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>> 262 oktober 2001

Zu den Bombardierungen

Die Attacken der Terroristen waren enorm grausam. Im Vergleich aber kommen sie an das Ausmaß anderer Gräuel nicht heran, beispielsweise an Clinton’s Bombardierung des Sudan ohne glaubhaften Vorwand, wobei die Hälfte der pharmazeutischen Vorräte des Landes zerstört wurde und auch eine unbekannte Zahl von Menschen getötet wurde (niemand kann sagen wie viele, da die USA eine Untersuchung durch die Vereinten Nationen blockierten und sich weiter niemand darum scherte, der Sachlage auf den Grund zu gehen). Gar nicht zu sprechen von viel schwerwiegenderen Fällen, die einem leicht ins Gedächtnis geraten. Aber, dass dies jetzt ein abscheuliches Verbrechen war steht völlig außer Zweifel. Die hauptsächlichen Opfer waren wie gewohnt die arbeitenden Menschen:

Hausmeister, Schreibkräfte, Feuerwehrleute usw. Es ist gut möglich, dass sich dieses verbrechen auch noch zum bedrohlichen Sturm gegen Palästinenser und auch andere arme und unterdrückte Menschen entwickeln wird. Es ist weiterhin gut möglich, dass es zu strengsten Sicherheitskontrollen führen wird mit möglichen Verzweigungen bis hinein in die Aushöhlung der bürgerlichen Freizügigkeiten und der inneren Freiheit.

Die Geschehnisse entlarven ganz dramatisch die Dummheit des "Raketen-Abwehr-Projekts". Geradeso wie es seit langem bereits klar war und auch schon wiederholt von strategischen Forschern dargestellt worden war: wenn irgendjemand den USA größten Schaden zufügen möchte, einschließlich durch Massenvernichtungswaffen, wäre es höchst unwahrscheinlich, dass dies durch einen Raketenangriff geschehen würde, der seine augenblickliche Zerstörung zur Folge hätte. Es gibt unzählige, viel einfachere Wege, die allesamt nicht zu verhindern sind. Aber die heutigen Geschehnisse werden höchstwahrscheinlich dazu instrumentalisiert werden, den Druck gerade zur Entwicklung dieser Systeme zu erhöhen und sie zu realisieren. "Verteidigung" ist ein schwacher Vorwand für die Pläne zur Militarisierung des Weltraums und mit einer guten Pressearbeit bekommen auch die fadenscheinigsten Argumente Gewicht innerhalb einer beängstigten Öffentlichkeit.

Kurzfristig stellt diese Verbrechen ein Geschenk für die Hardliner der nationalen und die Welt verachtenden Rechten dar, für jene also, die mit darauf hoffen mit Gewalt ihre Herrschaft auszudehnen. Dies stellt gar wahrscheinliche US-Vergeltungsmaßnahmen in den Schatten sowie das, was diese auslösen könnten - möglicherweise weitere ähnliche Attacken wie die letzte oder gar Schlimmeres. Die vor uns liegenden Aussichten jedenfalls sind noch unheilvoller als sie vor den letzten Gräueltaten erschienen.

Wir haben die Wahl darüber zu entscheiden, wie wir reagieren wollen. Wir können berechtigtes Entsetzen zum Ausdruck bringen. Wir können versuchen

zu verstehen, was zu diesen Verbrechen geführt haben mag. Das bedeutet Anstrengungen dahingehend zu unternehmen, hinter die Gedanken möglicher Täter zu kommen. Falls wir uns zu letzterem entschließen, können wir nichts besseres tun, so denke ich, als den Worten von Robert Fisk zu folgen, dessen unmittelbares Wissen und dessen Einblick in die Angelegenheiten der Region nach Jahren hervorragender Reportagen unübertroffen sind. Die "Bosheit und ehrfurchtsgebietende Grausamkeit eines am Boden liegenden und gedemütigten Volkes" beschreibend, führt er aus, dass "dieses nicht der Krieg der Demokratie gegen den Terror ist,

so wie es der Weltöffentlichkeit in den kommenden Tagen glaubhaft gemacht werden soll. Es geht ebenso um amerikanische Raketen, die in palästinensische Wohnungen schießen und um US-Hubschrauber, die Geschosse in eine libanesische Ambulanz 1996 abfeuerten und um amerikanische Granaten, die in ein Dorf namens Qana einschlugen und um libanesische Militärs - bezahlt und ausgerüstet durch Amerikas israelischen Verbündeten -, die zerschlagend, vergewaltigend und mordend ihren Weg durch die Flüchtlingslager suchten".

Es geht um noch viel mehr. Wiederum - wir haben die Wahl: wir könnten versuchen zu verstehen oder Verständnissuche ablehnend eben zur Wahrscheinlichkeit beitragen, dass noch wesentlich Schlimmeres vor uns liegt.

Noam Chomsky
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Anmerkungen

Noam Chomsky ist Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Anarchist und prominenter Kritiker der US-Politik.

Der Artikel wurde uns gemailt. Übersetzung: Dr. med. Wolfgang Fischer, München


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