Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

„Leichen, Verwesung, Anarchie“, so betitelte die Bildzeitung am 19. April 2018 einen Artikel über „Apokalyptische Zustände in Haiti“. „Gewalt und Anarchie“ ist eine Schlagzeile der Baseler Zeitung vom 20. April 2018. Untertitel: „Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften erschüttern Südafrika.“

Der Anarchiebegriff wird bis heute von BILD bis taz und RTL meist gleichgesetzt mit Chaos und Terror. Das ist aus anarchistischer Sicht frustrierend. Für uns ist Anarchie eine gewaltfreie, klassen- und herrschaftslose Gesellschaft, die nach den Prinzipien der Gegenseitigen Hilfe und freien Assoziation organisiert ist. Für Anarchist*innen gibt es einen anderen Weg jenseits von Staat, Macht und Gewalt. Wir wollen weder Kapitalismus noch autoritären Staatssozialismus. Die permanente Diffamierung des Anarchiebegriffs durch die Massenmedien ist für uns bedrohlich.

Umso erfreulicher ist, dass es auch Beispiele gibt, die darauf hoffen lassen, dass das seit Jahrhunderten von den Herrschenden in die Köpfe gepflanzte Zerrbild „Anarchie ist Chaos und Terror“ durch Aufklärung gerade gerückt werden kann. Ich habe mich sehr gefreut, am 11. April auf 3sat den großartigen Dokumentarfilm „Oasen der Freiheit – Anarchistische Streifzüge“ sehen zu können.

Im Film begibt sich der aus Bulgarien stammende Schriftsteller Ilija Trojanow auf Spurensuche nach freiheitlich-sozialistischen Oasen in Europa. Er findet sie – in der anarchistischen Gegenwart, Geschichte, Literatur und im Internet. Der sympathische Anarcho besucht die Bakuninhütte (vgl. GWR 426) und selbstverwaltete Projekte wie das spanische Dorf Marinaleda, wo die Uhren anders ticken und die Bewohner*innen dem Kapitalismus trotzen. Und die Insel Ikaria, wo Uhren kaum eine Bedeutung haben, die Menschen zeitlos leben und älter werden. „Für mich ist Anarchismus einerseits eine Schule des kritischen Denkens, andererseits des widerständigen Handelns. Diese zwei Momente sind sehr wichtig, weil sie einander gegenseitig natürlich bedingen, motivieren“, so Trojanow.

Ähnlich wie dieser Film, macht sich auch die Zeitschrift Graswurzelrevolution auf Spurensuche nach anarchistischen Lebensweisen, und das mittlerweile schon seit 46 Jahren.

Blick ins Blatt

In der Euch vorliegenden Ausgabe 429 erinnert die britische Feministin Natasha Walter an ihren anarchistischen Vater Nicolas und sein Wirken als „Spion für den Frieden“. Katja Einsfeld stellt lebensnah ein Thema zur Diskussion, das auch in anarchistischen Zentren und WGs für Konflikte sorgt: „Putzen, als wär‘ schon Anarchie“.

Mit anarchistischer Lebenspraxis hat auch die Frage zu tun, die Mathias Schmidt auf die Tagesordnung setzt: Welche Feiertage wollen wir in der Anarchie begehen?

In zwei Nachrufen erinnern wir an unseren Freund und Genossen Johannes Sternstein.

Thematisiert werden in der GWR 429 auch der antifeministische Backlash in Frankreich, der Feminismus in Polen, der Krieg im Jemen, Antimilitarismus, Klimakämpfe und vieles mehr.

Ausblick

Aber es fehlt auch einiges. So erscheint ein Bericht von Michael Wilk über die Selbstverwaltung in Rojava und die Situation seit der türkischen Invasion in Afrin erst in der Sommernummer 430.

Der Arzt und Anarchist Dr. Michael Wilk war seit 2014 oft im umkämpften Nordsyrien und leistete dort medizinische Hilfe. Auf Einladung der GWR und der Soligruppe „Perspektive Rojava“ berichtet er am 26. Mai ab 20 Uhr in der ESG-Aula (Breul 43) in Münster über die Zusammenarbeit mit dem „Kurdischen Roten Halbmond“ und die Basisdemokratie in den kurdischen Gebieten Syriens.

Ein weiteres Thema, über das wir in der GWR 430 ausführlicher berichten werden, ist die ZAD-Räumung in Frankreich. Vom 9. bis 15. April kam es im besetzten Gebiet (ZAD – verteidigenswerte Zone) von Notre-Dame-des-Landes und danach in Nantes zu Protesten gegen die Räumung der 200 verbliebenen, für „illegal“ erklärten Besetzer*innen des ZAD-Gebietes. „Mehr als 10.000 DemonstrantInnen kamen im Verlaufe der Räumung aus Solidarität zur Unterstützung in die Region um den inzwischen verhinderten Großflughafen. 2500 französische Gendarmerie- und Polizeieinheiten waren im Einsatz, ihr Vorgehen war äußerst brutal“, so Lou Marin. (1)

Für die GWR 430 planen wir einen Schwerpunkt „50 Jahre 68“. Redaktionsschluss: 15. Mai.

„Atomrisiko jetzt beenden! AKW abschalten – 30 Jahre sind 30 Jahre zu viel!“

So lautet das Motto einer bundesweiten Anti-Atom-Demo am 9. Juni in Lingen. „Im niedersächsischen Lingen wird das Atomkraftwerk Emsland das ’neue‘ AKW genannt. Dabei wird es am 20. Juni 30 Jahre alt! Dieser Atommeiler, einer der ‚jüngsten‘ in Deutschland, hat eine Betriebsgenehmigung bis Ende 2022. Das Risiko einer so langen Laufzeit können wir nicht zulassen, weder in Lingen noch an anderen Standorten! Es gibt keine ’sichere Atomkraft‘, und je älter ein Reaktor wird, desto gefährlicher ist er. Allein durch Materialermüdung und Verschleiß steigt die Anzahl der Störfälle dramatisch an, auch im AKW Emsland. Gleichzeitig entsteht täglich Atommüll, der weder jetzt noch in Zukunft sicher gelagert werden kann. Die Atommeiler – ebenso wie Braunkohlemeiler – ‚verstopfen‘ die Netze und blockieren den Ausbau Erneuerbarer Energien.“ (2)

Die GWR kämpft für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit und ruft zusammen mit anderen Gruppen und Organisationen zur Teilnahme an der Demo in Lingen auf.

Li(e)bertäre Grüße, Anarchie und Glück,

Bernd Drücke (GWR-Koordinationsredakteur)

(1) Siehe auch: http://blog.eichhoernchen.fr/post/ZAD-und-der-weltweit-entfesselte-Krieg-gegen-alternative-Lebensmodelle

(2) Weitere Infos: www.lingen-demo.de