Das Vaterland der Anarchie?

Anarchismus und Nationalismus in Spanien zu Beginn des 20. Jahrhunderts

| Martin Baxmeyer

„Unsere Revolution muss spanisch sein“. Headline eines national-anarchistischen Editorials in der anarchosyndikalistischen Tageszeitung Solidaridad Obrera vom 27. Mai 1937. Dies ist das Editorial, auf das Alexander Schapiro mit seinem Artikel „Nationalanarchismus?“ antwortete.

Das Drama um die katalanische Unabhängigkeit – Tragödie oder Komödie, je nach Geschmack und Perspektive – geht in seinen nächsten Akt. Bei Drucklegung dieses Artikels war noch nicht klar, ob es dem unappetitlichen Rechtsbündnis aus konservativer Volkspartei Partido Popular, der rechtsliberalen Ciudadanos und der rechtextremen Partei Vox gelungen ist, Ministerpräsident Pedro Sánchez (PSOE) zu Neuwahlen zu zwingen. Die durchaus eindrucksvollen Demonstrationen in Madrid und (vor allem) in Barcelona vor und während des Prozesses gegen zwölf führende katalanische Separatisten haben allerdings verdeutlicht, dass man in Spanien mit nationalistischen Ressentiments – egal ob katalanisch oder zentralspanisch – noch immer ebenso mühe- wie skrupellos Politik machen kann.

Die Rolle der anarchistischen Organisationen hat dabei viele Beobachterinnen und Beobachter, die mit den Verhältnissen auf der Iberischen Halbinsel schlecht vertraut sind, überrascht: Wie kann es sein, dass die in Madrid ansässige anarchistische Wissenschaftsstiftung Fundación de Estudios Libertarios Anselmo Lorenzo (FAL) [‚Stiftung für Anarchismusstudien Anselmo Lorenzo‘] Bücher mit solch amüsanten Titeln wie „No le deseo un estado a nadie“ [‚Ich wünsche niemandem einen Staat‘] veröffentlicht, ganz so, als handele es sich bei einem Staat um eine ansteckende Krankheit, während auf separatistischen Großdemos in Barcelona schwarze und schwarz-rote Fahnen neben katalanischen Nationalfahnen zu sehen waren?

Ist die anarchistische Bewegung Spaniens etwa nicht anti-nationalistisch? Oder könnte es sein, dass das Verhältnis von Nationalismus und Anarchismus (keineswegs nur) in Spanien komplexer, widerspruchsvoller und konfliktreicher ist, als es viele hierzulande anzunehmen bereit sind? Der sogenannte National-Anarchismus ist für die meisten anarchistischen Genossinnen und Genossen noch immer ein Widerspruch in sich. Tatsächlich hat aber die affirmative Vereinigung von Anarchismus und Nationalismus in Spanien eine lange und durchaus lebendige Tradition.

Dieser Artikel soll einen naturgemäß unvollständigen Überblick über die verschiedenen nationalanarchistischen Strömungen und Personen und ihren Einfluss auf die anarchistische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) bieten. Es wird sich dabei zeigen, dass interessanterweise sowohl separatistische als auch zentralspanische Nationalismen innerhalb der anarchistischen Bewegung nachzuweisen sind.

Nationalanarchismus: Ideologische Grundlagen

Denn nationalistische Ideen und Utopien waren nicht bloß von Außen, als ‚ideologischer Fremdkörper‘, in das kulturelle Spektrum der Anarchisten eingedrungen. Sie hatten dort seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bereits eine feste Heimstatt. „[…] der nationalistische Anarchismus ist keine neue Erfindung“, schrieb 1905 der katalanische Anarchist Salvador Gibert in einem Kommentar für die einflussreiche anarchistische Kulturzeitschrift La Revista Blanca [‚Die weiße Zeitschrift‘], „Es hat ihn immer gegeben. Allerdings ohne klare Konturen, ohne präzises Denkgebäude“. Der entschiedenen Ablehnung von Nation und Nationalismus stand in Spanien früh die Position zunächst noch minoritärer Gruppen und Intellektueller innerhalb der anarchistischen Bewegung gegenüber, die eine strikte Trennung von Nationalismus und Anarchismus nicht guthießen oder ihren politischen Nutzen bezweifelten. Berufen konnten sie sich nicht zuletzt auf einige Klassiker der anarchistischen Theoriebildung, in denen neben einer grundsätzlichen Verurteilung des lügenhaften, bürgerlichen Nationalismus oft (implizit wie explizit) die Möglichkeit eines alternativen, emanzipatorischen Nationalgefühls angedeutet wurde. Michail Bakunin etwa, der 1869 versucht hatte, in einer Reihe von Briefen an die Internationale Arbeiterassoziation von Locle und La Chaux-de-Fonds sein Verständnis von Nationalismus und Patriotismus zu erläutern, definierte letzteren zwar einerseits (in seiner „natürlichen“ Erscheinungsform) als primitive, im Grunde tierische Regung des Menschen, die die Herrschenden sich im Laufe der Geschichte zunutze gemacht hätten. Er kam aber andererseits nicht umhin, zuzugestehen: „In der Tat ist der Patriotismus ein ganz natürliches Gefühl, wenn er erzeugt ist durch das wirkliche solidarische Leben einer Gemeinschaft […].“ Darüber hinaus etablierte Bakunin mit seinem Insistieren, die Anhänglichkeit an das eigene Territorium und die Kultur der eigenen Gemeinschaft sei im Grunde ein Überbleibsel aus vorzivilisierten Zeiten, diese als eine Art ‚Naturgesetz‘, gegen das anzugehen wenig sinnvoll sei: „Man darf […] nicht glauben, dass ich der Gewohnheit, von der sich die Gesellschaft und die Menschheit beherrschen lassen, den Krieg erklären will. Auch hier muß man […] schicksalsbestimmend einem Naturgesetz gehorchen, und es wäre unsinnig, sich gegen die Naturgesetze zu empören“. Stattdessen müsse das Ziel der Arbeiterbewegung sein, das urwüchsige, patriotische Empfinden der Menschen zu „läutern“, um es einem produktiven, oder, wie Bakunin sich ausdrückt, „guten“ – Nutzen zuzuführen. Dass man es gänzlich auslöschen könne, hielt Bakunin für unmöglich.

Auch Pjotr Kropotkin verwandte Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts den Begriff Nation gelegentlich durchaus positiv, als Synonym für ein weitgehend interessengleiches, funktionierendes Sozialgefüge. Der sentimentale Essentialismus der Anarchistinnen und Anarchisten, ihre Überzeugung also, dass es vor allem die Regung des Herzens sei, die alle Menschen verbinde, vertrug sich durchaus mit einer Legitimation des Patriotismus als eines Gefühls, einer Liebe zum Land der Geburt, ganz so, wie es der einflussreiche katalanische Anarchosyndikalist und spätere Arbeitsminister Joan Peiró 1938 formulierte: „Man fühlt es oder man fühlt es nicht. Und wir Anarchisten haben es immer gefühlt. […]. Die Liebe zum Vaterland, dem Land, das uns zur Welt kommen sah, verträgt sich gut mit den Prinzipien des Internationalismus.“ Und Anselmo Lorenzo schließlich, der ‚Großvater des Spanischen Anarchismus‘, hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine idyllische, literarische Ausgestaltung seiner postrevolutionären Gesellschaftsutopie nicht zufällig unter dem Titel „Mi patria“ [‚Mein Vaterland‘] veröffentlicht.

Katalanischer Nationalanarchismus: Die Gruppe Progrés Autonomista

Eine neue Dynamik erlangten philonationalistische Strömungen innerhalb der anarchistischen Bewegung Spaniens mit dem Erstarken der sogenannten peripheren Nationalismen – peripher nicht etwa, weil sie von geringerem Interesse gewesen wären, sondern weil ihre Territorien am Rande, der Peripherie, der Iberischen Halbinsel lagen (und liegen): im Baskenland, in Galizien und in Katalonien.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gab es in Barcelona anarchistische Gruppen, die den katalanischen Nationalismus nach der Krise von 1898 mit dem Verlust der letzten spanischen Kolonien in Übersee als Möglichkeit sahen, den Zentralstaat weiter zu schwächen und durch eine mögliche Ablösung Kataloniens von Spanien letztlich ihrem Traum von einer grenzenlos föderierten Menschheit näher zu kommen. Ihrer Erwartung nach würde sich aus einer anarchistischen Unterstützung des katalanischen Nationalismus eine Stärkung des Regionalismus ergeben, die mit anarchistischen Vorstellungen durchaus kompatibel sei: Bedeutete dieser doch nichts anderes als die Umsetzung der alten föderalistischen Ideen Proudhons. Ein Bündnis mit dem Katalanismus würde also, so die Argumentation, den Zentralstaat schädigen, anarchistische Organisationsprinzipien stärken und damit in letzter Konsequenz der Verwirklichung der universalistischen Utopie der Anarchistinnen und Anarchisten zuarbeiten. Die paradoxe Formel, die dieser Argumentation zugrunde lag, lautete: Nationalismus = Regionalismus = Universalismus. Die Gruppe Progrés Autonomista [‚Autonomistischer Fortschritt‘], die für sich 1905 in Anspruch nahm, erstmals den Nationalanarchismus auf eine ideologische und organisatorische Basis gestellt zu haben, berief sich, streng bakunistisch, auf die „patria natural“ [‚das natürliche Vaterland‘], aus der die „patria universal“ [‚das universale Vaterland‘] erwachsen werde. Gleichzeitig wollte die Gruppe freilich nicht mit bürgerlichen Katalanisten verwechselt werden: „Die Gefahr, mit ihnen verwechselt zu werden, hat uns National-Anarchisten zur Gründung unserer Gruppe Progrés Autonomista bewegt, die heute in Barcelona einzigartig ist […]. Wir nehmen das Prinzip der regionalen Autonomie zur Grundlage, um die vollständige Unabhängigkeit des Individuums zu erreichen. Unserer Gruppe gehören alle an, die die Liebe zum natürlichen Vaterland noch nicht vergessen haben und gleichzeitig die Geburt eines universalen Vaterlandes anstreben, das sich aus der Gesamtheit ebensolcher autonomer Regionen auf der ganzen Welt zusammensetzen wird.“

Die Redaktion von La Revista Blanca, in der das Manifest von Progrés Autonomista erstmals erschien, nutzte zwar die Gelegenheit, um sich vom katalanistischen Anarchismus zu distanzieren, ohne sich allerdings zu einer regelrechten Verdammung desselben aufzuwerfen. Stattdessen berief sie sich – durchaus zu recht – auf das basisdemokratische Diskussionsverständnis ihrer Zeitschrift und behandelte den Nationalanarchismus eher als Verirrung denn als Verrat an anarchistischen Ideen: „In einigen unserer vorherigen Nummern haben wir dem nationalistischen Anarchismus, wie er in Barcelona aufgekommen ist, einigen Raum gewährt.

Nun haben wir den folgenden Artikel erhalten […] Dies gibt uns die Möglichkeit, zu verdeutlichen, dass sämtliche anarchistischen Strömungen, wenn sie ehrlich empfunden sind, in unseren Spalten ihren Platz finden können.“ Die Diskussion über Katalanismus, Nationalismus und Anarchismus hielt in der Revista Blanca bis in die dreißiger Jahre hinein an. Auch literarisch hinterließ sie Spuren. In einem Drama des anarchistisches Theatermannes Felip Cortiella mit dem Titel „La brava joventut“ [‚Die wilde Jugend‘] beispielsweise sieht eine der Figuren, Miret, den (katalanischen) Nationalismus als durchaus mit dem Anarchismus vereinbar an: In einem Streitgespräch erwidert er auf die Frage seines Gesprächspartners Gómez:„[Gómez:] ¿Und wie, bitte schön, bei ihrer Anhänglichkeit an die regionale Sprache [Katalanisch, Anm. MB], können sie sich weiter Internationalist und Parteigänger des universalen Vaterlandes nennen? Miret: Es ist keineswegs so, dass der Internationalismus die Nationen ausschließt oder negiert. Im Gegenteil, er akzeptiert sie und erkennt sie alle an“.

Zentralspanischer Nationalanarchismus: Salvador Cánovas Cervantes, La Tierra und Solidaridad Obrera während des Bürgerkriegs

Waren Organisation wie Progrés Autonomista innerhalb des spanischen Anarchismus zunächst sicherlich eine Randerscheinung, so verschoben sich die ideologischen Hegemonie(n) mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 1936 massiv zugunsten des libertären Philonationalismus. Man kann jedoch nicht im eigentlichen Sinne sagen, dass die Hegemonien verändert wurden, selbst wenn sich einzelne Akteure benennen lassen, die an dieser Veränderung Anteil hatten. Die Hegemonien veränderten sich ebenso sehr, wie sie verändert wurden. Die komplexe Situation des Bürgerkriegs schuf aus einer Reihe von miteinander zusammenhängenden und sich gegenseitig bedingenden Gründen neue Notwendigkeiten und Empfänglichkeiten für eine nationalistische Spanienutopie und ließ Positionen, die innerhalb der libertären Bewegung schon früher vertreten worden waren, wieder hervortreten. Sie mussten nicht neu erfunden werden. Nicht Einzelpersonen veränderten die ideologischen Hegemonie(n), sondern veränderte Hegemonie(n) ermöglichten es Einzelpersonen, innerhalb der anarchistischen Bewegung an Einfluss zu gewinnen und nun ihrerseits in ihrer literarischen oder publizistischen Praxis den Wandel der nationalistischen Hegemonie(n) zu beschleunigen. Ein Beispiel hierfür ist Salvador Cánovas Cervantes. Als examinierter Jurist hatte Cánovas sein journalistisches Handwerk bei der mauristischen Zeitung La Tribuna erlernt, die er jedoch bald verließ, um sich der liberalen Partei anzuschließen. 1916 zog er als deren Abgeordneter ins Parlament ein. Nach einer Phase politischer Radikalisierung finanzierte und leitete Cánovas Cervantes ab 1930 die Zeitschrift La Tierra [‚Die Erde‘], in der sich anarchistische Schriftsteller wie Eduardo de Guzmán und José García Pradas die publizistischen Sporen verdienten.

Auch der eminent produktive und einflussreiche anarchistische Bürgerkriegsdichter Antonio Agraz veröffentlichte dort 1931 unter dem Pseudonym Gerineldo regelmäßig Gedichte. La Tierra wurde zum wichtigsten, wiewohl (noch) minoritären Forum des Nationalanarchismus in Spanien. Eines Nationalanarchismus mit ungut hörbarem rassistischen Zungenschlag, übrigens. „Salvador Cánovas Cervantes“, schreibt der Historiker Xosé Manoel Nuñez Seixas „war davon überzeugt […] dass nur die libertäre Ideologie wahrhaft der spanischen Rasse entspreche und dass die CNT als einzige Organisation den urtümlichen revolutionären Geist des spanischen Volkes repräsentiere“.

Gemeinsame Demo von AnarchosyndikalistInnen und katalanischen SeparatistInnen gegen die Repression des Spanischen Staates, Barcelona 2017. Foto: CNT Barcelona

In der Pravda vom 3. Februar 1937 wurde die (freilich immer streng antikommunistische) La Tierra sogar als „faschistisch“ diffamiert. 1933 kam es zum Bruch mit der CNT: Cánovas Cervantes war, gemeinsam mit praktisch der gesamten Redaktion von La Tierra, für die Kleinstpartei Partido Social Ibérico (PSI) [‚Iberische Sozialistische Partei‘] in Sevilla zu parlamentarischen Wahlen angetreten. Er versuchte zwar, sich in seiner Zeitung zu rechtfertigen, aber ohne Erfolg.

Im Sommer 1936 dann, unmittelbar nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, wurde ausgerechnet Cánovas Cervantes, der Ausgestoßene und Verfehmte, plötzlich leitender Redakteur der anarchosyndikalistischen Tageszeitung Solidaridad Obrera [‚Arbeitersolidarität‘], und damit des wohl einflussreichsten Forums für jeden politischen Meinungsbildungsprozess innerhalb der anarchistischen Bewegung. Hier veröffentlichte er von November 1936 bis Februar 1937 eine Serie von historisch-politischen Artikeln, die noch während des Bürgerkriegs als Buch herausgebracht wurden und in denen er wesentliche Aspekte seiner neonationalistischen Theorie aktualisierte.

Der letzte dieser Artikel liest sich fast wie eine Zusammenfassung von Cánovas Cervantes‘ nationalanarchistischer Weltsicht, nun freilich ausschließlich bezogen auf den nationalen Ruhm Zentralspaniens und mit deutlich anti-katalanistischen Untertönen. Den fortschreitenden Niedergang Spaniens und das Scheitern der herrschenden Eliten erklärt Cánovas wesentlich damit, dass diese den Kontakt zur „Natur der Nation“ verloren hätten: „Die herrschenden Klassen Spaniens waren völlig denaturiert.“ Die Bourgeoisie, die sich 1936 den putschenden Militärs und der sie unterstützenden Kirche angeschlossen habe, sei dieselbe, die schon 1808 das Land an die französischen Invasoren verkauft habe: „1808 verkaufte die Bourgeoisie Spanien an Napoleon. Die heutige Bourgeoisie, Abkömmling dieser Bastarde, kriecherischen Absolutisten und Büttel Fernandos VII., die sich nun zu Faschisten gemausert haben, hat ein weiteres Mal die spanische Scholle öffentlich versteigert.“ Konsequenterweise spricht Cánovas Cervantes der faschistischen Bewegung jegliche nationalistische Gesinnung ab. Gegen diese Unspanier und vendepatrias [‚Vaterlandsverräter‘] steht für ihn das pueblo [‚Volk‘] als einzig legitimer Träger des nationalen Erbes: „Die Revolution in Spanien bedeutet Wucht, machtvolles Aufschießen der Rasse, das Erwachen der Iberischen Gemeinschaft, deren Zivilisation ein weiteres Mal der Sache der Menschheit wertvolle Dienste leisten wird. Die Revolution ist das Werk der Natur, und gegen die Natur kann keine menschliche Kraft der Erde kämpfen.“

Die welthistorische Aufgabe, die das spanische pueblo, das seine ungebrochene Lebensfähigkeit im Akt der Revolution beweist, zu bewältigen habe – seine „misión civilizadora“ [‚zivilisatorische Mission‘], wie es wörtlich heißt – leitet Cánovas Cervantes ein weiteres Mal aus der spanischen Geschichte ab. Vorbild und zugleich legitimierende Referenz ist die Conquista, also die [Rück]Eroberung Spaniens von den Muslimen im Mittelalter. Noch überraschender, wird auch die blutige Eroberung Lateinamerikas zu einer wahren Großtat freiheitlichen Spaniertums umgedeutet. Sogar die faschistische Forderung nach einem „nuevo imperio“ [‚Neuen Imperium‘] wird, anarchistisch gewendet, als positive Zukunftsvision übernommen: „Ein Volk, das solch heroische Leistungen vollbracht hat wie das unsrige, das sich ins Buch der Geschichte mit der Entdeckung und Kolonisation Amerikas eingeschrieben hat, wo es 20 große zukünftige Nationen zurücklies, wo die iberische Kultur aufs schönste blüht, als Faustpfand für die Zukunft der Menschheit, muss eine der urtümlichsten Revolutionen aller Zeiten zu Ende führen, die nach allen vier Himmelsrichtungen das Siegel wahren Spaniertums tragen und sich angewidert von allem Fremden abwenden wird. […] In der Zukunft werden wir gemeinsam mit unseren amerikanischen Brüdern ein neues Imperium aufbauen, dessen Geist niemand mehr zu fürchten haben wird. Die Iberische Zivilisation, um die sich die große iberoamerikanische Gemeinschaft scharen wird, wird zur großen Beschützerin aller freien Völker werden und zur Verteidigerin sämtlicher Errungenschaften der Menschheit.“

Man hat Zweifel, ob ein Propagandist Francisco Francos es „schöner“ hätte formulieren können. Es sei noch einmal ins Gedächtnis gerufen: Dieser und ähnliche Texte erschienen in der meistgelesen und einflussreichsten anarchistischen Zeitung Spaniens! Cánovas Cervantes‘ nationalanarchistischen Positionen, die Anfang der dreißiger Jahre noch relativ isoliert geblieben waren, waren mit dem Beginn des Bürgerkriegs innerhalb des kulturellen Spektrums der Anarchistinnen und Anarchisten offenbar akzeptabel geworden. Sie waren gewissermaßen ideologischer Mainstream.

Kritik am Nationalanarchismus: Alexander Schapiro

Es überrascht angesichts solcher Umstände wenig, dass der schärfste Kritiker des Nationalanarchismus, wie er sich während des Bürgerkriegs in der Solidaridad Obrera manifestierte, nicht aus Spanien kam: Alexander Schapiro, ein russisch-stämmiger Anarchosyndikalist, war führendes Mitglied der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) und lebte während des Spanischen Bürgerkriegs im französischen Exil. 1937 veröffentlichte er dort einen Artikel mit dem Titel: „Nationalanarchismus?“ in Reaktion auf ein unsigniertes Editorial der Solidaridad Obrera, das gut von Salvador Cánovas Cervantes gewesen sein könnte. Inhaltlich entspricht es im Wesentlichen den weiter oben bereits zitierten Positionen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass die spanischen Genossinnen und Genossen sich Schapiros harte und wortgewaltige, aber fundierte Kritik zu Herzen genommen hätten: Die für die Sichtung der Auslandspresse zuständigen Stellen der nationalen Spitze der CNT in Madrid archivierten Schapiros Artikel in einer Kladde mit der Aufschrift: „Schmähreden gegen unsere Bewegung“. Der junge Anarchismusforscher Danny Evans, ein aufsteigender Stern am Himmel der internationalen Anarchismusforschung, hat ihn dort (wieder)entdeckt, vom Französischen ins Englische übertragen und online zugänglich gemacht. Es lohnt, aus Schapiros Text umfassender zu zitieren. Nachdem er den Inhalt und die ideologische Grundorientierung des Nationalanarchismus korrekt skizziert hat, fällt er klare Urteile: „Rassismus ist der niedrigste Aspekt des Faschismus: Kann es sein, dass er zur Basis der neuen Hauspolitik der CNT geworden ist? […] Einerseits rassistisch zu argumentieren und andererseits alles ‚Fremde‘ zu schmähen sind zwei simultane und komplementäre Phänomene, die eine, um ein Geringes zu sagen, anti-revolutionäre Gesinnung offenbaren. Wo die ‚Soli‘ [Solidaridad Obrera, Anm. MB] aber endgültig den Kurs verliert, ist, wenn sie erklärt, Spanien solle zum ‚Frieden und Fortschritt in Europa‘ beitragen. […] Die Haltung der Spanischen Genossen, wie sie sich im Editorial der ‚Soli‘ offenbart, legt nahe, dass die soziale Revolution durch eine nationale Revolution ersetzt werden soll, die nichts weiter sein kann als eine formale politische Geste, revolutionär nur noch dem Namen nach. […] Hütet euch vor dem Chauvinismus! Er ist lebendig in jedem Menschen und jeder Bewegung, die es nicht geschafft hat, sich von den Folgen einer jahrhundertelangen systematischen und methodischen Vergiftung zu befreien. […] Das Sprachrohr der CNT erweist sich seiner Aufgabe als unwürdig. Seine Stimme ist zu einem schrillen Falsetto geworden. Es sollte mit Ohrenstöpseln ausgeliefert werden.“ Es entgeht Schapiro dabei keineswegs, dass die lärmende, rassistische Verherrlichung alles Spanischen bei gleichzeitiger Schmähung alles ‚Fremden‘ vor allem ein Versuch der Redaktion der ‚Soli‘ war, die spanischen Kommunisten zu delegitimieren, deren Gesinnung als ‚unspanischer Import‘ dargestellt werden sollte. Kühl kontert Schapiro, dass es in Spanien jahrzehntelang auch über den Anarchosyndikalismus geheißen habe, er sei in einem „Bierfass“ über die Pyrenäen gekommen (weil ihn in erster Linie deutsche Arbeiter mitgebracht hätten). Es half nichts: Seine Kritik verhallte weitgehend ungehört.

Schlussbetrachtung

Es mag schwer vorstellbar sein, aber beide Positionen – katalanischer und zentralspanischer Nationalanarchismus – sind in Spanien gegenwärtig geblieben. Mal in kaum verändert radikaler Form, mal eher in einer latenten Gegenwärtigkeit, so dass man den libertären Internationalismus zwar auf der Zunge, die Liebe zur heimatlichen Region oder Nation aber im Herzen trägt. Das Verhältnis von Anarchismus und Nationalismus verdeutlich auf anschauliche Weise, dass das laute Bekenntnis zu einer politischen Weltsicht für sich genommen nur selten genügt, um andere, stille, zum Teil weit ältere und tiefere kulturelle Prägungen aus dem geistigen Organismus zu schütteln. Aber auch der Glaube der spanischen Anarchisten, dass es genüge, auf den blutigen Hügel des europäischen Nationalismus einfach eine schwarze Fahne zu stecken, hat sich als falsch erwiesen.

Die ‚libertäre Nation‘, die die Nationalanarchisten propagierten, unterschied sich, was ihre Mythen, Symbole und Erzählungen, ihre grundsätzliche Strukturierung und ihre repressiven Züge angeht, kaum von jener, auf die die autoritäre und faschistische Rechte des Landes sich berief. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der nationalanarchistischen Tradition hat in der anarchistischen Bewegung Spaniens gleichwohl bis heute nicht stattgefunden.

All dies sollten ausländische Betrachterinnen und Betrachter gegenwärtig halten, wenn wieder einmal schwarze oder schwarz-rote Fahnen auf nationalistischen Demonstrationen zu sehen sind.

Martin Baxmeyer

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.