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241 september 1999
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stern / zerbrochenes gewehr
antisexismus
>> 241 september 1999

Nehmen wir einmal an...

Probleme bürgerlicher Zweisamkeit und deren Überwindung

Das Glück des Weibes ist die Liebe
- aber das Glück der Liebe ist die Freiheit!

Louise Aston, Revolutionärin und "Emance" (1814-1871)

Nehmen wir einmal an, ich habe eine Liebesbeziehung mit Astrid. Vielleicht seit so ein bis zwei Jahren. Wir wohnen nicht zusammen, weil jede ihren Freiraum und die Rückzugsmöglichkeit schätzt und glaubt, daß das der Beziehung besser tut als zusammenzuwohnen. Jede hat ihren eigenen Freundinnenkreis und wir kletten nur selten symbiotisch aneinander, weil wir glauben, daß selbständige Persönlichkeiten beziehungsfähiger sind.

Nehmen wir zusätzlich an, daß unser beider Freiheitsdrang so ausgeprägt ist, daß wir vielleicht sogar eine "offene" Beziehung vereinbart haben. Allerdings sind wir noch nicht so lange zusammen, daß sich ein ernsthafter Testfall ergeben hätte. Sex haben wir also bislang nur miteinander gehabt; die Beziehung ist eher theoretisch offen als praktisch.

Nehmen wir des weiteren an, daß wir beide ziemlich zufrieden sind mit diesem Arrangement und im großen und ganzen unsere wichtigsten Bedürfnisse in dieser Beziehung erfüllt werden. Wir können uns lieben, wir können uns streiten, wir können uns wiedervertöchtern. Wir können uns einig und uneinig sein, uns zusammen oder getrennt engagieren, sogar zusammen an Projekten arbeiten. Gemeinsame Wege gehen, eigene Wege gehen, in wohltuender Balance.

Alles entwickelt sich sehr vielversprechend bis zum Tag X, an dem der Testfall eintritt. Ich beginne eine Liebesbeziehung mit Birgit. Diesmal nicht nur theoretisch, sondern durch und durch praktisch. Was wird wohl passieren?

Ja, genau! Astrid flippt aus. Aber warum?

"Ist doch logisch," wirst du sagen, "du hast sie betrogen." - "Nein," antworte ich, "habe ich nicht. Ich habe mich genau an unsere Vereinbarung gehalten. Also habe ich sie weder angelogen noch ihr etwas vorgemacht, sondern bin der Basis unserer Beziehung treu geblieben."

"Naja, dann halt nicht betrogen," wirst du einwerfen, "aber sie ist eben eifersüchtig. Ist doch logisch!" - "Wieso?" - "Na, sie dachte halt erst, daß sie das kann, mit offener Beziehung und so, und hat dann gemerkt, daß sie das doch nicht packt. Ist doch verständlich! Ist doch ganz normal!" - So, findest du? Ich verstehs nicht. Und überhaupt, was ist das für eine sonderbare Normalität?"

"Und außerdem," setzt du noch eins drauf, "du hast ja leicht reden! Was hättest duu denn gemacht, wenn Astrid ein Techtelmechtel angefangen hätte, hm?!"

"Mich für sie gefreut."

"Glaube ich nicht!"

Was sind das für eigenartige Spielregeln, nach denen Beziehung, nach denen Eifersucht funktioniert, und denen sich so viele so widerstandslos unterordnen?

Die Treue als Liebesbeweis

Sexualität als das intimste Näheerlebnis zwischen zwei Frauen (bzw. Menschen) soll noch aufgewertet werden durch den Status des Besonderen und der Einzigartigkeit.

Mit keiner anderen sollst du dieses schöne Erlebnis teilen, so lautet Gebot Nr. 1. Liebe ist nur echte und wahre Liebe, wenn sie exklusiv ist - wenigstens in ihrem körperlichen Ausdruck (platonische Freundinnen sind erlaubt!). Aber warum?

Hat es Liebe nötig, aufgewertet zu werden? Kann sie nicht für sich selbst stehen, genauso wie die Schönheit erotischer Zweisamkeit? Warum soll sie erst durch diese Exklusivität zur echten Liebe werden? Welch ein Mißtrauen gegenüber einem unserer grundlegendsten Gefühle, dieser elementaren Sehnsucht und Antriebskraft!

Außerdem hat die Exklusivität ihren Preis. Sie kann nur unter Aufgabe eines Teils meiner Selbst gelebt werden. Ich muß mir erotische Gefühle zu anderen Frauen verkneifen, oder zumindest deren Ausdruck. Ich muß mich selbst beschneiden, zensieren, unterdrücken. Außer ich habe keine erotischen Gefühle zu anderen - in dem Fall kommt die "Treue" ganz natürlich wie von selbst und ist völlig in Ordnung. Aber das ist meist nur ein vorübergehender Zustand. Um meine Liebe (zu einer) zu leben, soll ich meine Liebe (zu anderen) verdrängen, verhindern, abwürgen, einschränken, kanalisieren, sublimieren... müssen? Meine Liebesfähigkeit beschneiden, um sie leben zu können? Was für eine Unlogik!

Es ist wie auf dem Warenmarkt: für Exklusivität zahle ich einen hohen Preis. Erst dieser Preis macht Liebe wertvoll ?!?

Mit Treue hinter Schloß und Riegel

Gebot Nr. 2 heißt: mit keiner anderen sollst du diese intime Zweisamkeit erleben, außer mit mir; die gehört mir allein! Besitzanspruch. Ein Teil von mir beschlagnahmt. Verhaltensvorschrift: tu das mit keiner anderen!

Wie käme ich dazu, einem anderen Menschen eine solche Einmischung in mein Leben zu gestatten? Ist es nicht eigenartig: würde ich im trauten Freundinnenkreis erzählen, "meine Liebste versucht mir vorzuschreiben, welche Arbeit ich tun, was ich anziehen, was ich essen... soll," so würden alle entsetzt aufschreien ob dieser unverschämten Einmischung in mein Leben, in meine Selbstverantwortlichkeit und Privatsphäre. Würde ich hingegen erzählen "Meine Liebste will nicht, daß ich mit einer anderen Frau schlafe," so fänden das die meisten wohl völlig in Ordnung. Verrückte Welt!

Es ist wie auf dem Warenmarkt: Menschen sind Dinge, die besessen werden können. Nicht eigenständige Subjekte mit Menschenwürde, die Achtung verdienen.

Treue als Sicherheitsluftschloß

Sexuelle Exklusivität und gegenseitiger Besitzanspruch sollen Sicherheit gewährleisten. Wenn du mir gehörst, bleibst du bei mir, bist du mir sicher, läufst du zu keiner anderen davon. Wenn unsere Liebe exklusiv ist, dann ist sie so besonders, daß keine von uns sie leichtfertig aufgeben wird. Je höher der Preis, umso sicherer - Grundregel Nr. 3! Egal, ob wir uns irgendwann anöden oder auf die Nerven gehen, egal ob wir uns denn noch gut tun - das ist nicht die Frage. Was zählt, ist einzig die Dauer der Beziehung: die Quantität, nicht die Qualität. Und wenn uns der lesbische Bettentod erwischt, so heißt es eben leiden, leiden, leiden, wenn ich die Sicherheit nicht verlieren will. Ob unsere Beziehung aberwitzigerweise zuletzt genau daran zerbricht, am Leiden der Sexlosigkeit, spielt keine Rolle. Hauptsache treu geblieben! Wenigstens dir, wenn schon nicht mir selbst.

Es ist wie auf dem Warenmarkt: wofür ich bezahlt habe, das gehört mir, das ist mir sicher, das kann mir niemand mehr wegnehmen. Egal wie hoch der Preis. Egal, ob das, was ich gekauft habe (die Katze im Sack?), überhaupt das ist, was ich will. Hauptsache HABEN.

Treue als Sieg über die Konkurrenz

Spielregel Nr. 4 ist besonders eigenartig: die Übertragung bestimmter Erlebnisse von einer auf eine ganz andere Beziehung, die damit nichts zu tun hat. Wenn ich mit Birgit schlafe, fühlt Astrid sich abgewertet. Meine Liebe kommt ihr besudelt vor. Sie macht wahlweise mich oder sich selbst herunter.

Hielte ich mit Birgit ein Festmahl, würde dann Astrid wohl empfinden, daß ich ihre Kochkünste mißachte? Ginge ich mit Birgit ins Kino, würde Astrid sich dann weigern, mit mir noch einmal im Leben fernzusehen? Könnte Birgit gut massieren, würde Astrid mir dann vorwerfen, ihre Zärtlichkeit nicht zu schätzen zu wissen? Höchstens im Endstadium krankhafter Eifersucht - aber üblicherweise doch eher nicht!

Warum wird beim Sex sofort verglichen, gewertet, übertragen, gewogen und hierarchisiert? Warum muß sofort Sex mit einer besser oder schlechter sein als mit einer anderen? Warum kann es nicht gleichwertig sein, unterschiedlich, unvergleichbar, ungewertet? So jedenfalls empfinde ich. Und was hat meine sexuelle Begegnung mit Birgit überhaupt mit Astrid zu tun? Eigentlich erstmal nichts.

Oh, natürlich kenne ich den Proteststurm der Ungläubigen, die an dieser Stelle rufen: Da machst du dir was vor! Das ist Flucht vor Nähe! Bestimmt willst du Astrid unbewußt etwas heimzahlen! Du agierst Probleme in eurer Beziehung auf der sexuellen Ebene aus! In Wirklichkeit bist du beziehungsunfähig! Und überhaupt: wie war deine Mutterbeziehung?

Seltsamerweise fragen sich diese Ungläubigen nie, welcher unterbewußte Masochismus sie zum klaglosen Erleiden einer sexlosen Langzeitbeziehung treibt; welche Vertrauens- und Liebesunfähigkeit sie eher auf ein verbales oder gar schriftlich besiegeltes Treueversprechen bauen läßt als auf lebendige Zuneigung zwischen zwei Frauen; welche Kontaktunfähigkeit sie dazu bringt, sich um jeden Preis an eine einzige Frau zu klammern; und wie überhaupt ihre Vaterbeziehung war.

Ja, es ist wahr, was Louise Aston schon vor über einem Jahrhundert schrieb: Wahre Liebe, eine Liebe in Würde, braucht Freiheit. Aber Liebe in Freiheit setzt einiges voraus: Vertrauen statt Besitz und Kontrolle. Selbstvertrauen statt Eifersucht. Solidarität statt Konkurrenz.

Jedoch, was haben wir gelernt? Wir Kinder einer Warengesellschaft, in der mit allem gehandelt wird, einschließlich menschlicher Gefühle. Wir Töchter eines Patriarchats, das unsere Selbstachtung untergräbt. Was haben wir gelernt?

Menschenhandel statt Zuneigung. Besitz statt Vertrauen. Ellenbogenkampf und Konkurrenz, jede für sich und alle gegen mich. So vergiftet der Kapitalismus unsere Liebe. Läßt du dir das gefallen?

Gita Tost
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