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397 märz 2015
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schwerpunkt: so viele farben - gegen rassismus
>> 397 märz 2015

"Lesen die ihren Kindern Pixi-Bücher vor?"

Ein Interview mit dem Filmemacher Hauke Wendler

Dokumentarfilmer Hauke Wendler im Gespräch mit GWR-Mitherausgeber Nicolai Hagedorn über seinen neuen Kinofilm "Willkommen auf Deutsch" [vgl. GWR 395, S. 20], fanatische deutsche Bürokraten, Alltagsrassismus und Fortschritte im Kampf dagegen.

Graswurzelrevolution (GWR): Wie geht es den im Film gezeigten Flüchtlingen?

Hauke Wendler: Von den fünf albanischen Flüchtlingen, die wir begleitet haben, sind drei bereits "freiwillig" ausgereist.

So heißt das offiziell, wenn die Ausländerbehörde so lange mit späteren Einreisesperren und ähnlichem droht, bis die Leute einknicken und, sofern das überhaupt geht, Deutschland verlassen. Das pakistanische Ehepaar und auch die tschetschenische Familie, die im Film eine wichtige Rolle spielen, sind nach wie vor im Landkreis Harburg und warten auf die Bescheide zu ihren Asylanträgen. Diese Ungewissheit ist für alle hart, weil sie einfach nicht zur Ruhe kommen.

GWR: Wie geht man so ein Dokumentarfilm-Projekt an? Fährt man da einfach mal in diese Dörfer, filmt und hofft, dass sich nachher ein Film zusammenschneiden lässt, oder habt ihr vorher schon eine Art "Drehbuch" geschrieben?

Hauke Wendler: Als wir 2013 die Bilder von den Protesten gegen ein neues Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf gesehen haben, war uns klar, dass wir unbedingt einen neuen Film zum Thema Flucht und Asyl machen wollten.

Dann stehen erst einmal jede Menge Vorarbeiten an: Recherchieren, lesen, planen, lange Vorgespräche mit möglichen Protagonisten. Das dauert. Aber da entscheidet sich erst, ob ein Film inhaltlich und formal ein gewisses Potential hat oder nicht. Bei den Recherchen sind wir zuerst auf Makka gestoßen, die tschetschenische Mutter mit den sechs Kindern.

Erst danach haben wir nach weiteren Protagonisten gesucht. Wir haben uns bei unseren vorherigen Projekten ja eher auf einzelne Flüchtlinge und ihr persönliches Schicksal konzentriert. Bei ‚Willkommen auf Deutsch' wollten wir auch die Reaktionen der deutschen Bevölkerung einfangen, ihre Sorgen und Ängste, aber auch den Alltagsrassismus, der vielfach herrscht.

Ich glaube, das ist auch das Besondere an diesem Film. Aber was aus so einem Projekt wird, hängt stark vom Zufall ab. Von den Menschen, mit denen man dreht, davon, wie weit sie sich öffnen. Da ist auch eine Menge Glück im Spiel.

GWR: Wie habt ihr die Stimmung auf der gezeigten Bürgerversammlung, auf der gegen die Flüchtlings-Unterbringung in der Gemeinde Appel polemisiert wird, erlebt? Gehen diese Leute zur Not los und werfen Brandsätze oder sind das eher Maulhelden?

Hauke Wendler: Das ist Quatsch. Von den Menschen, die wir in Appel kennengelernt haben, wirft keiner einen Brandsatz. Da bin ich mir absolut sicher. Aber diese Stimmung während der Bürgerversammlung, diese aufgeladene Masse, aus der heraus sich Einzelne nach vorne wagen und böse werden, das hat schon etwas Bedrohliches. Aber auch darum geht's bei unserem Film ja: Wir wollen, dass diese Positionen vom Stammtisch an die Öffentlichkeit kommen. Um darüber zu reden und zu streiten, vor allem, damit sich all diejenigen ein Bild machen können, die unentschieden in der Mitte stehen. Wir müssen diesen Diskurs führen, um endlich zu besseren, nachhaltigen Gesetzen zu kommen. Alles Andere baden nur die Flüchtlinge aus, die in ihrer Not keine Alternativen haben. Denen nutzt eine Zuspitzung der Diskussion nämlich kein Stück.

GWR: Meistens verändern solche "Reformen" die Verhältnisse eher zu Ungunsten von Flüchtlingen und Asylsuchenden. Warum bist du optimistisch, dass das diesmal anders sein könnte?

Hauke Wendler: Ich bin da keinesfalls nur optimistisch. Das wäre naiv. Aber ich habe in den vergangenen 20 Jahren so viele Flüchtlinge und Migranten in Extremsituationen kennengelernt, dass ich meine politische Einschätzung der Lage nur bedingt von ihren persönlichen Interessen trennen kann. Wenn es jetzt zum Beispiel erste Erleichterungen im Bereich der Residenzpflicht oder der Arbeitsmöglichkeiten für Asylbewerber gibt, dann ist die Welt dadurch keinen Deut besser geworden.

Aber Larisa, die 21-jährige Tschetschenin aus unserem Film, darf aufgrund der neuen Regelungen jetzt in einem Altenheim im Nachbarort arbeiten. Da verdient sie kaum Geld, aber das ist so viel besser, als den ganzen Tag ohne Beschäftigung in der Bude herum zu hocken und vor innerer Anspannung die Wände hochzugehen. Das kann ich nicht ignorieren.

Gleichzeitig ist es inakzeptabel, dass diese Gesetzesänderungen derzeit nur vor dem Hintergrund von Wirtschaftsinteressen diskutiert werden, die auf billige und willige Arbeitskräfte abzielen und auf mehr nicht. Und da gilt es auch, Menschenrechte ganz grundsätzlich zu verteidigen.

GWR: Wenn man die Hilfesuchenden einerseits und die Wutbürger und Angsthaber andererseits persönlich kennenlernt und sie begleitet, wie schafft man es da, neutral zu bleiben und einen so verständnisvollen Film zu machen?

Hauke Wendler: Die Arbeit an so einem Film ist für uns auch eine Reise ins Ungewisse. Das empfinde ich persönlich als großes Glück, dass wir dabei immer wieder Menschen kennenlernen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Aber das ist natürlich auch Stress. Als etwa Larisa akut von Abschiebung bedroht war, bin ich vier-, fünfmal die Woche zu der Familie gefahren. Und da erinnere ich mich an lange und wütende Fahrten auf der Autobahn. Da hat man als Autor natürlich auch Angst, gerade um diese Kinder. Andererseits habe ich kein emotionales Problem damit, ein langes Interview mit Hartmut Prahm von der Bürgerinitiative in Appel zu machen, der ja offen gegen das geplante Asylbewerberheim polemisiert. Das ist unser Job: Zuhören, nachfragen, verdichten. Und dabei versuchen, auch diesen Menschen gerecht zu werden. Wir reden ja schließlich nicht mit Nazis, das würde mich kein Stück interessieren.

Wir reden mit Leuten aus der bürgerlichen Mitte, deren Meinungen leider für viele andere in Deutschland stehen. Und die gilt es möglichst objektiv abzubilden. Das versprechen wir den Leuten vorab und daran halten wir uns. Auch weil es im Film eine viel stärkere Wirkung hat, wenn der Zuschauer sich sein eigenes Bild machen kann.

GWR: Kay Sokolowsky schrieb zuletzt in "konkret" über die Pegida-Anhänger: "Sie möchten keinem der herkömmlichen Lager zugeordnet werden, weil sie es auf eine bürgerliche Klientel absehen, die zwar faschistisch denkt, sich aber für demokratisch hält." Damit dürfte er solche Leute wie die Appeler Wutbürger in eurem Film meinen, die Angst um ihre Töchter haben, weil "diese Ausländer" ihre "männlichen Bedürfnisse" an ihnen befriedigen könnten, oder dem Vertreter des Landkreises Harburg erklären, er könne seine "Neger" wieder mitnehmen. Was würdest du Sokolowsky entgegnen?

Hauke Wendler: Natürlich ist es wichtig, bei Protesten wie Pegida zu schauen, welche politischen Interessen dahinter stehen. Ich würde diese Analysen aber nicht pauschal einer größeren Menschengruppe wie zum Beispiel allen Bewohnern des Dorfes Appel überstülpen wollen. Das ist zu plump und bringt niemanden weiter, schon gar nicht die Flüchtlinge.

Das Schöne am Beispiel Appel ist, dass sich am Ende der Teil der Dorfbewohner durchsetzt, der eine kleinere Gruppe von Asylbewerbern aufnehmen und unterstützen möchte. Da wird Deutschunterricht gegeben, da werden private Fahrdienste eingerichtet. Letztlich sind dadurch persönliche Kontakte entstanden, mit mehr Verständnis füreinander. Das finde ich gut.

GWR: Das Thema hat ja eine gespenstische Aktualität. Wie bewertest du die ausländerfeindlichen Bewegungen in Deutschland?

Hauke Wendler: Ich habe Anfang der 90er Jahre begonnen, mich mit dem Thema zu beschäftigen und wenn ich die Stimmung heute mit diesen Jahren vergleiche, dann bin ich froh, dass sich etwas bewegt hat. Wir haben auch in Tespe und Appel immer wieder Menschen getroffen, die Flüchtlingen helfen wollen. Das ist für mich ein klarer Unterschied zu den 90ern.

Andererseits schaffen Pegida und ähnlich dumpfe Veranstaltungen ein Klima, in dem viele ihren rassistischen Vorurteilen plötzlich freien Lauf lassen. Davor habe ich Angst: Dass die Situation an einzelnen Orten wieder eskaliert.

GWR: Besonders treffend in eurem Film ist ja, dass einige Flüchtlinge, deren Unterbringung in einem ehemaligen Altersheim von einer Bürgerinitiative verhindert wird, schließlich ausgerechnet im "Deutschen Haus" unterkommen. Was würdest du sagen, ist das Spezifische am deutschen Umgang mit Hilfesuchenden?

Hauke Wendler: Ja, das ‚Deutsche Haus', auch so ein Glücksfall für den Film. Wenn es den Namen des Hotels nicht schon gegeben hätte, hätten wir ihn eigenhändig dranschrauben müssen. Aber zurück zur Frage: Ich glaube, dass es in fast allen Gesellschaften Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gibt, überall auf der Welt. Das ist ein so dumpfes Gefühl, an das sich wahnsinnig leicht appellieren lässt, da kann jeder Inländer gleich mitmachen. Was mich in Deutschland immer wieder schockiert, ist der Fanatismus, mit dem etwa die Ausländerbehörden hier ihrer Arbeit nachgehen. In unserem letzten Dokumentarfilm ‚Wadim' wurde ein 18-jähriger nach jahrelangen Duldungen, die oft nur für wenige Tage verlängert wurden, in ein ihm fremdes Land abgeschoben und aus seiner Familie herausgerissen. Mitten in der Nacht, nachdem sich die Mutter nebenan in ihrer Not gerade den Arm mit einem kaputten Marmeladenglas zerfetzt hatte.

Welche Behörde denkt sich solche Einsätze aus? Und wer zieht sie vor Ort durch? Und fahren die dann abends auch nach Hause und lesen ihren Kindern Pixi-Bücher vor? Da würde ich mir erhoffen, dass dieses Land endlich zu der Einsicht kommt, dass wir seit 20 Jahren ein Einwanderungsland sind und dass wir uns dieser Realität endlich stellen müssen. 51 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Da können wir uns über 200.000 Asylbewerber im Jahr 2014 nicht beschweren. Das muss dieses Land besser hinbekommen.

GWR: Wie läuft das Projekt der Kinovorführungen? Werden die Filme nur gezeigt oder gibt es Diskussionsveranstaltungen dazu?

Hauke Wendler: Nachdem wir anfangs ganz schön kämpfen mussten, läuft die Vorbereitung des Kinostarts jetzt sehr gut.

Wir haben einen kleinen, ganz großartigen Filmverleih in Hamburg, der sich da voll reinhängt. Außerdem gibt es ein breites Netz von Gruppen und Initiativen, die sich zum Thema und auch zu dem Film engagieren, von Pro Asyl bis zur Interkulturellen Woche.

Wir konnten schon gut 40 Kinovorführungen mit anschließender Podiumsdiskussion fix machen und ich hoffe, es werden noch mehr. Wer den Film bei sich im Kino zeigen lassen und danach diskutieren möchte: Anrufen. Wir freuen uns!

Interview: Nicolai Hagedorn
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