Interview

Gentrifizierung und Rassismus in Marseille

Sechs Monate nach dem 5. November 2018. Ein Interview über die Opfer der tödlichen Stadtpolitik, rassistische Polizeigewalt und den Zusammenschluss von Anti-Gentrifizierungs- und Gelbwestenbewegungen

| Interview: Anja Svobodovna

Am 5.11.2018 stürzten in Marseille zwei baufällige Häuser ein. Mindestens acht Menschen starben. Bildquelle: indymedia

In der GWR 439 vom Mai 2019 hat Lou Marin mit seinem Artikel „Marseille: Einstürzende Altbauten” die mörderische Mischung aus Klientelismus und Gentrifizierung in der wichtigsten Hafenstadt Frankreichs analysiert. Daran knüpft das folgende Interview an, das Anja Svobodovna für die GWR geführt hat. (GWR-Red.)

Wir zählen sechs Monate seit dem geschichtsträchtigen 5. November 2018, an dem in Marseille zwei Häuser in der Rue d’Aubagne (dt. Straße Aubagnes) in einem der Arbeiter*innenviertel der Innenstadt einstürzten und die Katastrophe mindestens acht Todesopfer forderte [vgl. GWR 439]. Die Tragödie brach eine breite Diskussion und Protestwelle zu Fragen von Gentrifizierung, Gewalt und Rassismus los. Ich sprach mit der langjährig politischen aktiven X über die Brutalität der Stadtpolitik, ihre Analyse der protesterfüllten letzten Monate ihre Liebe zu Marseille.

Anja Svobodovna: Kannst du dich bitte kurz vorstellen?

X: Ich bin eine 38-jährige Marseillerin, die in der Rue d’Aubagne lebt, in Noailles, einem Arbeiter*innenviertel im Stadtzentrum, mit einer großen Mischung von Hautfarbe und Herkunft. Ich bin interessiert an meiner Stadt, ihrer Geschichte, ihrem Potential. Gegen Gentrifizierung bin ich, weil sie rassistisch, klassistisch, tödlich ist.

Anja: In Marseille wurde gerade der 5. Mai begangen. Wieso ist der 5. jedes Monats so wichtig?

X: Der 5. Mai war speziell, weil es sechs Monate waren, also quasi ein Halbjahrestag. Aber alle 5. des Monats sind wichtig seit dem 5. November. Um 9 Uhr 05 morgens sind die Häuser Nummer 63 und 65 der Rue d‘Aubagne eingestürzt und haben mindestens acht Menschen mit sich gerissen, denn in den acht Toten zählen wir nur jene, welche deklariert waren, also Papiere hatten. Von den beiden Gebäuden gehörte eines der Stadt, das andere Vertretern der Stadtregierung. Deswegen wird jeden 5. des Monats, um 9.05 oder um 18.00 Uhr nach der Arbeit von den Marseillerinnen und Marseillern eine Andacht an diese acht Personen organisiert. (1) In Folge dieser ersten Einstürze wurde die Hälfte der Rue d’Aubagne evakuiert und innerhalb von weniger als einer Woche haben wir uns mit mehr als 600 ausquartierten Personen wiedergefunden, ohne Lösungen für ein neues Quartier. Zwei Monate später waren es 2500 Personen, welche in Hotels untergebracht wurden. Und heute sind wir bei 3600 ausquartierten Personen (Anm. aus unterschiedlichen, zumeist farbig geprägten Arbeiter*innenvierteln), wobei wir in diesen Statisktien nicht einmal jene zählen, welche sich bei Freund*innen untergebracht oder sich eine andere Wohnung gemieten haben, weil sie die Situation nicht mehr aushielten.

Anja: Was ist in den letzten sechs Monaten passiert?

X: Der 5. November hat einen großen Schock bei vielen Marseiller*innen hinterlassen, bei jenen, die verstanden, was vor sich ging, und die nicht Gaudin (Bürgermeister der Stadt) glaubten, der sagte, der Regen sei schuld an den Einstürzen. Fünf Tage später haben wir als Kollektiv des 5. Novembers – ich sage wir, weil ich an der Gründung des Kollektivs des 5. Novembers, ein Kollektiv der Bewohner*innen von Noaille und Ausquartierten, welche Rechte auf Wohnraum einfordern, mitbeteiligt war – eine Demo organisiert, welche wir „Marche Blanche“ nannten. Für diesen „Weißen Marsch“ riefen wir zu absolutem Pazifismus auf, weil er in Erinnerung an die Opfer des Einsturzes war. Es kamen mehr als 20.000 Personen, alle haben diesen Aufruf an Pazifismus respektiert. Aber es war schwierig. Für mich war es empörend, zu sehen, dass die Bullen nicht einmal die Straßen gesperrt hatten, damit wir nicht überfahren werden, und dass es wir selbst waren, die sich um den Verkehrsfluss kümmern mussten, obwohl der Marsch registriert war. Wir haben es geschafft während des Marsches ruhig zu bleiben, weil wir am 14. November den „Marche de la Colère“ organisiert haben.

Während des „Marsches der Wut“ waren wir sehr wütend. Aber wir haben keine Aggressionen ausgeübt. Jedoch, als wir 20.000 am Alten Hafen ankamen, hat man uns mit Tränengas ausgeräuchert und mit Schlagstöcken geschlagen. Man hat Demonstrant*innen den Kiefer gebrochen, andere haben Augen und Füße verloren und viele haben sich im Krankenhaus wiedergefunden. Das alles, auf einmal. Wieso? Weil sich die Menschen ausgedrückt haben. Wir sind auf die Straße gegangen, wir waren 20.000 und wir haben ihnen Angst gemacht. Am selben Tag haben es die „charmanten“ Polizisten nützlich gefunden sich in die Rue d’Aubagne und nach Belsunce (Anm. ein weiteres Arbeiter*innenviertel im Zentrum) zu begeben und dort etwas, das wir Ratonnades (dt. Ausschreitungen) nennen, zu begehen. Unter Ratonnade verstehen wir, wenn Faschisten oder Bullen, was oft auf das Gleiche rauskommt, in ein Arbeiter*innenviertel gehen, um Araber*innen zu schlagen. An diesem Tag fing es damit an, dass während allen Demos Polizisten in das Viertel Noaille vordrangen, in dem sich auch die Rue d‘Aubagne befindet, und dort Ratonnade durchführten.

Anja: Das waren also die ersten zwei Demonstrationen?

X: Ja, seitdem gehen sie weiter. Denn das Problem ist noch nicht geregelt, man hält uns für Idiot*innen und versteht nicht was Tote bedeuten. Die ausquartierten Personen finden sich ohne zur Verfügung gestelltes Essen wieder, sie sind in Hotels und sie sollten wohl in Restaurants gehen – wie praktisch.

In letzter Zeit ist Gaudin beunruhigt, weil seine Freunde aus der Hotelbranche unglücklich sind, dass in der Hauptsaison noch immer Zimmer in Hotels von ausquartierten Personen belegt sind, was bedeuten wird, dass er sie in Turnsäle umquartieren will. Darum werden die Demos weitergehen. Deshalb haben wir uns auch den Gelbwestenprotesten angeschlossen, und nicht nur unsere Protestbewegung um Noailles, auch die um La Plaine (Anm. ein weiteres Viertel in Marseille, das gerade massiv gentrifiziert wird). Also, es ist immer noch ähnlich, die Demos enden mit direkten Aggressionen der Polizei und mit Ratonnades in Noailles. Im Moment ist Ramadan.

Im Unterschied zu anderen Jahren, in denen nur die Stadtpolizei und die Anti-Kriminalitätseinheit der Polizei (Anm. fr. BAC, Brigade anti-criminalité), die den Druck am Ende des Nachmittags gegen Bewohner*innen von Noailles anhoben, Identitätskontrollen durchführten, Menschen verhafteten, versuchten sich Geld zu machen, sind dieses Jahr auch Polizeieinheiten der nationalen Ebene und die Anti-Meute-Einheit der Polizei (fr. CRS, Compagnies Républicaines de Sécurité, normalerweise nur gegen große Menschenmassen z.B. auf Demos eingesetzt) vertreten. Etwa die Hälfte der Bevölkerung des Arbeiter*innenviertels Noaille ist muslimisch. Ramadan ist eine Periode, die selbst die Christ*innen des Viertels akzepieren, nur die Bullen nicht. Sie haben sie noch nie akzeptiert, aber dieses Jahr sehen wir, dass es noch schlimmer ist.

Anja: Wie hängen die Beispiele, die du uns konkret gegeben hast, mit deinem größeren Bild der Gentrifizierung in der Stadt zusammen?

X: Wenn es die Gentrifizierung nicht geben würde, würde es keine Bereitschaft geben, die Häuser verrotten zu lassen. Es gäbe keine Toten in den Arbeiter*innenvierteln mit großem Anteil farbiger Bevölkerung. Gentrifizierung heißt auch, dass alle Macht bei der Stadtregierung liegt und nicht bei den Menschen. Der bewaffnete Arm der Stadtregierung ist die Polizei, die machen kann was sie will. Am 1. Dezember 2018 haben wir zu einem Marsch der Wohnungsgerechtigkeit (fr. Marche de dignité de logement, wortwörtlich Würde des Wohnraumes) aufgerufen. Im vierten Stock eines Gebäudes von Noailles haben es die Polizist*innen geschafft sich zu irren und auf eine Großmutter zu zielen, welche dabei war ihre Fensterläden zu schließen. Sie ist am nächsten Tag gestorben. Sie hießt Zineb Redounane. (2)

Sogar im Anbetracht dessen waren wir nie gewalttätig gegenüber der Polizei, wir haben acht Tote, eine Tote indirekt über sie, 72 Schwerverletzte im Krankenhaus seit dem 14. November und wir haben der Polizei noch nie irgendetwas angetan. Zerschlagen haben wir ebenfalls nichts. Aber das sage ich nicht, um mich gegen Leute zu positionieren, die auf Demos zerstören, denn das ist verständlich. Selbst wenn wir ruhig demonstrieren, werden wir nicht einmal abgesichert, als wären wir das Letzte. Ehrlich gesagt, ich würde auch Dinge zerschlagen, denn wenn man zerschlägt, zerschlägt man ein Symbol von Kapitalismus, der Gentrifizierung, der rassistischen und klassistischen Unterdrückung. Deswegen habe ich nichts gegen Personen, die Dinge zerschlagen. Selbst, wenn Menschen wütend sind und einen Fußtritt in ein Schaufenster abgeben, rechtfertigt das noch lange nicht, Tränengasbomben in den vierten Stock eines Gebäudes zu schießen.

Anja: Was kannst du mir zu den Bündnissen zwischen den unterschiedlichen Bewegungen (Noaille, La Plaine, Gelbwesten) sagen?

X: Da muss ich wieder auf die Gentrifizierung als klassistischen und rassistischen Vorgang zurückkommen. Im Detail werde ich nur ab 2018 sprechen, weil davor hat sie schon die Tour des Paniers (Anm. Viertel in Marseille) gemacht, in welchem nur Italiener*innen, Spanier*innen, Arab*innen und Komorianer*innen gelebt haben, während jetzt nur Tourist*innen, AirBnB, Österreicher*innen und der PetitTrain (Anm. Tourist*innenattraktion) dort sind.

Ende Sommer 2018 haben die Bauarbeiten auf LaPlaine begonnen, Arbeiten, denen wir uns seit mehr als drei Jahren entgegengesetzt haben. Wir haben vier unterschiedliche Projekte vorgelegt in den drei Jahren und wir wurden ignoriert. Deshalb haben wir den Platz besetzt, bis zum Schluss. Das hat nicht funktioniert, wir wurden mit Tränengas eingesprüht, mit Schlagstöcken geschlagen, obwohl wir nichts machten, außer einem Platz zu besetzen. Am 5. November sind wir aufgewacht und dachten, es sei alles nur ein Albtraum, der nicht wahr sein könne. Als Arbeiter*innenviertel der Innenstadt hat das Kollektiv von LaPlaine das Kollektiv des 5. Novembers unterstützt. Die Kollektive der Bewohner*innen von Belsunce ebenfalls, und die kleinen NGOs wie „Innenstadt für alle“, die NGOs von Noaille und Belsunce haben das Kollektiv des 5. Novembers ebenfalls unterstützt und nehmen daran teil. Die zwei Bewegungen rund um LaPlaine und Noailles haben sich verbunden, da beide mit Arbeiter*innenvierteln der Innenstadt zu tun haben. Das Kollektiv des 5. Novembers ruft zu den Demos von des Kollektivs LaPlaine auf, partizipiert und umgekehrt. Seit dem 17. November gibt es eine nationale Bewegung, die sich Gelbwesten nennt [siehe GWR-435-Schwerpunkt]. In Marseille war das lustig, weil wir davon vor dem 10. Dezember nicht viel gesehen haben. Die Medien waren fast die einzigen, die davon geredet haben, weil, wenn wir sie gesehen haben, waren sie maximal um die 50 Personen. Die Tausenden, die wir auf den Demos gesehen haben, waren von LaPlaine und Noailles. Sogar als die Schüler*innen protestiert haben – sie haben gegen Parcoussup protestiert, eine Bildungsreform, die sie in eine schlechte Situation bringt (3) – haben die Zeitungen getitelt „Gelbwesten“, das war Blödsinn. Nach einiger Zeit haben sich aber die Gelbwesten dann doch gedacht, sie sollten die große Stadt stürmen.

Bis dahin haben sie hauptsächlich außerhalb blockiert. Sie sind also alle Samstagnachmittage nach Marseille zum Demonstrieren gekommen, wie in allen großen Städten. Das hat die Anzahl der Leute auf der Straße erhöht, und schlussendlich haben wir bei ihren Demos mitgemacht. Also LaPlaine, das Kollektiv des 5. Novembers, Antifas, Feministinnen haben mitgemacht.

Viele unserer Forderungen stimmen überein, die Forderung nach Wohnraum, nach einem dezenten Leben, die Forderung, dass aufgehört wird, zu sagen ein Mindestlohn reicht zum Leben aus und Arbeitslosengeld und Mindestsicherung sind Urlaub, und mit dem Ziel, dass sie aufhören uns für Idiot*innen zu verkaufen, alles teurer zu machen, und dass sie aufhören 10% zu sein, die Milliarden verdienen und der Rest stirbt langsam dahin. In Marseille spezifisch wollen wir, dass statt 1,8 Millionen Euro in neue Umkleidekabinen des Schwimmvereins gesteckt werden (4), dass das Geld in öffentliche Schulen investiert wird, denn auch dort stürzen Dächer ein. Um ihr Problem zu lösen, hat die Stadtregierung beschlossen eine sogenannte PPP zu machen (Partenariat public-prive, dt. öffentlich-private Partnerschaft) und die Instandhaltung der öffentlichen Schulen an private Unternehmen zu verkaufen. Zumindest da haben wir aber gewonnen, wir hatten die 15.000 Unterschriften, die es brauchte. Sie werden vielleicht Anklage erheben, aber wir haben vor dem Gericht gewonnen.

Anja: Liegt dir noch etwas am Herzen, das du uns zur Situation in Marseille sagen möchtest?

X: Beginnen möchte ich mit einem Scherz: Endlich haben wir es geschafft, die Überhand zu gewinnen – zwischen Noaille, LaPlaine und den Gelbwesten – und es dazu gebracht, dass mittlerweile der Großteil der Marseiller*innen endlich verstanden hat was Polizeigewalt ist. Das ist jetzt nicht mehr nur uns nicht-weißen Menschen vorbehalten. Das ist etwas, das mir am Herzen liegt, weil das ein Sieg ist, den wir errungen haben – ohne kämpfen zu müssen. Ich will sagen, man wünscht Menschen nicht an den Hals sich von der Polizei massakrieren zu lassen, aber es waren schon Jahre, dass wir es ihnen gesagt haben.

Das Andere, was mir am Herzen liegt, ich bin es Leid, dass sie mein Marseille verschandeln. Seit fast 40 Jahren lebe ich hier, ich bin hier geboren, in der Rue d’Aubagne, aufgewachsen beim Alten Hafen und LaPlaine, ich habe im Panier gewohnt, immer in der Innenstadt gelebt. Jetzt gleicht sie einer weißen Innenstadt mit Dingen für Tourist*innen, sie sieht nicht mehr gut aus. Sogar unsere Viertel will man uns wegnehmen, man lässt die nördlichen Viertel (5) sterben und tötet die Innenstadtviertel. Ich habe es satt.

Interview: Anja Svobodovna

Wichtige Links (auf Französisch):

Kollektiv des 5. Novembers: https://collectif5novembre.org

Kollektiv LaPlaine: https://www.facebook.com/assembleedelaplaine

Komitee Wahrheit, Gerechtigkeit und Würde für Zineb: https://www.facebook.com/Comité-Vérité-Justice-et-Dignité-pour-Zineb-987020368173232

Legal Team Marseille, ein Kollektiv, das legale Unterstützung gegen Repression anbietet: https://mars-infos.org/+-legal-team-+ und www.legalteam-marseille@riseup.net

Anmerkungen:

  1. Ein Überblick über die Situation auf Deutsch findet sich z.B. in GWR 435, 439 und hier: https://www.akweb.de/ak_s/ak645/11.html

  2. Gruppen, welche die Aufklärung des Mordes an Zineb Redouane fordern: https://www.facebook.com/Comité-Vérité-Justice-et-Dignité-pour-Zineb-987020368173232 und https://www.facebook.com/Hommage-%C3%A0-Zineb-Redouane-Zerari-2427278863967437/

  3. Änderungen steigern die Selektivität des Schulsystems und Erschweren den Hochschulzugang, auf Deutsch finden sich Infos z.B. hier: https://www.tagesspiegel.de/wissen/studierendenproteste-wut-ueber-selektive-unis/21137406.html

  4. Infos zur mitten in der Wohnraumkrise beschlossenen 1.8 Millionen-Subvention der Umkleidekabinen des Schwimmklubs: https://www.20minutes.fr/politique/2393135-20181211-marseille-pleine-crise-logement-conseil-departemental-vote-subvention-18-million-vestiaires-cercle-nageurs

  5. Frz. Quartiers Nords, ein armer, im Norden und großteils abgeschnitter Teil der Stadt, mit vielen Wohnbauten in schlechtem Zustand, in dem primär nicht-weiße Bewohner*innen leben.