ökologie

Der Kristallisationspunkt der Klimabewegung

Zehntausende im Hambacher Wald

| Nicolai Hagedorn

Im Hambacher Forst konstituiert sich die Umweltbewegung neu. Die kapitalistische Weltzerstörung trifft auf gesellschaftlichen Widerstand.

Die Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst haben einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Mit einer Großdemonstration und 50.000 Teilnehmern könnte sich eine neue ernstzunehmende Umweltbewegung konstituiert haben, die sich von angeblichen Sachzwängen nicht davon abhalten lässt, für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen zu kämpfen und dabei auch wehrhaft zu demonstrieren. Unter den Augen der sehr defensiven Polizei wurden Barrikaden errichtet, Gräben gegraben, Transparente aufgespannt und Hängematten aufgehängt. Mehrere Teilnehmer*innen berichten von einer sehr bunten Demonstration, Feierstimmung auf der einen Seite, Baggerblockaden und anderen ernst- und wehrhaften Aktionen andererseits.

Im Laufe des des Abends begannen die Aktivist*innen, neue Baumhäuser im Hambacher Forst zu errichten.

Bereits in den Tagen zuvor war die Rodung des Waldes gerichtlich gestoppt worden, ein weiteres Gericht erklärte den Versuch der Aachener Polizei, die Demonstration zu verbieten, als rechtswidrig.

Dementsprechend wurde wie geplant demonstriert.

 

„Die vergangenen beiden Tage könnten so etwas wie der Fukushima-Moment der Klimabewegung gewesen sein“

Die GWR sprach mit einigen der Aktivist*innen vor Ort:

Alexis Passadakis (Attac) über die politische Bedeutung der Demonstrationen: „Die vergangenen beiden Tage könnten so etwas wie der Fukushima-Moment der Klimabewegung gewesen sein. Durch die große Mobilisierung und auch die von der Bewegung erzwungenen juristischen Entscheidungen ist die Delegitimierung so groß geworden, dass der ganze Kohlekomplex endlich ins Rutschen kommen könnte. So etwas fällt aber nicht vom Himmel. Die Diskursverschiebung ist Ergebnis von acht bis zehn Jahren Bewegungsaufbau und transnationaler Vernetzung. Das Ganze ist ein komplexes Bewegungsphänomen, das jetzt Früchte trägt.“

Ralph Nierula über die wehrhafte Demonstration am Samstag und die politischen Hintergründe der Aktionen: „Auf den Wegen sind tausende Menschen unterwegs. Nähert man sich der Kohlegrube, endet der Wald und man steht Polizeibussen und einer Polizeikette gegenüber. Die Aufforderungen der Polizei, sich der Grube nicht zu nähern, werden von den Menschen ignoriert, sie laufen einfach durch die Ketten und die Polizist*innen scheinen begriffen zu haben, dass sie diese Menschenmenge nicht aufhalten werden. An der Abbruchkante sind unterdessen einige Hundert in die Grube geklettert und bilden mit ihren Körpern den Schriftzug „Hambi bleibt“.

Auch Landwirte aus der Umgebung protestierten mit.

Der Protest gegen die Zerstörung des Hambacher Waldes ist ein Kristallisationspunkt ökologischer Proteste der Gegenwart, die sich gegen vieles richten. Aber hier ist etwas anders, hier klafft eine Wunde, deren Dimensionen, wenn man davor steht, einem die Sprache verschlägt. Durch das Engagement der Aktivist*innen, durch die idiotische Öffentlichkeitspolitik von RWE und durch das Verhalten der Polizei konnte hier etwas entstehen, das der Albtraum von Energiewirtschaft und Regierung ist: Eine kritische Öffentlichkeit, die sich zu Zehntausenden in Bewegung setzt und weder das Eigentumsrecht des Konzerns, noch die Anweisungen der Sicherheitsbehörden beachtet und einen Eigenwert der Natur propagiert, der betriebswirtschaftlicher Kalkulation und staatlicher Planung unzugänglich ist.“

Pablo zu den Aussichten für die eingeleitete Neubesetzung des Waldes: „Die schiere Menge an Leuten ist eine gute Bestätigung für die Aktivisten im Wald und eine gute Gelegenheit für den Wiederaufbau der Baumhäuser.“

Stefanie Wolff zu den Eindrücken und aus dem Protest abzuleitende Forderungen: „Der heutige Protest ist eine klare Absage an die Braunkohle und darüber hinaus auch an ein auf Profitmaximierung ausgelegtes Gesellschaftssystem. Ich würde mir wünschen, dass wir alle noch viel mehr für unsere Interessen und Ideen für ein gutes Leben auf die Straße gehen und der gefühlten Machtlosigkeit die Zuversicht entgegensetzen, dass Veränderungen möglich sind. Nichts ist in Stein gemeißelt.“

Sven aus Frankfurt zu seinen Eindrücken: „50.000 sollen es gewesen sein, die heute dem Hambacher Forst und, sicherlich ein paar weniger, die der Abbruchkante auf dem Betriebsgelände der RWE einen Besuch abgestattet haben. Für viele ein Freudentag, ein Etappensieg, zumal die Gerichte zuvor einen Rodungsstopp verfügt und das polizeiliche Demoverbot kassiert hatten. So stand die Exekutive heute bloß unbehelmt und ohne großes technisches Gerät am Rande des Tagebaus und bat die Demonstrant*innen höflichst, doch nicht ihr Leben zu gefährden und ’sich nicht unglücklich zu machen‘. Aufgehalten haben sie niemanden, die Aufforderungen und Bitten vielmehr ein Lächeln auf die Gesichter gezaubert. Der von RWE in den letzten Wochen frisch angelegte und zuvor von Polizeikräften freigeschlägerte Weg zum Krater wurde heute von Trommler*innen und einer Harfenspielerin flankiert, Aktivist*innen brachten sogar Hängematten zwischen Bäumen an. Ja, es war ein Tag, an dem sich jeder im Einklang mit der Welt, dem Staat und all den anderen fühlen konnte, die es zu diesem Happening geschafft haben. Schade eigentlich, dass das Vetrauen in die Institutionen so groß und der Mut zu direkteren und betriebsschädigenden Aktionen so gering gewesen zu sein schien. 50.000 sollen es gewesen sein.“

Elif über Alternativen und Ausblicke:

„Kohle und Atomkraft können und müssen abgeschafft werden. Eine zukünftige Energieversorgung kann ganz andere Wege wählen, als die Vermittlung über große Marktunternehmen, die die Energiewirtschaft unter sich aufteilen und damit Macht über Preis und Art der Energiegewinnung ausüben können.

Bereits jetzt benutzen Verbraucher*innen und Kommunen Formen der Energiegewinnung, die dezentral organisiert werden können, wie Solartechnik, Windkraft und Erdwärme.

Eine mögliche Zukunft unserer Energiegewinnung könnte darin bestehen, dass sich Verbraucher und Kommunen lokal und überregional organisieren, um gemeinsam darüber zu (beraten und zu) entscheiden, welche Kombination von erneuerbaren Energiequellen den Bedarf der örtlichen Bevölkerung decken kann.“

Gesammelt von Nicolai Hagedorn

Ausführliche Berichte und Einschätzungen zum Thema in der monatlich erscheinenden Druckausgabe der GWR. Schnupperabos gibt es hier.