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Wegbereiterinnen der Emanzipation – graswurzelrevolution
Buchbesprechung

Wegbereiterinnen der Emanzipation

Von Olympe de Gouges bis Josephine Baker

| Lou Marin

Gisela Notz (Hg.): Wegbereiterinnen. Berühmte, bekannte und zu Unrecht vergessene Frauen aus der Geschichte, AG Spak Bücher, Neu-Ulm 2018, 436 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-945959-27-5

Im Jahr 2003 erschien der erste Frauen-Wandkalender „Wegbereiterinnen“, deren Biografien Gisela Notz seither einmal im Jahr zusammen mit einer Gruppe Unentwegter in unermüdlicher Kleinarbeit zusammengestellt hat. Soeben ist die 17. Ausgabe für 2019 erschienen. Die 192 Biografien der 16 Kalender bis 2018 sind nun in dem dicken Buchband „Wegbereiterinnen“ wieder abgedruckt, jeweils auf der linken Seite ein Foto und rechts der einführende Kurztext, eine Art lexikalisches Stichwort.

Der Buchband lässt sich sowohl als Nachschlagewerk nach Suche im ausführlichen Anhang als auch direkt hintereinander lesen und eröffnet ein beeindruckendes Kaleidoskop kämpferischer Frauen für Frauenrechte bis hin zum revolutionärem Feminismus. Gisela Notz weist in ihrer Einleitung darauf hin, dass die Auswahl „subjektiv“ ist, dass manche Leser*in den ein oder anderen Namen vermissen wird und es ihr darum ging, ein „breites Spektrum“ von Pionierinnen der Frauenkämpfe abzubilden. So stehen im Sammelband allgemein bekannte Frauen und Feministinnen neben unbekannten, vergessenen, aber wieder entdeckten. Es werden Sozialdemokratinnen, Kommunistinnen oder auch allgemein Parteilose und Anarchistinnen vorgestellt, die den Leser*innen viele Anregungen bieten, sich mit der ein oder anderen Protagonistin näher vertraut zu machen, ihr nachzuspüren oder ihre Schriften zu lesen.

Gislea Notz (Hg.): Wegbereiterinnen, Ag Spak Bücher, Neu-Ulm 2018

Die Biografien beginnen mit den beiden Vorreiterinnen noch im 18. Jahrhundert für die Zeit der Französischen Revolution, Olympe de Gouges und Mary Wollestonecraft. In der Nachfolge werden die Lebensläufe vieler Vorkämpferinnen für das Frauenstimmrecht, von Pädagoginnen und Aktivistinnen für Frauenbildung dargestellt, des Weiteren dann von Pazifistinnen und Kriegsgegnerinnen zum und im Ersten Weltkrieg, an dessen Ausgang sich oft die Lebenswege schieden. So folgte häufig auf die Mitgliedschaft in der Sozialdemokratie der Weg über die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) und dann entweder zur KPD, zurück zur SPD oder eben zu den Weimarer Splitterorganisationen der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) oder des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds (ISK). Frauenrechtlerinnen gründeten ihre eigenen Organisationen; fast alle hier vorgestellten Frauen wurden vom Nationalsozialismus verfolgt oder ins Exil vertrieben oder verloren gar im Widerstand ihr Leben, etwa im Konzentrationslager Ravensbrück. Resistance- und Resistenzia-Kämpferinnen werden vorgestellt – und wenn sie den Zweiten Weltkrieg überlebten, setzten sie sich sofort wieder für Frauenrechte, für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder gegen die Wiederbewaffnung ein. Der Schwerpunkt liegt auf Biografien aus der BRD, der DDR, Österreich und der Schweiz, aber es werden auch einige, noch vereinzelte Ausflüge unternommen in andere Länder, zu Schwarzen Frauen, jüdischen Aktivistinnen, Tänzerinnen, Künstlerinnen, Fotografinnen, Bildhauerinnen, Poetinnen, ersten Vertreter*innen der Intersexualität oder auch zur Philosophin Hannah Arendt. Wie bei Letzterer geht es dabei nicht immer um Frauenrechte und Feminismus, sondern auch darum, in einer bisher männlichen Domäne, wie etwa der Philosophie, Entscheidendes zur emanzipatorischen Weiterentwicklung geleistet zu haben.

Das Buch liest sich leicht. Es ist wunderbar vielschichtig, fast immer stößt die Leser*in auf eine Person, von der sie vielleicht schon entfernt gehört hatte, auf die sie nun aber wieder mit der Nase gestoßen wird, sich doch endlich mal näher mit ihr zu beschäftigen – eine wahre Fundgrube.Einige bedeutende Anarchistinnen wie Emma Goldman, André Léo oder Louise Michel und hervorragende Vertreterinnen eines gewaltkritischen Anarchismus sind aufgenommen worden, darunter Clara Wichmann, Margarethe Hardegger, Rosika Schwimmer, Rirette Maîtrejean. Im Kalender 2019 wird nun Hedwig Landauer-Lachmann vorgestellt.

Im Buch gut vertreten sind die Frauen aus den Organisationen „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“ (IFFF) und prägende Aktivistinnen des ISK. Erkennbare Lücken bleiben dennoch bestehen, so fehlen aus der frühen radikalbürgerlichen Frauenbewegung etwa Anita Augspurg oder Lida Gustava Heymann und es gibt auch keine Vertreterin aus dem Syndikalistischen Frauenbund der Zwanzigerjahre, auch nicht Milly Wittkop-Rocker. Ebenfalls gibt es keine Aktivistin aus den Mujeres Libres der spanischen Revolutionszeit. Doch der Kalender wird ja fortgeführt – und das wird vielleicht noch nachgeholt, eine Vollständigkeit kann es sowieso nie geben.

Es fällt schwer, aus dem Gelesenen einfach eine Vorkämpferin herauszuheben, ich möchte trotzdem den vielschichtigen Lebensweg von Josephine Baker (1906-1975) kurz in Erinnerung rufen, der mich beim Lesen besonders beeindruckt hat. Sie war nicht nur jüdisch-afrikanisch-amerikanische Tänzerin, sondern sie musste als Elfjährige ein Pogrom an ca. 100 afrikanisch-amerikanischen Menschen miterleben – ein traumatisches Kindheitserlebnis, das sie nie vergaß, aber in ihrem lebenslangen gewaltfreien Kampf gegen Rassismus konstruktiv verarbeiten konnte. Viele wissen nicht, dass sie im August 1963 neben Martin Luther King Jr. auf der Großdemo in Washington eine Rede hielt und dass sie, nachdem sie bereits berühmt war, eine „Regenbogenfamilie“ als verwirklichte Utopie gründete, als sie zwölf verarmte Waisenkinder unterschiedlicher Hautfarbe adoptierte. Es war dies auch ein politisches Statement gegen nationalistisch-identitäre Abgrenzung und für radikale Vermischung als Gesellschaftsziel.

Lou Marin

Bestellung des aktuellen Kalenders „Wegbereiterinnen 2019“ über: www.agspak-buecher.de/Gisela-Notz-Hg-Kalender-2019-Wegbereiterinnen-XVII Preis: 19,40 (mit Porto). Tel: 07308/919261 Oder über Mail: spak-buecher@leibi.de