Klimawandel

Das ist ja wohl der Gipfel

Der Weltklimagipfel 2018 in Katowice aus der Sicht einer Anti-Atom-Berufsdemonstrantin

| Kerstin Rudek

Foto: @SuGGuS via flickr.com (CC BY 2.0)

Es war unsere dritte gemeinsame internationale Kampagne: Don‘t nuke the climate! (1) Nach Paris 2015 und Bonn 2018 haben wir uns wieder getroffen, diesmal in Polen, um der Atomlobby die Zukunftslügenmärchensuppe zu versalzen. Seit einigen Jahren werden die Stimmen der weltweiten Atomindustrie und ihrer Propaganda-Vereine lauter: um dem Klimawandel zu begegnen, brauche es Atomkraft. Bullshit! Atomkraft verschärft den Klimawandel. Sie ist zu dreckig, zu gefährlich, zu teuer, zu langsam, zu undemokratisch und verhindert richtige Lösungen. Um diese klaren Botschaften in die offiziellen Verhandlungen der Vereinten Nationen zu tragen und um die UN Verhandlungen herum Informationen zu verteilen, Gespräche zu führen, an Demos teilzunehmen, Pressekonferenzen abzuhalten und uns mit der polnischen Umweltbewegung zu vernetzen, sind wir und unsere Partnerorganisationen aus den USA, Russland, Südafrika, Österreich und den Niederlanden im Dezember 2018 für zehn Tage nach Katowice gereist.

Mehrere Tage lang waren wir einem Troll-Alarm der dubiosen Astroturfer wie „Generation Atomic“ und ihrer Fans ausgesetzt. Es begann damit, dass wir nicht akzeptieren wollten, dass die Pro-Atom-Bande an der Demonstration gegen fossile Brennstoffe und für Erneuerbare Energien teilnehmen wollte. Mit eigenem Sound System, drei Eisbärkostümen und Banner bewaffnet schlugen sie ihre eigene kleine Kundgebung mit Rede- und Singbeiträgen rücklings des offiziellen Kundgebungswagens auf. Nachdem wir sie erfolglos gebeten hatten, die eigene Kundgebung nicht konformen Inhalts zu unterlassen und wir die Veranstalter über das Geschehen informiert hatten, bat die Polizei die Astroturfer, das Kundgebungsgelände zu verlassen. Das tat die Atomgeneration dann auch. Aber sie waren sauer.

In den kommenden Tagen mussten wir allerlei Vorwürfe auf unseren Seiten in den sozialen Netzwerken ertragen. Zunächst war von Angriffen und Verletzungen unsererseits die Rede, dann steigerten sich die Anschuldigungen über Gewalttätigkeiten bis hin zu der Unterstellung, wir seien eine Terrorbande. In Zeiten, wo Klimaaktivist*innen konkret an der Grenze bei der Einreise zum Weltklimagipfel gehindert wurden, in Zeiten wo in manchen Ländern Menschen wegen solcher unzutreffender Anschuldigungen für Monate oder Jahre im Knast verschwinden, waren wir nicht besonders amüsiert über die Vorgänge. Doch nach einigen Tagen war der Trollalarm ausgestanden, in den eigenen Reihen der Atombesessenen wurde ausgerufen: „let‘s keep it classy, guys!“ Diese massiven Angriffe machen deutlich, wie sehr wir an der schönen Fassade der neuen tollen Atomkraft Generation mit ihren 4. Generation Reaktoren und Thorium Märchen von zukünftig störungsfreiem Betrieb und Anlagen, die ihren eigenen Atommüll auffressen, gekratzt haben.

Wir haben jeden Tag genutzt, um über den Zustand der Atomkraft mit all ihren sehr realen Problemen, vom Uranabbau und der damit einhergehenden Verseuchung und Beugung von elementaren Menschenrechten, über den Betrieb der Atomkraftwerke mit ständiger Emission, Atomtransporte mit realen Unfallrisiken, Atommüll ohne Konzept und realisierbare Pläne für eine dauerhafte Lagerung in den kommenden 50 Jahren, den trotz Atomausstieg weiter laufenden Anlagen zur Urananreicherung in Gronau und Brennelementeproduktion in Lingen zu erzählen und zu warnen.

Wir haben von unserer weltweiten Vernetzung zur Stilllegung aller Atomanlagen berichtet, warum wir mit Leib und Seele dafür streiten, was für Aktivitäten wir dafür wählen: Infoveranstaltungen, Drucken von Infomaterial, betreiben von Webseiten, Konferenzen besuchen und mitgestalten, Camps organisieren und daran teilnehmen, Demos anmelden und dafür mobilisieren, Demoreden halten, Studienreisen begleiten, internationale Standorte der Atomindustrie besuchen und vor allem die örtlichen Standortinitiativen, mit ihnen Veranstaltungen durchführen, Kampagnen entwickeln und realisieren, Artikel schreiben, an Podiumsdiskussionen teilnehmen… und und und

Viele Gespräche mit global engagierten Umweltschützer*innen, die nicht im Thema Anti-Atom ihren Schwerpunkt haben, ihre Sicht auf die globalen Dinge zu hören, ihnen von unseren Erfahrungen zu berichten, war mehr als ein Nebeneffekt der Teilnahme am Weltklimagipfel. Hier wird Hoffnung geschürt, hier werden Zukunftsvisionen bekräftigt, hier entsteht eine bessere Welt; da wird Mut getankt gegen Klimawandelleugner*innen, Infos ausgetauscht über Großkonzerne und Protest gesammelt gegen undemokratische Regierungsvorhaben.

Foto: Demo gegen Klimakiller in Katowice, Dezember 2018 – Foto: Kerstin Rudek

Ein paar Einblicke, wie so ein Weltklimagipfel organisiert ist: der Gipfel fand in einem großen Kongresszentrum statt, an das etliche weitere Tagungslokalitäten temporär aufgebaut waren. Lange schlauchartige Gänge zu den verschiedenen Tagungsschwerpunkten – zu den Konferenzräumen, dem Pressezentrum, den Länderpavillons. 60.000 Menschen brauchen hier Toiletten, Computerräume, Essen und Getränke, beheizt werden die riesigen Flächen mit turbinenähnlichen Gebläsen, nicht die beste Luft, wenn du rauskommst stinkt es nach Kohle in Katowice, bei Tag und bei Nacht.

Über die messbaren Ergebnisse der Weltklimakonferenz wird nun gestritten. Reichen ein paar kleine Schritte in Richtung Verbesserung? Oder bedarf es langsam aber sicher mal eines großen Wurfes? Doch wo soll der herkommen im Kapitalismus? Bislang ließ sich mit Umweltzerstörung viel Geld verdienen. Inzwischen lässt sich auch mit Umweltschutz viel Geld verdienen. Das muss auch erlaubt sein. Doch wir müssen auch darüber reden, in was für einer Welt wir leben wollen und welche Welt wir unseren Kindern – und den kommenden 40.000 Generationen – hinterlassen wollen… so lange strahlt der Atommüll.

Die Blockadehaltung einiger Staaten behindert massiv die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass Handeln sofort und weitreichend geboten ist, um das 1,5 Grad Ziel von Paris zu erreichen, also die menschengemachte Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, um weitere zunehmend verheerendere Folgen des Klimawandels zu verhindern. Die Idee der Klimagerechtigkeit spielt hier eine zentrale Rolle. Der globale Süden, der jahrhundertelang unter Ausbeutung und Kolonialisierung leidet und nun und zukünftig auch unter den Folgen des Klimawandels, verursacht zum größten Teil vom globalen Norden, der noch immer unterdrückt und profitiert, nun aber zusätzlich in Kauf nimmt, dass Menschen im globalen Süden die Lebensgrundlagen verlieren, durch Dürren, Starkregen, Orkane, Fluten, Hitzewellen, das Absaufen ganzer Länder durch den Anstieg des Meeresspiegels, um nur die heftigsten Auswirkungen zu nennen, es gibt aber noch zahlreiche weitere katastrophale Folgen, die der Klimawandel vor Allem für den globalen Süden bedeutet.

Beim Weltklimagipfel in Katowice ist erstmals ein Regelbuch erstellt worden, um das Pariser Abkommen umzusetzen, es enthält Transparenzregeln und die globale Erfassung der CO2 Emissionen. Ein Ausstieg aus den fossilen Energien, Gas, Öl, Kohle und Atomkraft, wurde nicht beschlossen. Solange das Profitstreben der Konzerne weiter an erster Stelle steht und mehrheitsfähige Politik für Konzerne und nicht für Menschen gemacht wird, sieht es schlecht aus mit den möglichen Erfolgen der Weltklimagipfel. Ich spreche mich gar nicht dagegen aus, ein Apfelbäumchen zu pflanzen, doch wenn ihr den Traum von einer besseren Welt auch noch nicht aufgegeben habt, dann müssen wir weiter denken und tiefer graben, dann müssen wir an die Wurzel des Übels gehen und die heißt Kapitalismus. Der Klimawandel ist ein grässliches Abbild der Herrschaft über Natur, Umwelt, Tiere und Menschen. Mit ein paar kleinen Verbesserungen ist es da nicht getan. Die Zeit ist gekommen, wo wir uns entscheiden müssen, ob wir lieber in diesem System mitmischen und davon profitieren oder ob wir bereit sind, gänzlich andere Wege zu gehen und Lösungen für die Herausforderungen unserer Generationen zu suchen. Das meint dann aber nicht innerhalb der Nationalstaaten, sondern für alle Bewohner*innen dieser Welt. Von der Politik fordern wir, dass sie sozial und ökologisch alle Entscheidungen trifft. Doch Veränderungen werden in Parlamenten nur umgesetzt, aber auf der Straße erkämpft. In vielen Ländern gibt es Bewegungen für ein ganz anderes Klima.

Die Rede der jungen schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg an die Vereinten Nationen hat Millionen von Menschen weltweit erreicht und bewegt. Sie ist ein Symbol für ein neues Engagement, zurzeit sprießen überall die Fridays-for-Future aus dem Boden, freitags Schule schwänzen für Klimaschutz und gegen die bestehende Klimapolitik.Am 18. Januar 2019 haben in der Schweiz 22.000 und in 53 Städten in Deutschland 35.000 Schüler*innen gleichzeitig die Schule geschwänzt und vor Rathäusern und Parlamenten für Klimagerechtigkeit demonstriert. Besonders das Engagement der jungen Leute stimmt mich zuversichtlich. Es ist Eure Welt, nehmt sie in die Hand!

Kerstin Rudek

Dies ist ein Beitrag aus der monatlich erscheinenden Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier