die waffen nieder

Renaissance der Kriegsdienstpflicht?

Ein antimilitaristischer Blick über den Tellerrand

| Franz Nadler, Connection e.V.

BeitragWehrdienst
Bw-Helm, alte Art, seitliche Ansicht Bild 1: M. Leifheit / Bild 2: Bundesarchiv / Freisteller und Zusammenstellung: Auge=mit, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Seit 2022, dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, nimmt in vielen Ländern die Militarisierung drastisch zu. Viele Staaten rüsten massiv auf, verschärfen die Kriegsdienstpflicht, führen Zwangsdienste ein, schränken das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung ein oder schaffen es ab. Anknüpfend an den antimilitaristischen Schwerpunkt in der GWR 508 beleuchten wir in dieser Ausgabe mit einem weiteren Schwerpunkt die Militarisierungsbestrebungen u.a. in den baltischen Staaten, in Polen, Armenien, Ghana, Kroatien, Belarus und Großbritannien. (GWR-Red.)

Kroatien – Militärdienstpflicht wieder eingeführt

Kroatien hatte 2008 die Militärdienstpflicht ausgesetzt, trat 2009 der NATO bei und 2013 der EU.
Das kroatische Parlament hat im Oktober 2025 als erster der Nachfolgestaaten der früheren Bundesrepublik Jugoslawien die Wiedereinführung einer zweimonatigen Militärdienstpflicht für 18- bis 29-jährige Männer beschlossen. Nun haben die ersten 800 ihren Dienst begonnen. Die Mehrheit hatte sich freiwillig gemeldet, darunter waren auch 82 Frauen. Jetzt sollen pro Jahr bis zu 4.000 rekrutiert werden. Das angepeilte Ziel sind jährlich 19.000 Rekruten. Alle Männer, wenn sie 18 werden, werden in das Militärregister aufgenommen und dann für zwei Monate in dem Kalenderjahr eingezogen, in dem sie 19 werden. Es gibt das Recht auf Kriegsdienstverweigerung, die Ausführungsbestimmungen sind aber nicht bekannt.
Den Widerstand gegen die Militärdienstpflicht organisiert das kroatische Jugendnetzwerk.

Serbien möchte in naher Zukunft nachziehen. Die kroatische Entscheidung könnte den Prozess beschleunigen. (1)

Polen – Mit Freiwilligkeit wird die Militärdienstpflicht vorbereitet

In Polen gilt die Armee als unumstrittene nationale Einrichtung mit einer ehrenwerten Tradition.In Polen, das in der Geschichte immer wieder von den mächtigeren Nachbarn überfallen und geschluckt wurde, ist man stolz auf die Armee. Auch die Kriegsdienstverweigerer, die sich vor 1990 in nicht unwesentlicher Zahl in Gruppen wie WiP gebildet hatten, unterlagen diesem Diskurs. Heute werden sie als Teil der antisowjetischen Bewegung und als Kämpfer für die nationale Unabhängigkeit geehrt. Auch als es die Militärdienstpflicht noch gab, sie wurde 2009 abgeschafft, beriefen sich nur wenige Einzelne auf das ihnen zustehende Recht auf Kriegsdientverweigerung.
Der antirussische Diskurs ist allgegenwärtig. Nach der Ukraine wird als nächstes Polen angegriffen, davon sind viele Menschen in Polen überzeugt. Die Militärausgaben sind prozentual die höchsten aller NATO-Staaten. Weil der Schutz durch die USA, mit denen man sich lange Zeit enger als mit der EU verbunden fühlte, seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump unsicher geworden ist, gibt es gerade die Diskussion, ob man nicht eigene Atombomben bräuchte.
Trotz nach wie vor enormer Freiwilligenmeldungen, ist man auch in Polen gerade dabei die Wiedereinführung der Militärdienstpflicht vorzubereiten. Ein Schritt dazu ist das freiwillige Militärtraining für 18- bis 60-jährige Männer. Derzeit sind es noch 35.000, die sich jährlich daran beteiligen, 2027 sollen es bereits 100.000 sein.

„Die anderen Soldaten haben mir böse Dinge angetan, und die
höheren Ränge haben das gebilligt und manchmal sogar mitgemacht.
Irgendwann habe ich an Selbstmord gedacht“, so ein 20-Jähriger

Dann gibt es das Programm „Sommerferien bei der Armee“, mit Schießausbildung, Granaten werfen, Taktik-Untericht usw. Fast 10.000 Polen und Polinnen nehmen alljährlich daran teil. Im Anschluss erhalten sie einen militärischen Rang und können sich für einen weiteren Militärdienst entscheiden. Wer das einen Monat durchhält, bekommt einen Sold von 1.400 Euro.
Tatsächlich gibt es heute in Polen nur wenige Leute, die die immer stärkere Militarisierung des Landes als Problem erkennen. (2)

Ghana – Bezahlen, um zum Militär zu kommen

Bei Connection e. V., dem Verein mit Sitz in Offenbach am Main, der Deserteure unterstützt, gibt es eine kleine Arbeitsgruppe afrikanischer Leute, die sich dafür einsetzen, dass es das Recht auf Kriegsdienstverweigerung auch in ihren Ländern gibt. Man einigte sich erstmals auf eine Bestandsaufnahme, wie die Rekrutierung in den einzelnen Ländern funktioniert. EinReport aus Ghana berichtet über Bestechung und Korruption, die an der Tagesordnung sei. Allerdings beklagt man sich darin nicht über hohe Summen für das Freikaufen vom Militärdienst, sondern dass der Zutritt zum Militär so teuer ist. Das Militär ist dort eine der wenigen angesehenen Einrichtungen, wo man einen relativ sicheren und gut bezahlten Job bekommen kann. Das Militär nutzt das. Man muss zahlen, damit ein Antrag überhaupt angenommen wird; man muss zahlen, damit die Musterung positiv ausfällt und schließlich beim Einstellungsgespräch. Unter solchen Umständen dürfte es schwierig werden, ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung durchzusetzen. (3)

Armenien – Mit Geld lässt sich so manches regeln

Krieg ist in Armenien seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 nichts Ungewöhnliches. Hatte man Bergkarbach 1994 wieder erobert, wurde dieses mehrheitlich von Armenier*innen bewohnte Gebiet 2023 von Aserbaidschan wieder eingenommen. In Armenien machen viele die „zu schwache“ armenische Armee für die Niederlage verantwortlich.

Die zwei Jahre dauernde Militärdienstpflicht, die im Alter von 18 bis vorher 27, nun bis 37 Jahre, abzuleisten ist, ist allgemein nicht beliebt. Neben den üblichen Schikanen und der Korruption ist die Bezahlung ein wesentlicher Grund. Wer nicht der gängigen Geschlechternorm entspricht, hat es schwer. Beleidigungen und Schläge sind üblich. „Die anderen Soldaten haben mir böse Dinge angetan, und die höheren Ränge haben das gebilligt und manchmal sogar mitgemacht. Irgendwann habe ich an Selbstmord gedacht“, so ein 20-Jähriger. (Der Freitag, 11.12.25) Derzeit beträgt der Sold 3.400 Drams pro Monat (7,71 Euro). Es drückt sich, wer kann. Während der letzten 20 Jahre haben jeweils nur 30 bis 40 Prozent der Militärdienstpflichtigen den Dienst auch angetreten. Gegen diese Militärdienstentzieher wurden von 2010 bis 2024 etwa 2.500 Strafverfahren eingeleitet. Zehntausende, vor allem aus den finanzkräftigen Oberschichten, haben deswegen das Land verlassen. Nun will man für diese Gruppen die Situation erleichtern. Man kann sich weitgehend freikaufen und wer bezahlt, muss mit keiner strafrechtlichen Verfolgung mehr rechnen.
Es gibt traditionell auch viele im Ausland lebende Armenier, die zurückkehren wollen. Von 2020 bis 2024 haben 42.000 die Staatsbürgerschaft beantragt. Davon waren nur sieben Prozent, etwa 3.000, unter 27, also militärdienstpflichtig. Deshalb hat man jetzt das Einberufungshöchstalter auf 37 Jahre erhöht – und bietet ihnen, ähnlich der Türkei, die nachfolgenden Regelungen für den Militärdienst an:
Für die Neubürger und die 27- bis 37-jährigen Militärdienstentzieher gibt es ein gestaffeltes Angebot (zwei Jahre Dienst, zwölf Monate, sechs Monate, ein Monat oder gar null): Wer sich nun freiwillig zum Dienst bereit erklärt, dem verspricht man einen höherem Sold und Einstellung der Strafverfolgung. Wer überhaupt nicht dienen will, muss für die Dienstbefreiung 37.500 $ bezahlen. (All diese Beträge werden laufend angepasst. 2025 betrug die Summe für den einmonatigen Militärdienst bereits 52.000 $.)

Die Befreiung von der Militärdienstpflicht ist ein großes Geschäft. Selbst für für jene, die lieber die armenische Staatsbürgerschaft loswerden wollen, als den Militärdienst zu leisten, hat man ein Angebot: Die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft kostet 39.000 $. Von 2020 bis 2024 haben 8.721 Männer unter 18 Jahren dieses Angebot angenommen. (4)

Großbritannien – Militärdienstpflicht gerade noch mal verhindert

Wie in den USA und Kanada, so ist auch Großbritannien traditionsgemäß ein Land, das die Militärdienstpflicht nur im Krieg kennt. Sie wurde 1960 ausgesetzt. Als der ehemalige Tory-Premier Rishy Sunak im Wahlkampf davon sprach, ab 2025 eine allgemeine Dienstpflicht einführen zu wollen, die über ein Jahr oder entsprechende Zeit an Wochenenden, entweder im Militär oder bei Feuerwehr, Polizei oder im Gesundheitsdienst abzuleisten sei, wurde er für dieses Vorhaben mit „Hohn und Spott“ bedacht und nicht erneut wiedergewählt. (Lmd, Juli 24)

Der Vorschlag kam, auch weil die 184.860 aktive Soldaten zählende Armee nicht mehr genug Freiwillige gewinnen kann – und trotz Solderhöhung und besseren Unterkünften schrumpft.
Der im Wahlkampf siegreiche Labour-Chef Starmer kritisierte Sunaks Vorhaben aber lediglich taktisch: Eine allgemeine Dienstpflicht sei „nicht finanzierbar“. Die Labour-Regierung will aber gerne „eine Mitteilung an Moskau senden“: „Wir sind, falls nötig, zum Kampf bereit“, so Verteidigungsminister John Healey. Neue Munitionsfabriken und Atombomben sind gesetzt. Zusätzlich ist man dabei, eine neue Zivilschutztruppe („Home Guard“) aufstellen. Unter dem Vorwand, die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen zu bekämpfen und ihnen eine Perspektive anzubieten, gibt es jetzt auch das „Angebot“, ein „Überbrückungsjahr“ bei der Armee abzuleisten, das bis zu zwei Jahre dauert. Rund 150 junge Erwachsene werden seit März 2026 rekrutiert. Die Bezahlung ist zwar noch nicht geregelt, aber falls sich das Programm bewährt, soll es auf bis zu 1.000 jährlich aufgestockt werden.
Nach dem Meinungsforschungsinstitut YouGov sind lediglich 27 Prozent bereit „für ihr Land zu kämpfen“ und 41 Prozent „unter keinen Umständen“. Im Ersten Weltkrieg wurden 20.000 britische Kriegsdienstverweigerer inhaftiert, im Zweiten gar 60.000. Die pazifistische Organisation Peace Pledge Union ruft vorsorglich zur Verweigerung aller Kriegsdienste auf. (5)

(1) WRI, 24.10.25 ; FriedensForum, Jan. 26 ; FR, 10.3.26.
(2) FR, 14.6.25
(3) Military Recruitment in Ghana: Formal, Informal, and Corrupt Practices. (2025)
(4) JANnews, 12.12.23 und 14.5.25
(5) FR, 2.6.25 und 29.12.25.

Kontakt:
https://de.connection-ev.org/