„Wir sind es, die wir diese Städte und Paläste – hier in Spanien und in Amerika und überall – gebaut haben. Wir Arbeiter können andere Städte und Paläste an ihrer Stelle aufrichten. Und sogar bessere. ... Wir werden die Erben dieser Erde sein ... hier in unseren Herzen tragen wir eine neue Welt. Jetzt, in diesem Augenblick, wächst diese Welt.“ – Buenaventura Durruti, anarchosyndikalistischer Revolutionär, 1936
Am 19. Juli 2026 jährt sich zum 90. Mal der Beginn der Spanischen Revolution. Sie war und bleibt für die anarchistischen Bewegungen von großer Bedeutung. Aufgrund ihrer Radikalität und ihres hohen Grades an Freiwilligkeit gilt diese Soziale Revolution libertären Sozialist*innen in aller Welt als ein Beispiel für die Realisierbarkeit anarchistischer Ideen.
Obwohl es viele Bücher zum Spanischen Bürgerkrieg und, vor allem in anarchistischen Verlagen, auch zur Spanischen Revolution gibt, ist der „Kurze Sommer der Anarchie“ bis heute ein Ereignis, das in Schul- und Geschichtsbüchern kaum auftaucht. Dabei gehört die Soziale Revolution in der ersten Phase des Spanischen Bürgerkrieges zu den umfangreichsten gesellschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts.
Der Augenzeuge Franz Borkenau beschrieb seine Eindrücke wie folgt: „Als wir um die Ecke in die Ramblas (die Hauptverkehrsadern Barcelonas) einbogen, kam eine gewaltige Überraschung: Schlagartig breitete sich die Revolution vor unseren Augen aus. Es war überwältigend. Es war, als wären wir auf einem Kontinent gelandet, der sich von allem unterschied, was ich bisher gesehen hatte.“
George Orwell erlebte 1937, als die Revolution bereits „abgeflaut“ und zu einem großen Teil zwischen Faschisten und Stalinisten zerrieben worden war, noch einen Hauch von Anarchie: „Man hatte das Gefühl, plötzlich in einer Ära der Gleichheit und Freiheit aufgetaucht zu sein. Menschliche Wesen versuchten, sich wie menschliche Wesen zu benehmen und nicht wie ein Rädchen in der kapitalistischen Maschine.“ (1)
Der Militärputsch des General Franco
Der Spanische Bürgerkrieg begann, als am 17./18. Juli 1936 Militärs, unter der Führung von General Franco, versuchten, die junge spanische Republik zu stürzen. Ziel der Franquisten und katholischen Klerikalfaschisten war es, in Spanien eine Diktatur zu errichten. Anders als 1933 in Deutschland gab es in Spanien jedoch massiven und lange Zeit erfolgreichen Widerstand großer Teile der Bevölkerung gegen die faschistische Machtergreifung.
„Der Militäraufstand (…) war für große Teile der spanischen Arbeiterschaft Katalysator und auslösende Bedingung einer Revolution, die innerhalb weniger Wochen auf lokaler und regionaler Ebene das bestehende politische, soziale und ökonomische System weitgehend abschaffte, die wirtschaftliche und politische Macht an neue soziale Gruppen überführte und das traditionelle System der Herrschaft von Grund auf veränderte“ (2), stellt der Romanist Walter L. Bernecker (siehe Nachruf in dieser GWR) fest.
In den Städten übernahmen revolutionäre Arbeiter*innen die
Fabriken. Auf dem Land ergriffen Bäuer*innen, Landarbei-
ter*innen und Tagelöhner*in-nen die Initiative, gründeten Agrarkollektive und bemächtigten sich des Landes. Durch die Schaffung unzähliger freier Schulen und die autodidaktische Aneignung gelang den Anarchist*innen eine Alphabetisierungskampagne, die historisch beispiellos ist.
„Die Spanische Revolution schien zeitweise die Politik ihrer eigenen Organisationen überholen zu wollen. Diese Organisationen waren vor allem die 1910 gegründete anarchosyndikalistische Massengewerkschaft CNT [Confederación Nacional del Trabajo, dt.: ‚Nationale Föderation der Arbeit‘] mit mehr als 1,5 Millionen Mitgliedern, die 1927 gegründete FAI [Federación Anarquista Ibérica, ‚Anarchistische Föderation Spaniens‘], die POUM [Partido Obrero de Unificación Marxista, ‚Arbeiterpartei vereinigter Marxisten‘], eine Gruppe stalinkritischer Marxist*innen, sowie ein bedeutender Teil der in der sozialistischen Massengewerkschaft UGT [Unión General de Trabajadores, ‚Allgemeine Arbeiterunion‘] organisierten Arbeiterschaft.“ (3)
Der Anarchismus in Spanien
Nachdem die sozialrevolutionären Ideen und Schriften der russischen Anarchisten Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin in Spanien auf fruchtbaren Boden gefallen waren, kam es zwischen 1880 und 1910 zu einer beträchtlichen Verbreitung anarchistischen Gedankenguts, vor allem in Andalusien. Die Basis der Sozialen Revolution war der spanische Anarchismus, der sich schon vor 1936 zu einer Massenbewegung entwickelt hatte. Die anarchosyndikalistische CNT zählte 1918 bereits rund 700.000 Mitglieder. 18 Jahre später hatte sich ihre Mitgliederzahl verdoppelt. Die CNT war die größte politische Organisation eines Landes, das zu dieser Zeit etwa 23 Millionen Einwohner*innen hatte. Zentren des Anarchismus waren das industrialisierte Katalonien, Aragonien und das agrar-feudalistische Andalusien.
Seine Anhänger*innen waren in erster Linie Menschen, die in den Industriebetrieben des Nordostens, in der Landwirtschaft und in den Handwerksbetrieben des Südens arbeiteten. Die Soziale Revolution wurde von ihrer Spontaneität, ihren Hoffnungen und Träumen beflügelt. Sie funktionierte ohne zentrale Leitung und ohne die Eroberung des Staatsapparates, der im Juli 1936 vorerst in Agonie verfiel. Die Menschen setzten freiheitlich-sozialistische Ideen in die Tat um: Ordnung ohne Herrschaft, die Utopie einer klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft, Dezentralisierung, Selbstverwaltung und gegenseitige Hilfe statt Konkurrenz.
„Die Emanzipation der Menschheit wird sich so lange nicht verwirklichen lassen, solange noch ein Geschlecht das andere beherrscht.“
Der Sieg über die franquistischen Militärs in Barcelona, Madrid, Valencia und anderen Städten machte es möglich, in der republikanischen Zone Spaniens die Utopie einer anarchistischen Gesellschaft zu verwirklichen. Den schwierigen Bedingungen zum Trotz und unter der Last des Bürgerkrieges steigerte sich in vielen Industriezweigen die Produktion. Ein Grund dafür war der revolutionäre Elan, der große Teile der Bevölkerung ergriffen hatte. Arbeiter*innen und Land-arbeiter*innen kollektivierten Industrie und Großgrundbesitz, setzten Räte ein, parallel zur zeitweise bedeutungslosen Regierung.
Der spanische Anarchosyndikalist Abel Paz bescheibt die Situation der Arbeiter*innen im Sommer 1936 so: „Der Alltag der Arbeiter hat sich eigentlich nicht geändert. Sie mussten ja weiter arbeiten. Was sich geändert hat, war, dass sie die Unterdrückung nicht mehr erleben mussten, von den Chefs, von der Polizei, von der Justiz, vom Staat, … der Staat war weg. Was sich wirklich geändert hat, war der Alltag der Bourgeoisie, weil die Bourgeoisie die Kontrolle verloren hat. Deren Leben hat sich geändert.“ (4)
Die revolutionären Hoffnungen der Anarchist*innen wurden jedoch nach wenigen Monaten zunichte gemacht. Die enorme Unterstützung, die die Franco-Truppen durch Portugal, das faschistische Mussolini-Italien und Nazi-Deutschland erhielten, sorgte für einen ungleichen Kampf auf dem Schlachtfeld. Die Regierungen Deutschlands, Italiens, Großbritanniens und Frankreichs hatten im August 1936 zwar einen Nichteinmischungspakt unterschrieben, an den sich die beiden demokratischen Länder, nicht jedoch die beiden Diktaturen hielten. Trotzdem weigerten sich England und Frankreich weiterhin, die spanische Republik zu unterstützen. Nur die stalinistische Sowjetunion und Mexiko lieferten der spanischen Republik Waffen. Stalin stellte sicher, dass die mit dem spanischen Staatsgold teuer bezahlten Waffen nicht an die Anarchist*innen, sondern stattdessen an die bis dahin bedeutungslosen spanischen Stali-nist*innen der PCE (Partido Comunista Español, ‚Kommunistische Partei Spaniens‘) geliefert wurden.
Der Hispanist Martin Baxmeyer analysiert: „Im republikanischen Lager kam es zu Spannungen. Die PCE (…) verzeichnete als vorrangiger Empfänger sowjetischer Waffenlieferungen einen beträchtlichen Macht- und Mitgliederzuwachs. Ihre Politik war während des Bürgerkriegs dezidiert antirevolutionär. Sie beharrte auf dem Primat der Kriegsführung, einer zentralen politischen Führung, der Notwendigkeit eines festen Heeres mit militärischer Rangordnung. Den anarchistisch-revolutionären ‚Wildwuchs‘ sah sie mit Unbehagen.“ (3)
Spanische Stalinisten und sowjetische Agenten dominierten nun die Führungsspitze der PCE und drängten den anarchistischen Einfluss zurück. Sowohl die PCE als auch die parlamentarisch-demokratischen Parteien waren gegen die libertär-sozialistische Revolution. Mit dem Fortschreiten des Krieges gelang es der Regierung und der kommunistischen Partei, über ihren Zugang zu sowjetischen Waffen die Kontrolle über die kriegswichtige Produktion zurückzuerlangen.
Obwohl sie immer noch der größte Machtfaktor in der republikanischen Zone war, schwenkte die CNT auf eine reformistische Politik ein und entsandte Minister*innen in die von den Kommunist*innen beherrschte Regierung des Sozialisten Largo Caballero.
Im Mai 1937 kam es in Barcelona zum „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“: Antifaschist*innen schossen aufeinander beim Kampf um die Kontrolle strategischer Punkte in Barcelona. Bei den „Maikämpfen“ hat die stalinistische PCE Anarchist*innen und viele Mitglieder der mit der CNT verbündeten POUM getötet. Andreu Nin i Pérez, Mitgründer der POUM, wurde von Stalinisten verschleppt, gefoltert und ermordet. Die Taktiker der PCE starteten eine Hetzkampagne gegen die FAI und die POUM und diffamierten sie als „fünfte Kolonne Francos“. Die anarchistischen Minister*innen traten zurück.
Im Herbst 1937 begannen stalinistische Truppen, gewaltsam die anarchistischen Kollektive auf dem Land zu zerschlagen.
1939 marschierten die siegreichen Franco-Truppen durch Madrid. Es folgte eine faschistische Diktatur, die erst mit dem Tod Francos 1975 endete.
Schattenseiten
Wo Licht ist, ist auch Schatten. Die Spanische Revolution war nicht gewaltfrei. Gewalttaten, die zum Beispiel gegen Priester und Nonnen verübt wurden, sind auch nicht mit der damals überwiegend pro-faschistischen Politik der katholischen Kirche zu rechtfertigen. Andererseits werden der anarchistischen Bewegung von der konservativen spanischen Geschichtsschreibung Verbrechen während des Bürgerkriegs angelastet, die ihre Mitglieder mit großer Wahrscheinlichkeit nie begangen haben.
Machistische Vorstellungen gab es auch unter den spanischen Anarchisten (siehe Artikel in dieser GWR). Dieser Machismo lässt sich zum Beispiel erahnen, wenn der Spanienkämpfer Abel Paz im Interview mit der GWR eine antifeministische Sichtweise auf die Rolle der Frauen in der Spanischen Revolution von sich gibt: Abel Paz: „Die Frauen hatten eine sehr wichtige Rolle. Aber anders, als es der Feminismus heutzutage versteht. (…) In der Revolution an sich waren die Frauen sogar an den Waffen. Während der revolutionären Phase haben sie neben ihren Männern gekämpft. Und in der zweiten Phase, wo die Revolution zum Krieg wurde, da haben die Frauen nicht mehr an der Front gekämpft, aus dem einfachen Grund, dass die Frauen hygienischer, sauberer sind, und die Front ist sehr dreckig. Dann haben sie eher die Rollen hinter der Front übernommen (…) Es ist so, dass die Frauen, die schon im Mittelalter schlauer waren als die Männer, sich sozial sozusagen einen sechsten Sinn angeeignet haben und durch eine bestimmte Art und Weise der Unterwürfigkeit, die sie dann dem Mann gegenüber an den Tag legen mussten, trotzdem Kontrolle über den Mann in vielen Bereichen, vor allem im häuslichen Bereich usw., entwickeln und erhalten konnten. Das zeigt nur, dass die Frauen zum großen Teil eigentlich wesentlich fähiger sind als die Männer.“ (4)
Es ist kurios, dass Abel Paz das Zurückdrängen von kämpfenden Frauen an die „Heimatfront“ damit begründete, dass „die Frauen hygienischer, sauberer sind“. „Positiv-sexistisch“ und befremdlich ist auch die These, dass ein Geschlecht von Grund auf „schlauer“ als das andere sei.
Die Soziale Revolution war nicht deshalb so großartig, weil „Frauen sogar an den Waffen waren“, sondern weil große Teile der Bevölkerung von der Basis her die Gesellschaft und das Leben selbst in die Hand nahmen und sich kollektivistisch organisierten. Vera Bianchi (5) beschreibt in ihrem Buch „Feministinnen in der Revolution“ und in dieser GWR die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg. Demnach beteiligten sich viele der 20.000 in dieser anarchistischen Frauenorganisation zusammengeschlossenen Frauen nicht am militärischen Abwehrkampf gegen die Franquisten. Sie fanden auch gewaltlose Wege des antifaschistischen Kampfes. Es ging ihnen um die Umwälzung der Gesellschaft in wichtigen Lebensbereichen (z. B. Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft) hin zur herrschaftsfreien Gesellschaft.
Der militaristische Waffenkult war und ist immer problematisch, auch im Zusammenhang mit dem Spanischen Bürgerkrieg. „Er zeigt lediglich eine Form der Nachahmung männlich-patriarchalischer Kriegsgewalt. Psychologisch mag das verständlich sein, es symbolisiert jedoch keine eigentliche Befreiung“, so eine Graswurzelrevolutionärin. Schon die Anarchistin
Emma Goldman stellte fest, dass es solange keine wirkliche Emanzipation geben wird, solange ein Mensch über einen anderen herrscht oder eine Klasse über eine andere. „Die Emanzipation der Menschheit wird sich so lange nicht verwirklichen lassen, solange noch ein Geschlecht das andere beherrscht.“
Fazit
Trotz ihrer Schattenseiten ist die Spanische Revolution ein Lichtblick für Menschen, die nach Alternativen zur Herrschaft des Kapitalismus und nach einem selbstbestimmten Leben suchen.
„Das Leben lehrt die Menschen mehr, als alle Theorien und Bücher es je vermögen. Die, die meinen, das, was sie sich häppchenweise aus Büchern angeeignet haben, einfach in die Praxis übernehmen zu können, machen sich selbst etwas vor; die, die solche Bücher aber mit den Erfahrungen des Lebens bereichern, können ein Meisterwerk schaffen“, so ein spanischer Sozialrevolutionär im März 1937.
(1) George Orwell: Mein Katalonien - Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg, Diogenes, Zürich 1975
(2) Walther L. Bernecker: Krieg in Spanien 1936–1939, Darmstadt, 1991
(3) Martin Baxmeyer: Bürgerkrieg und soziale Revolution in Spanien 1936–1939. Eine Einführung, in: Bernd Drücke, Luz Kerkeling, Martin Baxmeyer (Hg.): Abel Paz und die Spanische Revolution, Edition AV, Frankfurt/M. 2004
(4) „Der Anarchismus wird nie sterben“. Ein Interview von Bernd Drücke mit dem Anarchisten, „Durruti“-Biographen und Spanienkämpfer Abel Paz (83), in: Bernd Drücke / Luz Kerkeling / Martin Baxmeyer (Hg.), Abel Paz und die Spanische Revolution, Edition AV, Frankfurt/M. 2004
(5) Vera Bianchi (Hg.): Mujeres Libres. Libertäre Kämpferinnen, Edition AV, Bodenburg 2019 ; Vera Bianchi: Feministinnen in der Revolution. Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg, Unrast, Münster 2003 ; Frauen in der Spanischen Revolution. Interview von Bernd Drücke mit Vera Bianchi, in GWR 442, Oktober 2019, https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/frauen-in-der-spanischen-revolution-2/
Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.