ohne chef und staat

Zwischen Panik und Utopien

Träume und Versuche zu Wendezeiten

| Elisabeth Voß

Berlin 1989. Foto: Elisabeth Voß - Montage: Online-Red.

Die unverhoffte Grenzöffnung im November 1989 brachte Bewegung in die Berliner Ökodorfbewegung. Plötzlich gab es ein Umland, die Verwirklichung der Träume vom Leben auf dem Land rückte in räumliche Nähe.

Schon 1988 hatte ich begonnen, mit dem Verein „Informationsdienst Ökodorf“ regelmäßige Veranstaltungen zum Thema „Anders leben – anders arbeiten“ in Berlin zu organisieren. Wir brachten auch den Rundbrief „Ökodorf-Informationen“ heraus und warben für ein einfaches Leben in Selbstversorgung. Initiator des Vereins war der Universitätsdozent Jörg Sommer aus Heidelberg, der selbst mit einer Gruppe „Selbstversorgung als Selbstbestimmung“ ein solches Ökodorf vorbereitete. Die Veranstaltungen in Berlin fanden in einer Etage namens Ökodorf in der Kurfürstenstraße im Bezirk Tiergarten statt (die heute kein selbstverwalteter Veranstaltungsort mehr ist). Dort wurde über viele Jahre die „Giftgrüne Messe“ als Alternative zur „Grünen Woche“ in den Messehallen am Funkturm organisiert – heute gibt es zur Messezeit jedes Jahr die Demonstration „Wir haben Agrarindustrie satt“. Vor dem Ökodorf war dort die „Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk“ ansässig, eine Gruppe, die 1979 das ungenutzte Gelände der Ufa-Filmstudios in Tempelhof „friedlich in Betrieb nahm“ und dort seit 40 Jahren als Kommune lebt und ein internationales Kulturzentrum betreibt.

Nach dem legendären Tunix-Kongress Anfang 1978 in Westberlin, auf dem Alternativen zum Bestehenden diskutiert wurden, gab es im Sommer für sechs Wochen ein alternatives Umweltfestival „Umdenken – Umschwenken“ am Funkturm. In diesem temporären Ökodorf wurde alternative Alltagspraxis mit biologischer Vollkornernährung, regenerativen Energien und Naturheilkunde gelebt. Auch die „Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk“ war dabei, und entwickelte dort ihre Projektideen weiter. Der Forderung nach einer autofreien Stadt wurde mit Fahrraddemonstrationen Nachdruck verliehen.

In den Zeiten vor der Digitalisierung organisierten wir Veranstaltungen, indem wir Flyer und Plakate mit der Schreibmaschine, oder einfach mit der Hand schrieben. Um bei Änderungen nicht alles neu schreiben zu müssen, schnitten wir Texte auseinander, schrieben Teile neu und schoben all das mit Grafiken so lange herum, bis es gut aussah und wir alles zusammenklebten. Vervielfältigt wurde es im Copyshop, und dann in Kneipen, Bioläden etc. verteilt. Mein Wohnzimmer wurde manchmal tagelang zum Büro, der Boden voller Schnipsel, und am Ende halfen die Kinder mit, Hunderte Briefe mit Einladungsschreiben einzutüten und Briefmarken drauf zu kleben.

Im Ökodorf organisierte ich beispielsweise die ersten Treffen der ÖkoLeA-Kommunegruppe um den Berliner Politologieprofessor Fritz Vilmar (1929 – 2015). Die Gruppe lebt seit 1993 in Klosterdorf bei Strausberg-Nord, nicht weit von Berlin. Zwei Kommunarden aus Niederkaufungen (bei Kassel) kamen nach Berlin und berichteten von ihrem Projekt. Zu den Veranstaltungen kamen auch einige von denen, die zehn Jahre zuvor das Ökodorf am Funkturm organisiert hatten. Aus den Veranstaltungen entstand eine Gruppe, die zusammen ein Ökodorf gründen wollte.

Kritik der exterministischen Megamaschine

Gemeinsam mit den Leuten von „Selbstversorgung als Selbstbestimmung“ besuchten wir Ende 1988 den DDR-Dissidenten Rudolf Bahro (1935 – 1997) in seiner Gemeinschaft in Niederstadtfeld in der Eifel. Für sein Buch „Die Alternative“ war er in der DDR inhaftiert gewesen und wurde 1979 in den Westen abgeschoben. Bei den Grünen setzte er sich für einen radikalökologischen Wandel ein. 1987 veröffentlichte er die „Logik der Rettung“, in der er den „Ausstieg aus der großen Megamaschine und aus dem kleinen Auto, die einseitige militärische und industrielle Abrüstung“ forderte, ebenso wie eine innere Umkehr, die er mit vielen Bezügen auf Philosophie und spirituelle Denktraditionen begründete.

Das Buch widmete er Ulrike Meinhof, „die ich bewundert habe und an deren Selbstmord ich nicht glaube“. Zur Verhinderung der Apokalypse schreckte er auch nicht vor ökodiktatorischen Phantasien zurück. So propagierte er einen „Fürsten der ökologischen Rettung“ und sogar einen „grünen Adolf“. In einem Seminar, das ich in Berlin mit ihm organisiert hatte, forderte er uns auf uns vorzustellen, wir könnten die Erde retten, wenn wir einen Menschen, der am alles vernichtenden Hebel säße, erschießen würden – wären wir dazu bereit? Das blieb jedoch im Imaginären, ich habe Rudolf Bahro als einen sehr ruhigen, friedfertigen Menschen in Erinnerung, der sich jedoch später mit problematischen, auch rechten Personen umgab.

In Niederstadtfeld diskutierten wir erbittert, ob die Selbstversorgung schon zu Beginn hundertprozentig sein muss, und stritten um die Frage, ob wir auch Tiere halten wollen, damit wir Leder für unsere eigene Schuhproduktion haben. Ein Leben fern der Zivilisation, am besten ohne Strom, schien uns erstrebenswert – während wir weiterhin unseren komfortablen städtischen Alltag lebten. Zurück in Berlin überlegte ich, wie das wohl wäre, mit meinen beiden Kindern so ganz ohne Strom und ohne Waschmaschine. Die Radikalität fühlte sich zwar irgendwie toll an, aber sobald ich versuchte, mir das praktisch vorzustellen, fand ich es überhaupt keine gute Idee mehr. Es dauerte eine Weile, bis ich mich traute, meine Zweifel den anderen mitzuteilen. Vielleicht hatten ja manche schon ähnlich gedacht, jedenfalls fielen sie nicht über mich her, sondern signalisierten Verständnis.

Und plötzlich war die Grenze offen

Mit unseren Träumen vom Leben auf dem Land hatten wir uns ganz selbstverständlich nach Westdeutschland orientiert. Gleich nach der Grenzöffnung war klar, dass wir jetzt die sich neu auftuenden Möglichkeiten nutzen wollten. Außerdem wollten wir die DDR nicht dem Kapitalismus überlassen. So gründeten wir den Verein Dachverband Öko-Dorf (später Netzwerk Öko-Dorf) und bekamen ein Büro in den Räumen des ostdeutschen Umweltverbandes Grüne Liga in der Wilhelm-Pieck-Straße (heute Torstraße) im Ostberliner Bezirk Mitte. Mit öffentlichen Fördermitteln richteten wir sogleich eine ABM-Stelle ein (ABM = Arbeits-Beschaffungs-Maßnahme) und versuchten, unsere Ideen eines ökologischen und selbstverwalteten Lebens zu verbreiten, sowie entsprechende Projekte in der Noch-DDR zu initiieren.

Unser Selbstverständnis: „Wir sind eine Vereinigung von Menschen, die das Anliegen haben, der Industriegesellschaft mit ihren zerstörerischen Folgen für Natur, Umwelt und Psyche der Menschen ein Modell einer verantwortungsbewußten, zukunftsorientierten, selbstbestimmten und humaneren Lebensweise entgegenzusetzen.“ Unser Ziel war es, „Siedlungsgemeinschaften mit annähernd kreisläufiger Wirtschaft und weitgehender Selbstversorgung“ zu gründen. Wir setzten dabei auf den „Verzicht auf Gewinnorientierung und Konsummentalität“, strebten stattdessen gemeinschaftliches Wirtschaften mit biologischer Landwirtschaft und handwerklicher Produktion an.

Es war eine Mischung aus Lust auf Utopie und Endzeitstimmung. Denn auch vor 30 Jahren schien die Zerstörung der Erde und damit das Ende der Menschheit in greifbare Nähe zu rücken – nicht zum ersten Mal in der Geschichte. Manches unterschied sich kaum von dem, was heute von Extinction Rebellion zu hören ist. „S.O.S. Erde stirbt!“ warnte der Künstler Indiano (Hans-Jürgen Große) zur Wendezeit mit seinen „last minute paintings“ an der Mauer in Kreuzberg. Er forderte „Stop wasting earth“ und „Rettet die Erde“.

In der DDR wurden alle Lebensbereiche grundlegend neu organisiert, viele Arbeitsplätze gingen verloren, Ländereien und Produktionsstätten lagen brach, viele Menschen gingen nach Westdeutschland. Diesen Trend wollten wir umkehren. In der Wendezeit schien kurz die Möglichkeit auf, dass ausgehend von den Umbrüchen in Ostdeutschland im ganzen Land etwas anderes, Neues entstehen könnte – jenseits von Kapitalismus und Staatssozialismus, eine weitgehende selbstorganisierte Gesellschaft nach neuen, demokratisch zu findenden Regeln.

Foto: Thomas Buschmann

Wir waren eine kleine Gruppe, immer am Rand der Überforderung angesichts dessen, was wir uns vorgenommen hatten. Es war so viel zu tun, dass ich selbstverständlich auch die Wege in der Stadt mit dem Auto zurücklegte (all meinen ökologischen Idealen zum Trotz) – für unsere Fahrten durchs Umland waren wir ohnehin auf Autos angewiesen, und als Alleinerziehende hätte ich anders mein Leben nicht geregelt bekommen. Es war beeindruckend, wie wir von West- nach Ostberlin durch den Grenzübergang fuhren und anfangs noch Personalausweise vorzeigen mussten, wenige Tage später von Grenzern freundlich durchgewunken wurden, diese irgendwann nur noch desinteressiert herumstanden und kurz darauf nur noch die verlassenen Grenzanlagen ohne Personal zu sehen waren.

Wir lernten alternative Landprojekte in der DDR kennen und machten uns auf die Suche nach geeigneten Objekten für erste Ökodorfer. Mitunter wurden wir mit offenen Armen empfangen, vor allem von Bürgermeister*innen, denen der drohende Siegeszug des Kapitalismus Sorge machte und die sehr offen waren für unsere Ideen. Es gab aber auch die Goldgräberstimmung, vor allem von Wessis, die als Versicherungsvertreter oder Unternehmensberater richtiggehend in die DDR einfielen und den Leuten alles Mögliche andrehten. Wer ihnen auf den Leim ging und beispielsweise auf Edelhotels und Golfplätze, und die angeblich damit verbundenen vielen Arbeitsplätze hoffte, sah uns als Störenfriede, die die Investoren vertreiben würden.

Wir versuchten unsere Ökodorf-Ideen der Politik nahezubringen, und wurden für einen Vortrag zum Bezirkstag Dresden eingeladen. Den haben wir gemeinsam mit Wissenschaftlern des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) ausgearbeitet, ich habe ihn vorgetragen. Am 8. März 1990 stand ich vor Politikern in dunklen Anzügen – an Politikerinnen kann ich mich nicht erinnern – und erzählte ihnen, dass es nicht nötig sei, dass jede und jeder ein eigenes Auto hat, dass Waschmaschinen im Keller ökologischer seien, als wenn sich alle eine eigene kaufen, usw. Sie hörten höflich zu, die Irritation stand spürbar im Raum, manche lachten. Die Rede wurde im Radio übertragen, Zeitungen berichteten.

Ost-West-Begegnung Selbstorganisierte Lebensgemeinschaften

Im Juni 1990 luden wir zu einer „Ost-West-Begegnung Selbstorganisierte Lebensgemeinschaften – Kommunen, Ökodörfer, spirituelle Gemeinschaften und andere alternative Lebensformen“ in eine ehemalige SED-Parteihochschule in Kleinmachnow (bei Berlin) ein. „Der ‚real existierende Sozialismus‘ ist tot – es lebe der Kapitalismus….. Das kann doch nicht alles gewesen sein!“ hieß es in der Einleitung. Der Glanz des Westens sei „hohl und vorübergehend“, denn sein Reichtum beruhe auf der Ausbeutung der übrigen Welt, Weltmarkt und Weltzerstörung seien untrennbar verwoben. Beraubt würden auch kommende Generationen, die Natur würde „zu einem Ausbeutungsobjekt degradiert“ und „die Menschen zu Anhängseln einer unkontrollierbaren Maschinerie gemacht“, was stört, würde diskriminiert. „Aus dem Wunsch, dieser besitzindividualistischen Leistungs- und Konsumgesellschaft mit dem eigenen Leben etwas entgegenzusetzen, haben sich Menschen zusammengeschlossen, um in Gemeinschaften selbstbestimmt zu leben und zu arbeiten.“ Solche Alternativen sollten diskutiert werden, Erfahrungen ausgetauscht und nicht zuletzt Interessierte zusammengebracht werden.

Zur Ost-West-Begegnung eingeladen hatte eine Vorbereitungsgruppe, der Leute aus verschiedenen Organisationen angehörten: Informationsdienst Ökodorf (IDÖF), Initiative ökologische Siedlung Ost-West, Netzwerk Zukunft (zu den drei Gruppen gehörte auch ich damals), der Partei Die Grünen, der Kommune UfaFabrik und der Naturfreundejugend. Aus der Kommuneszene gab es auch kritische Stimmen, die meinten, wir sollten uns nicht aufdrängen, sondern abwarten, ob wir gefragt würden. Mir war es jedoch wichtig, die Erfahrungen, die aufgrund unserer privilegierten Situation in Westdeutschland und Westberlin möglich waren, nun auch mit denen, die diese Privilegien nicht hatten, zu teilen. Denn die DDR hatte ja die Folgen des Zweiten Weltkriegs alleine zu tragen und musste Reparationszahlungen an die Sowjetunion leisten, während der Westen mit US-amerikanischer Finanzierung aus dem Marshallplan als „Schaufenster der freien Welt“ gegenüber dem Osten aufgehübscht würde.

Für vier Tage kamen in Kleinmachnow über 400 Leute zusammen – teilweise auch diejenigen, die diese Veranstaltung kritisch gesehen hatten. Mitglieder von Projekten und Gründungsinitiativen stellten sich vor, diskutierten, tanzten, meditierten und verbrachten vier inspirierende Tage miteinander. Auch wenn unser Bemühen letztlich vergeblich war und die DDR aufgelöst, ausgeplündert und dem westdeutschen kapitalistischen System einverleibt wurde, so wurden doch in Kleinmachnow Beziehungen geknüpft und Verabredungen getroffen, die über das Treffen hinauswirkten und sicher auch zur Entstehung konkreter Projekte beigetragen haben.

Auch Rudolf Bahro war dabei, der nach der Wende an der Berliner Humboldt Universität ein „Institut für Sozialökologie“ aufbaute. In seinem Vortrag „Die Industriegesellschaft ist tödlich – wollen wir leben?“ warnte er vor dem Exterminismus, der drohenden Auslöschung allen Lebens auf der Erde. Er setzte große Hoffnungen in die Ökodorf-Bewegung, denn er war davon überzeugt, dass viele wahre Kommunisten in der DDR auf Alternativen warten würden und leicht davon zu überzeugen wären, weitgehend selbstversorgende Gemeinschaften aufzubauen.

In einem Bericht über das Gemeinschaftstreffen in CONTRASTE Nr. 90, Juli/August 1990, habe ich zu meiner Motivation geschrieben, dass ich es unerträglich finde, meine Kinder „in einer Welt zu wissen, die ihnen vielleicht nicht mehr erlauben wird, selbst Kinder zu haben, ihre Zukunft zu erträumen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Manchmal wird mir apokalyptische Panikmache vorgeworfen. Ich frag‘ mich aber, ob nicht – auch in der Szene – eine permanente Verdrängung der ganz realen Bedrohung stattfindet, einfach weil es schmerzlich ist, ihr ins Auge zu sehen und auch den eigenen Anteil, die Mitverantwortung für die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu akzeptieren (als ersten Schritt zur Veränderung)“.

Ökologische Siedlung Ost-West

Unsere Siedlungsinitiative war auf der Suche nach einem Standort am Rande Berlins. Darüber hinaus verstanden wir uns als politische Initiative, die sich für Ökodörfer in der ganzen DDR einsetzte. Ein Brief, mit dem wir Fachleute aus dem Bereich der Ökotechnik um Unterstützung baten, endete hoffnungsvoll: „Vielleicht können wir gemeinsam einen wichtigen Beitrag zum ökologischen Gesellschaftsumbau in der DDR leisten.“

Wir baten „PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen, VerwaltungsmitarbeiterInnen und interessierte BürgerInnen, die Ausweisung größerer Gelände als ökologische Siedlungsgebiete im Rahmen der Flächennutzungsplanung der DDR zu unterstützen“. Prominente Unterstützer*innen waren neben Rudolf Bahro und Fritz Vilmar auch die Grünen-Politiker*innen Petra Kelly (geb. 1947) und Gert Bastian (geb. 1926), die im Oktober 1992 erschossen aufgefunden wurden, sowie Isolde Bräuner von den Grünen Baden-Baden, Christoph Andres und Ekhart Hahn vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Eckart Klaffke vom BUND.

Uns war schon damals klar, dass die Zerstörung der Erde nur aufgehalten werden kann, wenn sich die gesamte Lebensweise von Grund auf verändert. In einer ersten Kurzkonzeption wiesen wir darauf hin, dass vermutlich „die Orkane der letzten Wochen schon erste Anzeichen der drohenden Klimakatastrophe“ seien. Uns war ebenfalls klar, dass wir mit Ökodörfern nicht die Welt retten können, aber wir sahen in der DDR „die historische Chance eines Neubeginns“ und wollten modellhaft zeigen, wie ein ökologischer Umbau der Gesellschaft aussehen könnte.

Kernpunkte unserer konzeptionellen Ideen waren: Verzicht auf motorisierten Individualverkehr in den Siedlungen, dezentrale regenerative Energiegewinnung, Maßnahmen zur Verringerung von Abfall und dezentrale Abwasserentsorgung, Alt- und Neubauten mit Wärmedämmung und in gemeinschaftlichem Eigentum, sowie die planungsrechtliche Aufhebung der Trennung von Wohn- und Gewerbegebieten. Damit sollte die kleinteilige Produktion in die Lebensmittelpunkte hereingeholt werden, während wir die Großindustrie ablehnten. Mit den LPGen wollten wir kooperieren und sie gemeinsam mit den dort Arbeitenden auf biologischen Anbau umstellen. Das Leben auf dem Land sollte attraktiv werden durch die Versorgung mit sozialen und kulturellen Einrichtungen.

Wir wollten keine Nischen errichten, darum war es uns wichtig, mit der von uns angestrebten umweltschonenden Lebensweise keinen Druck auf die eingesessene Bevölkerung auszuüben, sondern sie in die erforderlichen demokratischen Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Wir wünschten uns die Förderung aus öffentlichen Mitteln und wiesen darauf hin, dass angesichts der externen Folgekosten durch die Umweltbelastungen aus der industriellen Produktion die Förderung ökologischer Siedlungen langfristig günstiger sei, und dass dies demnach nicht zuerst eine finanzielle Frage, sondern eine Frage des politischen Willens sei.

Was wir vor 30 Jahren wollten, ist heute nach wie vor aktuell. Wie es damals weiterging, welche Projekte aus der Ökodorf-Bewegung entstanden sind, und was wir heute daraus lernen können, wird Gegenstand weiterer Beiträge sein.

Elisabeth Voß

Elisabeth Voß im Vorbereitungsreader zur „Ost-West-Begegnung Selbstorganisierte Lebensgemeinschaften (Kommunen, Ökodörfer und andere alternative Lebensformen)“, 14.-17. Juni 1990 in Kleinmachnow bei Berlin.

 

Übereinstimmung oder Widerspruch zwischen Ziel und Weg?

Unabhängig von den spezifischen Schwerpunkten der Initiativgruppen zur Bildung selbstorganisierter Lebensgemeinschaften wird in der Regel ein Mehr an Gemeinschaftlichkeit und ein Leben im Einklang mit der Natur angestrebt, mindestens als Ziel der jeweiligen Gruppe, als Hoffnung und Vision oft auch (langfristig) für die ganze Gesellschaft.

Der Weg dorthin – die Initiierung solcher Projekte – scheint vieles zu erfordern, was dem, das erreicht werden soll, oft drastisch widerspricht: Berge von Papier (-Müll) werden produziert (Konzepte, Rundbriefe usw.), Autos sind nötig, um all die Termine zu schaffen und mögliche Standorte zu besuchen, es bleibt insgesamt wenig Zeit für eine ökologische Lebensgestaltung im Hier und Jetzt, der Einsatz von Computertechnologie schafft vielleicht kurzfristig Abhilfe, scheint aber auch immer mehr Arbeit an sich zu ziehen, Freundschaften werden möglicherweise durch die Aktivitäten eingeschränkt, Durchsetzungsfähigkeit und Einzelkämpfertum sind gefragt.

Ist diese Form des alternativen Management als traurige Notwendigkeit ein Sachzwang, dem wir uns nicht entziehen können, wenn wir ernsthaft an einer Verwirklichung unserer Träume arbeiten wollen? Oder zerstört gerade diese Herangehensweise unsere Substanz, verflacht die Ideen, bindet uns ein in die außengeleitete, vom Denken in Quantität und Machbarkeit bestimmte Megamaschine? Ist also der Aufbau von Alternativen zum System nur möglich, indem (vorübergehend) die Mittel eben dieses Systems genutzt werden, oder ist das ein Widerspruch in sich, der wie eine Falle zuschnappt und das Entstehen echter Alternativen gerade verhindert? Und wenn es so wäre: welch andere Formen wären denkbar, die effektiv sind und in denen trotzdem – oder gerade deshalb – bei jedem Schritt schon ein kleines Stück von der großen Utopie enthalten ist?

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.