nie wieder

Singen statt Sterben

Oder: Warum 1943 die meisten dänischen Jüd*innen gerettet werden konnten

| Barbara Pfeifer

Boot mit jüdischen Flüchtlingen auf dem Weg von Falster in Dänemark nach Ystad in Schweden, Sep./Okt. 1943 - Foto: Nationalmuseet - National Museum Of Denmark. CC Attribution-Share Alike 2.0 Generic license

Im Oktober 1943 wollten die Nazis alle Jüd*innen aus dem besetzten Dänemark in deutsche KZs abtransportieren. Doch es gelang ihnen nur in Ausnahmefällen: Durch eine dramatische Rettungsaktion in letzter Minute wurden Tausende Jüd*innen und ihre Angehörigen von Fischern ins neutrale Schweden gebracht.

Herbst 2022: In einer vollbesetzten Kirche der dänischen Kleinstadt Aabenraa spielt das Duo Singh & Goldschmidt (1) jüdischen Klezmer und arabische Melodien. Henrik Goldschmidt erzählt, wie er als kleiner Junge in einer Oktobernacht 1943 mit seiner Familie auf einem kleinen Fischerboot über den Sund nach Schweden fliehen musste. Und dass unter den europaweit fast sechs Millionen von den Nazis ermordeten Jüd*innen fast keine aus Dänemark waren. Zu singen, auch wenn die Angst einen zu überwältigen drohte – das hat er damals gelernt. Jiddische Lieder. Hebräische Lieder. Heute bietet er mittellosen ukrainischen Kindern kostenlosen Musikunterricht an. Dann beginnt Henrik (2) das Publikum in sein Konzert zu integrieren. Erst erhalten drei Frauen Löffel und einfache Rasseln, um die Melodien rhythmisch zu unterstützen. Schließlich interpretiert er dänische Lieder auf Klezmerweise um, und alle, wirklich alle, singen mit. Ich bin noch neu in Aabenraa und kenne die Texte nicht, also singe ich nur „la-la-la“ – aber ich bin ein Teil des Chors. Gemeinschaft entsteht.

Die Nazis besetzen Dänemark

Am 9. April 1940 frühmorgens überfallen die Nazis Dänemark ohne Kriegserklärung. Die überraschte Regierung entscheidet sich, keine Generalmobilmachung anzuordnen. Abends ist das Land vollständig besetzt – und „nur“ 16 Dänen sind erschossen worden. Die Deutschen treffen auf ein wirtschaftlich geschwächtes Volk mit hoher Arbeitslosigkeit, das sich auf eine Zusammenarbeit mit Berlin einlässt. Alle inneren Organisationen bleiben erhalten, Dänemark liefert in großem Stil landwirtschaftliche Produkte gen Süden, Polizei und Soldaten werden nicht entwaffnet. Das kleine Land soll ein Muster-Vorzeige-Protektorat der Nazis werden. Die dänische Regierung bildet sich spontan zu einer Allparteienregierung unter Führung der Sozialdemokraten um, abgesegnet von König Christian X. Für ihre unheroische Haltung werden die Dän*innen vom Ausland verlacht. Winston Churchill bezeichnet sie als „Hitlers Schoßhündchen“. Der Vorteil: Sie haben große Handlungsspielräume – und fast niemand kommt ums Leben. Für die meisten Menschen unterscheidet sich der Alltag unter deutscher Besatzung zunächst kaum von der Zeit vor dem Krieg. Doch schon bald merken die Nazis, dass die Dän*innen anders ticken. Dafür gibt es verschiedene historische Gründe:

Bereits von 1864–1920 ist Sønderjylland (Nordschleswig) von Preußen besetzt. Politische Treffen mit Alkoholausschank sind verboten, und so trifft man sich zu Kaffee und Kuchen, was sich zu opulenten Tortenschlachten entwickelt, man diskutiert und singt patriotische Lieder. Letzteres ist zwar verboten, aber niemand schert sich darum. Zusammen singen macht Freude. Und die Erfahrung zeigt: Die Deutschen bleiben nicht ewig. Nach dem Ersten Weltkrieg wird durch eine Volksabstimmung entschieden, welche Landesteile zukünftig wieder zu Dänemark gehören sollen: alles nördlich von Flensburg.

Es war ein seltsamer Anblick – all diese Menschen, die die Hauptstraße runter zum Hafen rannten, Menschen, die nicht das Geringste getan hatten und deren einzige Sünde es war, Juden zu sein.

Außerdem gibt es da noch die Dänische Volkskirche (Folkekirke), der auch heute noch knapp 80 % der Menschen angehören, im 19. Jahrhundert stark beeinflusst vom Theologen, Pädagogen und Politiker Nikolai Grundtvig. Er postuliert, dass ein jeder zuerst Mensch und dann erst Christ sei, und verbreitet – auch an den Volkshochschulen – die Idee des humanistischen, bodenständigen, liberalen Glaubens. Und wirkliche Humanist*innen sind nun einmal keine Antisemit*innen. (3)

Schließlich mögen es die Dän*innen nicht nur „hyggelig“ („gemütlich“ trifft das nur zum Teil), sondern sind dabei auch noch ausgesprochen ironisch. Humor ist allgegenwärtig und häufig sehr schwarz. Denn ein Konflikt lässt sich viel leichter entschärfen, wenn man einen Witz macht – und am Ende findet sich immer ein Kompromiss. Kompromiss war und ist das Markenzeichen dänischen Handelns und dänischer Politik.

In den 1920er-Jahren gelingt es den Regierenden zudem, folgendes Narrativ in den Köpfen der Bevölkerung zu verankern: Ein guter Mensch ist ein demokratisch gesonnener Mensch. Nur wenige Prozent schließen sich in den folgenden Jahren den Kommunist*innen oder Nazis an (bei den Wahlen 1943 stimmen nur 2 % für die dänische nationalsozialistische Partei DNSAP). Straßenschlachten wie in anderen Ländern: Fehlanzeige.

Sozialstaat und Mitsingfeste

Stattdessen hat das Land schon 1933, trotz aller wirtschaftlicher Probleme, ein System der sozialen Absicherung mit Mindestlohn, freier medizinischer Versorgung und verbesserter Arbeitslosenversicherung eingeführt (4). Das stärkt etwas, was es hier schon lange gibt: das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft, eigentlich einer großen Familie, zu sein, in der alle für alle verantwortlich sind. In einer Familie hilft man einander, man verrät sich nicht. Dieses Vertrauen in alle Nachbar*innen (und den Staat) gilt auch heute noch weithin.

Statt die Nazis zu bekriegen, singen die Dän*innen gemeinsam, über religiöse und politische Grenzen hinweg. 1940 erfasst eine Welle von „alsangsstævner“ das Land. Google übersetzt das in etwa als „Mitsing-Rallyes“. Im gesamten Land treffen sich im Laufe des Jahres – ohne Genehmigung der Besatzer – Abertausende Menschen, um gemeinsam zu singen, die dänische Nationalhymne und andere patriotische Lieder. Die Deutschen sind ratlos, schreiten aber nicht ein. Die dänischen Nazis schimpfen über die „marxistischen Sangesvögel“ und die Regierung hat die Sorge, die Nazis würden sich nun ebenfalls versammeln und dadurch an Einfluss gewinnen (was nicht geschieht). Allein im Kopenhagener Fælledparken versammeln sich am 15.8.1940 rund 80.000 Menschen, und, via Radio organisiert, singen am 1.9.1940 sogar 750.000 gemeinsam (5).

Die Judenfrage

Etwas anderes gibt es hingegen in Dänemark nicht: eine „Judenfrage”. So sehr sich auch die Nazis bemühen, das Thema mit der dänischen Regierung zu diskutieren: Bevölkerung, Politiker*innen und König weigern sich schlicht, über etwas zu reden, was nicht existiert. 1814 haben die Juden volle Bürgerrechte erhalten, es gibt keinerlei amtliche Aufzeichnungen, welchen Glauben jemand hat, und damit gut.
Wie wenig antisemitisch die Menschen in Dänemark sind, beweist die Legende von Christian X. Dieser sei mit dem Judenstern durch Kopenhagen geritten und habe seine Landsleute aufgefordert, es ihm gleich zu tun. Tatsächlich äußert er dies nur im September 1941 als Möglichkeit gegenüber dem Finanzminister – denn Dänemark ist das einzige Land, in dem die Nazis es erst gar nicht wagen, den Judenstern anzuordnen (6).
Anfang 1943 leben zwischen 7.000 und 8.000 Jüd*innen in dem kleinen Land unbehelligt. Zu den alteingesessenen Familien sind inzwischen viele Flüchtlinge aus Polen und Deutschland gekommen. Sie gehen ihrer Arbeit nach, einige von ihnen auch in die Synagoge, und häufig wissen ihre Nachbar*innen nicht, dass sie jüdischer Herkunft sind – es ist einfach nicht wichtig.
Die Lage ändert sich im August 1943 dramatisch. In den vergangenen Monaten ist es vermehrt zu Sabotageakten gekommen – wobei die Wi-derstandskämpfer*innen sich zumeist bemühen, kein Blut zu vergießen. Doch die Vergeltungsmaßnahmen der Nazis fallen immer drastischer aus. Generalstreiks erschüttern das Land. Dänische Zivilisten verprügeln deutsche Offiziere, Hitler tobt.

Der Ausnahmezustand

Am 28. August 1943 stellt der deutsche Reichsbevollmächtigte in Dänemark, Werner Best, der sich zuvor als Judenverfolger in Frankreich einen Namen gemacht hat, der Regierung ein Ultimatum: Sie soll bis zum Ende des Tages ein Versammlungs- und Streikverbot, die Ausgangssperre, Pressezensur mit deutscher Beteiligung, Militärgerichte und die Todesstrafe einführen (letztere hat Dänemark 1933 abgeschafft). Daraufhin tritt die Regierung (mittlerweile unter Führung des linksliberalen Politikers Scavenius) geschlossen zurück. Christian X. nimmt das Rücktrittsgesuch nicht an, die Regierung weigert sich zu regieren – eine Pattsituation entsteht. Ansprechpartner der Besatzungsmacht sind fürderhin nur noch die Staatssekretäre. Der deutsche Militärbefehlshaber Hermann von Hanneken ruft den Ausnahmezustand aus.
Am gleichen Tag flüchtet die dänische Marine ins neutrale Schweden oder versenkt dort, wo dies nicht möglich ist, alle Schiffe. Kein einziges fällt in die Hände der Deutschen. Soldaten an Land werden interniert. Die Deutschen verlegen mehr SS und Ordnungspolizei nach Dänemark, während der hochintelligente Werner Best laviert und versucht, gegenüber den Staatssekretären den Eindruck zu erwecken, er sei auf der Seite der hiesigen Bevölkerung und bemühe sich, Berlin zu einer gemäßigten Haltung zu bewegen.

Am 17. September dringt die Gestapo in das Archiv der jüdischen Gemeinde ein und beschlagnahmt Heiratsakten usw., um herauszufinden, wo überall Jüd*innen leben. „Axel Hertz, der Schatzmeister, fragte einen der Deutschen: ‚Mit welchem Recht platzen Sie hier herein?‘ Der antwortete: ‚Mit dem Recht des Stärkeren‘, worauf Axel, ebenfalls auf Deutsch, antwortete: ‚Das ist ein schlechtes Recht.‘ Sie waren höflich zueinander, aber sie waren ja auch von bewaffneten Soldaten umringt.“ (7)

Von etwa 6.000 Jüd*innen in Dänemark gehen die Nazis nun aus. Die meisten von ihnen leben in der Region Kopenhagen. Werner Best macht sich sofort an die logistische Organisation, um Männer, Frauen und Kinder schnellstmöglich in die deutschen KZs abtransportieren zu können. Bereits am 18. September übermittelt er Außenminister Ribbentrop seine Anforderungsliste für Polizeipersonal, Schiffe usw. und empfiehlt die Deportation binnen der nächsten zehn Tage. Gleichzeitig äußert er jedoch Bedenken, dass die sog. „Judenaktion“ bei der dänischen Bevölkerung nicht so gut ankommen könnte.

Am 19. September tritt Rudolf Mildner sein Amt als Chef der Sicherheitspolizei und des SD in Dänemark an. Auch er und von Hanneken glauben, dass die Aktion die Stimmung der Dän*innen gegen Deutschland negativ beeinflussen könnte. Trotzdem befiehlt Hitler am 23.9., sie durchzuführen.

Das Reichssicherheitshauptamt legt die Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1943 für die Deportation aller „Volljuden“ und mit „Volljuden“ verheirateten „Halbjuden“ fest. Werner Best informiert darüber am 18.9. seinen Spezi, den Schifffahrtsachverständigen Georg Ferdinand Duckwitz, schon seit 1932 Mitglied der NSDAP. Doch innerlich hat sich Duckwitz von der Partei offenbar distanziert. Jedenfalls fährt er drei Tage später nach Schweden (eventuell mit Duldung von Best), um das Verfahren für die Ausstellung von Reisedokumenten für dänische Jüd*innen in der schwedischen Gesandtschaft zu beschleunigen.
Gerüchte dringen auch zum dänischen Botschafter in den USA, Henrik Kauffmann, durch. Er bietet daraufhin der schwedischen Regierung finanzielle Garantien, falls sie Flüchtlinge aus Dänemark aufnehmen würde. Um ihr internationales Image aufzupolieren, das durch die frühere Auslieferung norwegischer Jüd*innen und Widerstandskämpfer*innen ramponiert ist, nimmt die Regierung das Angebot nicht an. Stattdessen lässt sie über alle Radiosender und Zeitungen am 2.10. verkünden, dass Menschen, die über Dänemark nach Schweden einreisen, jederzeit willkommen sind, auch ohne Visum.

Am 28.9. warnt Duckwitz Hans Hedtoft, den Parteivorsitzenden der Sozialdemokraten, über die unmittelbar bevorstehende Aktion. Dieser verbreitet die Nachricht weiter und schreibt: „Ich selbst begab mich zuerst zum Vorstand der ‚Mosaischen Glaubensgemeinschaft‘, dem Anwalt C.B. Henriques (…). Wir kannten einander kaum, obgleich wir uns schon vorher einige Male getroffen hatten. (…) Ich bat Herrn Henriques um eine Unterredung unter vier Augen, und als ich allein mit ihm war, sagte ich aufgewühlt, nervös und deprimiert, wie ich war: ‚Henriques, ein furchtbares Unheil steht bevor. Die von uns befürchtete Judenaktion ist bereits anberaumt. (…) In der Nacht zwischen dem 1. und 2. Oktober wird die Gestapo alle jüdischen Wohnungen heimsuchen und die Juden auf schon im Hafen bereitstehende Schiffe bringen. Sie müssen augenblicklich alle in der Stadt lebenden Juden verständigen. Es versteht sich, daß wir zu jeder nur möglichen Hilfeleistung bereit sind.‘ “ (8)

In der jüdischen Gemeinde bricht nun das Chaos aus. Notfallpläne gibt es nicht. Während einige noch nicht glauben wollen, was bevorsteht, haben sich doch die ersten schon auf die völlig unorganisierte Flucht nach Schweden oder in die Provinz gemacht. Einige lassen sich auch unter falschem Namen als Patient*innen ins Krankenhaus aufnehmen. Und alle, die über genügend Verbindungen verfügen, sehen zumindest zu, dass sie in den nun folgenden Nächten nicht zu Hause schlafen. Gleichzeitig beginnen die alteingesessenen Jüd*innen, ihre Geschäfte zu ordnen und an nichtjüdische Freund*innen und Geschäftspartner*innen zu übergeben. Das gleiche gilt für alle Wertgegenstände, die sie nicht mitnehmen können, voller berechtigtem (!) Vertrauen, alles nach dem Krieg unbeschadet wieder vorzufinden. Dienstmädchen werden mit Abfindung entlassen und Haustüren verschlossen. Die Schlüssel lässt man bei den Nachbar*innen. Die ersten Jüd*innen nehmen sich das Leben.

Die Judenaktion

Werner Best rechtfertigt gegenüber dem Sprecher der dänischen Staatssekretäre, Svenningsen, die Aktion am 1. Oktober 1943 mit „deutschfeindlicher Hetztätigkeit“ (9). Dies wird den Staatssekretären später die Möglichkeit geben, auf die Freilassung der Kinder, ganz Alten und Kranken zu dringen – denn schließlich können diese unmöglich Saboteure sein. Das ist zwar logisch, aber eben nicht nazi-logisch.

Um 21 Uhr lässt Best das Telefonsystem in der Hauptstadt kappen und alle Ausfallstraßen sperren. In Kopenhagen werden 232 Menschen festgenommen, im übrigen Land 82. Die meisten von ihnen sind alt und krank oder haben niemanden, bei dem sie sich verstecken können (das betrifft vor allem jene, die zuvor schon aus Deutschland oder Polen geflohen sind). Bis zum 13. Oktober werden 456 Jüd*innen nach Theresienstadt deportiert. Am 23. November kommen noch weitere sechs Männer nach Sachsenhausen und zehn Frauen und Kinder nach Ravensbrück. Auf dem Frachter Wartheland, der in Kopenhagen bereitsteht und 5.000 Gefangene aufnehmen soll, verbleiben 202 „deportierbare Volljuden“, ein weiteres Drittel erweist sich als nichtdeportierbar, da sie z. B. in „Mischehe“ leben. Die Staatssekretäre kämpfen um jeden einzelnen Menschen. Best hat seine liebe Not, seinen Misserfolg Berlin als Erfolg zu verkaufen: Er meldet dem Auswärtigen Amt am 5.10., dass Dänemark nun „entjudet“ sei, da kein*e einzige*r mehr sich legal im Land aufhalten könne.

Am Sonntag, dem 3.10., wird in allen Kirchen des Landes ein Hirtenbrief des Bischofs Hans Fuglsang-Damgaard verlesen. Der konservative Politikken-Journalist Bergstrøm schreibt: „Als er sagte, dass er einen Brief vom Bischof verlesen wolle, ging ein Raunen durch die Gemeinde. Er verlas den Protest gegen die Judenverfolgung. Man dürfe nicht vergessen, dass Christus aus dem Land der Juden stammte und die Grundlage des Christentums das Alte Testament sei. Man müsse Gott und nicht den Menschen gehorchen. Außerdem verletze die Verfolgung von Juden das dänische Rechtsempfinden. Deshalb müsse die Kirche protestieren. (…) Der Pastor schloss Fürbitten für die norwegische, schwedische, isländische und finnische Kirche und für die Juden in sein Gebet mit ein. Dann gingen wir. Es war ein historischer Moment.“ (10)

An diesem Tag sind die meisten Jüd*innen nur untergetaucht, aber noch nicht in Sicherheit. Viele versuchen ihr Glück in mehreren Hafenstädten, einigen gelingt es überzusetzen. Andere werden geschnappt, wieder andere ertrinken im Meer. Heute wissen wir, dass die Nazionalsozialisten nicht besonders eifrig bei der Judenjagd waren und Küstenpatrouillen nicht ausliefen. Das wissen die Flüchtlinge nicht – und ihre Helfer ebenso wenig. Für Werner Best und die anderen führenden Nazis hingegen steht fest, dass die dänische Bevölkerung ungemein zornig ist, und sich auch nicht durch die Freilassung ihrer Soldaten beruhigen lassen will. Also gilt es, eher vorsichtig bei der Verhaftung weiterer Jüd*innen zu sein.

Die Katastrophe von Gilleleje

Unter den Jüd*innen geht das Gerücht um, es sei möglich, über das Dorf Gilleleje, rund 60km nördlich von Kopenhagen, zu entkommen. Fischer wären bereit, die Flüchtlinge nach Schweden überzusetzen, wenn man bezahlen könne. Aber dort funktioniert noch nichts, wie es sollte. Am 6. Oktober befinden sich neben den 1.700 Einwohner*innen rund 400 Flüchtlinge im Ort, in fast jedem Haus sind jüdische Familien untergebracht. Doch in dieser Gegend agiert auch Gestapo-Juhl, mit bürgerlichem Namen Hans Juhl, SS-Hauptscharführer, Kriminaloberassistent und Leiter der Sicherheits- und Grenzpolizei im nahegelegenen Helsingør. Juhl ist keiner von denen, die auch mal wegschauen, nein, er will Erfolge vorweisen. Für den 6. Oktober, 12.30 Uhr ist das Ablegen des Schoners Flyvbjerg geplant, der mehrere Hundert Flüchtlinge aufnehmen kann. Kaum hat Gestapo-Juhl mit seinen Männern am Morgen die Hafengegend Gillejes verlassen, eilen die Flüchtlinge in Scharen zum Pier. Die Helfer sind weder organisiert, noch haben sie sich koordiniert: Jede*r will vor allem die eigene Gruppe auf den Schoner bringen. Der norwegische Student Vilhelm Lind schreibt: „Das Ablegen war ursprünglich für 12:30 geplant gewesen, doch bereits um 10:00 gab die Hafenpolizei das Signal. Weil es so lebenswichtig war, die Zeit zu nutzen, in der die Deutschen nicht in der Gegend waren, sollte das Schiff lieber sofort ablegen. Die Nachricht verbreitete sich augenblicklich im ganzen Ort, woraufhin sich Szenen abspielten, die man in keinem Spielfilm dramatischer darstellen könnte. (…) Mit einem Mal sprangen alle Haustüren auf, aus fast jedem Haus strömten Juden auf die Straße. (…) Die gesamte Dorfbevölkerung half, alle Arten von Vehikeln wurden eingesetzt. Gichtkranke alte Frauen wurden von wettergegerbten Fischern getragen, andere auf Schubkarren gerollt oder mit seltsamsten anderen Transportmitteln gekarrt.
Ich fand ein kleines Mädchen, das offenbar von ihren Eltern getrennt worden war, setzte sie auf meine Fahrradstange und raste im Eiltempo mit ihr zum Hafen. Sie weinte, als ich sie hochnahm, aber während ich mir auf Norwegisch rufend und schreiend eilig einen Weg durch die Menge am Pier bahnte, verwandelte sich ihre Furcht in schiere Begeisterung. Und es war dann wirklich das aufgeregteste kleine Wesen, das ich schließlich an Bord des Schiffes hieven konnte.

Die gewaltige Anspannung aller bewies, dass die Grenzen der Belastbarkeit erreicht waren. Jeden Moment konnten die Deutschen wieder hier sein. Doch alles ging gut, bis auf einmal ein Schrei zu hören war: ‚Die Deutschen kommen!‘ Augenblicklich wurden die Leinen gelöst und der Schoner segelte mit (lediglich) 210 Juden an Bord gen Schweden in die Freiheit.

Es war ein seltsamer Anblick – all diese Menschen, die die Hauptstraße runter zum Hafen rannten, Menschen, die nicht das Geringste getan hatten und deren einzige Sünde es war, Juden zu sein. (…) Ich musste immer wieder schlucken, um meine Tränen zurückzuhalten, ob nun aus Freude, weil alles gut zu gehen schien, oder aus Verbitterung, weil ich Zeuge davon wurde, dass so etwas in einem skandinavischen Land im Jahre 1943 geschehen konnte – vielleicht wegen beidem. Die gewaltige Anspannung aller bewies, dass die Grenzen der Belastbarkeit erreicht waren. Jeden Moment konnten die Deutschen wieder hier sein. Doch alles ging gut, bis auf einmal ein Schrei zu hören war: ‚Die Deutschen kommen!‘ Augenblicklich wurden die Leinen gelöst und der Schoner segelte mit (lediglich) 210 Juden an Bord gen Schweden in die Freiheit.“ (11)

Alle anderen Jüd*innen müssen sich schnellstmöglich wieder verstecken. Gut 80 von ihnen finden auf dem Dachboden der Gemeindekirche Zuflucht. In der Zwischenzeit kommen weitere Flüchtlinge im Dorf an. Auch sie werden versteckt und mit Decken, Kleidung und Essen versorgt. Doch unter den 1.700 Einwohner*innen befindet sich ein*e Denunziant*in, der/die das Kirchenversteck kennt und an Gestapo-Juhl verrät. Die Dorfbewohnerin Marie Olsen schreibt später an ihren jüdischen Bekannten, dem sie selbst geholfen hat: In der Nacht auf den 7. Oktober „marschierten die Deutschen zur Kirche, öffneten sie, brachen in den Dachboden ein, zerrten all diese armen Menschen runter und richteten die Autoscheinwerfer auf sie. Dann wurden sie in verschiedene Gruppen aufgeteilt und in den Gemeindesaal getrieben. (…) Wir waren so unglücklich, als wir es um fünf Uhr früh erfuhren. Wir waren in dieser Nacht gar nicht erst zu Bett gegangen, wir haben Wache gehalten und gebetet für Sie, die Sie schon so viel gelitten haben und es so schwer hatten. Und das hat Sie alle gerettet: Ja, unser Glaube.“ (12) Nur einem einzigen der in der Kirche versteckten Menschen, einem Jungen oder jungen Mann, gelingt es, Gestapo-Juhl zu entkommen. Alle anderen werden nach Theresienstadt deportiert. Der Pfarrer der Gemeinde ist vor Entsetzen von diesem Tag an nie mehr „richtig normal gewesen“ (13), (14).
Nach dieser Katastrophe organisieren sich die Helfer*innen in ganz Dänemark effizienter. Insgesamt gelingt 7.742 Jüd*innen die Flucht über die Ostsee, von denen 1.376 keine dänische Staatsangehörigheit haben. Hinzu kommen 686 ihrer nichtjüdischen Familienangehörigen. Die dänischen Fischer lassen sich für das Risiko bezahlen (mit nach heutigem Wert über 32 Mio. Euro), nehmen aber auch Menschen mit, die dazu nicht in der Lage sind.
Auf Drängen der Staatssekretäre erhält Dänemark im November 1943 von Werner Best die Erlaubnis, die dänischen Jüd*innen in Theresienstadt mit Hilfspaketen zu unterstützen, und die Zusage, dass sie nicht in Vernichtungslager weitertransportiert werden. Zusätzlich darf eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) die Deportierten am 23.6.1944 dort besuchen. Um Platz für die Dän*innen zu schaffen, werden jedoch zuvor andere Inhaftierte nach Auschwitz gebracht und dort ermordet. Im April 1945 transportiert das IRK die noch lebenden dänischen Jüd*innen aus Theresienstadt zurück nach Dänemark. In der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1945 kapituliert Nazi-Deutschland.

Kooperieren und fordern

Die Strategie der bedingten Zusammenarbeit, des immer wieder Weiterdiskutierens und Beharrens hat dazu geführt, dass in Dänemark nur wenige Menschen im Zweiten Weltkrieg sterben: 52 Jüd*innen werden in den KZs ermordet. Rund 50 weitere sterben außerhalb der KZs oder nehmen sich das Leben. 2.000 dänische Soldaten, die auf Seiten der Nazis kämpfen, kommen hinzu, und 100, die dasselbe auf Seiten der Alliierten tun. Auch 1.000 Zivilist*innen werden ermordet, viele davon im aktiven Widerstand. Doch alles in allem sind dies nur 0,08% der damaligen Bevölkerung. Damit gehört Dänemark zusammen mit der Schweiz, Bulgarien und Irland zu den Ländern mit der niedrigsten Todesrate. (15) Ihr Pazifismus ist zwar kein anarchistischer gewesen, aber ein erfolgreicher. Singen und Humor schweißen die Menschen zusammen – „Mit Humor gegen den Krieg“ hätte der Artikel deshalb auch heißen können.

Dänemark ist übrigens das einzige Land der Welt, dessen Gesamtwiderstand gegen die Nazis in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem geehrt wird als „Gerechte*r unter den Völkern“ – weil einfach fast alle mitgemacht haben. In sämtlichen anderen Ländern erhalten ausschließlich Einzelpersonen diese Auszeichnung. (16)

Und die Täter?
  • Werner Best macht nach dem Krieg in Westdeutschland Karriere als Rechtsanwalt und stirbt 1989 im Alter von 85 Jahren.
  • Hans Juhl (Gestapo-Juhl) sagt nach dem Krieg als Zeuge in Prozessen aus und kommt selbst ungestraft davon. Wann und wo er gestorben ist, wissen wir nicht.
  • Hermann von Hanneken wird 1949 nach Deutschland ausgewiesen. Er stirbt 1981 im Alter von 91 Jahren.
  • Rudolf Mildner ist bei Kriegsende Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Wien. In den Nürnberger Prozessen sagt er als Zeuge der Anklage aus und wird 1949 aus der Internierung entlassen. Mildner taucht unter, vermutlich in Argentinien, und wird für seine Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen. Das Landgericht Salzburg lässt ihn 1969 für tot erklären.
  • NSDAP-Mitglied Georg Ferdinand Duckwitz bleibt in Dänemark und wird als Judenretter und in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ gefeiert. Von Werner Best distanziert er sich jedoch nie. Willy Brandt macht ihn zum Verhandlungsführer des Warschauer Vertrags. Er stirbt 1973.

(1) https://singh-goldschmidt.dk/
(2) In Dänemark duzen sich fast alle.
(3) https://www.yadvashem.org/articles/academic/denmark-and-the-holocaust.html
(4) Knauer, Claudia: Dänemark – Ein Länderportrait, Ch. Links Verlag, Berlin 2017, S. 50f
(5) DVD „Danmarks Historie 1939-1942 – I krigens skygge”, darauf „National bølge skyller frem“, Substanz-Forlag, o.J.
(6) Lidegaard, Bo: Die Ausnahme – Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger der Vernichtung entkamen. Aus dem Englischen von Yvonne Badal, Karl Blessing Verlag, München 2013, S. 9ff
(7) ders., S. 111
(8) ders., S. 131f
(9) ders., S. 232
(10) ders., S. 337ff
(11) ders., S. 431ff
(12) ders., S. 450
(13) https://da.wikipedia.org/wiki/Gilleleje
(14) Über die Geschehnisse in Gilleleje gibt es einen sehr berührenden dänischen Film aus dem Jahre 2016, „Fuglene over sundet“ (Die Vögel über dem Sund) des Regisseurs Nicolo Donato (auch in deutscher Sprache).
(15) http://www.1sted.dk/2verdenskrig/tabstal.aspx
(16) https://www.yadvashem.org/de/righteous/statistics.html

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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