Guillaume Gamblin (Hg.)

Die Unverschämte

Gespräche mit Pınar Selek

20,90 

Pınar Selek wurde vor allem aufgrund der Repression der türkischen Justiz, der sie seit über 20 Jahren ausgesetzt ist, bekannt. In dem Buch beschreibt sie ihre Kindheit, ihre Kämpfe an der Seite der Straßenkinder Istanbuls, der Prostituierten, der Kurd:innen und Armenier:innen. In den 1990er-Jahren trug sie zur Entstehung einer antimilitaristischen Bewegung in der Türkei bei. Pınar Selek erzählt aber auch von Folter und vom Gefängnis. Mit ihrer ansteckenden Energie schildert sie den Aufbau eines Ateliers für Straßenkünstler:innen und berichtet von einer feministischen Kooperative und einer Plattform für soziale Ökologie. Sie lebt in Frankreich im Exil. Der 2007 ermordete armenische Journalist Hrant Dink nannte sie liebevoll „die Unverschämte“.

Beschreibung

Guillaume Gamblin (Hg.)

Die Unverschämte

Gespräche mit Pınar Selek

Aus dem Französischen von Lou Marin

228 S. | 20,90 Euro | ISBN 978-3-939045-50-2

 

Die 1971 in Istanbul geborene Pınar Selek wurde vor allem aufgrund der Repression der türkischen Justiz, der sie seit über 20 Jahren ausgesetzt ist, bekannt. Guillaume Gamblin hat mit ihr intensive Gespräche geführt. Sie beschreibt darin ihre Kindheit, ihre Kämpfe an der Seite der Straßenkinder Istanbuls, der Prostituierten, der Kurd:innen und Armenier:innen. Sie trug in den 1990er-Jahren zur Entstehung einer antimilitaristischen Bewegung in der Türkei bei. Pınar Selek erzählt aber auch von Folter und vom Gefängnis. Mit ihrer ansteckenden Energie schildert sie den Aufbau eines Ateliers für Straßenkünstler:innen und berichtet von einer feministischen Kooperative und einer Plattform für soziale Ökologie. Sie lebt in Frankreich im Exil. Ihre Forschungen und ihr Engagement gelten grenzüberschreitenden sozialen Kämpfen und der Öffnung kreativer Wege in eine andere Gesellschaft. Der 2007 ermordete armenische Journalist Hrant Dink nannte sie liebevoll „die Unverschämte“.

Inhalt

Vorwort von Pınar Selek

Einleitung: Die tausend Leben der Pınar Selek. Von Guillaume Gamblin

Chronologische Eckpunkte

Kapitel I: (1971-1998)

„Auf der Straße habe ich das Leben gelernt.“

Kapitel II: (1998-2000)

„An dem Punkt hat der Albtraum begonnen.“

Kapitel III: (2001-2009)

„Das Gefühl, dass alles möglich ist.“

Kapitel IV: (2009 bis heute)

„Andere Länder jenseits der Grenzen schaffen.“

Nachwort von Pınar Selek: „Das Glück ist möglich.“

Epilog von Guillaume Gamblin: „Die Fortsetzung der Geschichte wird in der Gegenwart geschrieben.“

Danksagungen

Die Unverschämte. Nachwort von Guillaume Gamblin für die deutsche Ausgabe: „Der Prozess geht weiter … – und das Leben auch!“

Vorwort

Vorwort von Pınar Selek

Als ich erfuhr, dass ich am nächsten Morgen mein Land nur mit einem kleinen Köfferchen verlassen muss, setzte ich mich einen Moment in großer Ruhe vor dieses Köfferchen. „Leg da die Sachen rein, an denen du hängst …“, hatte mir mein Vater gesagt. Ja schon, aber das sind doch so viele … Wie kann man ein ganzes Leben in einen Koffer packen? Vielleicht, wenn man sich dafür Zeit nimmt, wäre es möglich, eine symbolische Sammlung zu schaffen, und der Koffer wäre selbst Teil dieses Kunstwerks. Aber nein, ich hatte keine Zeit. Letztlich habe ich nichts in den Koffer getan, abgesehen von einigen Fotos von Menschen, die mir wichtig waren. Aber das ist auch nicht so schlimm: All das, was ich hinter mir gelassen habe, hat eine von mir unabhängige Existenz … Das Leben geht weiter, das Wasser fließt. Als Guillaume mir von seinem Projekt erzählte, habe ich an diesen Koffer gedacht. Ist es möglich, eine Biografie in einen Koffer zu packen? Ich hatte solche Vorschläge von Verleger*innen oder Journalist*innen immer zurückgewiesen; ich hatte Angst, von einer Dynamik erfasst zu werden, die ich nicht mehr kontrollieren könnte, mein Leben zu einem Film werden zu lassen, der mir nicht mehr gehören würde. Aber eines Tages sagte mir Guillaume, dass er meine Biografie schreiben wollte, um sie in der Zeitschrift Silence zu veröffentlichen, die meine Bewegungszeitung hier in Frankreich war, in der ich mich zu Hause fühlte. Dieser Vorschlag hat mich gerührt. Ich habe ohne nachzudenken zugesagt, denn ich habe das Ergebnis als Resultat unseres Treffens betrachtet und ich wollte die Lesart meines Lebens entdecken, die Silence machen würde. Ich wollte erfahren, was von mir inmitten dieses historischen Netzwerks alternativer Kämpfe in meinem neuen Exilland noch nachhallte. Und ich habe zugestimmt, weil ich mich in vertrauensvoller Atmosphäre fühlte. Und ich hatte recht: Mein breites Lächeln hat es mir bestätigt. Dieses Lächeln blieb auf meinem Mund, als ich begann, das Buch durchzublättern. Die Arbeit war anstrengend. Umso mehr, als das Buch aus fünf oder sechs Interviews hervorging, die in nur kurzer Zeit durchgeführt wurden, zwischen den Kämpfen, den Todesdrohungen, die ich erhielt, dem Mut und der Angst. Sicher würde ich das für mich anders aufschreiben, aber ich habe nun das Niedergeschriebene mit der inneren Bewegung gelesen, die den intensiven Austausch widerspiegelt, den wir nun seit mehreren Jahren führen. Sie, liebe Leser*innen, werden sehen, dass ich nur ein kleines Pünktchen in einem großen Gemälde bin, mit all den Widersprüchen, die verschiedene Welten und widerstreitende Dynamiken beherbergen. In diesem Gemälde gibt es den grenzenlosen Horror, aber auch den Widerstand. Und der ist nicht nur ein Detail. Glücklicherweise! Ich bin Teil eines großen Erfahrungsschatzes des kollektiven Schaffens, innerhalb eines durch die institutionalisierte Gewalt verdreckten und zerrissenen Raumes. In diesem neuen Raum des Kampfes, der Liebe, der Freundschaft, des Lebens öffne ich meine Türen, um ein wirkliches Gespräch zu beginnen … Treten Sie ein …

Rezensionen

„Die Unverschämte“ lebt nun im Exil

Buchbesprechung Pınar Selek Eine bemerkenswerte Lebensgeschichte zwischen Ökoanarchismus, Feminismus und Antimilitarismus

Mit dem Buch „Die Unverschämte“ veröffentlicht und erläutert Guillaume Gamblin Auszüge aus fünf Gesprächen mit der türkischen Soziologin, Romanautorin und Aktivistin Pınar Selek. Der französische Journalist führte sie 2017 und 2018 für die Zeitschrift „Silence: écologie – alternatives – non-violence“ (Schweigen: Ökologie – Alternativen – Gewaltfreiheit). Der Buchtitel verweist auf den armenischstämmigen türkischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 ermordet wurde. Er war mit Pınar Selek befreundet und nannte sie voller Hochachtung „Die Unverschämte“.

In vier Kapiteln bekommen die Leser*innen Einblicke in den Lebensweg der 1971 Geborenen, in ihre Gedanken und vielfältigen Aktivitäten – und wie sie sich trotz Verfolgung und Folter ihren Mut und ihre Lebensfreude nicht nehmen lässt.

Die Straße als Schule für das Leben

Pınar Selek verlebt eine glückliche Kindheit in einer liebevollen Familie in Istanbul. Mit ihrer eineinhalb Jahre jüngeren Schwester verbindet sie eine tiefe Freundschaft. Ihre Mutter ist als selbstständige Apothekerin und wichtige Anlaufstelle für die Nachbarschaft ein großes emanzipatorisches Vorbild. Ihr Vater ist Anwalt und politisch engagiert, die Familie geht gemeinsam auf Demonstrationen und hat einen großen Freundeskreis. Nach dem Militärputsch 1980 wird ihr Vater verhaftet. Die verlangte Anpassung und Unterwerfung in der Schule und in der Öffentlichkeit weckt die Rebellin in Pınar Selek: „Ich lehne heute alles ab, was an Uniformität, Zwang und Disziplin erinnert.“ (S. 27). Sie will verstehen, was geschieht, liest und führt viele Gespräche mit ihrem kommunistischen Großvater.

Im ersten Kapitel wird ihre Politisierung beschrieben. Schon früh entwickelt Pınar Selek feministische Ideen, lässt sich vom Schicksal der Künstlerin Camille Claudel (1864-1943) berühren und liest Texte der Anarchistin Emma Goldman (1869-1940). Beide betrachtet sie als Freundinnen. Mit 16 Jahren lernt Pınar Selek Straßenkinder kennen und erlebt hinter deren abschreckendem Äußeren so viel Freundschaft und Solidarität, dass sie später sogar zeitweilig mit ihnen auf der Straße lebt – aus Sicherheitsgründen als Junge verkleidet. Dort kommt sie in Berührung mit vielen Ausgegrenzten und Verfolgten und vertieft ihre Abneigung gegen Hierarchien und Anpassung.

Inspiriert von den Gedanken des Öko-Anarchisten Murray Bookchin (1921 -2006) findet Pınar Selek zu einer grundlegenden Kritik an der Moderne. In einem Nachruf auf ihn schreibt sie später: „Wenn wir Bookchin lesen, sehen wir, wie die Banalisierung der Tierversklavung oder die Inbesitznahme der Wälder oder der Meere die Sklaverei, die Kolonisierung und die Ausbeutung der Menschen fördern.“ (S. 78).

Auf Reisen nach Frankreich und Deutschland lässt sich Pınar Selek Anfang der 1990er Jahre von der Hausbesetzungsbewegung inspirieren. In Istanbul organisiert sie mit den Straßenkindern und vielen anderen Orte und Veranstaltungen für Kunst und Kultur. „Es war das erste Mal, dass man in der Türkei solche Workshops mit solch einer personellen Diversität sah: Straßenkinder, Obdachlose, Sinti und Roma, Prostituierte, Transsexuelle, Student*innen etc.“ (S. 68).

Neben ihrem Aktivismus studiert Pınar Selek Soziologie und nutzt die Mittel der Wissenschaft für Studien über die Lebenswelten derjenigen – und gemeinsam mit denen –, die viel zu oft unsichtbar bleiben. Sie erforscht die bewaffnete kurdische Bewegung, gerade weil sie selbst immer mehr von der Notwendigkeit von Gewaltfreiheit überzeugt ist, wenn nicht neue Gewalt- und Herrschaftssysteme entstehen sollen.

Weiterleben trotz Gefängnis und Folter

Im zweiten Kapitel ist beschrieben, wie Pınar Selek 1998 verhaftet wird. Mit tagelanger Folter soll sie gezwungen werden, die Namen von Kurd*innen preiszugeben, die sie interviewt hatte. Sie hält stand, wird schwer verletzt von anderen Gefangenen gepflegt und zum Schreiben ermutigt. Gemeinsam organisieren sie Workshops. Als „Tochter einer Hexe“ (S. 97) nutzt Pınar Selek das naturheilkundliche Wissen, das ihre Mutter ihr vermittelt hatte, um Mitgefangene zu behandeln.

Kurz nach ihrer Verhaftung wird Pınar Selek zusätzlich angeklagt, auf dem Gewürzmarkt in Istanbul ein Attentat begangen zu haben. Weitere Vorwürfe folgen. Ende 2000 wird nachgewiesen, dass es sich bei der Explosion auf dem Gewürzmarkt um einen Unfall mit einer Gasflasche handelte. Die Anschuldigung gegen sie war unter Folter zustande gekommen. Nach zweieinhalb Jahren wird sie gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen.

Das dritte Kapitel beschreibt die Jahre nach der Haftentlassung. Zunächst geht es Pınar Selek sehr schlecht, aber sie kämpft sich ins Leben zurück. Ausgangspunkt ihrer vielfältigen Aktivitäten ist ihr breites Selbstverständnis als Feministin: „Wenn du den Kampf gegen das Patriarchat beginnst, stößt du auf enorme Machtstrukturen. Du bekämpfst daher in gleicher Weise den Staat, den Kapitalismus, das umweltzerstörerische System, den Nationalismus, den Rassismus, den Militarismus, den Heterosexismus.“ (S. 116).

Über die seit den 1980er Jahren entstehende antimilitaristische anarchistische Bewegung schreibt Pınar Selek: „Ganz plötzlich entstand eine neue Definition dessen, was Mut bedeutet. Bis dahin bedeutete Mut zu haben, sich zu bewaffnen. Nun aber wurde der Mut selbst zur Waffe.“ (S. 131). Ein Buch zur Gewaltfreiheit, das sie 2004 unter dem Titel „Barışamadık“ (Wir konnten uns nicht versöhnen) veröffentlichte, beeindruckte sogar den inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan.

Wurzeln schlagen in der Fremde

2009 muss Pınar Selek von einem Tag auf den anderen die Türkei verlassen. Ihr wird erneut der vermeintlich terroristische Anschlag auf dem Gewürzmarkt vorgeworfen, obwohl sie bereits zweimal freigesprochen wurde. Um einer erneuten Verhaftung zu entgehen, geht sie zunächst nach Berlin. Bald fragt sie sich: „Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Warum fühle ich mich so unsicher?“ (S. 147). Sie stellt fest: „Das Exil ist zuallererst ein Orientierungsverlust.“ (S. 148).

In Deutschland wird sie vom Schriftstellerverband PEN und von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt. Weil Pınar Selek in Istanbul das Französische Gymnasium besucht hatte, siedelt sie 2011 nach Frankreich um, wo ihr die Sprache vertraut ist. Um ihre Jahre im Exil geht es im vierten Kapitel. Dank ihrer breiten Vernetzung und ihres Engagements findet sie in Frankreich Anschluss an politische Gruppen, Medien und wissenschaftliche Kreise. 2014 promoviert sie an der Universität Straßburg. Nachdem sie in Frankreich zuerst als politisch Verfolgte anerkannt wird, erhält sie 2017 die französische Staatsbürgerschaft. Heute lebt sie in Nizza.

Guillaume Gamblin (Hrsg.):
Die Unverschämte
Gespräche mit Pınar Selek
Aus dem Französischen von Lou Marin
Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2023, 228 Seiten, 20,90 Euro
ISBN 978-3-939045-50-2

Internationaler Solidaritätsaufruf

Obwohl Pınar Selek mittlerweile viermal freigesprochen wurde, verfolgt der türkische Staat sie weiter wegen des angeblichen Terroranschlags auf dem Gewürzmarkt. Für den 28. Juni ist erneut eine Gerichtsverhandlung in Istanbul angesetzt.

Die „Koordination der Kollektive der Solidarität mit Pınar Selek“ hat im Frühjahr erklärt: „Wir, europäische BürgerInnen, FriedensaktivistInnen und FeministInnen, französische Abgeordnete, WissenschaftlerInnen, JuristInnen, VerlegerInnen und KünstlerInnen, werden erneut an der Seite von Pınar Selek stehen, in der Türkei, in Europa und in der Welt, und diese unsägliche gerichtliche Folter anfechten.“ Auch die bekannte afroamerikanische Aktivistin und Philosophin Angela Davis hat sich der Kampagne zur Unterstützung von Pınar Selek angeschlossen.

Das Solidaritätskomitee wendet sich „auch an die europäischen Abgeordneten: Es geht um die Verteidigung der akademischen Freiheit und des Rechts auf freie Meinungsäußerung – Grundrechte, ohne die keine Demokratie existieren kann.“ Eine Delegation „aus gewählten VolksvertreterInnen, AnwältInnen, AkademikerInnen und ForscherInnen, KünstlerInnen und AktivistInnen“ wird an dem Prozesstermin teilnehmen.

Der Text ist in der Community des freitag erschienen. (https://www.freitag.de/autoren/elisvoss/buchbesprechung-pinar-selek-die-unverschaemte-lebt-nun-im-exil)

Militarismus ist die Organisation von Gewalt

Das Buch »Die Unverschämte – Gespräch mit Pınar Selek« würdigt umfassend die Denkwege und den Aktivismus der türkisch-französischen Soziologin und Autorin.

»Ich dagegen wollte nicht wirklich eine Fee sein, aber ich wollte ein verzaubertes Leben führen. Und dies hat mein Leben bestimmt, meine Liebesbeziehungen, meine Freundschaften und mein politisches Engagement. Ich suche immer nach etwas Magischem.« Vielleicht liegt es an dieser Suche, von der Pınar Selek im Gespräch erzählt, als sie von ihrer Schwester und sich spricht, die sie am Leben hält und wegen der sie sich für eine andere Welt einsetzt. Aufgewachsen ist sie in Istanbul, ihr Vater war ein bekannter linker Anwalt, ihr Großvater ein Mitbegründer der kommunistischen Partei. Es scheint, als wäre ihr ein Leben als linke Intellektuelle in die Wiege gelegt. Dennoch ging Selek sehr ungewöhnliche Wege. Mit 15 schloss sie sich libertären Zirkeln an, später lernte sie das Leben von Straßenkindern kennen und lebte mit ihnen, sie studierte Soziologie, eher nebenbei, sie lebte und arbeitete mit transsexuellen Personen am Taksim-Platz, sie baute mit ihnen ein Kulturzentrum auf, inspiriert von der Hausbesetzerszene in Deutschland und Frankreich.

Forschungen die Augen öffnen

In ihrer Zeit am Taksim-Platz lernte sie auch Sexarbeiter*innen kennen, sie half bei deren Organisierung und sie stellte erste soziologische Forschungen an. Abends ging sie in ein Bordell und beobachtete versteckt vom Nebenraum aus, durch einen Spiegel die ankommenden Kunden: »Ich empfand es als Ohrfeige. Durch diesen Spiegel haben sie mir zu einer Einsicht verholfen, mir ein anderes Gesicht der Gesellschaft gezeigt. Ich war immer noch jung, gerade 25 Jahre alt. Ich konnte die Art nicht ausstehen, wie diese Männer sexuelle Dienstleistungen von diesen Mädchen erhielten, und auch nicht die widerwärtige Art, mit der sie sie behandelten. Ich sah mehrere Männer, die eine bedeutende Rolle in den sozialen Kämpfen spielten, und fragte mich, warum ich meine Zeit mit solch einer Forschung verschwendete. Es gab etwas Verabscheuungswürdiges bei all diesen Männern.« (Seite 71) 

In ihrer darauffolgenden Arbeit beschäftigte sie sich mit den Aktivist*innen und Kämpfer*innen der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans). Diese sollte ihr schließlich zum Verhängnis werden. Der türkische Staat versuchte, für seinen militärischen und polizeilichen Kampf gegen die kurdische Bewegung Namen und Adressen ihrer Interviewpartner*innen aus ihr herauszupressen. Pınar Selek weigerte sich. Anschließend geriet sie unter Terrorverdacht und in die türkische Repressionsmaschine. Bei einem tragischen Unfall durch eine defekte Gasflasche, die an einem Gemüsemarkt in Istanbul explodierte, starben mehrere Menschen. Dieses Unglück wurde zu einem Sprengstoffanschlag umgedichtet. Selek landete als Haupttäterin vor Gericht. Es folgten Haft, Folter und Isolation.

Gegen alle Herrschaftssysteme

Im Gefängnis beschäftigte sich Selek intensiv mit der Friedens- und antimilitaristischen Bewegung in der Türkei und schrieb darüber. Ihre Kritik richtet sich nicht nur gegen Militarismus und Nationalismus, sondern auch gegen den Pazifismus der traditionellen kommunistischen Bewegungen in der Türkei, die eine Kritik an diesen reaktionären Ausformungen stets aussparten. Dieses Buch wird später Abdullah Öcalan, der unumstrittenen Führerfigur der PKK, in die Hände fallen und zu einem wichtigen Impulsgeber für die Neuausrichtung der PKK werden. 

Am 22. Dezember 2000 wurde Pınar Selek freigesprochen und auf Kaution freigelassen. Ihre politischen Aktivitäten setzte sie anschließend unmittelbar fort. Sie gründete die heute noch existierende feministische, antimilitaristische und antinationale Organisation »Amargi« mit. Der Name stammt aus der sumerischen Sprache und bedeutet so viel wie »Freiheit«. Das verbindende Element innerhalb der Gruppe ist das Wissen darüber, dass »gegen das Patriarchat zu kämpfen bedeutet, gegen alle Herrschaftssysteme zu kämpfen«. (Seite 115) In den Gesprächen erzählt Selek, wie wichtig es für sie war, die Differenzen und intersektionalen Mechanismen in Bezug auf Frauen* mitzubedenken. 

Die Schriften von bell hooks schärften ihren Blick dafür und durch sie verstand sie, dass »die feministische Bewegung die Herrschaftsverhältnisse nicht hierarchisieren darf, um Priorisierungen zu schaffen.« (Seite 116) In diese Lebensphase fiel auch ihre Beschäftigung mit Murray Bookchin und seiner Vorstellung von »organischen Gemeinschaften«. »In der Türkei hatten meine Freund*innen und ich seit Langem verstanden, dass wir das System nicht ohne eine andere Lebensweise verändern konnten. Die Frage, ›Wie lebe ich?‹, ist mir seit Langem sehr wichtig.« (Seite 127) Daher fällte sie für sich auch die Entscheidung, keine Kinder in die Welt zu setzen und stattdessen mit Genoss*innen ein familiäres Leben zu führen.

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Der Gang ins Exil

Doch der türkische Staat wollte den Freispruch nicht akzeptieren und setzte alles daran, ihn zu revidieren. Man holte im Fall Pınar Selek zu einem weiteren Schlag aus und wurde wieder gerichtlich aktiv. Eine neuerliche Verurteilung drohte. Da das Kammergericht sie für den nächsten Prozesstermin präventiv inhaftieren wollte, floh sie am 7. April 2009 mit einem Koffer und ein paar Fotos nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt war sie 38 Jahre alt. Wenig später ging sie nach Frankreich. In dem Buch spricht sie darüber, wie sie im Exil ihre Orientierung verlor, obwohl sie als Jugendliche die französische Sprache gelernt hatte. »Die Sprache reicht nicht aus, um eine Orientierung zu finden. Eine Orientierung beinhaltet alle Beziehungen, die Beherrschung des Raumes und des Kontextes, der einen umgibt.« (Seite 156) 

In Frankreich erhielt sie schließlich recht bald die Staatsbürger*innenschaft, sie schrieb ihre Dissertation und fand mit Nizza einen Ort, wo sie sich eine Existenz aufbauen konnte, indem sie eine Anstellung an der dortigen Universität erhielt. Auch hier versuchte sie sich ihre Freiräume zu schaffen, weil auch die Institution Universität ihre Verwerfungen hat. »Darin liegt der Zwang des Kapitalismus: Er zwingt nicht zum Gleichschritt wie in der diktatorischen oder militärischen Ordnung, aber er existiert als eine unsichtbare Ordnung, eine verinnerlichte Disziplin, die sich der ganzen Welt aufzwingt. Das Bildungssystem und die Universität lehren nicht, gegen das kapitalistische System zu kämpfen, sondern sie lehren das Rennen, um individuell am besten aus diesem schlimmen Wettkampf hervorzugehen.«

Gegen Gewalt und Militär

Aktuell ist immer noch ein Gerichtsverfahren gegen Pınar Selek anhängig. Obwohl der Prozess von internationalen Beobachter*innen, beispielsweise der Schriftsteller*innenvereinigung PEN Club in Deutschland, als Farce bezeichnet wurde, wird er fortgeführt. Nach jedem Freispruch folgen Aufhebungen und neuerliche Anklagen usw. Selek wird vom türkischen Staat bis heute gerichtlich bedroht. Ihr droht lebenslange Haft. Warum ist diese Frau für einen autoritären Staat wie die Türkei (in der Politikwissenschaft spricht man seit dessen Umbau in ein Präsidialsystem im Jahr 2018 von einem elektoralen Autoritarismus) so gefährlich?

Selek ist eine Aktivistin, die sich lautstark für feministische und LGBTQ+ Anliegen einsetzt und sie kritisiert Patriarchat, Nation sowie Militär bzw. den Militärdienst: »Antimilitarismus heißt meiner Meinung nach, nicht nur gegen eine Armee zu sein, sondern auch gegen jede Hierarchie, jede Legitimation und Organisation von Gewalt und Macht. Alles hängt zusammen. Militarismus ist die Organisation von Gewalt.« (Seite 133) Doch ihre Kritik dabei ist umfassend und spart auch linke bzw. autoritär kommunistische Gruppierungen nicht aus.

Das in der Haft geschriebene Buch ist 2004 in der Türkei unter dem Titel »Barisamadik« (»Wir haben keinen Frieden geschlossen«) erschienen und hat Abdullah Öcalan so beeinflusst, dass er sie anschließend bat, »der kurdischen Bewegung zu helfen, sie zum Aufbau des Friedens hin zu orientieren«. (Seite 135) Selek unterstützt diese, übt aber weiterhin Kritik an der PKK. »Meines Erachtens ist die PKK eine sehr hierarchische und patriarchale Organisation, die weder libertär noch feministisch ist. […] Ich kenne keine anarchistische Transformation, die sich auf eine Armee stützt. Wenn man damit beginnt, Waffen zu benutzen, muss man sich eine Struktur wie bei einer Armee geben.« (Seite 137)

Über das Gespräch und das Buch

»Die Unverschämte« wurde von Lou Marin aus dem Französischen übersetzt und erschien im Verlag Graswurzelrevolution, der für seine Bücher mit Schwerpunkt Gewaltfreiheit und Anarchismus bekannt ist. Das Original wurde von Guillaume Gamblin geschrieben, einem Freund und Genossen von Pınar Selek. Es ging aus fünf oder sechs Interviews hervor, die zunächst in der französischen Zeitschrift »Silence« veröffentlicht wurden. Der Autor äußert sich zu den Gesprächen folgendermaßen: »Wenn ich mit Pınar über ihren persönlichen Werdegang diskutiere, überrascht mich bei ihren Antworten immer wieder, dass sie erst ausführlich über den sozialen und politischen Kontext der Türkei zu erzählen beginnt, über die Protestgeschichte in ihrem Land, bevor sie dann auf ihre persönliche Geschichte zurückkommt. Pınar spricht zuerst über die Welt, in der sie aufgewachsen ist.« (Seite 9) 

Dem ist zuzustimmen. In den Schilderungen von ihrem Leben und Erleben öffnen sich stückweise Teile einer Welt, die Leser*innen in Mitteleuropa vielleicht weniger bekannt sind. Und es tritt eine Person hervor, die ungewöhnlich, vielleicht sogar wirklich unverschämt ist. Hinzu kommt, Seleks politische Ansichten sind radikal und weitsichtig. Diese Mischung macht das Buch zu einem lesenswerten Abenteuer und Impulsgeber.

aus: skug.at

»Ich will eine andere Welt«

Die türkische Soziologin und Schriftstellerin Pinar Selek in Selbstzeugnissen

  • Stefan Berkholz

Das muss frau überleben! 25 Jahre von einer politischen Justiz der Türkei verfolgt zu werden, aus ihrer Heimat ins Exil getrieben, dort seit mittlerweile 15 Jahren im Wartestand zu verharren, nicht in Frieden gelassen zu werden – und trotzdem heiter, kämpferisch, tapfer zu bleiben. Eine radikale, revolutionäre Frau ist diese Pinar Selek, »die Unverschämte«, wie der armenische Journalist Hrant Dink sie einst nannte, ehe er 2007 von aufgeputschten Nationalisten in der Türkei ermordet wurde.

Pinar Selek, 1971 in Istanbul geboren, wuchs sehr privilegiert auf, wohlhabend, gebildet – und politisch links orientiert. Die Mutter: als Apothekerin eine Wohltäterin; der Vater: politischer Anwalt; der Großvater: ein Pionier der revolutionären Linken, Mitbegründer der Arbeiterpartei der Türkei (TIP), Abgeordneter der Nationalversammlung. Ein Elternhaus voller Liebe und voller Bücher, ein künstlerisches, literarisches, intellektuelles Milieu. Alles ist bereitet für ein Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand.

Über die Schriften von Karl Marx, Eugène Ionesco und Hannah Arendt begibt sich die Tochter ins Reich von Träumen und Visionen. »Ich wollte ein magisches Leben führen, wie in einem Märchen«, erinnert sie sich im Gespräch mit Guillaume Gamblin. »All diese Einflüsse vermischten sich in meinem Inneren: die Straßenkinder, die Weigerung, mich an der Barbarei zu beteiligen; das Bewusstsein von der Banalität des Bösen, aber auch davon, dass politische Wunder möglich sind; das Interesse an der Soziologie; die Lust zu schreiben und ein magisches Leben zu führen.«

Doch die Türkei ist kein demokratisches Land. Als das Militär 1980 putscht, ist Pinar Selek neun Jahre alt. Ihr Vater verschwindet für viereinhalb Jahre im Gefängnis, die Familie lebt in Angst und Schrecken. 1992 beginnt Selek ihr Soziologiestudium in Ankara, setzt es zwei Jahre später in Istanbul fort. Sie forscht zur Kurdenfrage – das wird ihr zum Verhängnis. Im Juli 1998 wird sie inhaftiert, landet im Gefängnis. Nichts Außergewöhnliches, denkt sie anfangs, »es ist in meinem Land zur Normalität geworden, eine Zeit lang im Gefängnis zu verbringen«. Sie soll die Namen ihrer kurdischen Gesprächspartner preisgeben. Sie wird verhört, eingeschüchtert, drangsaliert, gefoltert. »Ich war nackt«, sagt sie, »und so hat die Folter angefangen«.

Wozu menschliche Folterknechte fähig sind, erfahren wir aus diesen Erinnerungen in aller Drastik. An der Wand aufgehängt, »mit nach unten gefesselten Händen auf meinem Rücken. Alles krachte und zerbrach. Meine Wirbelsäule brach.« Bis heute plagen sie Gesundheitsprobleme, der Rücken, die Psyche, posttraumatische Ängste.

Die Folterknechte geben keine Ruhe. Weil sie nicht spricht, weil sie niemand verrät, greifen sie zum Mittel der Verleumdung. Einen Monat nach ihrer Verhaftung wird die falsche Anschuldigung in die Welt gesetzt, sie habe ein Attentat auf dem Gewürzmarkt von Istanbul begangen. Seitdem ist sie vogelfrei. Seit 25 Jahren ist sie der Willkür einer politischen Justiz in ihrer Heimat Türkei ausgesetzt. Ende Dezember 2000 kommt sie nach zweieinhalb Jahren aus dem Gefängnis frei, gegen Kaution. Seitdem folgt eine juristische Farce auf die nächste. Jeder Freispruch wird einkassiert, neue Anschuldigungen werden erhoben. Am 7. April 2009 flieht Selek aus ihrer Heimat, sie ist 38 Jahre alt. Ihr Exil beginnt. Heute lebt sie in Frankreich, vor den Nachstellungen türkischer Geheimdienste (noch) weitgehend sicher, seit September 2017 ist sie französische Staatsbürgerin.

Im März 2018 verfasst Pinar Selek einen öffentlichen Brief, in dem sie ihr Schicksal zusammenfasst. »Wenn der Oberste Gerichtshof meinen fünften Freispruch nicht bestätigt, dann gilt für mich die lebenslange Haft. Es wäre eine Verurteilung für ein Verbrechen, das es nicht gegeben hat, plus die Verurteilung zu einer Strafzahlung für die Schäden einer Explosion auf dem Istanbuler Gewürzmarkt. Meine neun Bücher, die in der Türkei noch immer regelmäßig wieder aufgelegt werden, und alles, was ich bis zum Alter von 38 Jahren publiziert habe, würde konfisziert werden. Noch wichtiger: Meine Familie wäre in Gefahr.« Sie beendet ihren Brief mit den Worten: »Ihr habt mein Leben gestohlen. Aber ich bin das Leben.«

Sie gibt nicht bei. Unermüdlich veröffentlicht sie weiter: Romane, Märchen, Gedichte, Erinnerungen. Wenig davon ist bisher auf Deutsch zu bekommen: »Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt« (2010), ihr Report über die Zerstörungskraft des Militärs; der Roman »Halbierte Hoffnungen« (2011); der Essay »Weil sie Armenier sind« (2015, neu aufgelegt 2023).

Sie promoviert 2014 in Politischer Wissenschaft und ist als Gastprofessorin tätig. »Das Exil bedeutet, mit Krücken voranzugehen, die ganze Zeit«, bekennt sie im Gesprächsband. »Heutzutage bewege ich mich besser, die Krücken sind nicht mehr nötig, ich habe einen Gehstock. Nizza ist eine Stadt an der Grenze und ich fühle mich gut zwischen den Grenzen.« In die Rolle eines Opfers will sie sich nicht drängen lassen, dafür ist sie zu klug, zu weitsichtig, zu kämpferisch. Es geht ihr um die Gesellschaftsverhältnisse – die Abhängigkeiten und Machtstrukturen will sie analysieren und durchdringen, daraus dann Strategien für eine Überwindung entwickeln.

»Wenn ich in der Stadt bin und mich umsehe, habe ich den Eindruck, dass alle Leute rennen, als wenn es ihnen befohlen worden wäre. Darin liegt der Zwang des Kapitalismus: Er zwingt nicht zum Gleichschritt wie in der diktatorischen oder militärischen Ordnung, aber er existiert als eine unsichtbare Ordnung, eine verinnerlichte Disziplin, die sich der ganzen Welt aufzwingt. Das Bildungssystem und die Universität lehren nicht, gegen das kapitalistische System zu kämpfen, sondern sie lehren das Rennen, um individuell am besten aus diesem schlimmen Wettkampf hervorzugehen.«

Der Verlag nennt Pinar Selek eine Soziologin, Schriftstellerin, antimilitaristische Aktivistin, Feministin und Anarchistin. Sie selbst sagt: »Ich bin antimilitaristisch, antirassistisch, antinationalistisch, ökologisch, antikapitalistisch, antiheterosexistisch … Wenn ich das alles vor meinen Feminismus stelle, wird das ein endloser Satz.« Der biografisch verfasste Gesprächsband wird ergänzt durch Zitate aus ihren Büchern und Aufsätzen. Ein verfolgtes, ein rebellisches, ein revolutionäres Leben bekommt Konturen. Der fesselnde Bericht von Pinar Selek, 2019 in Frankreich erstveröffentlicht ist nun ins Deutsche übertragen. Leider wimmelt es von Druckfehlern. Und das Inhaltsverzeichnis misslang, weshalb der Verlag nachträglich ein Korrekturverzeichnis an den Buchhandel schicken musste.

Die nächste Gerichtsverhandlung in der Türkei ist für Ende Juni angesetzt. Dann ist Pinar Selek 52 Jahre alt. »Was mich am Leben hält, das sind meine Überzeugung, meine Freiheitsliebe und meine Liebe zum Leben«, gibt sie sich selbstsicher. Und beinahe trotzig fügt sie hinzu: »Gleichzeitig bedaure ich nichts. Ich wollte kein anderes Leben für mich, ich will eine andere Welt! Diese Welt ist nicht normal. Der Wille, die Freiheit auf dieser Welt zu verwirklichen, setzt uns großem Leid aus. Vielleicht ist das eine Sünde, aber wenn ich es noch einmal machen müsste, würde ich genauso wieder sündigen.«

Link zum Originaltext: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1180825.leipziger-buchmesse-ich-will-eine-andere-welt.html

Biopic einer Widerständigen

Pınar Selek im Gespräch: Die antimilitaristische Feministin über Repression des türkischen Staats und den Kampf dagegen
Von Gitta Düperthal
Zunächst hätte man meinen können, es erwarte die Leserin eine Art Heldinnenepos. Was sicherlich der großen Zuneigung zuzuschreiben ist, die Verfasser Guillaume Gamblin für die Protagonistin seines Buchs empfindet. Pınar Selek ermutige alle, die in sozialen Kämpfen aktiv seien, »durch ihren Wagemut, ihren unbeugsamen Willen, die Ungerechtigkeit, die Gewalt und alle Formen der Herrschaft zu bekämpfen«, heißt es in seiner Einleitung. Im Verlauf der Lektüre des essayistischen Werks, das Resultat intensiver Gespräche mit Selek ist, zeigt sich auch: Durch die Nähe des Autors zu ihr wird der kämpferische und zugleich verletzliche Charakter der 1971 in Istanbul geborenen antimilitaristischen und feministischen Widerstandskämpferin und Wissenschaftlerin aus der Türkei deutlich spürbar.Die aktuell seit mehr als 25 Jahren durch die Justiz des türkischen Staats verfolgte Selek inspiriert zudem mit ihrer ganz eigenen Philosophie: wie sie die Menschen ihres Umfeldes ohne Vorurteile betrachtet, allen auf Augenhöhe und mit weitgehendem Solidaritätsgedanken begegnet. Dies führt zur Erkenntnis, wie wichtig es ist, auch füreinander zu sorgen. Von Gamblin unaufdringlich moderiert, zieht die Soziologin mit Schilderungen ihrer Kämpfe in Istanbul an der Seite von Straßenkindern, Prostituierten, Kurdinnen und Armeniern in den Bann. Zu erfahren ist: Ihr außergewöhnlich stimmiges Theorie-Praxis-Verhältnis geht so weit, dass sie mit den Kindern auf der Straße nächtigt und ihnen Geschichten vorliest. Ob als Jugendliche oder später als Wissenschaftlerin: Sie sieht es als Aufgabe, in politisch aktivistischen Gruppen Widerstand zu organisieren. Wir erfahren von ihrer Lenin-Lektüre mit 15 Jahren, von studentischen Demos und Treffs der revolutionären Jugend in einer Zeit, als noch die bleierne Atmosphäre des Militärputsches von 1980 auf der türkischen Gesellschaft lastet. Gamblin ordnet mitunter detailverliebt in die Zeitgeschichte ein: Leserinnen und Leser werden mit fesselnden Episoden mitten ins Geschehen hineingezogen.Dieser historisch und politisch hintergründige Lesestoff zur Entwicklung Seleks führt vor Augen, wie eine fundierte libertäre Geisteshaltung durch ein Beziehungsgeflecht zu gleichermaßen davon geprägten Persönlichkeiten der jüngeren Vergangenheit entsteht. Kostprobe ihrer klaren antimilitaristischen Haltung: »Wenn man beginnt, Waffen zu benutzen, muss man sich in eine Struktur wie bei einer Armee begeben.« Sie kenne »keine anarchistische Transformation«, die sich hierauf stütze.

Seleks Buch »Barışamadık« (Wir konnten uns nicht versöhnen) las der Repräsentant und Mitbegründer der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), Abdullah Öcalan, 2004 in der Haft und bat sie, der kurdischen Bewegung Orientierung zum Aufbau des Friedens zu geben. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet dieser überzeugten Pazifistin begegnete der türkische Staat mit der frei erfundenen Anschuldigung, angeblich Anstifterin eines terroristischen Attentats auf einem Istanbuler Gewürzmarkt gewesen zu sein. Wie vielen Oppositionellen wurde auch ihr die »Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung« der PKK unterstellt. Ihr Weg kreuzte sich auch mit dem des 2007 ermordeten armenischen Menschenrechtlers und Chefredakteurs der armenisch-türkischen Wochenzeitung Agos, Hrant Dink. Er nannte sie voller Respekt und liebevoll frotzelnd »die Unverschämte« – siehe Buchtitel. Ausgeblendet bleiben nicht ihre dunklen Phasen: Folter im türkischen Knast, spätere Einsamkeit und Unsicherheit im Exil in Frankreich.

Brisante Aktualität: Am 29. September 2023 fand in Istanbul eine Anhörung vor dem Höchsten Gerichtshof statt. Selek war nicht anwesend, der Prozess wurde auf den 28. Juni vertagt. Das Gericht beantragte erneut ihre Auslieferung. »Feministinnen, Antimilitaristen und Anarchistinnen arbeiten derzeit an einer internationalen Kampagne, um die Öffentlichkeit zu informieren und eine internationale Delegation zum Prozess hin zu organisieren«, so Lou Marin, Übersetzer des Buchs, gegenüber jW. Ziel sei auch, den Blick auf das politische Unrecht der türkischen Justiz und des Erdoğan-Regimes zu lenken. Das Buch könnte einen Beitrag leisten, eine Solidaritätswelle für die politisch verfolgte Aktivistin und Wissenschaftlerin auszulösen.

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