graswurzelrevolution
262 oktober 2001
aktuelle ausgabe abo & service archiv buchverlag news & infos vernetzung über uns graswurzelladen home
stern / zerbrochenes gewehr
libertäre buchseiten
>> 262 oktober 2001

Superman als Anarchist

"Die libertäre Revolution" von Saña

Heleno Sana: Die libertäre Revolution. Die Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg, Edition Nautilus, Hamburg, September 2001, ISBN 3-89401-378-8, 320 S., 39,80 DM

Es sieht schön aus. Und auf das Buch "Die libertäre Revolution. Die Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg" des 1930 in Barcelona geborenen Heleno Saña wurde in libertären Zusammenhängen mit großer Spannung gewartet - ähnlich wie vor Jahren auf den ebenfalls bei Edition Nautilus erschienenen "Durruti"-Wälzer von Abel Paz. Erhofft wurde ein bewegendes Opus Magnum mit vielen neu recherchierten Informationen zur Spanischen Revolution, zu den Kämpfen um soziale Gerechtigkeit und Freiheit. Doch diese Erwartungen werden leider nur bedingt erfüllt.

Wie der Untertitel vermuten lässt, geht es Saña um "Die Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg". Die Anarchistinnen, die 1936 in Spanien nicht nur durch die libertäre Frauenorganisation Mujeres Libres eine bedeutende Rolle in der Sozialen Revolution spielten, kommen nur am Rande vor. Der Autor verströmt den Geruch eines selbstgerechten Machos und - da läuft es einem kalt den Rücken runter - eines "libertären" Nationalisten:

"Bis hinein ins 15. Jahrhundert ist die Geschichte Spaniens im wesentlichen die Geschichte eines Volkes, das nichts anderes tut, als sich gegen die fremden Stämme zur Wehr zu setzen, die nach- oder nebeneinander in sein Territorium von überall her eindringen: Kelten, Phönizier, Karthager, Griechen, Römer, Germanen, Araber. Die bewaffnete Auseinandersetzung mit fremden Invasoren und Okkupanten prägte das Wesen des iberischen Menschen. Aus diesen defensiven Kriegen, die fast zwei Jahrtausende dauerten, entwickelte der Spanier seine Widerstandskraft, sein kämpferisches Temperament, seine Liebe zur Freiheit, seinen Individualismus, seinen Stolz, seinen Sinn für Gerechtigkeit, sein Ehrgefühl und - darf ich es sagen? - seine 'Hidalguía' oder Edelmut, Eigenschaften, die Cervantes in seinem Helden Don Quichotte zusammenfassen wird. Während Cäsar Gallien in nur acht Jahren eroberte, brauchten die sieggewohnten Römer zwei Jahrhunderte, um die Hispanier zu unterwerfen. Der von Titus Livius geprägte Begriff vom 'furor hispanicus' stammt aus dieser Zeit. Zweitausend Jahre später erfuhr Napoleon Bonaparte, wie schwierig es ist, den Widerstands- und Kampfgeist der Spanier zu brechen. Zurecht hat Angel Ganivet den Widerstandsgeist als die hervorstechendste Charaktereigenschaft der Spanier bezeichnet. Ähnlich charakterisierte der englische Historiker Christopher Dawson Spanien und England als 'the two most independent Western Countries'." (S. 35)

Eine solche undialektische Sichtweise bzw. Verklärung von Geschichte, die "Völkern" bestimmte Eigenschaften zuschreibt, hinterlässt einen unangenehmen Beigeschmack, ebenso wie die Generalisierung "Das libertäre Bewusstsein des Iberers ist uralt und zeigt sich schon in Ansätzen in den Ursprüngen der spanischen Geschichte." (S. 34) Hier wird "der Spanier" als eine Art "Superman-Anarchist" herbeiphantasiert. Das hat mit realer Geschichte nur noch wenig zu tun.

Vielleicht waren die Erwartungen, die in das Buch gesteckt wurden, zu groß. Zwar gelingt es Saña aus libertärer Sicht die Geschichte der Spanischen Revolution gut lesbar zu skizzieren. In weiten Teilen kompetent beschreibt er die Geschehnisse, Organisationen, Hintergründe und Zusammenhänge des spanischen Bürgerkriegs. Wer sich noch nie mit diesem Thema beschäftigt hat und die erwähnten Ärgernisse ignoriert, wird dieses Werk vielleicht als Offenbarung empfinden. Wer aber die "Klassiker" zur Spanischen Revolution von Enzensberger, Orwell, Augustin Souchy, Clara Thalman und Co. kennt, muss das Buch langweilig finden. Denn es ist vor allem eine Zusammenfassung bekannter Bücher. Die zahlreichen Zitate stammen überwiegend aus gut zugänglichen Quellen.

Bernd Drücke
>> zurück zum inhaltsverzeichnis

Volltextsuche
Themen
Ausgaben

Artikel zum gleichen Thema

Spanien 36 heute

Gewaltfrei im Bürgerkrieg

Revolution oder Bürgerkrieg?

Solidarität mit oder ohne Waffen?
410 sommer 2016

¡Guerra! Spaniens heimliches Trauma
397 märz 2015

Eine sehr gute Arbeit
377 märz 2013

Anarchisten auf der Gangway
362 oktober 2011

Ein spanisches Geheimnis
342 oktober 2009

Fälschung - oder wirklich tot?
341 september 2009

"Der Anarchismus ist ein idealer Entwurf des menschlichen Lebens"
340 sommer 2009

"Die Revolution war erfolgreich"
339 mai 2009

Die Internationalen Brigaden
327 märz 2008

"Sie haben es sich selbst zuzuschreiben!"
316 februar 2007

Der Priester der Milizen
315 januar 2007

Das "Gesetz der Erinnerung" und der Spanische Bürgerkrieg
314 dezember 2006

Es ist ein weiter Weg nach Spanien

Barcelona, 70 Jahre "danach" (2)
312 oktober 2006

Barcelona, 70 Jahre "danach"

Gegen das Vergessen

Das Gedächtnis der Besiegten
311 sommer 2006

70 Jahre Soziale Revolution in Spanien

Feministinnen in der Spanischen Revolution

Die "Affaire Polanco"
310 juni 2006

Kleine Geschichten der großen Revolution
292 oktober 2004

"Der Anarchismus wird nie sterben"
291 sommer 2004

Die Kamera zieht in den Krieg
286 februar 2004

Feministinnen in der Revolution
282 oktober 2003

Die Grenzen der Wahrnehmung
272 oktober 2002

"Meine Verse sollen Bomben sein..."
265 januar 2002

Superman als Anarchist
262 oktober 2001

Etta Federn (1883-1951) und die Mujeres Libres
225 januar 1998





 


 aktuelle ausgabe   abo & service   archiv   buchverlag   news & infos   vernetzung   über uns   graswurzelladen   home 
graswurzelrevolution redaktion@graswurzel.net / www webmaster@graswurzel.net