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302 oktober 2005
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Operaismus

Ein Kapitel Bewegungsgeschichte mit Gegenwartsbezug

Steve Wright: Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus. Assoziation A, Berlin 2005, 277 Seiten, 18 Euro

Im Zusammenhang mit den globalen Protestbewegungen der letzten Jahre sind neben anarchistischen Ideen auch undogmatische neo-marxistische Ansätze wieder stärker in linke Diskussionen eingeflossen. Zu diesen gehört auch der autonome Marxismus, zu dessen Entstehung der Operaismus, der innerhalb der italienischen Arbeiterbewegung der 1960/70er Jahre zeitweise eine einflussreiche Rolle spielte, maßgeblich beigetragen hat.

Den Ausgangspunkt des Operaismus bildete die Kritik dissidenter Intellektueller an den etablierten sozialistischen und kommunistischen Partei- und Gewerkschaftsapparaten Italiens in den 1950er Jahren, gegenüber deren reformorientierten bürokratischen Strukturen und Strategien die Bedeutung der subjektiven Erfahrungen und der autonomen Selbsttätigkeit der Subjekte für den Emanzipationsprozess betont wurde.

Autonomie meinte dabei gleichermaßen die Autonomie der Klasse gegenüber dem Kapital und den etablierten Arbeiterorganisationen wie auch die Autonomie verschiedener Sektoren innerhalb der Klasse. Von hier aus entwickelte sich ein neuartiger klassenpolitischer Ansatz, der in den Auseinandersetzungen der 1960/70er in Italien für erhebliche Furore sorgte.

Neue Aufmerksamkeit erhielt der Operaismus in jüngster Zeit vor allem durch die Veröffentlichungen Antonio Negris. Negri gehörte in den 1970er Jahren zu den wichtigsten Vertretern des Operaismus, und in gewisser Weise lassen sich die Arbeiten "Empire" und "Multitude" als Versuche einer zeitgemäßen Weiterentwicklung operaistischer Konzepte lesen. Neben dieser theoretischen Ebene ist der Operaismus aber auch politisch-praktisch in mancherlei Hinsicht noch präsent. Zwar darf den sozialen Bewegungen in Italien, die in den globalisierungskritischen Protesten der letzten Jahre viel internationale Aufmerksamkeit auf sich zogen, nicht pauschal ein Operaismus-Etikett aufgepappt werden, jedoch finden sich im Selbstverständnis und den Organisations- und Aktionsformen mancher Gruppierungen, wie etwa den besetzten sozialen Zentren, den freien Radios oder manchen Basisgewerkschaften, Ideen wieder, die teilweise in den operaistischen Diskussionen vorgeprägt wurden. In der Bundesrepublik blieb die Resonanz auf den italienischen Operaismus lange auf enge Kreise und einige Schlagwörter begrenzt. Einflüsse zeigten sich teilweise in der Entwicklung der Gewerkschaftslinken und der Lehrlingsbewegung in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren sowie in der Entwicklung der Autonomen seit den späten 1970er Jahren. Gegenwärtig ist es vor allem die Zeitschrift Wildcat, die sich bemüht, Diskussionen um eine kritisch an den klassischen Operaismus anknüpfende politische Theorie und Praxis voranzutreiben. Nähe zu operaistischen Konzepten weisen außerdem verschiedene neuere Initiativen wie die Gruppe Kolinko mit ihrer Untersuchung zu Arbeitsbedingungen und Widerstandsformen in Call-Centern auf.

Mit Steve Wrights "Den Himmel Stürmen" ist nun erstmals eine historische Darstellung des Operaismus in deutscher Sprache erschienen, die es erlaubt, dessen Entwicklung von den Anfängen um die Zeitschriften Quaderni Rossi (Rote Hefte) und Potere Operaio (Arbeitermacht) seit Beginn der 1960er Jahre bis zur Zeit der Gruppen der Autonomia Operaia (Arbeiterautonomie) und deren Niedergang in den 1970er Jahren nachzuvollziehen. Wrights Buch, das die Wege und Irrwege operaistischen Denkens anschaulich und kritisch nachzeichnet, füllt damit eine theoriegeschichtliche Lücke in der deutschsprachigen Bewegungsliteratur, die nicht nur für BewegungshistorikerInnen und ItalienspezialistInnen interessant ist. "Den Himmel stürmen" ist keine trockene Theoriegeschichte, sondern bindet diese auf informative Weise ein in die Entwicklung der Arbeiterbewegung und der Neuen Linken in Italien insgesamt. Somit ergeben sich Querbezüge zu vergleichbaren Prozessen in anderen Ländern und aktuellen Entwicklungen. Wright liegt es fern, mit der einen oder anderen Strömung des klassischen, des Post- oder des Neo-Operaismus überzeugen zu wollen. Er plädiert für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Operaismus, um ihn darauf hin zu befragen, welche seiner Konzepte für ein Verständnis der heutigen gesellschaftlichen Produktionsweise noch hilfreich und welche seiner Ideen für die Entwicklung adäquater Rebellionsweisen noch interessant sein können, aber auch, welche getrost vergessen werden können.

Zu ersteren lassen sich z.B. die Konzepte der Klassenzusammensetzung, der Autonomie und die Orientierung an Basisaktivität, zu letzteren eine gewisse Arbeitertümelei, die teils plumpe Militanz-Verherrlichung und die Rückfälle in leninistisches Avantgarde-Denken zählen.

Oliver Bierhoff
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