Marc-Uwe Kling: QualityLand 2.0. Ullstein, Berlin 2020, 432 Seiten, 19 Euro, ISBN 978-3-550-20102-8
Marc-Uwe Kling, dessen Bücher und Hörbücher rund um das kommunistische und subversive Känguru sich jahrelang auf den Bestsellerlisten hielten, schreibt mittlerweile auch erfolgreich humorige Kinderbücher, deren Titel wie beispielsweise „Das Neinhorn“, „Der Ostermann“ oder „Der Tag als Oma das Internet kaputt gemacht hat“ schon auf den zu erwartenden Klamauk hinweisen. Doch das wahrscheinlich bisher beste Buch des Autors, der seine Karriere als Kabarettist begann, ist der 2017 erschienene Roman „QualityLand“. Die unterhaltsame und realitätsnahe Dystopie beschreibt eine von Algorithmen gesteuerte Gesellschaft, in der die soziale Hierarchie durch Level (1 bis 100) abgebildet wird. Diese werden auf Basis von Herkunft, Beruf, sozialen Kontakten und vielen weiteren Faktoren automatisch berechnet. Möglich ist dies natürlich nur durch die ständige Überwachung und Auswertung aller Verhaltensdaten, unter anderem durch die Qualitypads, die die Einwohner*innen QualityLands mit sich führen.
Im seit 2020 vorliegenden „QualityLand 2.0“ wird der Maschinentherapeut Peter Arbeitsloser (die Bewohner*innen QualityLands tragen die Berufsbezeichnung des Vaters bzw. der Mutter zum Zeitpunkt der Zeugung als Nachnamen) von einem Hubschrauber entführt. Der Billionär Hendrik Ingenieur, der Peter noch bei der letzten Begegnung erschießen wollte, ist der Komplimente seiner Untergebenen überdrüssig und erklärt Peter gegen dessen Willen zu seinem Freund. Hendrik interessiert sich für die Perspektive der „fast Nutzlosen“, denn aus privilegierter Langeweile möchte er Präsident werden. Für Peter bedeutet das einen Aufstieg auf Level 18 und die Möglichkeiten sich eine neue Levelfähigkeit auszusuchen. Allerdings kann er die damit einhergehende Aufmerksamkeit kaum gebrauchen – zumal Kiki Unbekannt gerade erst ihre Beziehung zu ihm beendet hat, weil er zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Schließlich war Peter zugegen als John of Us umgebracht wurde.
Nach dem Attentat auf den gerade erst zum Präsidenten gewählten Androiden John of Us ist eine neue Sekte entstanden, die glaubt, John hätte sein Bewusstsein in das Internet hochgeladen und wäre nun allgegenwärtig. Anders als beispielsweise die Religionsgemeinschaft der Thermomixer hat diese Gruppierung einen erstaunlichen Zulauf. Doch die prägendste Religion ist nach wie vor der Neoliberalismus, dessen fundamentalistische Splittergruppen weltweit aktiv sind, beispielsweise mit einem blutigen – und natürlich outgesourcten – Angriff auf das Kartellamt von „QuantityLand 8“.
Währenddessen wird Kiki von den Avataren eines Serienkillers, der sich „der Puppenspieler“ nennt, verfolgt. Offenbar möchte irgendjemand nicht, dass Kiki Nachforschungen zu ihrer Vergangenheit anstellt. Sie wuchs im Hinterraum einer leeren Fabrik auf, ernährte sich von Energieriegeln auf Kakerlakenbasis und wurde von einer Multipurpose Artificial Mother Alternative, kurz M.A.M.A. aufgezogen. Nun ist sie auf der Suche nach ihren biologischen Eltern. Doch es scheint im Netz keine Daten zu ihrer Person zu geben und alle ihre Suchanfragen werden unverzüglich wieder gelöscht. Offenbar haben Kikis Eltern das Recht auf Vergessen in Anspruch genommen, mit dem ungewollte Ereignisse gelöscht werden können. Dieses war ursprünglich als Grundrecht vorgesehen. Da viele Firmen allerdings kein Interesse daran hatten, Daten zu löschen, und das Recht meist nur von Reichen eingeklagt wurde, die sich entsprechende Anwälte leisten konnten, wurde es mit der Zeit zu einer Levelfähigkeit, die Personen ab Level 60 zur Verfügung steht.
Auch Martin Vorstand würde gerne das Recht auf Vergessen in Anspruch nehmen, da sein Attentat auf John of Us ihn in Verruf gebraucht hat und auch Auswirkungen auf den Status seines Vaters hat. Da Martin durch das Attentat allerdings von Level 60 auf 59 abgerutscht ist, muss er zunächst die Füße stillhalten und versuchen wieder ein Level aufzusteigen. Leider bringt ihm stattdessen fast jeder neue Tag den Verlust weiterer Level und er muss Beleidigungen durch die Stimme seines Quality Pads ertragen, das er schließlich in „Scheißteil“ umbenennt. Zwischendurch bricht zwischen 64 Staaten der dritte Weltkrieg aus. Dieser dauert acht Stunden und wird von den automatisierten Waffensystemen QualityLands selbständig geführt.
Wie auch schon im ersten Band wird die Handlung von Nachrichtenmeldungen und Werbeeinblendungen unterbrochen. Unter anderem wird denjenigen, denen Strandurlaub in Schweden oder „Work and Travel“ in Alaska zu langweilig sind, Segeln auf dem ganzjährig eisfreien Polarmeer oder auch eine Reise in die Wüsten der iberischen Halbinsel angeboten, während an anderer Stelle eine Anleitung zum Selbstbau von Killerdrohnen zu finden ist.
Wie jede gelungene Dystopie loten „Qualityland“ und „Qualityland 2.0“ die Abgründe einer nicht so unwahrscheinlichen Gesellschaftsordnung aus. Während es im ersten Band um die Kommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche und die automatische Analyse von Bedürfnissen ging, wird im zweiten Band Datenschutz als Privileg einer begüterten Schicht betrachtet, während die starken Reize einer auf reißerischen Nachrichten basierenden Welt von gesellschaftlichen Problemen ablenken.