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Fleisch-Demokratie oder Sozialismus?
Über BSE, Vegetarismus und die industrialisierte Fleischproduktion
Es sei der GAU der industriellen Landwirtschaft. Zwei MinisterInnen
mussten das Kabinett Schröder verlassen. Nun ist von der
Wende in der Agrarpolitik die Rede. Seit Ende November letzten
Jahres die erste an BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) erkrankte
Kuh in der BRD offiziell vermeldet wurde, überschlagen sich
Medien und PolitikerInnen in Superlativen über das Agrar-Krisenmanagement.
Die hektische Geschäftigkeit hat den Zweck, das Nachdenken
über Gründe und Ursachen den selbsternannten ExpertInnen
und PolitikerInnen zu überlassen. Der grossspurig mit der
Atomenergie parallelisierte Ausstieg aus der industriellen Landwirtschaft
wird zur vergleichbaren Mogelpackung rot-grüner Reformpolitik.
Die Stellfläche pro Rind wird wohl etwas erhöht werden,
die Subventionen werden tendenziell von Massenproduktion auf ökologische
Standards, selbst angebaute Futtermittel und "artgerechte Haltung"
- was immer das heissen mag - umgeschichtet. Der Anteil der ökologisch
bewirtschafteten Landwirtschaftsfläche soll so in den kommenden
Jahren von jetzt 2,6 auf das österreichische Niveau von rund
10 Prozent erhöht werden. (1)
Dass sich damit grundsätzlich etwas an den gesellschaftlichen
Bedingungen ändert, die zu BSE führten, darf aus libertärer
Sicht stark bezweifelt werden. Und dass sich jede Agrarreform
nach den Gesetzen des kapitalistischen Marktes richten wird, beweist
schon das Festhalten der neuen Superverbraucherschutzministerin
Künast an dem Vorhaben der Bundesregierung, zur Preisstützung
mehr als 400.000 Rinder aufzukaufen, nur um sie dann zu verbrennen.
(2) Wo sie nicht marktgerecht
verwertet werden können, wo sie nicht als kapitalistisches
Lebensmittel dienen, haben Tiere als Lebewesen kein Existenzrecht.
Das ist der Imperativ der Fleisch-Demokratie. Wahrer VerbraucherInnenschutz
führt aber nicht zu auch in der Krise noch konstruierten
Bedürfnissen der VerbraucherInnen - Bio-Fleischer haben Hochkonjunktur
und kommen mit den Aufträgen kaum nach -, er kann nur zu
wirksamem Tierschutz führen.
Das Polit-Management in der BSE-Krise
BSE gibt es nicht erst seit gestern. Seit vielen Jahren ist bekannt,
dass BSE durch Nahrungsmittelübertragung beim Menschen zu
einer neuen Form der Creutzfeld-Jakob-Krankheit (CJK) führt.
In Grossbritannien sind mehr als 180.000 Fälle verseuchter
Rinder bekannt. Schätzungen zufolge waren allein dort 750.000
verseuchte Rinder unerkannt im Handel. Zur Zeit sind dort 88 Menschen
an BSE-verursachter CJK erkrankt, höchstwahrscheinlich werden
mehr als 200.000 Menschen allein in Britannien daran sterben.
Auf dem Höhepunkt der britischen BSE-Krise wurden 14.000
Rinder in die BRD exportiert, zwischen 1987 und 1989 wurden 1200
Tonnen verseuchtes Tiermehl aus England eingeführt, jährlich
bis zu 17000 Tonnen kamen aus anderen Ländern, in denen es
bereits BSE-Fälle gab. Diese Fakten sind heute in jeder billigen
Illustrierten nachzulesen. (3)
Und was machten die deutsche Agrarlobby und mit ihnen die PolitikerInnen
im Grunde die ganzen letzten fünf Jahre hindurch? In nationalistischer
und schlimmer antibritischer Selbstherrlichkeit erklärten
sie die BRD ohne flächendeckende Kontrollen für BSE-frei.
Eine Werbekampagne der Fleischindustrie ließ Aufkleber mit
"Deutsches Rindfleisch" über die Theken kleben wie ein Gütesiegel
und deutsche PolitikerInnen gingen gegen EU-Richtlinien vor, Gehirn
und Rückenmark von Rindern gar nicht erst in den Handel kommen
zu lassen - deutsches Rinderhirn und - mark sei nicht betroffen.
Angesichts dieser arroganten Hirnlosigkeit - im wahrsten Sinne
des Wortes - kann man/frau die internationale Schadenfreude über
die weltweite Inkriminierung deutscher Wurst, die kürzlich
die inländische Fleischindustrie heimsuchte, nur teilen.
Und selbst als das erste deutsche BSE-Rind in Norddeutschland
nachgewiesen wurde, entblödete sich Stoiber nicht, als allererstes
Bayern für BSE-frei zu erklären. Diese Anfälle
von rein menschlichem Wahnsinn bei der Fleischindustrie und bei
PolitikerInnen haben das Vertrauen der Menschen zunächst
einmal tief zerstört: sie glauben nichts mehr - und das ist
gut so.
Die industrialisierte Fleischproduktion
Etikettenschwindel bei Fleischprodukten, mangelnde Kontrollen,
ungenaue Deklarationen beim Tierfutter, Schiebereien von infizierten
Produkten und Rindern, neue Ekelbegriffe wie "Separatorenfleisch"
- was jetzt an die Öffentlichkeit kommt, ist nur die Spitze
des Eisbergs. Die industrialisierte Fleischproduktion, ja Landwirtschaft,
so heißt es, sei an einem Wendepunkt angelangt: es werde
immer schneller, unter immer größerer Vernachlässigung
von Qualitätskriterien produziert, um die Produkte immer
billiger zu machen - das sei nicht mehr haltbar. Die politische
Lösung wird auch gleich mitgeliefert: wer mehr Qualität
will, muss auch mehr zahlen - dabei beweist jede Food-Coop, jede
direkte ErzeugerInnen-VerbraucherInnengemeinschaft, die die Grossvermarktungsbürokratie
der Agrarindustrie umgeht, seit zwei Jahrzehnten das Gegenteil,
aber das sei nur nebenbei vermerkt.
Ist es wirklich ein Wendepunkt? Und die BSE-Krise damit eine
Fehlentwicklung, die eben durch eine andere Agrarpolitik gelöst
und von den VerbraucherInnen bezahlt werden kann?
Oder geht es hier nicht vielmehr um ein grundlegendes Prinzip
kapitalistischen Wirtschaftens?
"Wer gegen konkurrierende Anbieter sich durchsetzen will, muß
den Imperativen gehorchen, die maximalen Gewinn durch Senkung
der Kosten (und sei es durch Hormonzusatz zum Futter), Erhöhung
der Stückzahl (ob Autos, Kälber oder Maschinengewehre)
und Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit (die zur Herstellung
einer Ware erforderlich ist, eben der Aufzuchtzeiten für
Kälber etwa) erzielen." (4)
Das stand übrigens in einer Analyse eines der letzten Skandale
der Fleisch-Demokratie 1988 in der GWR: dem Kälberskandal.
Auch damals wurden hormonverseuchte Rinder massenhaft notgeschlachtet.
Auch damals wurde eine Kehrtwende in der Agrarpolitik versprochen.
In der GWR wurde kommentiert: "Es ist denkbar, daß über
veränderte Gesetze, Verordnungen, höhere Preise für
nicht-industrielle Produkte die Richtung verändert wird.
(...) Aber was ändert das?" (5)
Nichts, wie wir heute wissen. Der Kälberskandal wurde gerade
wegen der damaligen politischen Geschäftigkeit - wie so mancher
weitere Lebensmittelskandal - ausgesessen. Es spricht nichts dafür,
dass das heute anders werden sollte.
Das billige Fleisch, die totale Verwertung des Lebewesens Tier,
steht eben nicht am Ende der industrialisierten Landwirtschaft,
sondern genauso am Anfang, ja es ist seine Grundlage. Niemand
hat das literarisch besser beschrieben als der US-amerikanische
Sozialist und große sozialkritische Romancier Upton Sinclair
in seinem wichtigsten und gleichzeitig weltweit erfolgreichsten
Buch Der Dschungel, in welchem er mit der industrialisierten
Fleischproduktion im damaligen Zentrum kapitalistischer Industrialisierung
in den USA, Chicago, abrechnete, und zwar den haarsträubenden
Bedingungen für ArbeiterInnen sowohl wie für die Tiere.
Da erzählt z.B. ein Fleischkonservenarbeiter von seiner Arbeit:
"Bei Durham (ein US-Fleischtrust um 1900, Red.) seien die reinsten
Alchimisten am Werk; man (...) preise ein 'Hühnerragout'
an - und das sei wie die aus den Witzblättern her bekannte
Hühnersuppe im Wirtshaus, durch die ein Huhn in Gummigaloschen
hindurchgelaufen war. Wer weiß, vielleicht habe man ein
Geheimverfahren, Hühner chemisch herzustellen; was in das
Ragout hineinkommt, sei jedenfalls nichts anderes als Kaldaunen,
Schweinefett, Unschlitt, Rinderherzen und schließlich
noch, wenn gerade angefallen, Kalbfleischreste. Diese Mixtur
werde in verschiedenen Qualitäts- und Preisklassen angeboten,
der Inhalt aller Büchsen aber komme aus ein und demselben
Pott. Es gebe auch noch 'Wildragout' und 'Wachtelragout', ja
sogar 'Schinkenragout', außerdem eine 'Schinkenpaste'
- von den Arbeitern 'Stinkepaste' genannt. Die bestehe aus Abfällen
von geräuchertem Rindfleisch, die zu klein sind, um von
den Maschinen noch aufgeschnitten werden zu können, aus
Gekröse, das chemisch gefärbt ist, damit es nicht
weiß durchschimmert, aus Resten von Schinken und Corned
Beef, aus Kartoffeln, mit Schale und allem, und schließlich
aus knorpeligen Rindergurgeln. Diese einfallsreiche Mischung
werde durch den Wolf gedreht und dann stark gewürzt, damit
sie nach etwas schmeckt." (6)
Das war 1900. Und jetzt das Jahr 2000, Udo Pollmer, ein Kritiker
der Fleischwirtschaft, über die Qualität der ca. 300
deutschen Wurstsorten:
"Der Verbraucher muss sich darüber im Klaren sein, dass
er die Tierprodukte, die er beim Metzger nicht kauft, weil es
ihn davor graust oder Verbraucherschützer ihn davor gewarnt
haben, also Nieren, Lunge, Schweinemicker - das ist das Gekröse
-, Kutteln, Milz, Magen und Vormagen, in der Wurst wiederfindet.
Der Fleischer wirft das Zeug ja nicht in Rhein, Spree oder Elbe."
(7)
Hat sich da in 100 Jahren irgendwas grundsätzlich verändert?
Wirklich nicht. Upton Sinclair hat für seine Romanbeschreibungen
damals gut recherchiert. Da das Buch ein internationaler Renner
wurde, sah sich die US- Regierung gezwungen, die Angaben zu überprüfen.
Dazu Sinclair-Herausgeber Dieter Herms: "Zwei Referenten begaben
sich nach Chicago, um im Auftrage des Weißen Hauses zu recherchieren.
Sie kamen zurück mit einem Bericht, der Sinclairs Funde voll
inhaltlich bestätigte, mit einer Ausnahme: Es gab keine Evidenz
für die Behauptung, daß Arbeiter, die in die Brühkessel
gefallen waren, als 'Armours Feinschmalz' in die Welt hinausgingen."
(8)
Sinclairs Buch produzierte einen frühen Skandal in der Fleischindustrie.
Schon damals forderte eine erschreckte Öffentlichkeit eine
Wende in der Fleischproduktion und minimale Qualitätsverbesserungen
wurden durchgeführt - sehr viel später auch bei den
unmenschlichen Arbeitsbedingungen, die Sinclair in seinem Roman
noch stärker in den Mittelpunkt stellte und schließlich
zu einem flammenden Aufruf für den Sozialismus ummünzte.
Und hier haben wir einen entscheidenden Unterschied zwischen dem
damaligen Beginn und der heutigen angeblichen Wende in der industrialisierten
Fleischproduktion: heute redet niemand vom Sozialismus als einer
Lösungsmöglichkeit der BSE- Krise! Genau das aber wäre
nötig, wenn es eben nicht mehr so weiter gehen sollte wie
bisher!
Chicago
Die USA waren die erste Industrienation, die die Landwirtschaft
komplett industrialisierten. Und die Chicagoer Fleischproduktion,
in der ImmigrantInnen aus verarmten europäischen Ländern
unter unglaublichen Bedingungen arbeiteten, wurde schnell zum
Prototyp der modernen, organisierten, arbeitsteilig strukturierten
kapitalistischen Industriegesellschaft. Am Anfang des Romans beschreibt
Sinclair die Struktur der Chicagoer Stockyards sehr plastisch:
"Die Yards dehnen sich über eine Fläche von mehr als
einer Quadratmeile aus, und über die Hälfte davon nehmen
Rinderpferche ein; nach Norden und Süden erstreckt sich,
so weit das Auge reicht, ein einziges Meer von Pferchen, Buchten
und Boxen. Und die waren jetzt alle voll - nie hätte man
gedacht, daß es so viele Rinder überhaupt gab (...),
sanftäugige Milchkühe und wilde Texas-Jungochsen." Sie
werden - Kennzeichen der arbeitsteiligen Industrialisierung -
nicht mehr auf den Bauernhöfen geschlachtet, sondern kommen
aus allen Teilen der USA nach Chicago, und zwar in Viehwaggons
der Eisenbahn. Die litauischen EinwandererInnen von Sinclairs
realistischem Roman "standen in der Nähe des östlichen
Eingangs, und die ganze Ostseite der Yards entlang laufen die
Bahngleise, auf denen die Schlachttiere herangebracht werden.
Die Nacht hindurch wären ununterbrochen Viehwagen gekommen,
erklärte Jokubas, und jetzt seien die Pferche voll; am Abend
würden sie sämtlich wieder leer sein, und dann gehe
das Ganze von neuem los. 'Und was geschieht mit diesen vielen
Geschöpfen?' rief Teta Elzbieta. 'Bis heute abend sind sie
alle geschlachtet, ausgenommen und zerteilt', antwortete Jokubas.
'Dort drüben hinter den Fleischfabriken befinden sich noch
mehr Gleise. Die sind zum Abtransport.' In den Yards gebe es zweihundertfünfzig
Meilen Eisenbahnschienen, berichtete ihr Führer weiter. Auf
ihnen kämen jeden Tag rund zehntausend Rinder angerollt,
die gleiche Anzahl Schweine und halb so viele Schafe - das bedeute,
daß hier im Jahr acht bis zehn Millionen Lebendtiere zu
Fleisch verarbeitet werden. Während man so stand und schaute,
erkannte man allmählich, wohin die Flut ging, nämlich
in Richtung Fleischfabriken. Gruppenweise wurden die Rinder auf
die Rampen getrieben, etwa fünf Meter breiten massiven Stegen,
die über den Pferchen entlangliefen. Auf diesen Rampen zog
ein nicht abreißender Strom von Tieren dahin; es war geradezu
unheimlich mit anzusehen, wie sie ahnungslos ihrem Schicksal entgegendrängten,
ein wahrer Todeszug. Unsere Freunde waren nicht poetisch veranlagt,
und der Anblick bewog sie nicht zu Vergleichen mit dem Menschenlos;
sie dachten nur daran, wie großartig das alles organisiert
sei. Die Rampen für die Schweine führten weit hinauf,
bis zu den obersten Stockwerken von Gebäuden im Hintergrund,
und Jokubas erklärte, für den Transport der Schweine
nutze man deren eigene Kraft: für den hinauf ihre Muskelkraft
und für den wieder herunter - durch all die für ihre
Umwandlung in Büchsenfleisch nötigen Verarbeitungsprozesse
hindurch - ihre Schwerkraft. 'Hier wird überhaupt nichts
ungenutzt gelassen', sagte er, lachte und fügte ein Witzchen
hinzu, von dem, wie er zu seiner Freude merkte, die anderen in
ihrem schlichten Gemüt annahmen, es stamme von ihm: 'Vom
Schwein bleibt absolut nichts unverwertet - bloß für
das Quieken hat man noch keine Verwendung gefunden.'" (9)
Das wurde 1906 geschrieben.
Die industriell-kapitalistische Fleischproduktion kann nicht
reformiert werden, sie muss abgeschafft werden.
Freiheitlicher Sozialismus als Vegetarismus
Die derzeitige Hochkonjunktur von Bio-Landwirtschaft und Bio-Fleischertum
führt daher in eine perspektivische Sackgasse - verspricht
einen billigen Ausweg, um das ganze Falsche am Laufen zu lassen.
"'Wir wissen ganz genau, was der Verbraucher will', sagt Professor
Stefan Dabbert, Experte für Ökolandbau von der Universität
Hohenheim. 'Das Produkt darf nicht mehr als 30 Prozent teurer
sein als das normale, es muss im Supermarkt erhältlich sein,
es muss ein großes Sortiment geben, und es muss ganz leicht
als Bio erkennbar sein.'" (10)
Das ist die alte Fleisch- Demokratie in reformierter Form. Doch
so einfach sollte mit BSE nicht umgegangen werden, wie auch erste
Fälle zeigen, bei denen BSE in ökologisch korrekt wirtschaftenden
Betrieben nachgewiesen wurde. Dabei ist das gar nicht der biologischen
Landwirtschaft vorzuwerfen, es dreht sich eher um das zentralistisch-industrialisierte
Umfeld, das dadurch als Normalfall der Produktion nicht angetastet
wird und in das die Bio-Höfe im Kapitalismus unweigerlich
verflochten sind. Und jede Food-Coop ist unterstützenswert,
aber es besteht wenig Aussicht, dass sie aus ihrer nicht- marktwirtschaftlichen
Nischenexistenz herauskommt. Warum? Weil das dahinterstehende
Gesellschaftsmodell dann eine bäuerliche Kleinwirtschaft
und eine damit verbundene drastische Reduktion der industriellen
Arbeitsteilung wäre. Das ist nicht nur nicht vorstellbar,
weil es heute nur noch einen Bruchteil Bauern/Bäuerinnen
im Vergleich zu den Zeiten vor der industrialisierten Landwirtschaft
gibt. Es wirkt auch unattraktiv - und wer den enormen Zeitaufwand,
den der Aufbau einer direkten ErzeugerInnen-VerbraucherInnen-Beziehung
mit sich bringt, schon einmal am eigenen Leibe erlebt hat, weiss
davon ein Lied zu singen. Das kann also nur ein Teil - und nicht
der zentrale - der Lösung sein. Zu dieser Perspektive war
in der GWR schon beim Kälberskandal zu lesen:
"Der bäuerliche Familienbetrieb (wahlweise Alternativ-Kommune)
mache einen anderen Umgang mit den Tieren möglich. Artgerechte
Haltung, Freilauf: gar ein 'persönliches Verhältnis'
zum Tier verspricht sich die Opposition davon. Das stimmt zum
Teil, hat für mich aber doch den Beigeschmack: falsche
Idylle gegen wirkliche Industrie und real existierenden Kapitalismus.
(...) Einmal sollten wir den bäuerlichen Familienbetrieb
und das alte Bauerntum nicht idealisieren: das Leben war hart,
die Menschen oft roh, die Familienstruktur patriarchal... Aber
dahin gibt es ohnehin keinen Weg zurück, die Mentalitäten
und Bedürfnisstrukturen sind zu weitgehend verändert.
Vielleicht ist, was für das alte Bauerntum selbstverständlich
und alternativlos war, für Menschen, die heute nach den
Grundlagen und der Beseitigung von Herrschaft fragen, ein Problem.
Ich reiße hier die Frage nur an: Ist uns eigentlich die
Vorstellung sympathisch, daß ein Bauer oder eine Bäuerin
'noch ein persönliches Verhältnis' zu einem Tier hat,
es streichelt und beim Namen nennt - um ihm dann mit sicherer
Hand die Kehle durchzuschneiden?" (11)
Upton Sinclair hat sich in seinem Roman ebenfalls mit diesen
Fragen beschäftigt. Und er propagiert am Ende des Romans
durch feurige Reden und hitzige politische Diskussionen hindurch
eine vegetarische Sozialismusvorstellung. Sozialismus in Sinclairs
Verständnis bedeutet im Gegensatz zur Fleisch-Demokratie,
dass Lebewesen zunächst als solche, und nicht als Lebensmittel
betrachtet werden. Sinclair lässt am Ende des Romans einen
"philosophischen Anarchisten", mit Namen Schliemann, dozieren:
"Nehmen Sie Kropotkins 'Landwirtschaft, Industrie und Handwerk'
und lesen Sie über die neue Agrarwissenschaft, die in den
letzten zehn Jahren entwickelt worden ist. Mit deren Hilfe können
Obst- und Gemüsefarmer bei entsprechend vorbereitetem Boden
und Intensivkultur in einer einzigen Reifeperiode zehn bis zwölf
Ernten erzielen." (12)
Schliemanns Lösung für eine nicht konkurrenzförmig
organisierte, sozialistische Nahrungsmittelproduktion geht in
Richtung wissenschaftliche Automation: "Kommunismus in der materiellen
Produktion, Anarchismus in der geistigen" (13),
wobei ihm die geistige Produktion das wahre Menschsein ausmacht.
Diese Perspektive ist sicherlich zu technizistisch - eine Verbindung
aus Kropotkins wissenschaftlich- moderner Vorstellung und den
Erfahrungen des realen dezentralen Bio-Landbaus wäre wohl
wünschenswert. Sinclair lässt seinen philosophischen
Anarchisten weiter reden:
"Außerdem ist erwiesen, daß der Mensch kein Fleisch
braucht. Und Fleisch ist doch unstreitig schwerer zu erzeugen
als pflanzliche Nahrung, unangenehmer zu verarbeiten und auch
leichter verderblich. (...) Solange wir Lohnsklaverei haben,
spielt es überhaupt keine Rolle, wie erniedrigend oder
abstoßend eine Arbeit ist - es läßt sich ja
leicht jemand finden, der sie macht. Aber sobald die Arbeiter
befreit sind, wird der Preis für solche Arbeiten steigen.
(...) Proportional dazu, wie sich die Bürger unserer Industrie-Republik
kultivieren, werden sich die Schlachthausprodukte von Jahr zu
Jahr verteuern, bis schließlich, wer Fleisch essen will,
selber schlachten muß - und wie lange, glauben Sie, wird
sich der Brauch dann noch halten?" (14)
Das ist der Zusammenhang von Vegetarismus - der als Vorform oder
Ergänzung und nicht in dogmatischer Weise als Gegensatz zum
VeganerInnentum verstanden werden sollte, wie viele sektiererische
Vegangruppen meinen - und Sozialismus: "Um Grausamkeit und Ausbeutung
gegen Tiere nicht wahrzunehmen, müssen die Menschen selbst
unter der Herrschaft so gequält worden sein, daß sie
nur weitergeben, nachvollziehen, anwenden, was ihnen doch nur
immer neu an Leiden zugefügt wird: (das) Recht des Stärkeren.
Sich selbst so fremd, daß Lohnarbeit ihnen normal erscheint
oder eine Ausbildung, die auf das Abschlachten anderer Menschen
orientiert (Wehrpflicht etwa), können sie auch Verstümmelungen
anderer: die Leiden, die Gewalt den immer noch Wehrloseren zufügt,
nicht erkennen. Daß viele lieber wegschauen, zeigt noch
die Abwendung vom Terror. Aber erst das Hinschauen und schließlich
das Begreifen der Schlachthäuser als Symbole einer Epoche,
dann der Wille, diese zu beenden, wird uns der gewaltlosen Gesellschaft
annähern." (15)
Der Sozialismus kann nur vegetarisch/tierschützerisch sein
- oder er ist nicht! Ein neuerlicher Beweis dafür, dass er
in der staatskapitalistischen Sowjetunion nie existierte... Anstatt
die Bedingungen für die Herstellung von Bio-Fleisch zu verbessern,
wäre demnach ein Vorschlag für eine libertäre Lösung
der BSE-Krise, den Zivilisationsprozess "eher voranzutreiben als
zurücknehmen zu wollen, was für unser Thema hieße"
(16): die vegetarisch-sozialistische
Gesellschaftsperspektive überhaupt erst wieder denkbar und
durchsetzbar zu machen!
Frank Tiresias
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