firmenchefs darauf aufmerksam zu machen, dass ich Betriebsrätin war und mich im Arbeitsrecht einigermaßen zurecht zu finden vermag. Hinweise wie diese können hilfreich sein, wenn man sich für eine bestimmte Tätigkeit nicht geeignet fühlt.

Das Spiel durchschauen

Ich wollte anhand weniger Beispiele (es gäbe noch einige mehr) beschreiben, wie in Wien mit arbeitssuchenden Menschen umgegangen wird, um auf eine Gefahr hinzuweisen. Vor dem Eingang des AMS höre ich immer mehr Stimmen, die den „Ausländern“ und den „Asylbewerbern“ die Schuld an ihrer Situation geben. Diese Stimmen von arbeitssuchenden Menschen wurden in letzter Zeit lauter und radikaler. Die erfahrenen Demütigungen, die nicht nur mich betreffen, werden den „Ausländern“ zugeschrieben, die Sozialdemokratie nimmt sich dieses Themas gar nicht oder nur halbherzig an, um so mehr dafür die extrem rechte Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), die in Niederösterreich so lautstark ihre Position, dass ohnehin „Ausländer“ und „Flüchtlinge“ an allem schuld seien, vertreten konnte, dass sie nunmehr mit der ÖVP gemeinsam regiert. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Bundespolitik. Bundeskanzler Nehammer will Asylwerberinnen und Asylwerbern ihr – ich würde sagen – Taschengeld kürzen, erspielt dabei in seiner Argumentation Zuwendungen an österreichische Staatbürger_innen, die auf Gelder aus der öffentlichen Hand angewiesen sind gegen die Asylwerber_innen aus. Es bleibt mir nur zu hoffen, dass möglichst viele Menschen dieses Spiel durchschauen, und wir alle uns nicht zum Spielball der Reichen und Mächtigen und ihrer Handlanger, ihrer Systemerhalter, machen lassen.

(1) Das Arbeitsmarktservice (AMS) ist ein Dienstleistungsunternehmen am Arbeitsmarkt in Österreich und erfüllt die Funktionen eines öffentlich-rechtlichen Arbeitsamts.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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