Statuen-Streit

Paul statt Wladimir

Kommentar von Mathias Schmidt

| Mathias Schmidt

Foto: Kingofthedead via flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Der Kulturbetrieb hat dieses Jahr das zweifelhafte Vergnügen, sich mit dem 150. Geburtstag des „Arbeiterführers“ Lenins auseinander setzen zu müssen. Die Pächter des „echten Sozialismus“ der MLPD nutzten vergangenes Wochenende (20.06.2020) diesen Anlass, um in Gelsenkirchen eine Lenin-Statue aufzustellen. Eine solche Figur ist für Westdeutschland zwar ein bemerkenswertes, doch kein erfreuliches Novum.

Wer noch nicht im Bilde über die selbstlosen Großtaten des geliebten Führers ist, kann sich auf der Internetpräsenz der MLPD informieren: Der geniale Revolutionsführer habe den Ersten Weltkrieg beendet, die Elektrifizierung durch umweltfreundliche Wasserkraft vorangetrieben, die Frau befreit, einen friedlichen Vielvölkerstaat gegründet. Stefan Engel – seines Zeichens 38 Jahre Parteivorsitzender, bis der Posten seiner Stieftochter zufiel – würdigt dazu die theoretischen Leistungen und führt aus, dass dem „Marxismus-Leninismus jeder Dogmatismus fremd“ (1) sei. Das grenzt schon an Realsatire.

 

Der beste Führer

Bei so viel Nächstenliebe vergisst man beinahe, dass Lenin maßgeblich daran beteiligt war, die fragile russische Demokratie nach der Februarrevolution 1917 zu beseitigen. Die Unterhöhlung der Sowjets – geschenkt. Die gewaltsame Auflösung der frei gewählten verfassungsgebenden Versammlung – das passiert. Die systematische Verfolgung von Anarchist*innen und Sozialrevolutionär*innen – vermutlich notwendig. Die Gründung der Tscheka und die blutige Niederschlagung des Aufstands in Kronstadt – kann man sicher irgendwie entschuldigen. Der Krieg gegen die Bauern mit kolonialen Mitteln, Geiselnahmen, Deportationen in Lager, Einführung der Wehrpflicht, Ausrufung des „Roten Terrors“ und die zwanghafte Sesshaftmachung nomadischer Volksgruppen: Das sind alles Dinge, die ein echter Führer von Weltformat durchsetzen muss, um knappe hundert Jahre nach Ableben ein Denkmal im kapitalistischen Wirtschaftswunderland zu erhalten.

 

Wenn Statue, dann richtig

Paul Wulf – Skulptur in Münster – Foto: Bernd Drücke

Auf der anderen Seite gibt es auch eine gute Nachricht: In Münster bleibt nach jahrelangen Querelen die Statue des NS-Opfers und Anarchisten Paul Wulf dauerhaft stehen. Wulf war zeitweise KPD-Mitglied und schaffte es, seinen kritischen Geist nicht mit dem Parteibuch einzutauschen. Sein unermüdlicher Einsatz zur Bekanntmachung der Zwangssterilisationen und die Anerkennung dieser Personengruppe als NS-Opfer sind sein Verdienst. Das Bundesverdienstkreuz nahm er dafür nur unter Protest an.

 

Mitgefühl kann man mit den Lenin-Freunden nur dabei empfinden, dass sie zur Zielscheibe eines deutschlandfahnenschwenkenden antikommunistischen Bündnisses von gelb-schwarz bis blau-braun wurden. In diesen Zeiten mag eine beschränkte antifaschistische Kooperation mit den Leninisten sinnvoll sein. Danach können sie ihre Partei gerne auf dem Roten Platz einbalsamieren.

(1) https://www.mlpd.de/2020/06/heute-haben-wir-ein-deutliches-signal-gegen-den-antikommunismus-gesetzt (Abruf 26.06.2020)

Ein Vortrag von Bernd Drücke zur Geschichte der Paul Wulf - Skulptur findet sich hier.

Dies ist ein Beitrag der Online-Redaktion. Schnupperabos der monatlichen Printausgabe zum Kennenlernen gibt es hier