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Gelungener Einstieg in die anarchistische Kulturgeschichte

Litvak, Lily (coord.), Anarquismo: cultura y ética [Schwerpunktausgabe], in: el rapto de europa. Revista de pensamiento y creación 29, Oktober 2015, 83 Seiten

Lily Litvak ist anerkanntermaßen eine der weltweit besten Expertinnen zur anarchistischen Kultur in Spanien. Ihre Arbeiten "La mirada roja" [‚Der rote Blick'] und "Musa libertaria" [‚Libertäre Muse'] sind Meilensteine der Anarchismusforschung über die Zeit der Jahrhundertwende; als Herausgeberin wichtiger literarischer Quellen aus der anarchistischen Kulturgeschichte ist sie ebenfalls hervorgetreten.

Als sei das alles nicht genug, besitzt sie auch noch überragende Kenntnisse zu solch unterschiedlichen Bereichen der spanischen Literatur wie der erotischen Massenliteratur des frühen 20. Jahrhunderts oder dem Werk des großen andalusischen Dichters Juan Ramón Jiménez. Man durfte also gespannt sein, wie Litvak eine Schwerpunktausgabe der spanischen Kulturzeitschrift El rapto de europa [‚Der Raub der Europa'] zum Thema "Anarchismus: Kultur und Ethik" koordinieren und zusammenstellen würde.

Die Zeitschrift El rapto de europa ist ein kleines, aber feines Magazin, das sich bemüht, kulturelle, literarische und philosophische Fragen auf wissenschaftlich hohem, zugleich aber allgemeinverständlichem Niveau zu diskutieren. Mit Anarchismus hatte die Redaktion bisher nichts zu tun. Dies mag erklären, warum sie es fertigbringt, den Namen ihrer berühmten Koordinatorin auf den ersten fünf Seiten gleich zweimal falsch zu schreiben: Einmal dankt sie "Lily Litvek" (S.2) für ihre großzügige Mitarbeit, dann wird auf die außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen von Frau Professor "Lily Litvack" (S. 5) hingewiesen.

Dazwischen steht der Name, für alle deutlich lesbar, in korrekter Schreibweise (S. 3). Ist das nun ein Versehen oder schon offenes Desinteresse? Üble Vorahnungen machen sich breit.

Sie schwinden beim Weiterlesen. Die Redaktion von El rapto de europa und vor allem ihre Lektorinnen und Lektoren mögen bei der Fertigstellung ihres Bandes noch nicht ganz ausgeschlafen gewesen sein, ihre Schwerpunktausgabe jedoch ist eine gelungene Angelegenheit, die für Fachleute und neugierige Laien gleichermaßen interessant ist. Lily Litvak hat hervorragende Experten für die Mitarbeit gewinnen können, nicht minder überzeugende ältere Texte beigemischt und das Ganze mit einigen literarischen Werken aus anarchistischer Feder abgerundet, die zum Teil noch unbekannt waren. Herausgekommen ist ein Band, der auf denkbar knappem Raum einen tiefgreifenden und differenzierten Einblick in die anarchistische Kulturarbeit bietet und gleichzeitig fast schon als Einführungsbüchlein verwendet werden kann, seiner großen Klarheit und Anschaulichkeit wegen. Es lohnt sich, fähige Fachleute mit derartigen Aufgaben zu betrauen.

Den Anfang macht ein älterer Text von Heleno Saña, "La ética anarquista" [‚Die anarchistische Ethik'] (S. 7-17). Saña kann im wissenschaftlichen Kontext ein durchaus problematischer Autor sein. Seine Ausführungen zum ethischen Grundverständnis des Anarchismus jedoch sind ein kleines Meisterwerk: knapp, klar, kenntnisreich, reflektiert, und trotz ihrer offenen Parteilichkeit korrekt und überzeugend. Sollte es noch keine deutsche Übersetzung geben, wäre sie wünschenswert.

Es folgt ein Beitrag von Arturo Ángel Madrigal Pascual über die anarchistische Plakatkunst während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) (S. 17-35). Madrigal ist in Spanien ein Pionier der kulturellen Anarchismusforschung, der mit seiner Doktorarbeit (u.a.) über die anarchistische bildende Kunst ("Arte y compromiso. España 1917-1936" [‚Kunst und Engagement. Spanien 1917-1936'], erschienen 2002) Maßstäbe gesetzt hat. Seine Studie über die künstlerisch innovative Plakatkunst der Anarchisten während des Bürgerkriegs schüttelt er sozusagen aus dem Ärmel, so sicher ist seine Kenntnis der Materie. Unter anderem hebt er die große Eigenständigkeit hervor, die die organisierten bildenden Künstlerinnen und Künstler innerhalb der anarchistschen Bewegung genossen, und dass sie es waren, die die CNT mit Vorschlägen und Entwürfen versorgten, und nicht umgekehrt. Sie waren also nicht bloß ‚Auftragskünstler' ihrer Gewerkschaft, die kriegerische ‚Nutzkunst' herstellten. Dem Beitrag beigefügt sind einige qualitativ hochwertige Faksimile-Drucke anarchistischer Bürgerkriegsplakate.

David G. Panadero setzt sich mit dem Spielfilm "Carne de fieras" [‚Löwenfutter'] auseinander (S. 35-43), der in letzter Zeit des öfteren das Interesse der Forschung auf sich gezogen hat. Das Besondere an "Carne de fieras" ist dabei nicht unbedingt der Plot oder das leise avantgardistische Dekors, sondern die Tatsache, dass die Dreharbeiten unter dem Regisseur José María Estíbalis Calvo, der sich ‚Armand Guerra' nannte, in Spanien bereits liefen, als der Bürgerkrieg begann. So sieht man im Film im Hintergrund Milizkolonnen zur Front marschieren, und Guerra, der im Krieg klar Partei für die bedrohten Linkskräfte ergriff, wandelte mitunter sein Drehbuch ab, um die reale Geschichte des Augenblicks in seine Fiktion hineinzulassen.

Besonders erfreulich ist der Beitrag von Mary Carmen Lara Orozco über das anarchistische Theater (S. 43-59). Denn während sich die bisherigen Beiträge ganz auf Europa konzentrierten, geht es in Laras Studie um die anarchistische Kultur in Mexiko während der 1920er Jahre. In einer Zeit, in der bahnbrechende Studien über den Anarchismus im kolonialen und postkolonialen Raum vorliegen, ist eine solche Ausweitung der Perspektive dringend geboten.

Lara wendet sich der Rolle des Theaters als agitatorischem Medium und gemeinschaftsstiftendem gesellschaftlichem Ereignis zu, kontextualisiert die von ihr untersuchten Aufführungen aber immer auch sozial-und arbeitsgeschichtlich. Die ‚Bühne' des politischen und kulturellen Kampfes ‚ihrer' Anarchistinnen und Anarchisten ist die Hafenstadt Veracruz. Die Unterschiede in der politischen und kulturellen Praxis dies- und jenseits des Atlantiks sind augenfällig.

Während beispielsweise die anarchistischen Mujeres Libres [‚Freie Frauen'] während des Spanischen Bürgerkriegs sogenannte Liberatorios de la prostitución einrichteten [‚Einrichtungen zur Befreiung von der Prostitution'], um Frauen durch berufliche Ausbildung vom Strich zu erlösen, organisierten in Veracruz die Anarchistinnen und Anarchisten die zahllosen Prostituierten der Stadt gewerkschaftlich, in ihrem Sindicato de Mujeres Libertarias [‚Gewerkschaft anarchistischer Frauen'].

Beim berühmten Mietstreik 1922 waren es just die Prostituierten, die an vorderster Front kämpften und beispielsweise mitten in der Stadt die Einrichtungen ihrer überteuerten Bleiben demonstrativ verbrannten, ehe die Polizei sie gewaltsam vertrieb. Auch in Dramen wie Ricardo Flores Magóns "Verdugos y víctimas" [‚Henker und Opfer'] wurden die Prostituierten nicht als ‚gefallene Mädchen' dargestellt, sondern als selbstbewusste Opfer sozialen Unrechts, das es zu bekämpfen galt. Laras Studie ist ein überzeugendes Beispiel dafür, dass man sich durch den universalen Anspruch der anarchistischen Utopie wissenschaftlich nicht blenden lassen sollte: Die kulturelle (und auch politische) Praxis der Bewegung(en) wurde durch nationale, regionale und manchmal sogar lokale Besonderheiten geprägt, die zuweilen im offenen Widerspruch zur ‚Leitideologie' standen. Dieses Wissen im Zuge des vieldiskutierten "transnational turns" der anarchist studies zu vernachlässigen, führt zu Ungenauigkeiten, Schiefheiten, und manchmal zu libertärer Propaganda in wissenschaftlichem Gewand.

Der literarische Teil des Bandes besteht zum einen aus Kurzerzählungen des anarchistischen Schriftstellers Rafael Barrett (S. 59-71), der von 1876 bis 1910 lebte, und Gedichten des zeitgenössischen Dichters Claudio Rodríguez Fer, der zugleich Inhaber der Cátedra Valente für Poesie und Ästhetik ist (S. 71-83). Beide liefern wertvolles Primärmaterial.

Vor allem die Gedichte von Rodríguez Fer sind auch künstlerisch überzeugend und beweisen, dass anarchistische Poesie weder dünn, blechern, noch ein Ding der Vergangenheit sein muss. Die literarische Produktivität der anarchistischen Kultur durch die Jahrhunderte wird hier besonders augenfällig.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Lily Litvak durch die gründliche und zielführende Auswahl der Beiträge das Kunststück fertig gebracht hat, die wissenschaftliche Forschung zur anarchistischen Kultur einerseits voranzubringen, und andererseits all jenen, die noch nie von einer solchen Kultur gehört haben, einen kompetenten, verständlichen und gründlichen Einstieg ins Thema zu ermöglichen. Es gibt nicht viele, die eine solche ‚Quadratur des Kreises' fertigbekommen.

Die Schwerpunktausgabe von El rapto de europa ist daher uneingeschränkt zu empfehlen. Spanisch allerdings sollte man können, um sie zu genießen.

M. Baxmeyer
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