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Geborgenheit und Frauenpower

Ein Interview mit Helga, Katja und Clara Tempel über generationsübergreifende Solidarität, Utopien und Gewaltfreien Widerstand

| Bernd Drücke

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Clara, Helga und Katja Tempel (von links). Foto: privat kleine unterschiede - Foto: privat

„Geborgenheit spielt eine wichtige Rolle in emanzipatorischen sozialen Bewegungen und trägt dazu bei, dass Menschen langfristig aktiv und widerständig sein können“, schreibt Clara Tempel in ihrem im Oktober 2025 im Verlag Graswurzelrevolution erschienenen Buch „Politische Geborgenheit. vor*ankommen in sozialen Bewegungen“ (1). Die Autorin wurde 1995 in eine anarchistisch-widerständige Familie im Wendland geboren und ist mit der Anti-Atomkraft-Sonne aufgewachsen. Die Hebamme und Sozialpädagogin Katja Tempel (* 1963) ist Claras Mutter und seit den 1980er Jahren aktiv in der Graswurzelbewegung. Neben X-tausendmal quer hat sie büchel65 
und gorleben365 mitinitiiert. Momentan koordiniert sie das Seenotrettungsprojekt CompassCollective (2) im Mittelmeer. Die Pädagogin und Pazifistin Helga Tempel (* 1932) ist Katjas Mutter und Claras Oma. Sie ist als gewaltfreie Aktivistin eine prägende Person der Ostermarsch- und Friedensbewegung und seit 1962 mit Konrad Tempel verheiratet. (GWR-Red.)

Graswurzelrevolution (GWR): Liebe Helga, liebe Katja, liebe Clara. Ihr alle seid ein Leben lang aktiv in den Sozialen Bewegungen. Was waren prägende Erlebnisse, die Euch inspiriert haben? 

Katja Tempel: Es gab für mich gar kein prägendes Ereignis. Es war die Stimmung in der ich aufgewachsen bin. Es gehörte so alltäglich mit zu meinem Lebensalltag als Jugendliche in unserem Elternhaus. Nachdem ich mich schon längst für Gewaltfreien Widerstand entschieden hatte und an Blockaden beteiligt war, war ein einschneidendes Erlebnis der Beschuss aus Wasserwerfern. Bei einer Blockade eines Atomwaffenlagers wurden diese mit Hochdruck gegen uns eingesetzt. Ich bekam den vollen Strahl gegen meinen oberen Rücken, so dass ich nicht mehr atmen konnte. In diesem Moment hätte ich mich für Wut und Aggression gegen die Aggressoren entscheiden können, aber beides kam nicht. Stattdessen eine tiefe innere Ruhe, dass das genau so sein soll. Das die Polizei sich total deligitimiert, wenn sie gegen Menschen, die einfach nur auf der Straße hocken, so gewaltsam vorgeht. Eine Idee von: Das ist richtig, was du machst. Du bist am richtigen Ort. Das, was ich später als Ahimsa kennengelernt habe, als ich die Bewegung in Indien vor Ort studierte, war deutlich spürbar. Eine transformierende Kraft, die den Gegner mit hineinnimmt in die Idee einer Gesellschaft, die sich auch transformieren kann – zusammen mit allen, die jetzt noch Gewalt anwenden, aber später auf unserer Seite sitzen werden.

Clara Tempel: Für mich war das Aufwachsen im Wendland prägend. Ich bin in den Widerstand gegen die Atommülltransporte hineingewachsen und habe von Anfang an gelernt, wie wichtig es ist, sich einzumischen.
Aber auch, dass es manchmal einen langen Atem braucht, bis der Erfolg einer Sozialen Bewegung sichtbar wird. Der Atomausstieg 2023 war ein sehr besonderer Moment, in dem deutlich geworden ist, welche Kraft unsere politische Arbeit entfalten kann.

Helga Tempel: Ich habe den Zweiten Weltkrieg in meiner Kindheit hautnah erlebt, die Nächte im Luftschutzkeller, die Angst um meine Eltern in Hamburg, während ich in der Kinderlandverschickung war, einige Bombennächte beim „Heimaturlaub“ in Hamburg und kurz vor Kriegsende dann direkten Tieffliegerbeschuss bei Aufenthalten im Freien. Ich war entschlossen, alles zu versuchen, dass andere Menschen so etwas nie erleben müssen. Schon bei sehr frühen Protestaktionen spürte ich, dass es mir gut tat, zusammen mit anderen aktiv zu sein und mich für den Frieden auf verschiedenen Ebenen einzusetzen.

GWR: Helga, 1960 hast Du zusammen mit Konrad und anderen antimilitaristischen Aktivist*innen die Ostermarschbewegung mit ins Leben gerufen. Wie kam es dazu? Was hat Dich motiviert? Wie blickst Du heute auf die Friedens- und Ostermarschbewegungen?

Helga: Ich war als Heranwachsende sehr beeinträchtigt vom Kriegsgeschehen meiner Kindheit und von dem, was ich unter dem Faschismus selbst erlebt hatte und vor allem aber später erfuhr. In mir wuchs die Gewissheit: So etwas darf sich nie wiederholen. Seit 1954 engagierte ich mich gemeinsam mit Konrad, meinen Partner und späteren Ehemann, für Kriegsdienstverweigerung und Alternativen zur Gewalt, auch in internationalem Rahmen. Wir haben die ersten deutschen Kriegsdienstverweigerer bei ihren sog. „Gewissensprüfungen“ vertreten.
Die Nachricht von Atomwaffen, die bei Bergen in der Nordheide, also ganz nahe am ehemaligen KZ Bergen-Belsen, gelagert seien, um ihren Einsatz zu üben, machte uns wütend und brachte uns auf die Idee eines norddeutschen Sternmarsches zu dieser „Stätte der Vernichtung“. So organisierten wir 1960 den ersten viertägigen „Ostermarsch gegen Atomwaffen in Ost und West“ mit vier Marschsäulen aus Hamburg, Bremen, Hannover und Braunschweig. Dass sich zur Abschlusskundgebung in Bergen-Hohne dann mehr als 1000 Menschen versammelten – eine für die damalige Zeit sehr hohe Zahl – hatten wir nicht erwartet.
Anfangs waren wir bei allen folgenden Ostermärschen dabei und arbeiteten aktiv im bundesweiten Zentralen Ausschuss mit. Später dann konzentrierten wir uns stärker auf die Arbeit für zivilen Widerstand und Gewaltfreiheit. Wir empfanden die späteren Folgeveranstaltungen insgesamt durch die zeitlich begrenzte Form eher als einen „Osterspaziergang“; die breite Palette der Forderungen – auch wenn wir diese eigentlich unterstützten – schwächte unseres Erachtens die ehemalige Stoßkraft mit der Fokussierung auf atomare Waffen beider Seiten.
Die heutige Friedensbewegung, wenn es sie denn in dieser klaren Form wie etwa in den achtziger Jahren überhaupt noch gibt, enttäuscht mich eher. So sehr ich die vielfachen Ansätze von „Sicherheit neu denken“ bis zur Versöhnungsarbeit im Blick habe und zu schätzen weiß: Ich wünschte mir mehr kraftvolle Proteste mit deutlicherem Engagement und langem Atem – und auch in überzeugender Größe.

GWR: Helga, Du wurdest als gewaltfreie Aktivistin Mitte der 1950er Jahre Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und warst engagiert in der Beratung für Kriegsdienstverweigerer. Wie blickst Du auf die momentanen Bestrebungen von Regierung und Rüstungslobby, massiv aufzurüsten und die seit 2011 ausgesetzte „Wehrpflicht“ wieder einzuführen? 

Helga Tempel: Ich bin entsetzt über die gegenwärtige Entwicklung und hätte das so nicht erwartet. Wir waren doch eigentlich auf einem Weg in ein friedlicheres Zusammenleben, besonders auch in Europa, und dies trotz aller Probleme. Die eingeengte Blickrichtung auf Militär und Aufrüstung erbost mich. Sie ist so engstirnig und geschichtslos und gefährdet den Frieden massiv. Dazu gehört auch die Wehrpflicht, die ich als Ausbildung zum Töten verstehe. Es ist gut, dass sich gerade auch an dieser Stelle deutlich Widerstand regt, während insgesamt die Militarisierung dank der konzertierten Aktionen von Politik und Medien weitgehend akzeptiert wird. Ich vermisse hier deutlich eine breite Diskussion von gewaltfreien Gegenbildern.

GWR: Katja, Du bist seit Jahrzehnten im Gorleben-Widerstand aktiv und hast viele Gewaltfreie Aktionen zum Beispiel vor dem Atomwaffenstützpunkt Büchel mit-organisiert. Wo liegen deine momentanen Arbeits- und Aktionsschwerpunkte?

Katja Tempel: Leider bin ich seit drei Jahren sehr eingebunden in unser 2022 gegründetes aktivistisches Seenotrettungsprojekt. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich die Augen vor allen anderen Brennpunkten verschließen, in denen ich mich liebend gerne einmischen würde. Im Moment ist das insbesondere die zunehmende Militarisierung der staatlichen und zivilen Strukturen und Organisationszusammenhänge. Die neue Wehrpflicht, das Werben für den Krieg, der Rüstungsetat, Rüstungsproduktion und insbesondere die Vereinnahmung des Gesundheitswesens für militärische Planungen fordern von mir störende Aktionen Zivilen Ungehorsams. Rheinmetall produziert fast direkt vor meiner Haustür in Unterlüß Panzer am Fließband und ich sitze in Sizilien und bereite eine neue Crew auf ihren Einsatz im Mittelmeer vor. Das zerreißt mich. Gleichzeitig weiß ich, dass wir in der Bewegung arbeitsteilig arbeiten müssen. Aber wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt das sich Verweigern? Das etwas Riskieren gegen Aufrüstung, Krieg und Unterdrückung von Menschen. Mein Platz wäre auch auf der Straße gewesen mit Palli-Tuch, um für jede in Deutschland zusammengeprügelte Aktivist:in zu zeigen: Alle Menschen haben die selben Rechte. Sie sind frei geboren. Egal ob sie einen israelischen Pass oder keinen haben. Aber ich versuche meinen Frieden damit zu machen, dass meine Kräfte begrenzt sind und es auch eine Zeit nach der Seenotrettung geben wird.

GWR: Könnt Ihr etwas über das CompassCollective erzählen? Wie können die GWR-Leser*innen die Arbeit des CompassCollectives unterstützen?

Katja: Das CompassCollective (3) ist mit einem 13 Meter langen Segelboot seit August 2023 in bisher 21 drei- bis vierwöchigen Einsätzen auf dem Mittelmeer unterwegs, um Menschen auf der Flucht nach Europa zu unterstützen und sie vor dem Ertrinken zu bewahren. Unsere Arbeit besteht darin, nach dem Auffinden eines seeuntüchtigen Fluchtboots die staatlichen Rettungsstrukturen aus Lampedusa (Italien) dazu zu bringen, die Menschen zu retten. So lange wir alleine vor Ort sind, verteilen wir Rettungswesten, Trinkwasser, manchmal Rettungsdecken gegen die gleißende Sonne und versorgen kleinere Verletzungen. Jede Stunde erhöhen wir den Druck auf die italienische Küstenwache, rauszufahren. Das kann manchmal mehr als zwölf Stunden dauern. Wenn aber die Verhältnisse auf dem Wasser kritischer werden, entscheiden wir uns, die Menschen direkt an Bord der TROTAMAR III aufzunehmen. Eigentlich sind wir kein Rettungsboot im Sinne der Anforderungen an professionelle Seenotrettung, aber wir sind ein Boot, das rettet. Unsere Crew versorgt dann die Menschen mit Tee, einer einfachen Mahlzeit und bietet medizinische Hilfe an, bis wir Lampedusa als Sicheren Hafen zugewiesen bekommen und die Menschen dann an staatliche Strukturen übergeben.
Leider ist es so, dass das Spendenaufkommen sich stark auf die großen zivilen Seenotrettungsorganisationen konzen-triert und wir kleineren Projekte immer wieder Schwierigkeiten haben, genügend finanzielle Mittel aufzutreiben. Insofern suchen wir einerseits nach Menschen, die uns punktuell mit einer größeren Geldsumme Rückenwind geben, aber auch nach Förder:innen, die monatlich einen Betrag verbindlich zur Verfügung stellen.

Clara: Für mich ist das Besondere am CompassCollective, dass die Crews sich überwiegend aus Menschen zusammensetzen, die keine oder noch nicht viel Seenotrettungserfahrung haben. Da sind dann Professorinnen, ehemalige Soldaten, Studierende, chronisch kranke Frührentner*innen oder Kunstschaffende dabei. Sie bringen alle ihre ganz eigene Motivation aus ihrem Alltag für die Arbeit auf dem Mittelmeer mit und tragen ihre Erfahrungen dann auch wieder zurück. Dadurch sind wir auf dem Wasser keine hochprofessionalisierten, supercoolen Seenotretter*innen. Wir sind Menschen, die sich für den Einsatz drei Wochen Urlaub nehmen, weil sie nicht mit ansehen können, was an den Rändern Europas passiert. Genauso sind wir aber auch angewiesen, auf Menschen, die sich nicht vorstellen können, mit in den Einsatz zu fahren, sondern unsere Arbeit finanziell zu unterstützen.

Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: „Die da oben machen doch, was sie wollen“ nicht mehr so häufig zu hören ist.

GWR: Was bedeuten für Euch Selbstorganisation, Solidarität und ziviler Ungehorsam?

Clara Tempel: Ziviler Ungehorsam ist für mich das bewusste Übertreten von Gesetzen, um auf ein größeres Unrecht aufmerksam zu machen oder es zu verhindern. Seit meiner Kindheit ist das eines der wichtigsten Konzepte, um das sich mein Leben dreht. Es kommt mir selber ein wenig seltsam vor, das so zu schreiben, aber die Beschäftigung mit Zivilem Ungehorsam war prägend für meinen ganzen dreißigjährigen Lebensweg. Zuerst aus aktivistischer Perspektive, dann aus wissenschaftlicher. Ich habe die Schwerpunkte Protest- und Bewegungsforschung studiert und eine Menge dazu gelesen, warum Ziviler Ungehorsam ein wichtiges Element demokratischer Gesellschaften ist. In den letzten Jahren habe ich allerdings auch gelernt, dass Ziviler Ungehorsam nicht das perfekte Mittel für jeden gesellschaftlichen Kontext ist. Ich glaube, dass es wichtig ist, immer wieder zu prüfen, welche Aktionsform für welche politische Situation angemessen und erfolgversprechend ist.

Helga: Für mich sind das recht unterschiedliche Aspekte.
Selbstorganisation heißt für mich, verantwortliches Handeln nach eigener Gewissensentscheidung. Die Ausführung muss dann gemeinsam mit anderen organisiert werden, ohne darauf zu warten, dass andere die Initiative ergreifen.
Solidarität ist für mich ein wichtiges Wort, das leider heute etwas in den Hintergrund getreten ist. Sie ist für mich wichtiges Motiv zum Handeln aus dem Gefühl der Nähe zu den Benachteiligten, zu den Opfern.
Ziviler Ungehorsam ist der Kern des gewaltfreien Widerstands. Henry David Thoreau hat es vor fast 200 Jahren so formuliert: Wenn der Staat den Boden des Rechts verlassen hat, wird Ziviler Ungehorsam zur Pflicht. Niemals leichtfertig, aber doch auch ohne größere Skrupel habe ich an verschiedenen Stellen, auch im beruflichen Bereich zivilen Ungehorsam gewagt. Dabei war ich als Lehrerin immer in Gefahr, wegen einer Verurteilung meinen Beruf, der mir so am Herzen lag, nicht weiter ausüben zu dürfen. So musste ich manche Aktion unmittelbar vor einer drohenden Festnahme abbrechen. Der Grundgedanke „Wehrt Euch, wo Unrecht geschieht“ ist mir aber bis heute unverzichtbar – und ich wünschte, mehr Menschen würden sich für einen solchen Weg des Widerstands entscheiden. Ich bin froh und dankbar, dass meine Tochter und meine Enkelin mir, wie auch Konrad, in diesem Punkt so nahe sind.

Katja: Auch ich halte Zivilen Ungehorsam, wie Clara beschrieben hat, nicht für das Allheilmittel, aber für ein sehr wichtiges Instrument, um den Finger in die Wunde zu legen, das Unrecht zu einem begrenzten Zeitraum zum Stillstand zu bringen und später auch vor Gericht die Rechtsauslegung zu beeinflussen. Dieser Aspekt des ZU beißt sich immer ein wenig mit meinem Verständnis von Anarchismus. Aber Ambivalenzen in politischen Haltungen sind für mich gut auszuhalten, als lebendige gelebte Aktionspraxis.
Selbstorganisation ist das, was ich mein Leben lang mit anderen praktiziere. Es bedeutet für mich, aktiv werden, mutig sein, etwas wagen. Auch wenn es eigentlich verrückt erscheint. Dass wir nach einem Treffen am Küchentisch im Dezember 2023 bei mir zuhause in Meußließen jetzt seit mehr als 2,5 Jahren mit dem Segelboot Menschen auf ihrem Weg unterstützen (2793 Menschen) und manchmal sogar retten (544 Menschen) ist eigentlich unvorstellbar. Aber es ist möglich. Mit viel Netzwerken, viel Zeit, viel Knowhow, viel Lernbereitschaft geht so vieles, das sollten wir uns immer wieder bewusstmachen.

GWR: Wie sieht Eure Utopie aus? 

Helga: Meine Utopie wäre eine Gesellschaft, in der Selbstbestimmung und verantwortliche Teilhabe in einem ausgewogenen Verhältnis steht, eine Gesellschaft, in der Solidarität und Teilen der Ressourcen Vorrang hat vor Wettbewerb und egozentrischer Gier. Zwang und notfalls nicht-verletzende Gewalt sollte es nur unter breiter Kontrolle und nur zum Schutz von Schwachen und Randständigen geben. Meine utopische Gesellschaft versteht sich als Teil einer globalen werteorientierten Gemeinschaft, die bewusst auf Waffen und Militär verzichtet, um andere lebenswichtige Aufgaben angehen zu können. Sie bietet von der Allgemeinheit geschützten Raum für die verschiedenen Gruppen und achtet, ja, unterstützt die Unterschiedlichkeit auf verschiedenen Ebenen.
Wir haben unsere drei Kinder erzogen mit dem Motto: Findet heraus, was für Euch wichtig und richtig ist. Daraus entstand bei zwei von ihnen der Wunsch, stärker auf der persönlichen Ebene tätig zu werden und anderen auf diesem Weg behilflich zu sein, auch unter Einbeziehung spiritueller Elemente, mit denen sie wiederum uns als Quäker*innen nahe sind. In ihrer grundlegenden Haltung entsprechen alle drei Kinder der von uns Eltern, aber eben bei zweien mit anderen Schwerpunkten und eher unpolitisch. Katja und Clara, die ja auch ihrem Vater folgte, haben sich für den politischen Weg entschieden, auch wenn sie an manchen Stellen andere Akzente setzen als ich.

Katja: Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: „Die da oben machen doch, was sie wollen“ nicht mehr so häufig zu hören ist. Dass allen klar wird, wenn die Lebensbedingungen nicht für alle Menschen ausreichend sind, dann kann auch der Rest der Menschen kein erfülltes Leben leben. Satt reicht nicht, sondern es braucht „Brot und Rosen“, Raum zur individuellen und kollektiven Verwirklichung, zum Organisieren, zum Anpacken. Auf der Basis, dass alle Menschen einen sicheren Ort zum Leben haben, Zugang zu Wasser, Energie und Bildung und sich verbunden mit einer Gemeinschaft fühlen.

Clara: Ich habe diese Frage schon so oft gestellt bekommen und ich habe immer noch keine gute Antwort darauf gefunden. Ich suche weiter…

GWR: Oft ist es ja so, dass Kinder von sozialen Bewe-gungsaktivist*innen eher unpolitisch sind oder politisch einen anderen Weg einschlagen als ihre Eltern. Bei Euch ist das anders. Wie erklärt Ihr euch das? 

Clara: Für mich war der Aktivismus in meiner Kindheit ein leuchtender Raum der Geborgenheit. Ich wurde mit zwei Jahren bei Demos auf Schultern getragen, habe mit vier Jahren bei nächtlichen Krisentreffen auf Bannerstoff geschlafen, und habe mit fünfzehn meine Mathehausaufgaben in Blockaden gemacht. Ich habe das natürlich auch irgendwann hinterfragt und mir Gedanken darüber gemacht, ob das überhaupt mein eigener Weg ist. Dann habe ich mich aber sehr bewusst dafür entschieden und meinen eigenen Platz in den Bewegungen gesucht. Für mich persönlich war dabei entscheidend, dass ich das Gefühl habe, dass von meinen Eltern wenig Druck kam. Mein Vater hat immer gesagt: „Meine Töchter dürfen alles sein, was sie wollen. Auch Atomkraftwerk-betreiber*innen.“ Vielleicht war das wichtig.
Aber bei uns in der Familie wird eigentlich ganz gut sichtbar, dass es unterschiedliche Wege geben kann. Auch, wenn bei uns viele Menschen politisch aktiv sind, sind wir (in jeder Generation) keine reine Aktivist*innenfa-milie. Das ist auch Teil unserer Geschichte: Dass es eben kein Automatismus ist, sich auf diese Art und Weise zu engagieren, nur weil man in so eine Familie hineinwächst.

Katja: Genau, es gibt verschiedene Wege politisch aktiv zu sein. Clara hat einen ähnlichen Weg wie Helga, Konrad und ich gewählt. Aber es gibt ja noch tausend andere Möglichkeiten, die nicht weniger wertvoll sind, als das direkte Engagement auf der Straße, auf dem Wasser oder auf den (Gen-)Feldern. Und es gab und gibt auch immer wieder Aushandlungsprozesse, wie viel Raum politische Arbeit im Familienalltag einnehmen soll. Wie gehen wir damit um, wenn das Zuhause der Kinder auf einmal zum Ort einer Hausdurchsuchung wird? Wenn sich bei Strategietreffen die sachliche und die familiäre Ebene mischen, obwohl wir uns bemühen, das zu trennen? Wenn an Weihnachten die ganze Zeit das Handy klingelt, weil es Neuigkeiten vom Seenotrettungs-Segelboot auf dem Mittelmeer gibt? Das ist schön und schwer gleichzeitig.

GWR: Clara, in Deinem Buch „Politische Geborgenheit“ findet sich auf Seite 307 ein schönes Foto, das Dich 1996 mit Deinem Vater Jochen Stay (4) an der Schreibmaschine zeigt. Jochen war von 1990 bis 1995 Koordinationsredakteur der Graswurzelrevolution, ab 1996 langjähriger Sprecher der Initiative X-tausendmal quer und von 2008 bis zu seinem Tod 2022 Sprecher der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt. Er wäre sicher glücklich, zu sehen wie Du dich engagierst. Ich habe ihn nur als langjährigen GWR-Autor und Aktivisten erlebt. Wie war Jochen als Vater?

Clara: Er war in vielen Punkten der beste Vater, den ich mir vorstellen kann. Er hat mich getragen und getröstet. Ich durfte auf der Arbeitsplatte in der Küche sitzen, während er Pfannkuchen gemacht hat. Er war schon sehr früh interessiert an meiner Meinung und hat mich bei wichtigen politischen Entscheidungen um meinen Rat gefragt. Ich habe so unendlich viel von ihm gelernt. Wie man ein politisches Gelegenheitsfenster nutzt und wie man eine Mehlschwitze macht. Gleichzeitig war er – wie so viele andere Väter auch – oft ein abwesender Vater. Die politische Arbeit war immer so dringend, so laut, dass sie manchmal wichtiger erschien, als alles andere. Ich weiß, dass er immer wieder mit sich gerungen hat. So hat er sich zum Beispiel entschieden, im historischen Moment nach dem Super-GAU von Fukushima nicht zur (gefühlt) alles entscheidenden Menschenkette zu fahren, die er mit .ausgestrahlt organisiert hat und sich stattdessen um mich zu kümmern – denn ich lag krank im Bett.
Für mich bleibt das eine offene Frage: Wie können wir politische Arbeit und Aktivismus in unserem Leben verankern und trotzdem präsent sein für die Menschen, mit denen wir dieses Leben teilen?

GWR: Clara, in Deinem Buch schreibst Du, dass Geborgenheit kritisch hinterfragt werden muss, „weil sie in Machtverhältnisse eingebettet ist und nicht selten auf Grenzziehungen und Ausschlüssen beruht“. Wie können wir das transformative Potenzial von Geborgenheit im Aktivismus stärken, ohne bestehende Machtverhältnisse zu reproduzieren?

Clara: Ich finde es wichtig, dass wir Geborgenheit nicht als etwas rein Privates verstehen, das vorm Kamin und unter Kuscheldecken stattfindet. Geborgenheit ist politisch! Wir können sie mitnehmen, zwischen die Polizeiketten, in die Kohlegruben und aufs Mittelmeer. Wir können unsere politischen Gruppen zu einem Zuhause machen. Dabei müssen wir aber aufpassen, dass wir uns nicht einen schönen, warmen, geborgenen Raum basteln, der dann jedoch für weniger privilegierte Menschen nicht zugänglich ist. Wir sollten uns immer wieder die Fragen stellen: Wer darf hinein, wer muss draußen bleiben? Wer hat welchen Zugang zu geborgenen Räumen? Wer übernimmt Verantwortung für die Herstellung von Geborgenheit? Außerdem kann Geborgenheit auch lähmen. Wenn wir viel Zeit damit verbringen, unsere politischen Gruppen zu Räumen der Geborgenheit zu machen, kann das auch dazu führen, dass wir die großen Probleme da draußen in der Welt unangetastet lassen. Deshalb denke ich, dass unser Ziel immer auch sein sollte, Geborgenheit auszuweiten und sie für viele Menschen erlebbar zu machen. Dafür sorgen, dass Menschen überall ein würdevolles Leben haben und gehen und bleiben dürfen, wenn sie wollen. Das sind die minimalen Voraussetzungen für Geborgenheit, und wir sollten dafür kämpfen, dass sie überall gegeben sind. Wir brauchen also Geborgenheiten, die politisches Handeln nicht verhindern, sondern ermöglichen.

GWR: Angesichts von Militarisierung, Rechtsruck, Klimawandel und Artensterben, welche Perspektiven für eine solidarische Gesellschaft jenseits von Patriarchat, Herrschaft und Gewalt seht Ihr? Was tun?

Helga: Diese Frage führt mich an meine Grenzen. Ich teile nicht die Hoffnung, dass die Abschaffung von nationalen Grenzen und bestehenden Regierungsformen wirklich möglich sind und zu einem positiven Wandel beitragen würden. Ich bekenne mich nicht zur Anarchie. Ich hoffe darauf, dass sich die demokratische Regierungsform von unten her aktiv gewaltfrei gestalten lässt durch mehr basisorientierte Strukturen (Räte??) und mitverantwortliche Teilhabe diverser gesellschaftlicher Gruppen. Ich vertraue also letztlich darauf, dass sich unser jetziges System mit all seinen Unvollkommenheiten und Gefährdungen transformieren ließe, wenn wir uns nur anderen Formen öffnen und entschieden massenhaft dafür eintreten würden. Ich sehe hier eine wichtige Aufgabe für Frauen in unserer Gesellschaft. Es gibt Ansätze für solche Art Transformation – aber sie sind zu wenig bekannt.

Clara: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Abschaffung von Grenzen ein wichtiger Baustein für ein gutes Leben für alle ist. Genauso wie die Überwindung des Patriarchats, der Aufbau von gewaltfreien Strukturen und das Ende des fossilen Kapitalismus. Aber mir ist schon bewusst, dass das alles riesengroße, sperrige Konzepte sind, die im Alltag abstrakt erscheinen. Als Transformationsforscherin sehe ich unterschiedliche Strategien, um mit kleinen und großen Schritten auf einen Wandel hinzuarbeiten. Aus meiner Perspektive braucht es einerseits Brüche mit dem bisherigen System, die zum Beispiel durch Aktionen Zivilen Ungehorsams herbeigeführt werden können. Andererseits braucht es aber auch gelebte Alternativen, die in gesellschaftlichen Zwischenräumen vorbereitet und ausprobiert werden. Wenn soziale Bewegungen in der Lage sind, Brüche im ungerechten System zu produzieren, und die entstandenen Löcher mit den eingeübten alternativen Handlungsweisen aus den Nischen zu füllen, dann gibt es das Potenzial, dass der Wandel erfolgreich ist. Bin ich eine Träumerin, wenn ich daran glaube, dass das möglich ist? Ist mir egal, irgendwie müssen wir ja anfangen, weitermachen, in Bewegung bleiben.

GWR: Was fehlt Euch? Was möchtet Ihr den GWR-Leser*innen mit auf den Weg geben?

Helga: Ich denke, dass wir, die wir in Organisationen mitarbeiten, oft einen Tunnelblick entwickeln, der unsere eigenen Ansätze im Denken und Handeln absolut setzt und uns hindert, „über den Tellerrand“ zu blicken. Was wollen andere, die eigentlich mit uns in der Analyse der Situation übereinstimmen und „am selben Strang“ ziehen? Was meint „Sicherheit neu denken“, was will Soziale Verteidigung, wie steht Ihr zum Zivilen Friedensdienst (ZFD)? Wer nur die „reine Lehre“ will und Maximalforderungen absolut setzt, verpasst entscheidende Chancen. Warum nicht ganz neu über Sicherheit nachdenken, ohne gleich alles über Bord zu werfen, was oft zu Recht Anstoß erregt? Warum nicht das Bestehende gewaltfrei verteidigen, auch wenn das Gegenwärtige keineswegs allen unseren Idealen entspricht? Warum blicken manche kritisch auf zivile Konfliktbearbeitung mit solidarischer Begleitung von Fachkräften, nur weil der ZFD auch von staatlichen Stellen finanziert wird?
Lasst uns in vielfältiger, achtungsvoller Zusammenarbeit, wenn auch auf verschiedenen Wegen, das gemeinsame Ziel ansteuern: eine möglichst herrschaftsfreie gewaltarme Politik in transparenten Strukturen und unter wirksamer Kontrolle von unten.

(1) https://www.graswurzel.net/gwr/
produkt/politische-geborgenheit/
(2) Vgl.: BoatSpotting im Mittelmeer. Es ist keine Rettungsschlacht – Segeln gegen die Festung Europa, Artikel von Katja (CompassCollective), in: GWR 482, Oktober 2023,
https://www.graswurzel.net/gwr/2023/10/boatspotting-im-mittelmeer/
(3) Kontakt/Infos:
https://compass-collective.org/
(4) Siehe: Mensch, Vater, Anti-Atom-Aktivist, Autor, Anarchist. Ein Nachruf von Bernd Drücke auf den ehemaligen GWR-Redakteur Jochen Stay (22.8.1965 – 15.1.2022), in: GWR 467, März 2022, https://www.graswurzel.net/gwr/2022/02/mensch-vater-anti-atom-aktivist-autor-anarchist/

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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