wir sind nicht alle

„Unsere gemeinsame Sprache ist die Solidarität“

Widerstand gegen die drohende Räumung des Hausbesetzerprojekts Prosfygiká und Repression in Griechenland

| Ralf Dreis, Vólos, Griechenland

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Foto: https://sykaprosquat.noblogs.org/save-prosfygika/

Am 6. April 2026, dem 61. Tag seines Hungerstreiks, brach Aristotélis Chantzís ohnmächtig vor seiner Wohnung zusammen. Ein Notarztwagen brachte ihn ins Krankenhaus Geórgios Gennimatás im Zentrum Athens. Fünf Tage später (Redaktionsschluss der GWR) bezeichnen die Ärzte seinen Gesundheitszustand als „ernst“. Chantzís versucht, mit dem Hungerstreik die angedrohte Räumung des größten Hausbesetzerprojekts in Griechenland abzuwenden. Denn die teilbesetzte Siedlung der Prosfygiká, der Flüchtlingshäuser, an der Hauptverkehrsader Leofóros Alexándras in Athen ist akut räumungsbedroht. Der seit März 2026 gültige Sanierungsplan des Verwaltungsbezirks Attika benennt, laut einem Artikel der linken Efimerída ton Syntaktón (EfSyn) von Ende Februar 2026, „Aufwertung“ und „Rückgabe an die Gesellschaft“ als Zielvorgabe für 108 der insgesamt 228 Wohnungen der in den 1930er Jahren erbauten Wohnsiedlung.

Mit der zynischen Lüge „Rückgabe an die Gesellschaft“ begründen rechte Politiker*innen oftmals die Räumung besetzter Häuser. Der damalige rechts-nationalistische Ministerpräsident Antónis Samarás (Néa Dimokratía, ND) benutzte die Formel im Laufe einer Kampagne gegen Hausbesetzungen erstmals im August 2013 zur Räumung des anarchistischen Zentrums Antibíosi in Ioánnina. Das ehemalige Krankenhaus wurde allerdings nicht der Gesellschaft zurückgegeben sondern stand, staatlich bewacht, erneut zwei Jahre leer, bis es 2015 als anarchistisches Zentrum wiederbesetzt werden konnte. Seitdem wird es vom emanzipatorischen Teil der Bevölkerung Ioánninas genutzt.

In der Siedlung weht ein Wind der Freiheit, der Solidarität und Kreativität, der zeigt,
dass eine andere Welt möglich ist, auch wenn rundum die Gesetze des Dschungels herrschen

Die „Gemeinschaft der besetzten Prosfygiká“ hat „entschiedenen Widerstand“ gegen die drohende Räumung angekündigt. „Seit mehr als 15 Jahren zeigen wir, dass die Existenz einer selbstorganisierten Gemeinschaft im Zentrum einer europäischen Metropole möglich ist. Der Kampf um die Rettung der Prosfygiká ist ein Kampf für die Freiheit, das Leben und die Menschlichkeit“, heißt es in einem älteren Soli-Aufruf. Unterstützende Transparent- und Flugblatt-Aktionen, Kundgebungen und Demos finden seit Anfang Februar in ganz Griechenland statt. Mehrmals besuchten hunderte Demonstrant*innen die Sitzung des Athener Stadtparlaments. Am 5. Februar 2026 trat ein Mitglied der Gemeinschaft, Aristotélis Chantzís, in den unbefristeten Hungerstreik. Sollte sich die Lage zuspitzen, so die Ankündigung, wollen weitere Bewoh-ner*innen folgen. Inzwischen schwebt Chantzís nach 66 Tagen Hungerstreik in Lebensgefahr. In der gemeinsamen Hungerstreikerklärung heißt es: „Als Gemeinschaft haben wir uns kollektiv entschieden, unser gesellschaftliches Projekt, unsere Mitmenschen, unsere Strukturen und das historische Vermächtnis der Prosfygiká zu verteidigen. Es ist unsere Entscheidung und unsere Verantwortung, für die Fortführung des Lebens sogar unser Leben zu opfern…“

Die Siedlung wurde ab 2003 von Anarchist*innen, Geflüchteten, Migrant*innen, Arbeits- und Obdachlosen sukzessiv besetzt und mit Unterstützung der legalen Bewohner*innen und von Anwohner*innen des Stadtteils Ampelókipoi, in dem sich die Siedlung befindet, bewohnbar gemacht. Während der von IWF, Europäischer Zentralbank und EU-Kommission zwischen 2010 und 2015 gegen Griechenland verhängten Spardiktate, wandelte sich der ursprüngliche Versuch Einzelner, ein Dach über dem Kopf und Zugang zu Wasser, Strom und Heizung zu erlangen, zur bewussten Entscheidung, sich kollektiv und gleichberechtigt zu organisieren, die eigene Würde zu verteidigen und der kapitalistischen Ausbeutung gemeinsam Widerstand entgegen zu setzen.

Prosfygiká – eine Siedlung mit bewegter Geschichte

Die Prosfygiká-Siedlung wurde 1933–36 im Bauhausstil errichtet, um nach der Kleinasiatischen Katastrophe (1921–23) geflüchtete griechische Familien aus Kleinasien (Gebiete in der heutigen Türkei) unterzubringen. Es handelt sich um acht Wohnblöcke mit 228 Wohnungen und jeweils 52 qm auf einer Fläche von 17.215 qm. Die noch heute gut sichtbaren Einschusslöcher in den Häuserfassaden zeugen von den Kämpfen der griechischen Widerstandsbewegung EAM/ELAS (Nationale Befreiungsfront/Volksbefreiungsarmee) gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg und den dramatischen Dezemberereignissen 1944, als rechte griechische Militäreinheiten und Kollaborateure der deutschen Nazis, mit Unterstützung der USA und Englands, die kommunistisch orientierten ELAS-Truppen nach erbitterten Kämpfen aus Athen vertrieben. Ein Vorspiel des folgenden griechischen Bürgerkriegs 1946 bis 1949. Während der Militärjunta, 1967 bis 1974, wurden erstmals Pläne veröffentlicht, die Häuser abzureißen, um ein zentrales Gerichtsgebäude zu errichten. Der Plan wurde zwar fallen gelassen, doch seither hat fast jede Regierung neue Abrisspläne vorgelegt. Im Jahr 2000 wurden Zwangsenteignungen vorangetrieben und unter großem staatlichen Druck zogen die meisten Bewohner*innen schließlich aus. Die „Städtische Immobiliengesellschaft“ erwarb 137 Wohnungen und beschloss den Abriss von sechs der acht Blöcke, die daraufhin erst einmal leer standen. In den folgenden Jahren wurden Teile der Siedlung untervermietet, die leerstehenden Häuser nutzten diverse kleinkriminelle Banden und Drogenmafiosis für ihre Geschäfte. Die Siedlung verkam zunehmend.

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Konzert 2023. Parole auf einem der besetzten Häuser: „Unsere gemeinsame Sprache, die Solidarität“
Foto: https://sykaprosquat.noblogs.org/save-prosfygika/

Ab 2003 zogen dann erste Be-setzer*innen in leerstehende Wohnungen ein. Die 51 verbliebenen Wohnungsinhaber*innen, die sich gegen die Enteignung gewehrt hatten, erkämpften in den folgenden Jahren, unterstützt von Anwohner*innen des Stadtteils und der Architektonischen Hochschule des Polytechnikums, den Beschluss des Staatsrats, die Siedlung als modernes Baudenkmal zu werten. Seit 2009 stehen die Häuser mit der endgültigen Entscheidung der Nationalen Denkmalschutzbehörde, die ihnen „eine besondere soziale und historische Bedeutung“ bescheinigt, unter Denkmalschutz. Im Rahmen der Spardiktate wurden sie 2014 der TAIPED (Behörde zur Veräußerung öffentlichen Besitzes) überschrieben, was das Athener Stadtparlament einstimmig verurteilte. Inzwischen wird das innerstädtische Filetstück von der „Sanierungsgesellschaft Athen A.E.“ verwaltet, die mehr als 15 Millionen Euro in die „Aufwertung der Prosfygiká“ investieren will. Ein kleiner Teil soll als Sozialwohnungen erhalten bleiben.

Vielfältige kollektive Strukturen statt Kommerzialisierung

Schrittweise zogen ab 2003 immer mehr Besetzer*innen ein und vertrieben die Dealer. Seit 2010 tagt wöchentlich das „Plenum der Gemeinschaft der besetzten Flüchtlingshäuser“. Das älteste kollektive Projekt ist die seit 2014 bestehende Bäckerei, die die Siedlung und die Nachbarschaft täglich mit frischem Brot und Gebäck versorgt. Etwa 450 Menschen aus 27 Ländern, mit vielen unterschiedlichen Sprachen und Gebräuchen leben in der Gemeinschaft. Es gelang, den vielen staatlichen Angriffen zum Trotz, eine solidarische Nachbarschaft mit bedürfnisorientierten Strukturen aufzubauen. Darüber hinaus werden viele lokale und internationale politische Kämpfe, wie die der politischen Gefangenen, zur Verteidigung besetzter Häuser oder die Solidaritätsbewegung mit Rojava unterstützt. Entscheidungen, die alle betreffen, werden im wöchentlichen Plenum auf Basis von Gleichberechtigung, kollektiver Selbstorganisierung und Solidarität getroffen. Die Siedlung beherbergt ein soziales Zentrum, einen Kindergarten, eine Bibliothek, eine Gemeinschaftsküche und Frauenräume mit Schlafplätzen für Frauen in Notsituationen. Für schulpflichtige Kinder gibt es die Hausaufgabenhilfe und Griechischunterricht, einmal in der Woche finden Filmvorführungen statt. Sehr wichtig ist das Gesundheitsprojekt, da die Gesundheitsversorgung in Griechenland stark privatisiert ist. Deshalb und durch das verbreitete Fehlen von Krankenversicherungen ist der Zugang zum Gesundheitssystem für Geflüchtete sehr schwierig und für alle anderen sehr teuer. Das Gesundheitsprojekt berät, begleitet zu Arztterminen, und übernimmt bei Mitgliedern der Gemeinschaft mit schweren Erkrankungen Anteile der Kosten. In Absprache mit Angestellten des benachbarten, auf Krebsbehandlung spezialisierten Krankenhauses Ágios Sávvas wurden zwei Wohnungen in Prosfygiká renoviert, in denen mittellose Patient*innen und pflegende Angehörige untergebracht werden, wenn sie zur Behandlung nach Athen anreisen müssen.

„Unsere Gelder für soziale Projekte, nicht für die Räumung des Sozialprojekts Prosfygiká!“

Nicht zuletzt aufgrund solcher sozialpolitischer Projekte geht die Unterstützung der Prosfygiká weit über die anarchistische Bewegung hinaus. So meldete sich am 23. März 2026 die Pangriechische Vereinigung der Sozial- und Arbeitsamtsangestellten (PANSYPO) per EfSyn zu Wort. Sie betonen, dass „ein Großteil der Gelder, die zur Räumung und Aufwertung der Prosfygiká vorgesehen sind, aus Beiträgen der staatlichen Angestellten, besteht“ und sie sich auch aus diesem Grund dagegen wehren, „die Häuser, die ein wirkliches Sozialprojekt beherbergen“, räumen zu lassen. Sie unterstützen die Forderung der Bewohner*innen, die Siedlung in Eigenregie zu sanieren und erklären sich solidarisch mit dem Hungerstreik von Aristotélis Chantzís.

Angriffe und Repression

Seit Bestehen der Gemeinschaft gab es zahlreiche Angriffe staatlicher Repressionskräfte. Tränengas wurde in die Häuser geschossen, Türen wurden eingetreten, Fenster und sanitäre Anlagen zerschlagen, die Nachbarschaft terrorisiert und mit Gerichtsverfahren überzogen. Exemplarisch ist ein Polizeiüberfall am 22. November 2022. Der damals 27-jährige Anarchist Kóstas Dimaléxis wurde vor seiner Wohnung brutal verhaftet und des „Brandanschlags auf ein Immobilienbüro“ beschuldigt. Dimaléxis sprach von Beginn an von einem „Polizeikonstrukt“ und dem Versuch, die besetzte Nachbarschaft mit Terrorismus in Verbindung zu bringen. Weitere 79 Bewohner*innen und Menschen, die sich solidarisch mit ihm gezeigt hatten und zu dem in Sichtweite gelegenen Polizeipräsidium gezogen waren, wurden wegen „Widerstands“ verhaftet und angeklagt. Vor dem Berufungsgericht brachen alle Anklagepunkte gegen Dimaléxis zusammen.
Noch brutalere Szenen gab es am 20. Juni 2024, als starke Polizeikräfte in Häuser eindrangen, Wohnungen zerstörten und zwei 19- und 20-jährige Bewohner verschleppten. Obwohl beiden die Hände mit Kabelbindern auf den Rücken gefesselt waren, sollen sie vehement Widerstand geleistet und mehrere Beamte verletzt haben, einige davon schwer. Über die konstruierten Anklagen hinaus begann eine Hexenjagd, als öffentlich nach „weiteren 70 unbekannten Tätern“ gefahndet wurde. Die staatliche Botschaft war klar: Die Bewohner*innen der Prosfygiká und alle, die Widerstand gegen die autoritär-neoliberale Politik der Néa-Dimokratía-Regierung leisten, sind kriminell und werden entsprechend verfolgt.
In den folgenden Tagen kam es zum Beschuss mit Tränengas- und Blendschockgranaten und zur polizeilichen Belagerung der Siedlung.
Erst als durch Presseberichte die Verhaftung und psychische sowie physische Folterung eines 15-jährigen Schülers bekannt wurde, zogen die Polizeitruppen ab. Der aus Venezuela stammende Jugendliche lebt mit seiner Mutter und dem kleinen Bruder in einem der Häuser. Damit er gesteht, an Angriffen auf Polizeibeamte beteiligt gewesen zu sein, wurde ihm mit Vergewaltigung und Abschiebung gedroht.

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Foto: https://sykaprosquat.noblogs.org/save-prosfygika/

In einem in der EfSyn vom 31. März veröffentlichten offenen Brief wenden sich 48 Persönlichkeiten der antidiktatorischen Student*innenbewegung von 1967–1974 gegen die „Pläne zur Aufwertung – Räumung – Kommerzialisierung“ der Prosfygiká. Sie setzen diesen Plänen, in Absprache mit den Besetzer*innen, die „Aufwertung von unten“ entgegen, die „selbstfinanzierte Sanierung der Häuser durch die Bewohner*innen mittels kollektive Arbeit mit Unterstützung zahlreicher Architekt*innen und Bauingenieur*innen“. Denn in der Siedlung „weht ein Wind der Freiheit, der Solidarität und Kreativität“, der zumindest „innerhalb dieses Mikrokosmos zeigt, dass eine andere Welt möglich ist, auch wenn rundum die Gesetze des Dschungels herrschen“.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.

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