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Editorial

Liebe Leser*innen,
seitdem das investigative Recherchenetzwerk Correctiv öffentlich gemacht hat, dass beim Potsdamer Geheimtreffen (1) Mitglieder der neofaschistischen Identitären, der AfD, der Werteunion und der CDU die Deportation von 14 Millionen „unliebsamen“ Menschen aus Deutschland geplant haben, reißen die Demonstrationen gegen Rechtsruck und AfD nicht ab. Bis zum Schreiben dieses Editorials haben bei mindestens 1.350 Demos rund 3,7 Millionen Menschen gegen den aufkommenden Faschismus demonstriert (2).
Die GWR-Redaktion hat sich am Redaktionssitz Münster an den antifaschistischen Demos beteiligt. Hier demonstrierten am 19. Januar rund 25.000 gegen die Deportationspläne und am 16. Februar laut Polizei mehr als 30.000 Menschen gegen den AfD-Neujahrsempfang. Wie in anderen Städten auch waren es die bisher größten Demos in der Geschichte der Stadt.
Am kommenden Wochenende sind bundesweit wieder mehr als 100 Demos geplant. Das macht Hoffnung, dass die Faschisierung der Gesellschaft durch eine neue soziale Bewegung von unten gestoppt werden kann. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik besteht die reale Gefahr, dass nach den Wahlen im September 2024 in Thüringen mit Björn Höcke ein Nazi Ministerpräsident werden kann. Um die Neonazis aufzuhalten, ist es auch für Anarchist*innen selbstverständlich, eine antifaschistische Bündnisarbeit mit allen zivilgesellschaftlichen Kräften, die sich gegen Rassismus stemmen, zu schmieden. Wenn ich einen Naziaufmarsch blockiere, ist es mir egal, ob sich neben mir in der Kette ein Sozi, eine Christin, eine Marxistin, ein Anarchist oder ein Grüner befindet. Es geht darum, die Zivilgesellschaft gegen den Faschismus zu stärken und den Nazis keinen Meter zu überlassen.
Als Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft gehört es zu unseren Aufgaben, anarchistische Utopien für eine menschenfreundliche Umwälzung der Gesellschaft zu entwickeln und über Verbrechen des Staates, sowie Macht- und Herrschaftsverhältnisse aufzuklären.
Etwas, über das die Regierenden hierzulande seit 120 Jahren den Mantel des Schweigens legen, sind die rassistischen Verbrechen des deutschen Kolonialismus. Der Genozid, den deutsche Kolonial-Truppen zwischen 1904 und 1908 im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen Namibia, begangen haben, ist weder in Massenmedien noch Schulen ein großes Thema. Das ist skandalös. Damals wurden etwa 10.000 Nama und 60.000 der zuvor 80.000 Hereros ermordet. In der GWR 481 vom September 2023 haben wir mit einem Schwerpunkt die deutsche Politik des Verdrängens und des Neo-Kolonialismus beleuchtet. Mit seinem Artikel „Vermurkste Versöhnung. Deutsch-namibische Beziehungen im Schatten des Völkermords“ (S. 1 und 5) knüpft Henning Melber daran an und zeigt auf, dass eine offizielle und vorbehaltlose Entschuldigung seitens der deutschen Regierung für die im deutschen Kolonialismus massenhaft Ermordeten bis heute ausgeblieben ist.
Johann Thun skizziert mit seinem Artikel „Der letzte Privatier“ (S. 1 und 8), dass eine Lithografie des antisemitischen Nationalisten Andreas Paul Weber zum heutigen Zeitgeist passt. Ebenfalls um „Kunst und Propaganda“ geht es im Beitrag von Hans-Peter Häfele auf Seite 9.
Die Situation der Frauen im Iran anderthalb Jahre nach Entstehung der feministischen Frau-Leben-Freiheit-Bewegung steht im Mittelpunkt der Artikel von OG und Shouresh Shakibapour auf den Seiten 3 und 4.
Der Gaza-Krieg ist Thema in den Beiträgen des Grauen Blocks Basel und von Zey, Aktivistin der Palestinians and Jews for Peace (S. 2 und 6).
Als Auftakt einer GWR-Artikelserie über Frauen, die von den Nazis zur Prostitution gezwungen wurden, erschien im Februar 2024 in der GWR 486 Anne S. Respondeks Text über nationalsozialistische Prostitutionspolitik. Daran knüpft ihr Beitrag „Der ‚Sonderbau‘“ auf Seite 7 an. Die Serie soll in den kommenden Ausgaben fortgesetzt werden.
Um Repression gegen Waldbesetzer*innen in der Schweiz und Aktivist*innen der Anti-G20-Proteste 2017 in Hamburg geht es in einem Artikel der Gruppe Wald statt Repression und in einem Interview von Gaston Kirsche mit Kim König von der Hamburger Ortsgruppe der Roten Hilfe (Seite 10 ff.).
Elmar Wigands monatliche „so süß wie maschinenöl“-Glosse behandelt diesmal ein Thema, das in der GWR eher selten eine Rolle spielt, zum Leidwesen der Ultras unter unseren Leser*in-nen: „Fußball und Demokratie? Kein Betriebsrat bei Hertha BSC“ (S. 10).
Wie immer im März und Oktober besteht die GWR wieder zur Hälfte aus einer neuen Ausgabe der Libertären Buchseiten (S. 13-24), mit leckeren Rezensionen. Die LiBus erscheinen mit einer Auflage von 5.000. Ihr findet sie vom 21. bis 24. März 2024 auch in größerer Stückzahl, zum Mitnehmen und Verteilen, am Stand des Zeitungs- und Buchverlags Graswurzelrevolution auf der Leipziger Buchmesse: HALLE 5, STANDNUMMER: F 500.
Wer in der aktuellen Ausgabe Artikel u.a. zu den Themen Antimilitarismus, Ukraine-Krieg, Rechte Gewalt und „Wehrpflicht“-Propaganda vermisst, wird voraussichtlich im April in der GWR 488 fündig.
Jetzt aber: Viel Spaß beim Lesen, Anarchie und Glück,

Bernd Drücke (GWR-Red.)

(1) Siehe: Madagaskarplan 2024 – Faschistische Deportationsstädte, Artikel von Andreas Kemper, in: GWR 486, Februar 2024, S. 13 f.
(2) Siehe: https://taz.de/Demowelle-gegen-Rechtsextremismus/!5994112/