Deutschland will „kriegsfähig“ werden, deshalb steht auch die Wiedereinführung der Militärdienstpflicht auf dem Programm. Der Bürger (und immer mehr auch die Bürgerin) soll den Staat, „unsere Freiheit“, „unseren Wohlstand“ im Prinzip weltweit verteidigen. Für diesen Zweck werden viele Freiheiten eingeschränkt, und vom Wohlstand bleibt auch nicht mehr viel übrig, wenn immer mehr Geld in die Aufrüstung fließt. Eine „Freiheit“ gibt es zumindest für die Soldatinnen und Soldaten nicht. Sie werden über die Militärdienstpflicht gezwungen, man stiehlt ihnen Lebenszeit, sie haben Befehle auszuführen und sollen im Endeffekt bereit sein auf Befehl andere Menschen zu töten und ihr Leben im Krieg zu opfern.
Begründet wird die Militärdienstpflicht, mit der die Bür-ger*innen zu Untertanen des Staates werden, immer wieder mit dem Verweis auf die Französische Revolution. Darum ist es sinnvoll, sich damit zu befassen.
Unter einer Revolution versteht man eine tiefgreifende Umgestaltung der politischen und gesellschaftlichen Struktur durch unterdrückte Klassen. Die Französische Revolution (1789 – 1799) ist dafür das wohl bekannteste Beispiel der Neuzeit. Das alte Gesellschaftsmodell (Aristokratie, Feudalismus) beruhte auf den drei Ständen: König, Adel und Volk. Der König, unterstützt von der katholischen Kirche, galt als der von Gott gesandte Alleinherrscher, der z. B. durch Handauflegen Kranke heilte. (Reichardt, 25) Tatsächlich war er ein Zauderer, der unter der Fuchtel seiner dem Prunk verfallenen, aus dem österreichischen Herrscherhaus stammenden Frau, Marie-Antoinette, stand. Die eigentliche Herrscherschicht war der Adel, vom König abhängig und ihm zugetan. Er besaß neben den Kirchen einen Großteil des Landes. Der Dritte Stand, Händler, Handwerker und vor allem die Bauern wurden durch immer höhere Abgaben gezwungen, die immer höheren Ausgaben für das Königshaus und den Adel zu finanzieren. Dagegen regte sich schon seit langem Unruhe. Gegen dieses ungerechte und überkommene Gesellschaftsmodell propagierten Philosophen wie z. B. Voltaire und Rousseau neue Ideen der Aufklärung, zu denen sich dann sogar einige Priester und Adlige bekannten.
Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Entwicklung in Frankreich hatte auch der nordamerikanische Unabhängigkeitskrieg, den Frankreich finanziell und mit Soldaten gegen England unterstützte. Die Rückkehrenden brachten die Menschenrechte als Idee von dort mit. Die Kriegsbeteiligung führte zu leeren Staatskassen. Frankreich war praktisch pleite.
Das Ganze wurde verschärft durch ein weiteres Problem. Die Elite Frankreichs war der Adel. Reiche Bürger konnten sich in den Adelsstand einkaufen. Dieses Verfahren war zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. 40.000 nutzten in den Jahren vor der Revolution diese Möglichkeit. So wurde der eigentlich unproduktive Adel immer größer, und um der finanziellen Misere zu entkommen, erhöhte man die dafür geforderten Summen, was dann allerdings dazu führte, dass das Interesse daran abnahm, so dass diese Staatseinnahme praktisch ausfiel.
Mit der schrittweisen Einführung der Militärdienstpflicht konnte die an die Wand gefahrene Revolution gegen innere und äußere Feinde verteidigt werden. Allerdings wurde damit auch die Freiheit, die wichtigste Errungenschaft der Revolution, beendet
Schließlich kam es, wohl auch aufgrund eines Vulkanausbruchs in Island in Europa 1787/89 zu Unwettern und Missernten. Der Getreidepreis verdoppelte sich. Händler wollten daraus Gewinn ziehen, indem sie Getreide horteten. Mit dem Ergebnis, dass weite Teile der Bevölkerung nichts mehr zu essen hatten. Es kam zu Hungerrevolten, zum „Mehlkrieg“.
Aufgrund all dieser Ursachen kam es schließlich 1789 zum Aufstand, wobei sich die Soldaten zurückhielten oder sich gar den Rebell*innen anschlossen. Hannah Arendt in „Über die Revolution“, S. 46: „Die Soldaten hatten nicht geschossen, die Instrumente der Autorität funktionierten nicht mehr.“ 200.000 königliche Soldaten schlossen sich den Aufständischen an. (vgl. Reichardt, 56) An Waffen kam man über die Einnahme von königlichen Arsenalen (Invaliden-Kaserne) und am 17. Juli 1789 durch den Sturm auf die Bastille, ein Staatsgefängnis, wobei es auf eigener Seite zu 98 Toten und 73 Verwundeten kam, aber man erschlug auch sieben Garnisonsleute und lynchte den Kommandanten. Damit bewaffnete man 13.000 Bürger.
Frauen haben sich in allen Stadien der Revolution beteiligt, manchmal waren sie sogar die „Vorhut“. So schrieb ein deutscher Beobachter des Geschehens: „Weiber ersannen Entsetzlichkeiten und übten sie aus, ermunterten Männer zu frischen Qualen und Mordtaten.“ (Schulin, 128) Einige Frauen forderten auch das Recht, sich zu bewaffnen und eigene weibliche Nationalgarden bilden zu dürfen. Im März 1792 forderten 300 Frauen in einer Petition ihre Bewaffnung. Als sie im Pariser Vorort Saint-Antoine begannen, eine weibliche Legion aufzustellen, vertrieb sie die Menge. Die meisten Männer waren nicht gewillt, bewaffnete Frauen zu dulden. Einige Frauen verkleideten sich als Männer, um mitkämpfen zu können, andere begleiteten ihre Lebensgefährten an die Front. Manche bewaffneten sich auch, um Heim und Kinder zu schützen. (Reichhardt, 200) Andererseits sah der Revolutionär Robespierre „die Aufgabe der Frau darin, Kinder zu gebären und ihre Söhne und Männer für die Republik zu opfern.“ (Reichardt, 194)
Der ursprüngliche Aufstand des Dritten Standes entwickelte sich auch deshalb zur Revolution, bei der man schließlich König und Adel hinwegfegte, weil man von Seiten der Obrigkeit die Aufständischen gnadenlos niedermetzelte.
Dabei war die Revolution in ihrem ersten Stadium durchaus erfolgreich: Es gab am 25. Juli 1789 eine neue Verfassung, die Menschenrechte wurden erklärt, auch die Abschaffung der Sklaverei, die allgemeine Schulpflicht. Alle, nicht nur die Besitzenden, sollten an Wahlen teilnehmen dürfen usw.
All das wurde zwar beschlossen, war aber „bis zum Frieden“ ausgesetzt. Trat also nie in Kraft. (Reichardt, 84)
Die in sich zerstrittenen europäischen Herrscher sahen in der Französischen Revolution anfangs keine Gefahr, sondern eine durchaus gelegene Schwächung Frankreichs. Gleichzeitig waren die Parolen der Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, die Trennung von Staat und Kirche, ansteckend. An vielen Orten bildeten sich zuerst kleine Zirkel, die schon bald Zulauf bekamen. Sie forderten Unterstützung aus Frankreich – und bekamen sie auch. Die Revolution wurde exportiert. Man sah sich berufen, mit revolutionärem Elan in ganz Europa die Freiheit zu verbreiten. Französische Truppen fielen im heutigen Belgien, Holland, Deutschland, der Schweiz und in Italien ein. Aber die dortigen Revolutionäre mussten bald feststellen, dass die französischen Soldaten sich aus den Ländern versorgten („hemmungslose Plünderungssucht“) und alles, was sie erbeuten konnten, zur Unterstützung der Revolution, oder auch privat, nach Frankreich abtransportierten. Auch die Befreiung wandelt sich schon bald zur Annexion, die eroberten Länder wurden Frankreich angegliedert. So kam es, dass nicht mehr die Bevölkerung, sondern die Armee zur mächtigsten Stütze der Revolution wurde.
1793 stand die Revolution ernsthaft auf der Kippe. Weite Teile der Bevölkerung wollten auch aufgrund der immer brutaleren Machtkämpfe der Revolutionsfraktionen, die sich auch gegen die restliche Bevölkerung richteten („Grande Terreur“, „Die Revolution frisst ihre Kinder“), damit nichts mehr zu tun haben. Die Bäuerinnen und Bauern wollen ihrer Arbeit nachgehen, die Kirchen ihre Vorrechte wieder haben, manche auch wieder einen König. Ganze Regionen wollten nun „Ruhe und Ordnung“.
Während sich die verschiedenen Revolutionsfraktionen aufs Heftigste bekämpften, kamen die äußeren Gegner bedrohlich näher; sie waren schon vor Paris. Sie hatten nun die Gefahr erkannt. Hurtig bildeten die Europäischen Herrscher Bündnisse und griffen wiederum Frankreich an. Ihnen kam es gelegen, dass sich von 1789 bis 1793 von den 9.000 Offizieren des alten Regimes 6.000 nach Worms, Speyer, Trier und Turin abgesetzt hatten. Mit Unterstützung (Geld, Waffen, Ausbildung) u. a. aus England, Preußen und Österreich bildeten sie konterrevolutionäre Einheiten. Alle diese Offiziere waren Adlige. Offizier konnte seit 1781 unter dem alten Regime nur werden, wer seit mindestens vier Generationen dem Adel angehört hatte. Sie waren an den für sie sicheren Schaltstellen der Kriege, gaben die Befehle, und scheuten persönlich am Geschehen teilzunehmen. Sie sahen mit der Revolution ihre Privilegien in Gefahr.
Ein Feldherr, der sich bei den Feldzügen besonders hervorgetan hatte, war Napoleon Bonaparte. Er wollte in Ägypten Frankreichs damaligen Erzfeind England besiegen, was allerdings nicht gelang. Er putschte sich schließlich am 9. November 1799 an die Macht, erklärte die Revolution für beendet, machte die meisten der „Errungenschaften“ rückgängig und errichtete eine Diktatur, gegen die sich spätere Generationen auflehnten (z. B. Pariser Kommune).
In drei Schritten wird aus der „Freiwilligkeit“ Zwang: die „Levée en masse“
In dieser existentiellen Bedrohung der revolutionären Republik sah der Militärverantwortliche Carnot die Lösung in einer starken revolutionären Armee. Zwar hatte die Nationalversammlung schon 1792 zu Freiwilligenmeldungen aufgerufen, aber lediglich 60.000, wovon die Hälfte untauglich war, folgten. Diese Anzahl reichte bei weitem nicht aus.
So kam es am 24. Februar 1793 zu dem Beschluss 300.000 „Freiwillige“ zu rekrutieren. Jedes Departement sollte ein bestimmtes Kontingent stellen. Alle Franzosen von 18 bis 40, unverheiratet oder Witwer ohne Kinder konnten nun einberufen werden. Es gab vom Gesetz her einige Befreiungen: Wer Geld hatte, konnte einen Stellvertreter schicken, zudem warb man im Ausland Söldner. In der Praxis vor Ort wurde die Vorgabe der Freiwilligkeit nur bedingt umgesetzt. Während in manchen Gegenden das Los entschied, wer zur Armee musste, wurde in anderen erheblicher Druck ausgeübt, was wiederum den Widerstand anfachte. Im Frühjahr 1793 war man mit 600.000 Soldaten an fünf Kriegsschauplätzen aktiv.
Insbesondere Bauern gingen nach erfolgtem Einsatz wieder zurück. Tote, Verwundete, Militärdienstentzieher und Deserteure nahmen überhand: Kurz, die Truppen mussten nun auch offiziell per Zwang aufgefüllt werden.
Um das „Vaterland“ zu retten, wurde am 23. August 1793 das Dekret „Levée en masse“ (Levée = Aushebung, Rekrutierung) erlassen, die allgemeine Militärdienstpflicht. 1,2 Millionen Männer im Alter von 18 bis 25 konnten nun einberufen werden. Man nahm aber auch Ältere und Jüngere. Das Volk sollte die Revolution verteidigen. Den Bürgern wurde der Zwang zum Kriegsdienst schmackhaft gemacht, indem man nun auch Soldaten das Wahlrecht gewährte. Von der ursprünglichen Idee, dass die Soldaten die Offiziere wählen könnten, kam man aber schon bald wieder ab. Während die Nationalversammlung 1790 noch den „Verzicht auf jeden Eroberungskrieg“ beschlossen hatte, sollte das nunmehrige Dekret nur „bis zur Vertreibung der Feinde“ gelten, was allgemein als defensiv und gerecht empfunden wurde. Aber andererseits nahm mit der größeren Armee die behauptete „Bedrohung“ ja gerade nicht ab, so hatte diese vermeintliche Einschränkung im Endeffekt lediglich mobilisierende Wirkung. Trotzdem: Zwar wurde die Möglichkeit, einen Stellvertreter zu schicken, abgeschafft, aber man nahm schon Rücksicht auf gebildete und einflussreiche Bürger. Unklar bleibt für mich, ob es die in der Literatur manchmal angeführte Praxis, sogenannte unerwünschte „Elemente“ (= Konterrevolutionäre) bevorzugt zu rekrutieren, und sie an die Front zu schicken, wirklich gegeben hat. Sie hätten wohl die „Kampfmoral“ geschwächt – und wären bei der erstbesten Gelegenheit übergelaufen.
So wurde die französische Armee zur weitaus größten und schlagkräftigsten Europas. Je nach Quelle soll sie bis eine Million Soldaten groß gewesen sein.
Der Widerstand gegen die Militärdienstpflicht
Die Militärdienstpflicht war kein Ziel der Französischen Revolution. Die damit verbundenen Ideen setzten generell nicht auf Zwang, sondern wollten gerade ihn minimieren, wenn nicht ganz abschaffen. Das Bürgertum lehnte noch am 16.12.1789 per Dekret eine Pflicht zum Militärdienst ab, sie sei ein Ausdruck der Despotie. Einzig der freiwillige Dienst sei für ein freies Volk akzeptabel.

Um eine Militärdienstpflicht einführen zu können, muss man wissen, wieviele Menschen man überhaupt rekrutieren kann. Aber ein dafür notwendiges Melde- und Überwachungssystem gab es (noch) nicht. Auch wenn weite Teile der Bevölkerung die Revolution unterstützten, so war doch das Rekrutierungsvorhaben für viele ein Anlass zum Umdenken. Schon gegen das erste Rekrutierungsgesetz vom 20. Februar 1793 gab es Protest und Unruhen in Lyon, Marseille, Bordeaux, Toulouse, Nimes, Grenoble, Limoges und Toulon. In mehr als 60 von insgesamt 83 Departements gab es z.T. heftigen Widerstand. Statt der Vorgabe von 300.000 konnten schließlich nur 180.000 Männer rekrutiert werden. Wer nicht rekrutiert werden wollte, wer desertierte, konnte auf breite Unterstützung hoffen. Es waren ja die eigenen Leute. Tatsächlich rekrutierte man, wen man bekommen konnte. Viele verließen sogleich ihre Dörfer und flohen in Städte oder Wälder.
Die Anzahl der Militärdienstentzieher und Deserteure wuchs mit den Einberufungen und den zunehmenden militärischen Auseinandersetzungen. Darauf reagierte die revolutionäre Regierung mit immer drastischeren Verfolgungsmaßnahmen. Ab 1792 wurden Familienangehörige schikaniert, bestraft und als Geiseln festgenommen. 1795 schuf man eine extra Polizeitruppe, um sie einkassieren zu können. Über sie wurde im ganzen Land ein regelrechtes Spitzelsystem aufgebaut, um Verweigerern habhaft zu werden. Deserteure bedrohte man mit der Hinrichtung durch die Guillotine.
In der Vendée, einer Region an der Atlantikküste, südlich der Loire-Mündung, hatten sich ab 1791 zuerst Bauern gegen die Rekrutierung erhoben. Schon bald bekamen sie Unterstützung von Königstreuen und Katholiken, aber auch Militärdienstentziehern und Deserteuren, die sie bei ihrem (konterrevolutionären) Aufstand unterstützten. Sie waren insgesamt wohl an die 150.000. Die erhoffte militärische Hilfe aus England blieb aus, es kamen nur Waffen. So hatten sie keine Chance. Bis Dezember 1793 wurden Zehntausende durch die Revolutionäre massakriert, die Gegend dem Erdboden gleich gemacht.
Die Truppendisziplin war auf allen Seiten desolat
Die neuen, revolutionären Soldaten trauten vielfach den 3.000 aus dem alten Regime übriggebliebenen Offizieren nicht, die ihre einstigen Privilegien nicht aufgeben wollten und sich vielfach weigerten, nun gemäß der neuen Doktrin, mit den Soldaten zusammen zu kämpfen. Sie mussten ersetzt und dem Offiziersmangel abgeholfen werden. So beförderte man hastig mehr oder minder befähigte Soldaten zu Offizieren, sodass es zu einem gewissen Zeitpunkt mehr Offiziere als Soldaten gab.
Auch wenn es viele Revolutionäre gab, die ihre „Errungenschaften“ auch militärisch verteidigen wollten und den Auslandseinsatz, also den „Revolutionsexport“ begrüßten, so war doch der Kriegsdienst risikoreich. Die Revolutionsarmee war im Prinzip eine Armee der Armen. Wurden sie getötet, verletzt, gab es keine Entschädigung, sie hatten die Folgen zu tragen, sie hatten die „Blutsteuer“ zu bezahlen.
Die Widerstandsmethoden waren vielfältig
An manchen Orten wurden einfach keine Einwohnerlisten mehr erstellt. Auch gefälschte Geburts- und Sterbeurkunden konnte man erhalten, worauf die Regierung das Gemeindepersonal austauschte. In etlichen Städten gab es Anschläge auf Verwaltungen und Gefängnisse, aus denen man inhaftierte Deserteure befreite. Rekrutenausheber wurden getötet.
Da Verheiratete per Gesetz von der Rekrutierung ausgenommen waren, kam es zu regelrechten Heiratswellen. Selbst 70- bis 80-jährige Frauen boten sich als Bräute an. Worauf die Revolutionsregierung nur noch Ehen als gültigen Grund ansah, wenn sie mindestens drei Monate vor der Rekrutierung geschlossen worden waren. Was wiederum zu vordatierten Heiratsurkunden führte. Es entstanden regelrechte Fälscherwerkstätten, die die entsprechenden Papiere gegen Geld zur Verfügung stellten.
Ärzte schrieben Unfähigkeitsbescheinigungen, besorgten Medikamente für Simulanten. Auch Selbstverstümmelungen nahmen zu, um nicht einberufen zu werden.
Bauern und Industrielle stellten (unterbezahlt) Deserteure ein.
Die Desertionszahlen stiegen besonders ab 1793 stark an. Da man überall versuchte, sie wieder einzufangen, waren sie zur Illegalität gezwungen. Vor allem auf dem Land, im Rhônetal und am Südrand des Zentralmassivs bildeten sie Banden, welche die Bevölkerung über Jahre auch mit Morden und Überfällen terrorisierten.
Je mehr Kriege es gab, desto mehr nahm das Phänomen der Desertion zu. Napoleon, als erfolgreicher Feldherr, konnte 1799 die Macht im Staat übernehmen. Unter ihm waren 1,9 Mio. Männer militärdienstpflichtig, es kamen aber nur 563.000. 1799 sollten 400.000 rekrutiert werden, es kamen aber nur 250.000. 1811 gab es 60.000 Deserteure. 1813, beim Russlandfeldzug, desertierten ein Viertel (250.000).
Man schätzt, dass von Beginn der Französischen Revolution bis zum Ende Napoleons mehrere Hunderttausend desertiert sind.
Fazit
Mit der schrittweisen Einführung der Militärdienstpflicht konnte die an die Wand gefahrene Revolution gegen innere und äußere Feinde verteidigt werden. Allerdings wurde damit auch die Freiheit, die wichtigste Errungenschaft der Revolution, beendet. Der kommunistische Gedanken äußernde Gracchus Babeuf fasste das in den Worten zusammen: „Die Grausamkeiten jeder Art … haben unsere Sitten …. so verdorben. Statt uns zu zivilisieren, haben die Heere uns zu Barbaren gemacht.“ (Schulin, 73)
Die Militärdienstpflicht „war eine der wichtigsten Quellen, aus denen sich vor allem in West- und Südost-Frankreich die Konterrevolution speiste“. (Reichhardt, 148) Durch die vielen Kriege wurde das Militär immer mehr zum bestimmenden politischen Faktor. Und so war es kein Wunder, dass die Revolution 1799 in einer Militärdiktatur unter Napoleon endete, die ganz Europa mit Krieg überzog. Damit waren die Revolutionsideale zwar erstmals beerdigt, sie waren aber virulent immer noch vorhanden und wurden später immer wieder aufgegriffen.
Nachtrag
Bei der Erarbeitung dieses Beitrags war ich selbst immer wieder überrascht, wie aktuell die Situation im damaligen Frankreich für heute ist. Für die Einberufung mussten Meldelisten erstellt werden. Gerade wurde in Deutschland die Möglichkeit, die Datenweitergabe zu untersagen, wieder abgeschafft. Auch in Frankreich setzte man zuerst auf „Freiwilligkeit“, die mit dem Spruch Goethes „Bist du nicht willig, so brauch´ ich Gewalt“ endete. Und schließlich zeigt das französische Beispiel, dass man mit der Militärdienstpflicht Kriege gerade nicht verhindert, sondern ermöglicht.
Beschluss des Konvents „Levée en masse“ vom 23. August 1793
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Quellen:
Rolf Reichardt (Hg.): Die Französische Revolution, Köln 2012
Ernst Schulin: Die Französische Revolution, München 2004
Zu Militärdienstpflicht und Widerstand:
Christian Herz: Kein Frieden mit der Wehrpflicht, Münster 2003
Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.