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302 oktober 2005
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Nelly Sachs und Simone Weil

Zwei "große Beunruhigende"

Erika Schweizer: Geistliche Geschwisterschaft. Nelly Sachs und Simone Weil - ein theologischer Diskurs. Grünewald Verlag, Mainz 2005, 505 Seiten, 36 Euro, ISBN: 3-7867-2549-7

Sie waren zwei assimilierte Jüdinnen, die philosophisch unterschiedlicher nicht ausgerichtet sein konnten und sich doch nahe kamen: die französische Anarchistin und spätere Christin Simone Weil (1909-1943) und die Deutsche "mosaischen Glaubens" (S. 45) Nelly Sachs (1891-1970), die erst am 16. Mai 1940 mit einer der letzten Passagiermaschinen nach Schweden ausreisen und dadurch der Shoah entkommen konnte. Beide sind sich nie persönlich begegnet, doch Nelly Sachs hat Simone Weil lesend kennen gelernt und geschätzt: "Sie ist da gewesen, eine große Beunruhigende (...) Simone Weil." (zit. nach S. 485)

Erika Schweizers Buch ist die beeindruckende Darstellung der von verschiedenen religiösen Traditionen ausgehenden, dann aber konvergierenden theologischen und philosophischen Positionen beider. Im Mittelpunkt der Dissertation stehen die theologische Interpretationen der Lyrik von Nelly Sachs, Mitglied der Gruppe 47 und 1966 Literaturnobelpreisträgerin, sowie vieler Aufzeichnungen, religiöser Texte, überraschender Theaterstücke und einiger Gedichte, die Simone Weil verfasst hat. Die Lektüre ist ein literaturwissenschaftlicher Genuss und jenen zu empfehlen, die bisher theologisch weniger interessiert waren oder bewandert sind, wie z.B. der Rezensent selbst.

Nelly Sachs hat über Simone Weil in den fünfziger Jahren in Briefen geschrieben und einen Prosatext ("Stille und Schmerz", bislang unveröffentlicht, im Anhang abgedruckt) sowie ein Gedicht (um 1960 herum) über sie verfasst. Das Gedicht heißt "In Wüsten gehn" und hat als Untertitel "Simone Weil zum Gedächtnis". Es spricht, wie ich finde, sensibel und treffend von Simone Weil, etwa in der ersten Strophe:

"Plötzlich aufstehn
vom Mittagstisch
nur mit dem Leib bewaffnet
zu den lachenden Hyänen wandern."

Die "lachenden Hyänen", mit denen es Simone Weil zu tun hatte, waren Hitler, Franco und die monotone Maschinerie der Arbeitswelt. Dagegen kämpfte sie "nur mit dem Leib bewaffnet" und blieb, so lange es ihr möglich schien, pazifistische Anarchistin, auch noch während und nach ihrer Beteiligung an der Kolonne Durruti in der spanischen Revolution 1936. Sie unterstützte erst nach dem Überfall der Nazis auf die Tschechoslowakei 1938 die alliierte Kriegsführung, was zeitlich mit ihrer Hinwendung zur Christin zusammenfiel.

In ihrer biographischen Zusammenfassung umrundet Erika Schweizer ein wenig den anarchistischen und anarchosyndikalistischen Lebensabschnitt Simone Weils (S. 64ff.), der subtil, aber durchaus spürbar auch in ihrer späteren, christlichen Lebensphase wirksam blieb.

Immerhin wird ihre Zugehörigkeit zum "revolutionären Syndikalismus" (S. 69) benannt. Eine im Verlag Graswurzelrevolution für das kommende Jahr geplante Veröffentlichung eines französischsprachigen Werkes zu "Simone Weil und der Anarchismus", herausgegeben von Charles Jacquier, wird hierzu die notwendige Ergänzung liefern.

Ein Verdienst der Autorin ist es, mit Hilfe des bisher unbekannten Textes von Nelly Sachs auf den wunden Punkt von Simone Weil hinzuweisen:

"Simone Weil war Jüdin. Sie liebte ihr Volk nicht. Sie, die die Gaben ihres Geistes in die Arbeiterhütten trug und die Gefahren umarmte, sie erwähnt die unerhörten Leiden ihres Volkes nicht. Sie schließt die Pforte vor seinem Urquell, dem alten Testament." (Sachs, zit. n. S. 486)

Erika Schweizer analysiert ausführlich den christlichen Antijudaismus von Simone Weil, der umso überraschender ist, weil sie sich ja selbst als Betroffene (Lehrverbot) des Vichy-Regimes gegen das "Statut des Juifs" vom 3.10.1940 wandte. Sie tat das als assimilierte Jüdin und kritisierte in einem Protestbrief das "Wort Jude" in zeitgenössischer, für Assimilierte typischer, der Aufklärung verpflichteter Form als für sie nicht zutreffend. Hier unterscheiden sich Nelly Sachs und Simone Weil: Letztere, die Fürsprecherin der Flüchtlinge und Verfolgten, entwickelte eine christliche, auf das neue Testament orientierte Mystik und kritisierte gerade in jener Zeit das alte Testament (1940-42), in der Jüdinnen und Juden massenhaft verfolgt und vernichtet wurden. Auch wenn Simone Weil "nicht um das ganze Ausmaß der Shoa gewusst haben kann" (S. 110), kommt Erika Schweizer zu dem Schluss: "Sie behandelt die Not jüdischer Menschen allenfalls individuell auf menschenrechtlicher Ebene, und es ist ihr darum selbstverständlich, einem jüdischen Flüchtling, wie jedem anderen auch, zu helfen. So bleibt der harte Widerspruch, dass sie zwar bereit ist, ihr Exil und ihr Leiden unter der Gewaltherrschaft des Faschismus anzunehmen, aber unfähig bleibt, dieses Schicksal als Wirklichkeit der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu begreifen und in Solidarität mit dem jüdischen Volk zu verstehen." (S. 111)

Nelly Sachs geht den entgegengesetzten Weg. Sie stellt ihre Lyrik in die kabbalistische Tradition jüdischer Schöpfungsmystik mit Schwerpunkt altem Testament und betont die Leidens-Solidarität mit den Opfern der Shoah. Sachs über Weil: "Wenn sie den Gott der Juden ablehnt ebenso wie Rom, so kann sie nur das Autoritative, jenen Volksgott meinen, den eine frühe primitive Vorstellung schuf und der ja bei den Propheten längst ewige Dimensionen annahm. In diesen Dingen bin ich oft nicht mit ihr einig." (Sachs, zit. nach S. 89) Simone Weil kannte die jüdische Tradition zu wenig und beging Interpretationsfehler.

Trotzdem ist gerade die sich zur jüdischen Verfolgungsgeschichte hinwendende Nelly Sachs fasziniert von Simone Weil und fragt in "Stille und Schmerz", ob denn Simone Weil vielleicht "dennoch die Verwandtschaft (...)" ahnte? (S. 486) Wie zentrale Motive der christlichen Mystik von Simone Weil und der jüdischen Mystik von Nelly Sachs konvergieren, das zeigt Erika Schweizer in ihrem umfangreichen Hauptteil anhand der von beiden verwendeten Sprachsymboliken von "Licht, Finsternis und Liebe" sowie in beider Auseinandersetzung mit Hiob, Antigone, Jesus Christus, Franz von Assisi, Baalschem (jüdischer Mystiker, 18. Jh.), um nur einige Personen innerhalb dieser faszinierenden Abhandlung zu nennen.

Thomas S. Eiselberg
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