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294 dezember 2004
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Gel(i)ebtes Leben

Marie-Christine Mikhailo (1916 - 2004)

"Wollt ihr denen Gutes tun,
die der Tod getroffen,
Menschen, laßt die Toten ruhn
und erfüllt ihr Hoffen!"

Erich Mühsam

Am 8. November 2004 starb in Lausanne im Alter von 88 Jahren die Anarchistin Marie-Christine Mikhailo.

Als libertäre Archivarin hat sie gemeinsam mit ihrer Tochter Marianne Enckell und einigen GenossInnen ab 1963 in der französischen Schweiz das 1957 gegründete Centre International de Recherches sur l'Anarchisme (CIRA) (1) zu einem der weltweit größten Dokumentationszentren des Anarchismus ausgebaut und geprägt.

Anfang der 60er Jahre fiel Marie-Christine in "die anarchistische Grube". Fortan träumte sie von einer herrschaftslosen, gewaltfreien Gesellschaft. Und sie tat viel, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Rund 40 Jahre lang arbeitete sie im CIRA, knüpfte global libertäre Netzwerke, unterstütze Initiativen, engagierte sich als unermüdliche Aktivistin. Ihr Anarchismus war Weltanschauung, Abenteuer und gelebtes Leben zugleich. Bevor sie sich selbst als Anarchistin verstand, hat sie allein fünf Kinder großgezogen. Für die eigene Politisierung, politische Arbeit und libertäre Agitation war da zunächst nur wenig Raum und Zeit. Ihren Kindern hat sie die Freiheit gelassen, war Freundin, Diskussionspartnerin und Mutter zugleich. Und so ist vielleicht auch zu erklären, dass sie zeitgleich mit ihrer Tochter Marianne vom "anarchistischen Virus" infiziert wurde. Beflügelt wurden ihre libertären Ideen und Träume durch die Lektüre anarchistischer Literatur und den intensiven Kontakt zu spanischen und französischen AnarchistInnen.

Als ich in den 90er Jahren meine Doktorarbeit über anarchistische Presse in Ost- und Westdeutschland schrieb und deshalb auch von Marie-Christine Zeitungskopien und Briefe bekam, hatte ich sie noch nicht persönlich kennen gelernt. Ich hätte sie zu dieser Zeit aufgrund ihrer elanvollen Schreibe vielleicht auf Mitte 20 geschätzt. Marie-Christine strahlte auch als über 80jährige noch eine unglaubliche Herzlichkeit und Stärke aus. Als ich das CIRA im Juni 1998 mit meiner Familie und den GenossInnen Michael Halfbrodt, Ralf Burnicki und Maryam Sharif besucht habe, hat sie großen Spaß daran gehabt, mit meinem ältesten, damals fünfjährigen Sohn Deniz zu spielen und ihn zum Lachen zu bringen. In meinem Gedächtnis höre ich noch ihr Lachen und ihre Geschichten, etwa wie geflohene Deserteure aus dem Algerienkrieg versteckt und unterstützt wurden. Oder ihre Anekdote vom alten Anarchosyndikalisten Augustin Souchy, und auf welch abenteuerliche Weise ein während der NS-Zeit verstecktes FAUD-Archiv von München nach Lausanne gebracht wurde. Der mit Marie-Christine befreundete Souchy war in den 20er Jahren Sekretär und eine herausragende Persönlichkeit der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD). Nach seiner Flucht vor den Nazis kämpfte er auf Seite der AnarchistInnen im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Faschisten. Ein Archiv der FAUD war 1933 in der Wohnung eines Münchner Genossen eingemauert worden, weil es den Nazis nicht in die Hände fallen durfte, aber auch nicht mehr rechtzeitig außer Landes gebracht werden konnte. Marie-Christine: "Irgendwann in den frühen 80ern hat dann der schon über 90jährige, aber immer noch Handstand machende Augustin angerufen und gesagt, das Münchner Archiv müsse unbedingt nach Lausanne. Sein einstiger FAUD-Genosse, der es vor den Nazis versteckt hatte, sei mittlerweile zum Kommunisten geworden und wolle die Sammlung verkaufen oder dem Altpapier zuführen. Wir hatten damals kein Auto. So trampte eine unserer Mitarbeiterinnen nach München, packte das Material dort in Pakete, schickte diese mit der Post nach Lausanne und trampte zurück. So kam ein Teil des Augustin-Souchy-Archivs ins CIRA."

Froh bin ich, dass ich Iven Saadi, Christian Kaindl und Gesa Wilhelm, die im Sommer 2000 als StudentInnen in meinem Anarchismus-Seminar an der Uni Münster saßen, dazu motivieren konnte, anstelle einer schriftlichen Hausarbeit einen Film über Marie-Christine Mikhailo, Marianne Enckell und das CIRA zu drehen. Dieser Streifen wurde u.a. während des 30-Jahre-Graswurzelrevolution-Kongresses im Juni 2002 in Münster gezeigt. Als Zeitdokument erinnert er auch an die lebensfrohe Alt-Anarchistin Marie-Christine (2).

Im Jahre 2002 erlitt Marie-Christine einen Schlaganfall. Von da an saß sie im Rollstuhl, konnte nicht mehr sprechen und wurde daheim in der Avenue de Beaumont von ihren Kindern liebevoll gepflegt.

Marie-Christine war ein großer Sonnenschein. Ich werde sie sehr vermissen und in Erinnerung halten.

Bernd Drücke
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Anmerkungen

(1) Siehe: "Ich hatte Fragen, und Anarchismus war die Antwort". Ein Gespräch mit Marianne Enckell (CIRA, Lausanne) von Bernd Drücke, in: GWR 293, November 2004, S. 10 f.

(2) Eine Kopie des Films gibt es im CIRA, Avenue de Beaumont 24, CH-1012 Lausanne


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