Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

in ihrer November/Dezember-Ausgabe hat sich die alternative Zeitschrift oya auch mit dem Thema Anarchismus beschäftigt und ist dabei auch auf die Graswurzelrevolution zu sprechen gekommen:

„Der Anarchismus wird – gerade von seinen Gegenkräften – häufig mit Militanz in Verbindung gebracht. Das wird ihm allerdings nur in vergleichsweise wenigen Fällen gerecht, wie der Blick in die lange anarchistische Geschichte zeigt. Die große Bandbreite dieser faszinierenden Bewegung kennt viele Ansätze, die der Philosophie anhängen, wonach die angestrebte gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft keinesfalls mit Mitteln der Gewalt errichtet werden kann. Erst recht nicht – wie es die ‚realexistierenden sozialistischen Länder‘ zeigten – könne dies durch hierarchische Strukturen wie Parteien und Staaten erreicht werden.

Als ein – wenn nicht sogar das – Sprachrohr der deutschsprachigen anarcho-pazifistischen Szene kann die Zeitschrift ‚graswurzelrevolution‘ (gwr) gelten, ein echtes Urgestein, das in diesem Sommer mit der Ausgabe 370 sein respektables 40-jähriges Jubiläum begehen durfte.“ (1)

Herzlichen Dank für das Lob!

Ein Jahr nachdem 1972 die Graswurzelrevolution gegründet wurde, fand im deutschen Fernsehen auch so eine Art „Graswurzelrevolution“ statt.

Im Januar 2013 widmete die Deutsche Briefmarken Zeitung diesem Fernsehereignis unter dem Titel „Anarchie im Kinderzimmer“ einen nicht nur für BriefmarkensammlerInnen interessanten Artikel, in dem es u.a. heißt:

„Heute vor 40 Jahren wurde im deutschen Fernsehen die erste Folge der ‚Sesamstraße‘ ausgestrahlt. Mit überwältigendem Erfolg bei den Kindern, nur einige Pädagogen taten sich etwas schwer mit den durchaus etwas anarchistischen Puppen. Und im Bayrischen Fernsehen konnte die Sesamstraße jahrelang nicht gezeigt werden: Dessen Fernsehdirektor hatte gewarnt, dass deutsche Kinder sich mit den ‚in der Sendung auftretenden Negern‘ nicht identifizieren könnten.“ (2)

Nun, dass der Geist der Anarchie durch die Kinderzimmer spukt ist ja nicht ganz neu. 2006 warnte zum Beispiel der Passauer Politologe Gerd Strohmeier in einem Spiegel online-Interview unter dem Titel „Wie Bibi Blocksberg Kinder politisch verhext“ vor der von Elfie Donnelly geschaffenen Kinderbuch-Hexe Bibi Blocksberg und den überaus gefährlichen Benjamin Blümchen-Hörspielkassetten. Sie seien jugendgefährdend, „vermitteln politische Zerrbilder (…) und (…) anarchistische Positionen (…).“ (3)

Wer weiß, vielleicht sind Ernie, Bert, Bibo, das Krümelmonster, Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen sogar dafür mitverantwortlich, dass der Anarchismus heute seinen Schrecken auch hierzulande weitgehend zu verlieren scheint? Außer beim Politologen Gerd Strohmeier natürlich.

Wie es derzeit um den Anarchismus bestellt ist, ist u.a. ein Thema auf den Seiten 13 ff. der Euch hier vorliegenden Graswurzelrevolution. Weitere Schwerpunkte sind der Krieg in Mali, Antifaschismus, Antirassismus, Anti-Atom, Gewaltfreier Widerstand, Zapatismus, das Ende der Zeitschrift Kommune und vieles mehr.

Ganz besonders freut mich, dass seit November 2012 in der GWR eine spannende Diskussion zum Thema „Politische Mediation“ stattfindet. Als Auftakt erschien in der GWR 373 der Artikel „Trick 17 mit Selbstüberlistung / Warum die Beteiligung an der Schlichtung zu S21 ein Fehler war und wieso die Politische Mediation keine Alternative ist“. Daran anknüpfend haben wir im Dezember in der GWR 374 eine Erwiderung abgedruckt, Besalinos Antwort darauf und die Analyse „Stuttgart 21- ein Lehrstück. Mediation als Konfliktbewältigungsstrategie“. In der GWR 375 wurde die Diskussion mit Thomas Wagners viel diskutiertem Artikel „Die Mitmach-Falle“ und LeserInnenbriefen vertieft. Und in dieser Ausgabe wird die RWE-Studie „Akzeptanz braucht Bürgerbeteiligung“ aus der Sicht des Widerstands im Hambacher Forst unter die Lupe genommen (S. 6f.). Im Moment überlegen wir im Verlag Graswurzelrevolution ein Buch zum Thema herauszubringen.

Neue Druckerei

Für uns hat sich einiges geändert. Bedauerlicherweise hat CARO, die Druckerei, die seit 1988 auch die Graswurzelrevolution gedruckt hat, zum 1. Januar die Arbeit eingestellt (vgl. GWR 375). Ab sofort wird die Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft von der Freiburger Druck GmbH und Co. KG gedruckt.

Wir sind zuversichtlich, dass wir zu den neuen DruckerInnen ein ähnlich kollegiales Verhältnis entwickeln werden, wie es zu den CARO-MitarbeiterInnen über Jahrzehnte gewachsen ist.

Libertäre Buchseiten schon im März

Seit 1988 erscheinen auch einmal im Jahr die Libertären Buchseiten, als Sonderseiten der GWR-Oktoberausgabe und mit einer Auflage von jeweils 5.000 Exemplaren. Bisher haben wir sie immer zur Frankfurter Buchmesse produziert. Nun wagen wir ein Experiment. Ab sofort erscheinen die Libertären Buchseiten schon zur Leipziger Buchmesse im März, als Beilage der GWR 377.

Wenn Ihr zur nächsten Ausgabe noch etwas beisteuern möchtet, könnt Ihr das gerne tun. GWR 377-Redaktionsschluss ist der 10. Februar.

Und jetzt wünsche ich Euch viel Spaß beim Lesen und Anarchie – nicht nur im Kinderzimmer,

(1) oya - "anders denken. anders leben" Nr. 17, Nov./Dez. 2012. Kontakt und Infos: www.oya-online.de

(2) http://d-b-z.de/web/2013/01/08/briefmarken-sesamstrasse-40/

(3) Mehr zum Thema in: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, www.karin-kramer-verlag.de/lp/307-1-lp.html#vor