Rezension

Militärseelsorge abschaffen!

| Wolfram Beyer

Rainer Schmid, Thoms Nauerth, Matthias-W. Engelke und Peter Bürger (Hg.): Im Sold der Schlächter – Texte zur Militärseelsorge im Hitlerkrieg, Norderstedt 2019, 436 Seiten, 14,99 Euro; ISBN: 978-3-7481-0172-7

Rainer Schmid, Thomas Nauerth, Matthias-W. Engelke und Peter Bürger (Hg.): Die Seelen rüsten – Zur Kritik der staatskirchlichen Militärseelsorge, Norderstedt 2019, 452 Seiten, ISBN 978-3-7494-6804-1

Die Abschaffung der Militärseelsorge sollte die logische Schlussfolgerung nach der Lektüre dieser Bücher sein. Druckfrisch gibt es zwei Sammelbände mit aktuellen und historischen Texten zum Thema Militärseelsorge.

Die Herausgeber Rainer Schmid, Thomas Nauerth, Matthias-W. Engelke und Peter Bürger mit theologischem Hintergrund sind in der evangelischen Kirche und in der katholischen Kirche zu verorten und die Bücher sind in Kooperation mit dem Ökumenischen Institut für Friedenstheologie entstanden. Auch die Mehrzahl der Autor*innen haben eine theologisch-akademische Motivation am Thema Militärseelsorge. Politisch aktiv sind manche Autoren im Internationalen Versöhnungsbund (IFOR, deutscher Zweig), der DFG-VK und der IDK. Eine antimilitaristische und weltlich-humanistische Sichtweise auf das Thema ist den Beiträgen von Franz Nadler (DFG-VK, Connection e.V.) und mir (IDK) und in zwei weiteren Beiträgen im Buch „die Seelen rüsten“ zu finden. Beide Beiträge erschienen zuerst in der IDK-Schriftenreihe „Texte zur Gewaltfreiheit“ (2013). Auch andere Texte sind älteren Datums, aber weiterhin aktuell.

Den Herausgebern geht es um eine „durchgreifende neue Einstellung zum staats- und militärkirchlichen Komplex“. Die Beiträge liefern bekannte und auch neue Erkenntnisse dazu. Beide Bücher geben notwendige Information und leisten Aufklärung. Es werden daneben auch Angebote für das Handeln gegeben: Hinweise zur Kriegsdienstverweigerung, zur Trennung von Staat und Kirche oder zur Ökumenischen Initiative zur Abschaffung bzw. Reform der Militärseelsorge etc.

Viele Mitbürger*innen tun sich schwer überhaupt an eine Abschaffung der Militärseelsorge zu denken. Mit beiden Büchern kann eine neue Einstellung zum staats- und militärkirchlichen Komplex entstehen, aus der dann letztlich Handeln folgen kann und sollte. Wir können vier Bereiche und politische Zielgruppen zum Thema Militärseelsorge erkennen: Da sind erstens die Kirchen selbst, die sich mit ihren Institutionen eingerichtet haben.
Ab 1955 erfolgte mit der Gründung der Bundeswehr der erneute Aufbau der Militärseelsorge und zwar mit den Geistlichen, die bereits der Wehrmacht ihre kriegstheologischen Dienste zur Verfügung gestellt hatten.

Beeindruckend wird das im Buch „Im Sold der Schlächter“ dokumentiert. Die Kirchen leisteten ab 1939 dem Staatswesen Kriegsbeihilfe und waren wieder beim Aufbau der Bundeswehr mit ihren autoritären und zum Teil faschistoiden Anschauungen dabei. Mit Otto Dibelius (1880-1967) trat 1966 der letzte große Kirchenfürst nationalprotestantischer Prägung vom Bischofsamt zurück.

Auch die katholische Kirche wollte nichts mit Kriegsdienstverweigerern zu tun haben. Im militärkirchlichen Komplex geht es nicht zuletzt um viel Geld und um Privilegien des Spitzenpersonals der Kirchenleitungen, welches staatlich vereidet ist und hohe Gehälter in Empfang nimmt.

Da sind zweitens die vielen Christ*innen, die Mehrheit in den Kirchen, die sich mit gut gemeinter Absicht um die Seelen der Menschen sorgen – auch um die Soldatenseelen im Militär. Aus dieser Überzeugung haben sie mit der Militärseelsorge kein kritisches Bewusstsein und stützen die Politik ihrer jeweiligen Kirchen.

Da sind drittens die politischen Akteure in den Parteien im Bundestag, mit Ausnahme der Partei Die Linke, die kein Interesse an einer Abschaffung der Militärseelsorge haben. Die politische Mehrheit im Lande wird getragen von den Mitgliedern und Wähler*innen. Militärseelsorge ist politisch-juristisch gewollt und vertraglich festgeschrieben, eigentlich kein Thema und wirkt zudem auch noch als Baldrian zur Beruhigung der Truppe. Wenn wir bedenken, dass seit 100 Jahren nichts geschehen ist in Bezug auf den Verfassungsauftrag von 1919, der in der BRD fortgeschrieben wurde, die Staatsleistungen an die Kirchen zu beenden, dann kann man vielleicht nachvollziehen, dass in diesem Verständnis auch die staatskirchliche Militärseelsorge kein Problemthema ist.

Auf diesem politischen Hintergrund tauchen viertens nun seit ein paar Jahren die staatstragenden weltlichen Humanist*innen auf, die sich eigentlich aus ihrem Selbstverständnis heraus für die Trennung von Staat und Kirche einsetzten müssten, und fordern Teilhabe am System der Privilegien und der Finanzmittel aus dem Staatsetat der Militärseelsorge. Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) will sich auch sorgen um die humanistischen Seelen im Militär und nennt das „humanistische Soldatenberatung“.

Die Kriegsassistenz durch religiöse Geistliche und weltliche Berater*innen findet aktuell eine breite Akzeptanz in den Kirchen und in den politischen Parteien. Umso mehr sind die beiden Bücher zur Kritik der Militärseelsorge wichtig und lesenswert. Die unterschiedlichen Beiträge geben Argumentationshilfen für alle, die gegen die Militärseesorge im Militär aktiv sind. Friedenspolitisch, friedensethisch und friedenstheologisch ist die Beendigung der Militärseelsorge notwendig und überfällig.

Wolfram Beyer