Buchbesprechung

Den Status quo durchlöchern

Revolutionäre Projekte staatlich anerkennen und fördern. Eine radikal spekulative Anregung zu politischer Fantasie

| Elisabeth Voss

Michael Hirsch, Kilian Jörg: Durchlöchert den Status quo! Autonome Zonen, radikale Demokratie und Ökologie, Nautilus Flugschrift, Hamburg 2025, 152 S., 16 Euro, ISBN 978-3-96054-393-0 (eBook 12,99 Euro).

Das Buch ist eine Einladung zur Diskussion darüber, wie der Mangel „an utopischen Zielen, Sehnsuchtsorten und politischer Fantasie“ mit beispielhaften radikal anderen Lebensweisen überwunden werden kann. Angesichts von Klimakatastrophe und Rechtsruck solle Ökologie nicht mit Sparen und Verzicht gleichgesetzt werden, sondern es müssten „freud- und hoffnungsvollere Alternativen“ in die Öffentlichkeit gebracht werden, damit „Menschen in Ansätzen erfahren können, wie man auch anders und besser leben kann“. Das könne auch der Verzweiflung etwas entgegensetzen, die „der Türöffner zum Faschismus“ sei.
Mit ihren Suchbewegungen begeben sich die Autoren in das Spannungsfeld zwischen ihren unterschiedlichen Positionen: „Während sich Kilian Jörg der anarchistischen Bewegungslinken verbunden fühlt, steht Michael Hirsch einem eher linksbürgerlichen Projekt eines radikalen Reformismus oder progressiven Etatismus nahe.“

ZAD als Modellprojekt

Als Beispiel für eine modellhaft gelebte Utopie beziehen sie sich auf die ZAD – Zone à défendre, die „zu verteidigende Zone“ als „Versuch, ein konkretes Territorium zu besetzen, progressiv ein- bzw. zurückzufordern („Reclaiming“) und somit von der staatlichen-kapitalistischen Ordnung zu befreien“.
In Frankreich ist die ZAD als konkretes Projekt in Notre-Dame-des-Landes bekannt, wo im Rahmen jahrzehntelanger Kämpfe gegen den Bau eines Flughafens dieser nach 15 Jahren Besetzung des Geländes verhindert werden konnte. (1) Die Autoren berichten von mehr als zwanzig Versuchen, weitere ZADs in Frankreich zu etablieren. Auch Les Soulèvements de la Terre (Die Aufstände der Erde) ruft bei ihren Massenprotestaktionen „immer wieder neue ZADs aus“. So sei der Begriff ZAD dort nicht nur bekannt, sondern erfahre auch „großen, über die traditionellen anarchistischen Milieus weit hinausgehenden Zuspruch“. Es gäbe sogar ein Verb „zadisier“ (zadisieren), beispielsweise im Zusammenhang mit den Gelbwesten und den Rentenprotesten. Einige ZAD-Versuche habe es auch in Spanien und der Schweiz gegeben. In Deutschland sei der Versuch einer ZAD-Realisierung „mit der brutalen Räumung des Dorfes Lützerath … vorerst gescheitert“.
Die Autoren sehen in der ZAD ein „potenziell revolutionäres Projekt“. Es sei „einmalig in Europa (und weckt am ehesten Assoziationen an Rojava und Chiapas)“. Durch Vielfalt gekennzeichnet könne es „einen neuen linken Patchwork-Utopismus skizzieren“. Im Zusammenhang damit sprechen sie auch von einer „Bolo’boloisierung der Politik“, in Anlehnung an das Buch „bolo’bolo“ von P.M. (2) Auch Longo maï – eine „Assoziation von zehn anarchistisch gefärbten Landkommunen in sechs europäischen Nationen“ nennen sie als modellhaftes bolo’bolo.
In einer ZAD seien sozial und ökologisch zukunftsfähige Lebensweisen präfiguriert, und die dort gelebte Praxis sei ein Versuch, „die Bedingungen für einen anderen kosmologischen Bezug zur Welt zu erkämpfen“ und den Anthropozentrismus zu überwinden. Darin sehe ich Verbindungen zu den Ansätzen eines Pluriversum, wie es beispielsweise von Wissenschaftler*innen und Akti-vist*innen im gleichnamigen Buch dargelegt wird (3), das sich leider nicht in den – insgesamt sehr inspirierenden – Quellenangaben der Autoren findet.
Mit ihrem „strategischen Optimismus“ fragen sie, wie auf der Grundlage solcher Erfahrungen ein größerer Wandel möglich wäre. Da sie den Staat nicht als monolithisches Gebilde sehen, sondern in dessen Strukturen auch progressive Akteur*innen ausmachen, überlegen sie, ob diese nicht zu gewinnen seien: „Könnte die ZAD eine Art politisches Programm für einen Staat werden“, der bereit wäre, Auswege aus seiner Lähmung zu suchen? Was wäre, „wenn progressive Akteur*innen mit politischer Macht innerhalb des Staates das ungeheure Potential der ZADs erkennen und fördern würden?“
Konkret schlagen sie vor, dass der Staat solche Projekte, „die das System von innen her durchlöchern können“, mit einem rechtlichen Status absichern und sie finanziell fördern sollte. Dabei ginge es um eine „Pluralisierung von Lebensformen und Wertregimen“.

Kämpfen und verhandeln?

Mit der ZAD in Notre-Dame-des-Landes, und den Konflikten und Spaltungen um die Legalisierung setzen sie sich in dem Kapitel „Sieg oder Verrat?“ auseinander. Sie äußern Verständnis für die radikalen Positionen der Verhandlungsgegner*innen, stimmen jedoch eher den Verhandler*innen zu, auch wenn sie behaupten, als Außenstehende keine Position beziehen zu wollen.
Während die Kollektive, die nicht auf die erpresserischen „Angebote“ der Regierung eingingen, überwiegend mit brutaler Polizeigewalt geräumt wurden, versuchten die anderen, vordergründig auf die Bedingungen einzugehen – nur Verträge mit Individuen, nicht mit Kollektiven, und ausschließlich landwirtschaftliche Nutzung – diese jedoch zu hacken und trotz allem in ihrem Sinne umzusetzen. Diese Kollektive bestehen weiterhin.
Konflikte „zwischen Hardlinern und Pragmatiker*innen“ sind verbreitet, und es ist anregend zu lesen, wie die Autoren die Frage der „Reinheit“ diskutieren: „Wie viel Unreinheit, Kompromiss und Pragmatismus sind zulässig, um das erwünschte politische Ziel zu erreichen – also eine autonome Zone des Commoning, in der neue und radikal nachhaltige Lebensweisen im Sinne einer langfristigen revolutionären Perspektive erprobt werden können?“.
Sie empfehlen, „das romantische Bild der heroischen Kämpfer-*innen“ aufzugeben „zugunsten einer ‚schmutzigen‘ (‚messy‘) Vermengung mit der bestehenden Ordnung“, und auch diese damit zu verändern.
Sie weisen darauf hin, dass es darum geht, alle mitzunehmen, nicht nur gegen, sondern auch für etwas zu sein. In der Öffentlichkeit sei der „Kampf um die Commons“ immer mit der Frage verbunden, „wessen Interessen die allgemeinen Interessen sind“. Erst wenn es nicht nur ums Erkämpfen geht, sondern „ums Landen, ums Dauern und Bleiben“, können eigene Strukturen aufgebaut werden, wie „nichtstaatliche Gegeninstitutionen der Altersvorsorge, der materiellen Umverteilung, der Sichtbarmachung von Care-Arbeit etc.“. Anarchist*innen würden häufig dem Missverständnis aufsitzen, „dass Institutionen per se staatlicher Natur sind“. Jedoch gehe es darum, „eigene und bessere Institutionen“ zu schaffen. So sei Commoning „eine Art radikaldemokratischer Institutionalisierung in sich selbst“. Statt sich also spalten zu lassen, empfehlen die Autoren „eine solidarische Arbeitsteilung zwischen eher bewegungsorientierter und eher institutioneller Politik“.

Das Diskussionsangebot
aufgreifen

So viele interessante Gedanken … Den Autoren geht es ersichtlich nicht um Fördermittel für irgendwelche schicken Start-ups, die sich mit fragwürdiger Kollektivanmutung vermarkten, sondern um die staatliche Förderung widerständiger Projekte, die aus sozialen oder ökologischen Kämpfen hervorgegangen sind. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie so etwas gelingen sollte durchzusetzen, ohne dass letztlich doch das Widerständige unter den Förderbedingungen weichgespült wird. Aber es gibt nicht nur „richtig“ oder „falsch“, das ist eine wesentliche Botschaft des Buches, sondern es geht darum, sich unter den jeweiligen Bedingungen für das zu entscheiden, was den eigenen Anliegen am besten gerecht wird.
Darum sollten die spekulativen Fragestellungen der Autoren nicht vorschnell vom Tisch gewischt werden. Sie formulieren eine Reihe überzeugender Argumente zur Begründung ihres strategischen Optimismus. Dabei gehen sie auch auf den Umgang mit Geld und Eigentum ein, und geben Diskussionsanregungen zur Frage der Demokratie. In eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Vorschlägen sollten auch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte mit öffentlichen Projektförderungen einbezogen werden.

(1) Siehe GWR 430, Sommer 2018: Kämpfe für freies Leben
(2) Siehe dazu z.B. GWR 444, Dezember 2019: Dezentrale Utopien und globale Herausforderungen
(3) Siehe dazu GWR 476, Februar 2023: Hat die Menschheit noch eine Chance?