transnationales

Soziale Bewegungen in Athen

Ein Update

| Peter Oehler

Embros, Graffiti mit Aléxis Tsípras. Foto: Peter Oehler

Bei meiner diesjährigen Rundreise durch Griechenland bin ich zum Abschluss für eine Woche in Athen und Piräus gewesen. Ich habe dort wieder viele Leute und Einrichtungen besucht, die ich bereits im Sommer 2015 (siehe GWR 405) und im Sommer 2016 (siehe GWR 413) kennengelernt hatte. Gerade durch den erneuten Kontakt und die Gespräche, die ich dabei geführt habe, war es mir möglich, Veränderungen wahrzunehmen. Das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus der Vielfalt griechischen Lebens dieser Großstadt. Aber dennoch möchte ich ein paar Fragen beantworten: Wie haben sich die sozialen Bewegungen in Athen entwickelt? Auch: Wie geht es aktuell den Menschen in Griechenland? Was ist mit der Armut und wie zeigt sie sich? Wie ist die Situation der Geflüchteten in Athen?

Exárchia, das Zentrum des griechischen Anarchismus

Exárchia ist nach wie vor ein einzigartiges Athener Stadtviertel. Diesmal bin ich hier doch tatsächlich der Polizei begegnet. In einer Straße parkte ein dunkelblauer Polizeibus am Straßenrand. Jeweils an der Kreuzung vor und hinter dem Bus stand je ein hochbewaffneter Polizist mit Schutzschild. Ich dachte mir, was ist denn hier Größeres im Gange. Bis mir klar wurde, dass das stimmt, was ich bisher nur gehört hatte: Die Polizei traut sich nach Exárchia nur in Mannschaftsstärke hinein. Das ist mindestens seit den schweren Ausschreitungen Ende 2008 so. Damals, als ein Jugendlicher von der Polizei erschossen worden ist (die GWR berichtete). In einer der Fußgängergassen kann man auch eine Gedenktafel finden, auf der steht: „Hier erlosch am 6. Dezember 2008 völlig grundlos das kindliche Lächeln des unschuldigen fünfzehnjährigen Alexandros Grigoropoulos durch die Kugeln der unreumütigen Mörder.“ Bei einem weiteren Streifzug durch Exárchia sehe ich, wie ein wütender junger Mann mit einer Art von Knüppel auf ein altes Auto einschlägt. Die Scheiben zersplittern, der Außenspiegel fällt ab, das Blech beult sich. Der Mann zieht lautstark von dannen. Die beiden Besitzer des Autos stehen ratlos daneben. Sie werden sich vielleicht nicht ganz korrekt verhalten haben. Aber auch das ist Exárchia. An einem Samstagabend gehe ich auf die Platía Exarchíon. Auf selbstgemalten Pappschildern war zu einem „Festival to Live“ eingeladen worden. Aber das Bild, das dieser dreieckige Platz unter den nächtlichen Bäumen liefert, ist nicht anders wie an anderen Abenden auch: Ein Großteil der meist männlichen Besucher sitzt in den Nischen und im Halbdunkel herum und ist vornehmlich mit Kiffen beschäftigt. Die angekündigte Livemusik entpuppt sich als eine Jam Session mehrerer Musiker, spontan begleitet von abwechselndem Gesang auf Griechisch, aber das ist recht gut.

Gedenktafel für Alexandros. Foto: Peter Oehler

Mitten in Exárchia liegt ein mittlerweile mit dichtem Grün zugewachsener kleiner Park in dem ansonsten dicht bebauten Stadtteil. Dagegen wirken die Bäume der Platía Exarchíon geradezu kahl und hager. Aufmerksam geworden auf diesen Park bin ich durch den Film „Parko“ (1), der auf einer Werkschau neuer griechischer Filme 2017 im Kino des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt gezeigt worden war. Dieser Dokumentarfilm thematisiert, wie ein ursprünglich asphaltierter Parkplatz von Nachbar*innen und Aktivist*innen zu einem belebten Park umgestaltet worden ist. Dies ist während der Aufstände in 2008 passiert. Auf einem Parkschild mit dem griechischen Titel „Selbstverwalteter Navarino Park“ steht (nur teilweise zu lesen, da das Schild durch ein großes anarchistisches „A“ „verziert“ worden ist): „On March 7, 2009, the self-managed Parko Navarino was born in the heart of Exarcheia…“ Unterschrieben mit einem: „Solidarity is our weapon.“

Leben in der Krise / AirBnb

Die Lage ist schlimmer geworden. Gerade in der Großstadt Athen schlagen sich viele mit teilweise zwei oder drei (schlecht bezahlten) Jobs durchs Leben. Ein Grieche sprach mir gegenüber sogar von einem Genozid an den Griechen. Früher ging das durch Krieg, heute durch Aushungern. Einem Schulden für irgendetwas anhängen, und dann nach und nach ausnehmen. Er meinte pessimistisch, dass in 30 Jahren nur noch drei Millionen Griechen in Griechenland leben werden. Aber er sagte auch, dass die meisten Griechen der Meinung sind, dass zu viele Flüchtlinge im Land seien. Meinen Vorwurf wies er barsch zurück: Sie seien keine Rassisten, wenn sie sagen, es sind zu viele. Wie dem auch sei, aber Schulden fallen auch nicht so einfach vom Himmel.

Trotzdem schleppen eine ganze Reihe von Griechen Schulden vor sich her. Entweder durch einen alten Kredit, oder mal das Problem gehabt, Strom, Wasser, Telefon oder die Krankenkasse nicht pünktlich bezahlen zu können, und schon häuft sich ein kleiner Schuldenberg auf. Den man dann mühsam und oft jahrelang versucht, wieder abzubezahlen. Und so spielt die Plattform AirBnb für viele Athener eine wichtige Rolle, um zusätzliche Einkünfte zu generieren. Viele bieten nicht oder nur teilweise genutzte Räume als Privatunterkunft an. Manche Wohnungen werden ausschließlich für AirBnb genutzt, was im Sinne einer Wohnraumzweckentfremdung durchaus kritisch zu sehen ist. Und dadurch, dass es hier viele solcher Angebote gibt, gehört Athen konkurrenzbedingterweise zu den Großstädten mit den preiswertesten Privatunterkünften.

Bei einem meiner abendlichen Streifzüge bin ich auch an dem niedrigen Gebäude der Obst- und Gemüsehändler gegenüber der zentralen Markthalle vorbeigekommen. Direkt davor steht ein neuer, weißer Lieferwagen mit zwei Waschmaschinen auf der Ladefläche hinten, die bei geöffneter Heckklappe in Betrieb sind. Leute stehen herum und warten. Zur Unterhaltung läuft auf einer Leinwand ein Laurel-und-Hardy-Film. Dies ist eine mobile Laundry for Homeless, sie unterstützt also Obdachlose in Athen. Dazu passt, dass mir eine Frau in Piräus eine kleine Geschichte erzählt hat. Sie war vor 40 Jahren in Paris gewesen, und hat dort zum ersten Mal in ihrem Leben Clochards gesehen, die bei Schnee im Januar sogar draußen geschlafen haben. Das war ihr neu, denn so etwas gab es damals nicht in Griechenland. Aber heutzutage sieht man hier in den Großstädten überall Obdachlose. Aber oftmals verbirgt sich die Armut bei den Griechen auch einfach hinter einer Fassade des Wohlergehens. Zum Beispiel wenn 26-Jährige gezwungen sind, bei ihren Eltern wohnen zu bleiben, weil sie kein oder zu wenig Geld verdienen.

Ich habe mich auch wieder mit Alexandra Pavlou getroffen, die in München aufgewachsen ist, aber schon lange in Athen lebt. Sie versucht, mit dem Übersetzen von Büchern vom Deutschen ins Griechische und der Untervermietung eines Teils ihrer Wohnung über AirBnb über die Runden zu kommen. Ab und zu unterstützt sie Besuchergruppen aus Deutschland als Dolmetscherin. Das ist auch der Fall, wenn Wolfgang Reinke, mit dem sie befreundet ist, und seinem Team vorbeikommt. Die Fertigstellung seines Films, der jetzt „Krisis“ heißt (2), hat sich verzögert (siehe auch meinen Artikel in der GWR 413). Dieser Film begleitet über einen gewissen Zeitraum drei Menschen, die bei einer sozialen Klinik in Piräus mitarbeiten. Der Film hatte im Mai 2018 in Berlin Premiere, und wurde seitdem auch in Leipzig und Dresden gezeigt. Eine Vorführung in Frankfurt ist für Anfang 2019 geplant. Alexandra war auch bei der Vorpremiere in Athen dabei gewesen. Im Oktober soll Wolfgang nach Athen gekommen sein, nämlich zur offiziellen Premiere. Der Film wurde bei einem großen Filmfestival in Thessaloniki abgelehnt, wahrscheinlich aus politischen Gründen: Es gibt Syriza-kritische Äußerungen in diesem Film.

Eldorado – The Struggle for Skouries

Ich habe auch wieder das alternative Zentrum Nosotros in Exárchia und das nach wie vor von KünstlerInnen besetzte freie und selbstverwaltete Theater Embros in Psirri besucht. Aber nach der Sommerpause läuft im September in diesen Zentren noch recht wenig. Im Nosotros war ich einmal oben auf der schönen Dachterrasse gewesen. Im Embros habe ich an einem Sonntagabend das wöchentlich und öffentlich stattfindende Plenum besucht, aber recht wenig verstanden.

Bemerkenswert fand ich ein Plakat am Eingang des Nosotros. Beworben wurde die Vorführung des Films „Eldorado – The Struggle for Skouries“ (3) am 9. September im Nosotros und am 10. September 2018 im Embros. Der Termin war zwar schon vorbei, zeigte mir aber doch, dass dieses Thema nicht nur in der Chalkidiki und in Thessaloniki (ich berichtete darüber in der GWR 424) nach wie vor wichtig ist, sondern auch in Athen. In Deutschland hört man darüber ja so gut wie nichts mehr.

18. September 2018: Fünf Jahre nach der Ermordung von Killah P. Pavlos Fyssas

Auch einen anderen Termin habe ich verpasst. Erst später habe ich das Plakat in Athen gesehen, das zu einer Demonstration zum 5. Todestag von Pavlos Fyssas nach Piräus am 18. September aufrief. Der Hip-Hop-Musiker und antifaschistische Aktivist Pavlos Fyssas mit dem Künstlernamen Killah P. war am 17. September 2013 von einem Mitglied der faschistischen Partei „Goldene Morgenröte“ in Piräus ermordet worden (vgl. GWR 433). Auch in deutschen Medien wurde damals darüber berichtet. (4)

Solidarität Piräus

Eine der Hauptaktivitäten der Gruppe „Solidarität Piräus“ ist, an vier Tagen in der Woche auf einem kleinen Platz in Piräus mittags für Bedürftige zu kochen. Dieser Platz ist in der Nähe des Hauptquartiers dieser Gruppe, und wird mittlerweile inoffiziell „Platía Allileggíis“ genannt, also „Platz der Solidarität“.

„Solidarität Piräus“-Secondhand-Laden. Foto: Peter Oehler

Ich habe diese Gruppe im Sommer 2015 kennengelernt. Damals kam die Idee auf, warme Mahlzeiten nicht nur an diesem einen Platz, sondern auch an anderen Stellen in Piräus anbieten zu können. Dafür würde sich eine mobile Küche eignen, was man in Deutschland landläufig Feldküche oder Gulaschkanone nennt. Deswegen habe ich im Oktober 2016 eine Spendenaktion gestartet. Als Privatperson ist das in Deutschland nicht so ohne weiteres möglich, weswegen ich sie offiziell über den gemeinnützigen Berliner Verein „Respekt für Griechenland“ habe laufen lassen.

Nach mehr als einem Jahr ging es sehr schleppend voran. Als ein unterschätztes Problem haben sich die unterschiedlichen Sprachen herausgestellt. Denn als dann ein mit Leuten von „Respekt für Griechenland“ befreundeter Grieche, der in Berlin lebt, Anfang 2018 nach Piräus reiste und mit den Leuten von „Solidarität Piräus“ sprach, lief es auf einmal wunderbar. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir alle fürs deutsche Finanzamt notwendigen Unterlagen, insbesondere die Bescheinigung, dass die „Solidarität Piräus“ ein nach griechischem Recht anerkannter gemeinnütziger Verein ist. Die nächste Hürde war die Anschaffung der mobilen Küche. Für die gespendeten 3.300 Euro kam nach genauer Prüfung nur eine gebrauchte mobile Küche der Firma Progress in die engere Auswahl. Dieses Modell ist aber so schwer, dass es nur mit einer nicht serienmäßig vorgesehenen Auflaufbremse von einem PKW gezogen werden darf. Eine Nachrüstung hätte den finanziellen Rahmen gesprengt. Außerdem hätte der Transport mit einer Speditionsfirma von Deutschland nach Griechenland mindestens 1.000 Euro gekostet. Deswegen wurde in enger Absprache mit der „Solidarität Piräus“ entschieden, dass solch eine mobile Küche zwar prinzipiell sinnvoll wäre, dass aber das Spendengeld besser für Gerätschaften eingesetzt werden könnte, die die Kochaktivitäten der Gruppe als Ganzes unterstützen. Und so wurden, nachdem alle Spender*innen, von denen die Kontaktdaten vorlagen, befragt worden sind, Kühl- und Tiefkühltruhen, ein Computer und andere Küchenutensilien von dem Geld vor Ort gekauft. Außerdem konnten noch offenstehende Stromschulden beglichen werden.

Als ich im Sommer 2018 also die „Solidarität Piräus“ wieder besucht habe, war die Spendenaktion längst erfolgreich abgeschlossen. Erfreulich dabei war auch, dass der Verein „Solidarität Piräus“ einen sehr guten Eindruck auf die Leute von „Respekt für Griechenland“ gemacht hat. Deswegen gibt es eine weiterführende Kooperation zwischen den beiden Vereinen. (5) Daraus entstand wiederum ein Freundeskreis, der bis auf weiteres monatlich einen Teil der Basiskosten, zum Beispiel für Wasser, Strom und Gas, übernimmt. In der Zwischenzeit waren auch Vertreter*innen von „Respekt für Griechenland“ zu Besuch in Piräus. Aber auch der Vorsitzende und seine Frau von „Solidarität Piräus“ haben mittlerweile „Respekt für Griechenland“ in Berlin besucht.

Die Aktivitäten von „Solidarität Piräus“ haben sich ausgedehnt. Im Keller unter dem Hauptquartier befindet sich jetzt ein Lager für Kleider, die gespendet worden sind. Es gibt auch eine eigene Schule, in der Jüngere und Ältere Sprachen lernen: In Englisch, Griechisch und Spanisch. Für Deutsch gibt es Bedarf, aber es fehlt eine Lehrperson. Außerdem gibt es in einem anderen Teil von Piräus einen zweistöckigen Laden voll mit Möbeln. Hier werden Möbel und andere Sachen repariert und restauriert. Diese Second-Hand-Möbel werden gegen Lebensmittel oder Kleidung abgegeben.

Es handelt sich also um eine Ökonomie ohne Geld. Bei meinen drei Besuchen der „Solidarität Piräus“ habe ich diese Gruppe als lebhaft, sehr aktiv und engagiert erlebt, dabei auch viele bekannte Gesichter gesehen. Stellenweise geht es im Hauptquartier zu wie in einem Taubenschlag: Ein Kommen und Gehen von den einzelnen Aktiven, die hier mit unterschiedlichen Aufgaben beschäftigt sind. Ich merke, dass hier ein solidarischer und liebevoller Umgang untereinander herrscht. Auch Zeit für eine Unterhaltung ist immer vorhanden. Ich habe wieder tatkräftig bei den Kochaktionen mitgeholfen: Beim Auf- und Abbau, sowie bei der Essensausgabe.

Geflüchtete in Athen
Refugee‘s Village for Freedom, Athen 2018. Foto: Peter Oehler

Es ist kaum zu sagen, wie viele Flüchtlinge sich in Athen aufhalten. Das Flüchtlingslager in den Abfertigungshallen des ehemaligen Flughafens Ellinikó mit 3.000 Geflüchteten, das ich 2016 auch besucht hatte, ist verwaist. Es gibt offiziell nur noch ein Lager im Stadtgebiet: Das Eleonas Camp in der Agiou Polikarpou 87 (in einer Industriezone), das ich 2015 besucht hatte. Die meisten Camps befinden sich 50 bis 60 Kilometer außerhalb von Athen. Und doch sieht man im Stadtbild von Athen viele Flüchtlinge. Das liegt daran, dass es im Stadtgebiet viele Squats gibt, also besetzte Häuser, in denen Geflüchtete leben.

City Plaza: Das beste Hotel Europas

Ganz in der Nähe vom Viktoria-Platz liegt das City Plaza, vormals ein leerstehendes Hotel. Es wurde im April 2016 besetzt. Nachdem ich dort im Sommer 2016 gewesen war, habe ich ihm diesmal wieder einen Besuch abgestattet. Unten im Eingangsbereich unterhalte ich mich mit Jorgos, der gut Englisch kann. In den letzten zwei Jahren hat sich wenig verändert. Im Moment leben hier weniger als 400 Flüchtlinge, aber ab Oktober wird es wieder voll sein. Es gab eine Aufforderung zur Räumung vom Besitzer, aber die Polizei scheint den Status „besetzt“ zu tolerieren. Das „Best Hotel“(6) ist keine Nichtregierungsorganisation (NGO), kann auch keinen legalen Status bekommen, da eine Absprache mit dem Besitzer nicht möglich ist. Hier arbeiten aber zahlreiche Leute von anderen Einrichtungen. Jorgos zum Beispiel ist bei dem Netzwerk Diktyo. Es werden auch vermehrt Flüchtlinge selbst für organisatorische Aufgaben eingesetzt. Die Finanzierung erfolgt über Spenden, die hauptsächlich über eine entsprechende Initiative von Medico International aus Deutschland kommen. (7)

Es gibt einen steten Wechsel, das heißt es gibt nur noch ganz wenige Flüchtlinge, die seit zwei Jahren hier leben. Zum zweiten Jahrestag der Besetzung wurde zur Dokumentation eine Broschüre herausgegeben, die ich für eine Spende von zehn Euro erwerbe. (8) Sie enthält Interviews mit Flüchtlingen, die hier gelebt haben, und Fotos. Das „Best Hotel“ wird übrigens von vielen Griechen, insbesondere Syriza-Anhängern, kritisch gesehen, da sie das Häuserbesetzen nicht gut finden.

WelCommon Hostel

Das WelCommon Hostel ist ein siebenstöckiges, ehemaliges Krankenhaus in Exárchia. Dort wurden ab Herbst 2016 Flüchtlinge, insbesondere solche mit Gesundheitsproblemen und psychischen Belastungen, untergebracht. Im Februar 2016 wurden die Zahlungen der UNHCR eingestellt, so dass das Projekt vor dem Aus stand. Deswegen hat man sich für eine Umstellung entschieden: In dem Gebäude wohnen keine Flüchtlinge mehr, sondern es wird als Hostel, also als Gästehaus für Tourist*innen, betrieben. In zwei Etagen sind jedoch soziale Projekte für Geflüchtete untergebracht. Es ist angedacht, dass der Hostel-Betrieb dabei diese sozialen Projekte finanziell mit tragen soll.

An einem Abend treffe ich mich mit zwei Studenten, die hier als Volunteers arbeiten. Der eine studiert soziale Arbeit (er kann sich seine Tätigkeit hier als Praktikum für sein Studium anrechnen lassen), der andere internationale Politik. Die beiden betreuen zusammen eine (Flüchtlings-)Kindergruppe (7 bis 15 Jahre). Am Anfang waren es nur drei Kinder, aber durch Mund-zu-Mund-Propaganda sind es jetzt 20. Es sei zunächst wichtig, den Kindern eine Struktur, und damit einen Halt im Leben zu geben. Die beiden Studenten geben ihnen auch Deutsch-Unterricht, teils auch Englisch. Eine ihrer Aktivitäten gemeinsam mit den Kindern war es, hier am Gebäude ein vermülltes Hinterhofgrundstück zu entmüllen, und dann im Sinne eines Urban Gardenings zu bepflanzen. Auch Recycling ist ein Thema. Sie gehen mit den Kindern auch hinaus, in Parks, wobei es wichtig ist, dass es dort Wasser und eine Kirche gibt. Einer der beiden hat ein weiteres Projekt angefangen, nämlich die Betreuung von Kindern in einem nahegelegenen Squat. Diese Kinder seien dort aber weit unten, im Vergleich zu denen, die zu WelCommon kommen.

Respekt für Griechenland“ entsendet Volunteers nach Athen ins WelCommon Hostel. (9) Zu meiner Zeit in Athen waren sieben bis acht Volunteers dort tätig, die dann auch kostenlos im Hostel wohnen können. Da „Respekt für Griechenland“ auch eine Kooperation mit „Solidarität Piräus“ hat, kam die Idee auf, dass eventuell auch Volunteers zur Unterstützung nach Piräus entsendet werden. Zu diesem Zweck habe ich diese Idee sowohl mit den beiden Studenten besprochen, als auch mit den Leuten der „Solidarität Piräus“. Während meiner Woche in Athen/Piräus gelang es aber noch nicht, dass es zu einem gegenseitigen Kennenlernen gekommen ist.

Refugee‘s Village for Freedom

In der Themistokléous Straße, also mitten in Exárchia und ganz in der Nähe vom Nosotros, bin ich auf einen kleinen Laden gestoßen. Auf dem Eingangsschild steht „Refugee‘s village for freedom“. Es geht um „Die Felder der Solidarität“. (10) Der Mann, der hier bedient, erzählt mir, dass sie, also Flüchtlinge, außerhalb von Athen auf einem Stück Land leben, und dort die Felder bewirtschaften. Gemüse und Obst, nur wenige Produkte, sowie ein paar andere Sachen werden hier im Laden angeboten. Ich kaufe ein bisschen Gemüse, und werde aufgefordert, so viel zu geben, wie ich meine.

Fazit

Die Krise in Griechenland ist noch lange nicht vorbei. Auch wenn es dem Staat anscheinend besser geht, so sagt das nichts über die Bevölkerung aus. Aber viele Griechen haben gelernt, mit der Krise zu leben, sich also nicht unterkriegen zu lassen. Dazu gehören ganz wesentlich die vielen selbstorganisierten bzw. selbstverwalteten Projekte, die ja auch immer ein Moment der Selbsthilfe beinhalten. In ähnlicher Weise sind auch die sozialen Projekte für die Flüchtlinge zu sehen. Sie sind ein Teil dieser Gesellschaft.

Peter Oehler

Anmerkungen:

1) Parko, Dokumentarfilm, Deutschland 2016, 37 Min., OmU, Regie: Clara Stella Hüneke, parkofilm.net

2) Krisis, Dokumentarfilm, Deutschland 2018, 99 Min., Regie: Wolfgang Reinke, krisis-film.info/de

3) Eldorado - The Struggle for Skouries, Dokumentarfilm, GR/D 2018, Regie: Leopold Helbich und Wasil Schauseil, 60 Min., Sprache: Griech./Engl. m. dt. UT, www.indiegogo.com/projects/eldorado-documentary-greece-environment, www.facebook.com/events/297836230750276

4) Siehe auch: Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (Hrsg.), Gesundheit braucht Politik 2014, Sonderausgabe Griechenland: Austerität - tödliche Medizin für Griechenlands Gesundheitswesen, Herbst 2014, online: gbp.vdaeae.de/images/cover/group/GbP_Sonderausgabe-Griechenland_2014.pdf

5) Unterstützung von Solidarität Piräus: respekt-für-griechenland.de/?p=2244

6) solidarity2refugees.gr/english

7) www.medico.de/das-beste-hotel-europas-16451

8) „City/Haus Plaza: wir leben zusammen - wir kämpfen zusammen“, City Plaza: living resistance, zweisprachig

9) respekt-für-griechenland.de/?p=2229, respekt-für-griechenland.de/?p=2208

10) syrianunitedrefugeefund.org/2017/07/26/refugee-village-for-freedom, de-de.facebook.com/solidarityfarmland

Dies ist ein Beitrag aus der monatlich erscheinenden Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier