kleine unterschiede

Gut und günstig

Die unsichtbare Arbeit der Frauen

| Tinet Elmgren

Foto: FORTEPAN/Erdei Karalin (CC BY-SA 3.0), Bearbeitung: Tinet Elmgren

Wer schläft länger – alleinstehende oder verheiratete Mütter? Warum werden Frauen ab der Rente immer glücklicher? Warum kochen Dozentinnen an der Uni noch Kaffee? Auf diese Fragen antwortet Tinet Elmgren, die für die GWR über unsichtbare Arbeit von Frauen und ihre Auswirkungen schreibt. (GWR-Red.)

„Frauen, die nicht arbeiten, gibt es nicht. Es gibt nur Frauen, die für ihre Arbeit nicht bezahlt werden“, schreibt Caroline Criado Perez in ihrem Buch Unsichtbare Frauen – Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. (1) Die Autorin untermauert ihre Feststellung mit Statistiken: Weltweit wird 75 % der unbezahlten Arbeit von Frauen verrichtet. Sie verbringen damit zwischen drei und sechs Stunden täglich – Männer nur eine halbe bis zwei Stunden. Bereits fünfjährige Mädchen helfen deutlich mehr im Haushalt als ihre Brüder – und das Ungleichgewicht verstärkt sich, je älter die Kinder werden. Im weltweiten Vergleich leisten dänische Männer die meiste Zeit an unbezahlter Arbeit, aber ihr Anteil ist immer noch geringer als derjenige der norwegischen Frauen, die statistisch am wenigsten unbezahlte Arbeit verrichten.

Foto: Helsinki City Museum, (CC BY 4.0), Bearbeitung: Timet Elgrem

Carearbeit als Mitgift

Criado Perez zeigt, wie dieses Ungleichgewicht unter anderem auch ernsthafte gesundheitliche Risiken für Frauen birgt – und gesundheitliche Vorteile für Männer. Dass es einen Zusammenhang zwischen der seit langem bekannten Tatsache, dass Frauen nach Herzoperationen schlechter genesen als Männer, und der Carearbeitslast der Frauen gibt, wurde 2016 in einer kanadischen Studie festgestellt. (2) Die allermeisten Frauen in der Studie nahmen nach einer Bypass-Operation ihre Carearbeit gleich wieder auf, während die Männer eher jemanden hatten, der – oder besser gesagt: die – sich um sie kümmerte. Bei den Frauen wirkte sich ihre Arbeitslast entsprechend negativ auf ihre Genesung aus, während die Männer sich in Ruhe erholen konnten.
Laut einer Untersuchung der University of Michigan verursachen Ehemänner in den USA sieben Stunden zusätzliche Hausarbeit für ihre Frauen. (3) Diese Studie stellte außerdem fest, dass nach einer Kindergeburt die Menge an Haushaltsarbeit für Frauen zu-, aber für Männer abnimmt.
Zahlen aus der australischen Volkszählung 2016 ergeben, dass Haushaltsarbeit am gleichmäßigsten unter alleinstehenden Männern und Frauen verteilt ist. Wenn Frauen jedoch mit Männern zusammenleben, „steigt ihr Anteil an der Heimarbeit, während der der Männer sinkt – unabhängig von Berufstätigkeit“. (4)

Alleinstehende Mütter werden häufig als überfordert, einsam und unglücklich stereotypisiert. Eine Studie aus den USA 2018 (5) bestätigt jedoch die von Criado Perez erwähnten Statistiken. Die Studie untersuchte, wie viel Zeit 23.000 Mütter in verschiedenen Familienkonstellationen mit Kindern unter 13 Jahren jeweils mit „Haushaltsarbeit, Kinderpflege, Schlafen und Freizeit“ verbringen. Das Ergebnis: alleinstehende Mütter haben mehr Freizeit, verrichten weniger Haushaltsarbeit und schlafen mehr als verheiratete Mütter. Auch bei den verheirateten Frauen in dieser Studie führte die Elternschaft dazu, dass sie mehr Zeit mit Haushaltsarbeit verbrachten, während ihre Ehemänner nach der Geburt der Kinder weniger Zeit mit dieser Arbeit verbrachten – sogar bei Ehepaaren, die vor der Geburt des Kindes eine gleichberechtigte Arbeitsverteilung gehabt hatten. Diese Muster waren in allen ethnischen Gruppen und Einkommenshöhen gleich.

Körper und Geist

Es ist natürlich nicht so, dass Männer einfach von Natur aus unfähig wären, sich um Haushalt und Kinder zu kümmern, sondern dies ist eine patriarchale kulturelle Norm, die von Vorteil für die Männer ist. Ein Mann nimmt sich mehr Zeit für sich selbst durch die Arbeit, das Leiden und das gesundheitliche Verderben seiner Partnerin. Unzählige berühmte und verehrte Männer haben ihr Lebenswerk auf den Rücken ihrer Frauen errichtet.
Sofja Tolstaja, die selbst literarische Ambitionen hatte, bevor sie den 16 Jahre älteren Lew Tolstoi heiratete, leistete unerlässliche Arbeit für ihn als Redakteurin, Literaturagentin und Verlegerin, wie man in ihren Tagebüchern lesen kann. Sie lektorierte alle seine Romane, übertrug das Manuskript von Krieg und Frieden siebenmal in Reinschrift, korrigierte Grammatik und Rechtschreibung und gab wesentliche Kritik und Vorschläge zur Handlung – zum Beispiel dass sich Leser_innen mehr für die sozialen, romantischen und allgemein menschlichen Aspekte interessieren würden, als für Details von Feldschlachten und Kriegsstrategie. Daneben verwaltete sie sein Landgut und war sechzehnmal schwanger (denn Lew Tolstoi lehnte eine Empfängnisverhütung ab; von den dreizehn lebend geborenen Kindern erreichten acht das Erwachsenenalter). Als Lew Tolstoi eine Phase hatte, wo er nicht schreiben wollte und somit kein Einkommen mehr hatte, borgte Sofja Tolstaja Geld von ihrer Mutter, um einen Verlag zu gründen und Lew Tolstois Bücher herauszugeben. Sie fragte um Rat bei Anna Dostojewskaja, denn diese hatte bereits 14 Jahre die Buchveröffentlichungen ihres Ehemannes geplant, lektoriert und beworben, und mit den staatlichen Zensoren gekämpft.

Eine umfassende Studie des Nationalen Gesundheitsdiensts in Großbritannien zeigt, dass Frauen fast ihr ganzes Leben weniger glücklich als Männer sind. Frauen werden jedoch ab der Rente immer glücklicher, und im 85. Lebensjahr überholen sie die Männer. The Times zitiert Psychiater_innen, deren Erklärung ist, dass viele Frauen in dem Alter verwitwet sind. Sie müssen somit weniger Carearbeit leisten und sind ggf. unglücklich machende und gewalttätige Männer endlich los.

Lew Tolstoi plagiierte in seinen Romanen zudem die wenigen eigenen literarischen Werke, für die Sofja die Zeit zum Schreiben fand. Ähnlich bedienten sich auch William Wordsworth (aus dem Tagebuch seiner Schwester Dorothy) und F. Scott Fitzgerald (der einer Zeitschrift verbot, Auszüge aus den Tagebüchern seiner Frau Zelda zu veröffentlichen, weil er diese als Rohmaterial für seine eigenen Geschichten benutzte).
Ein moderneres Beispiel ist Hayao Miyazaki, dessen Frau Akemi Ōta ebenfalls Animatorin war, und darauf bestand, dass sie nach der Heirat mit ihrer Arbeit weitermachen wollte. Hayao Miyazaki versprach es ihr. In seiner Essay- und Memoirensammlung Starting Point erzählt er unverblümt, dass er nach einigen Jahren mit zwei Kindern entschied, dass es „unmöglich“ war, dass beide Eltern arbeiten. Seine Frau sollte die Haushaltsarbeit übernehmen und sich um die Kinder kümmern, während er als Animator weiterarbeitete. Er schreibt, dass er es zwar bereute, sein Versprechen ihr gegenüber nicht gehalten zu haben, aber dass er sich dadurch auf seine Arbeit fokussieren konnte. Was für Werke sind der Welt wohl verloren gegangen, weil Akemi Ōta ihre künstlerische Tätigkeit unterbrechen musste?
Diese berühmten Männer sind keine Extremfälle – das kapitalistisch-patriarchale Konstrukt der Kernfamilie baut darauf, dass Frauen in der Heimarbeit von ihren Männern ausgebeutet werden, damit die Arbeitskraft der Männer wiederum in der Lohnarbeit ausgebeutet werden kann. Die Kernfamilie ist auch ein Werkzeug, mit dem Hierarchie aufrechterhalten wird. Wenn der Mann in der Familie die Rolle des Ausbeuters und der Autorität einnehmen kann, ist er eher bereit, in der Lohnarbeit wiederum von Bossen ausgebeutet zu werden und hierarchische Beziehungen zwischen Individuen und Klassen zu akzeptieren. Die Arbeiter_innenklasse wird somit entlang den Genderlinien geteilt und beherrscht.

Carearbeit bestreiken?

Der Streik ist womöglich die mächtigste Waffe der Arbeiter_innen gegen die Ausbeutung in der kapitalistischen Lohnarbeit. Mit dem Streik wird deutlich, dass ohne sie nichts läuft – dass die Bosse auf die Arbeiter_innen angewiesen sind.
Carearbeit ist schwieriger zu bestreiken. Patient_innen, Krippenkinder oder Bewohner_innen in Pflegeheimen stehen dann ohne lebensnotwendige Pflege da. Ähnlich, wenn nicht noch schwieriger, ist es mit der Carearbeit in der eigenen Familie, denn die unbezahlte Arbeit der Mutter sorgt dafür, dass z.B. ihre Kinder sicher sind und genug zu essen haben – und wenn die Mutter diese Arbeit bestreikt, lässt sie ihre Kinder im Stich. Die Kinder fungieren praktisch als Geiseln in der Carearbeitssklaverei.

Ein seltenes Beispiel eines gleichzeitigen Streiks von Heimarbeit und Lohnarbeit ist der Frauenstreik in Island 1975, an dem sich 90% aller Frauen beteiligten. Am 24. Oktober 1975 sollte keine isländische Frau auch nur die geringste Arbeit verrichten, und zwar weder bezahlte noch unbezahlte Arbeit – also auch kein Kochen oder Putzen und keine Kinderbetreuung. Islands Männer sollten einmal sehen, wie sie ohne die unsichtbare Arbeit dastanden, mit der die Frauen das Land Tag um Tag am Laufen hielten.
Der Streik war das Ergebnis einer mindestens fünfjährigen Organisierung, ursprünglich angestoßen von der Gruppe „Die Roten Socken“. Die streikenden Frauen gingen davon aus, dass ihre Kinder und Alten sicherlich den einen Tag ohne sie überleben würden, und wenn praktisch alle Frauen mitmachen, setzt auch nur ein Tag Streik ein großes Zeichen.
Der „Urlaubstag der Frauen“ veranlasste zumindest Veränderungen in Gesetzen und in der Politik: Im Folgejahr verabschiedete Island das Gleichstellungsgesetz, das geschlechterbezogene Diskriminierung an Arbeitsplätzen und Schulen strafbar machte. 1980 wurde Vigdís Finnbogadóttir die erste demokratisch gewählte Staatschefin der Welt. 2017 führte das Land den Global Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums zum achten Mal in Folge.
Aktivistinnen der „Roten Socken“ hatten sich allerdings mehr erhofft – mit dem Streik wollten sie Frauen der Arbeiter_innenklasse zusammenbringen, zu politischer Aktion ermächtigen und eine feministische Bewegung schaffen, die in den unteren Ebenen der sozialen Hierarchie verankert war. Für diese Gruppen brachte der Streik aber tatsächlich wenig.

Foto: Ministerie van Buitenlandse Zaken (CC BY-SA 2.0), Bearbeitung: Tinet Elmgren

Weniger Mann – mehr Freude?

Die Feministin Zawn Villines, Autorin mehrerer viraler Facebookbeiträge über Carearbeit und Genderrollen, schreibt in einem ihrer Beiträge, dass es sowieso nicht ausreicht, wenn Frauen die Heimarbeit einfach sein lassen. Frauen müssen faule, gewalttätige und abwesende Partner verlassen. „Ein Mann muss sein Recht, verheiratet zu bleiben, verdienen“, schreibt Villines, „indem er seinen gerechten Anteil der Carearbeit leistet. Er ist austauschbar. Faule Männer, die denken, dass du 168 Stunden pro Woche arbeiten solltest, während sie selbst 40 Stunden arbeiten, sind leicht zu finden.“ (6)

Sind Frauen ganz ohne Mann vielleicht sowieso glücklicher? Eine umfassende Studie des Nationalen Gesundheitsdiensts in Großbritannien zeigt, dass Frauen fast ihr ganzes Leben weniger glücklich als Männer sind. Frauen werden jedoch ab der Rente immer glücklicher, und im 85. Lebensjahr überholen sie die Männer. The Times zitiert Psychiater_innen, deren Erklärung ist, dass viele Frauen in dem Alter verwitwet sind. (7) Sie müssen somit weniger Carearbeit leisten und sind ggf. unglücklich machende und gewalttätige Männer endlich los.
Eine Trennung wäre ein Ausweg, aber nicht nur in den älteren Generationen ist es juristisch, sozial wie auch finanziell oft schwierig für eine Frau, sich scheiden zu lassen.
Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen den Möglichkeiten von Frauen, finanziell unabhängig zu werden, und der Scheidungsrate. Frauen bleiben häufig aus finanziellen Gründen in unglücklichen und gewalttätigen Beziehungen – insbesondere wenn sie Kinder haben. Das gemeinsame Zuhause ist oft auf den Namen des Mannes eingetragen, und im Fall der Scheidung würde die Frau wohnungslos. Frauen mit Kindern arbeiten öfters Teilzeit oder gar nicht und haben somit weniger Berufserfahrung, eine abgebrochene oder gar keine Karriere, und die Scheidung würde eine dramatische Minderung ihres Einkommens bedeuten. Dazu kommt noch drohende Altersarmut.
Selbst in der Rente sind Frauen finanziell von ihrem Ehemann abhängig, denn die niedrigeren Löhne und häufigere Teilzeitarbeit von Frauen ergeben weltweit auch deutlich niedrigere Renten. (Ausnahmen von dieser Regel sind allerdings Brasilien, Bolivien und Botswana, wo die Rentenunterschiede zwischen den Geschlechtern deutlich kleiner sind, dank unkompliziert erhältlicher Renten ohne Beitragsbeteiligung.)
Ist es dann besser für eine Frau, gar nicht erst zu heiraten und vielleicht auch keine Kinder zu kriegen? Selbst im Berufsleben entkommt eine Frau allerdings oft nicht den Erwartungen, die an ihre Genderrolle geknüpft sind.

UNIversale Regeln der Meritokratie?

Man könnte glauben, dass an den Universitäten und Hochschulen mittlerweile eine Meritokratie herrschen würde, in der Geschlecht keine Rolle spielt. Criado Perez legt jedoch dar, wie auch von Akademikerinnen mehr Verwaltungsarbeit (eine Tätigkeit mit „niedrigem Status“) erwartet wird als von ihren Kollegen – und wenn sie sie ablehnen, werden sie dafür bestraft und gelten als schlechte Teamplayerinnen. Die Zeit, die Akademikerinnen fürs Forschen und Veröffentlichen haben (die Tätigkeiten mit dem „höchsten Status“), wird auch dadurch begrenzt, dass sie häufiger als ihre Kollegen mit Unterricht beauftragt werden (auch das eine Tätigkeit mit „niedrigem Status“ – weniger wichtig, weniger ernsthaft, weniger wertvoll).
Dasselbe Muster besteht in vielen Branchen und Arbeitsplätzen: Frauen, insbesondere von ethnischen Minderheiten, erledigen auch im Büro die meiste „Haushaltsarbeit“, wie Protokollieren, Kaffeekochen, Aufräumen oder soziale Zusammenkünfte planen – und das nicht selten als unbezahlte Mehrarbeit, die nicht zur „richtigen“ Arbeitszeit gezählt wird. Der Kreis schließt sich!

Kapitalverwertung

Das patriarchale Ideal, nach dem Frauen streben sollten, ist Hausfrau zu sein und nur unbezahlte Heimarbeit zu verrichten. Eventuelle Lohnarbeit ist für Frauen nur vorübergehend (bis sie heiraten oder Kinder kriegen) oder „nebenbei“, und wird entsprechend niedrig entlohnt. Kurioserweise macht dies Frauen auch attraktiver als Arbeitskraft für Unternehmen, die möglichst niedrige Personalkosten haben wollen.
Auch in den patriarchalsten Gesellschaften arbeiten junge Frauen und Mädchen der Arbeiter_innenklasse genauso wie ihre Brüder, um zum Familieneinkommen beizutragen. Alleinstehende Frauen, Frauen mit abwesenden oder arbeitsunfähigen Ehemännern und Frauen von Saisonarbeitern sind die hauptsächlichen Versorgerinnen ihrer Familien. Insbesondere Frauen mit Kindern sind bereit, schlechtere Arbeitsbedingungen und schlechteren Lohn in Kauf zu nehmen – was von Bossen ausgenutzt wird.
In Das Kapital erwähnte Marx folgendes Zitat aus einer Rede des Lord Ashley 1844 für die Einführung des 10-Stunden-Arbeitstags: „Herr E., ein Fabrikant, unterrichtete mich, daß er ausschließlich Weiber bei seinen mechanischen Webstühlen beschäftigt; er gebe verheirateten Weibern den Vorzug, besonders solchen mit Familie zu Hause, die von ihnen für den Unterhalt abhängt; sie sind viel aufmerksamer und gelehriger als unverheiratete und zur äußersten Anstrengung ihrer Kräfte gezwungen, um die notwendigen Lebensmittel beizuschaffen.“ (8) August Bebel beschrieb in Die Frau und der Sozialismus so genannte „She-Towns“ in den USA, in denen nur Frauen in den Textilfabriken arbeiteten, während ihre Männer sich um den Haushalt und die Kinder kümmerten.  (9)
In den Teeplantagen in Indien werden auch heutzutage nur Frauen angestellt, und auch ihre Männer kümmern sich um Kinder und Haushalt, während die Frauen lohnarbeiten. In vielen exportorientierten Fabriken in China werden bevorzugt junge migrantische Frauen aus den Provinzen angestellt, deren Familien finanziell von der Arbeit der Töchter abhängig sind.
Als der chinesische Konzern Foxconn 2019 eine neue Fabrik für iPhones in Sri City, Indien, eröffnete und nur Frauen einstellte, erinnerten die Worte von Josh Foulger, der für Foxconn in Indien verantwortlich ist, an die historischen Beispiele von Marx und Bebel. Foulger hatte „zusätzliche Ausgaben“ für Security, Busse und Schlafsäle für die Arbeiterinnen, die weit weg von der Fabrik leben. „Aber das ist es wert, denn Frauen arbeiten hart und wertschätzen die Chancen, die ihnen gegeben werden.“ (10)
Auch in den industrialisierten Ländern ist das „Sparen durch Frauenarbeit“ keine historische Kuriosität. Beispielsweise in der immer größer werdenden Sphäre der prekarisierten Jobs arbeiten heutzutage hauptsächlich Frauen. Criado Perez hat auch hier die passende Statistik: Laut einer Studie der Gewerkschaft Unison in Großbritannien sind 2/3 der Arbeiter_innen in der Niedriglohnbranche Frauen, und viele von ihnen „arbeiten in mehreren prekären Jobs gleichzeitig, um auf genug Stunden zu kommen“. (11)

Sogennante „Frauenarbeit“

Dass „Frauenarbeit“ generell als weniger wertvoll angesehen wird, ist besonders deutlich in Berufen, in denen sich die Geschlechterdominanz im Laufe der Zeit verändert hat.
Informatik war in den 1940er, 50er und 60er Jahren ein Frauenjob. Frauen waren die ursprünglichen „Rechner(innen)“, die für das Militär per Hand komplexe mathematische Probleme lösten – wie in dem Film Hidden Figures (2016) dargestellt. „Das ist wie die Planung eines Abendessens“, erklärte die Computerpionierin Grace Hopper 1967. „Man muss vorausplanen und alles vorbereiten, sodass es fertig ist, wenn man es braucht. Programmieren verlangt Geduld und die Fähigkeit, mit Details umzugehen. Frauen sind ‚Naturtalente‘ im Programmieren.“ (12)

Foto: Peter van der Sluijs (CC BY -SA 3.0), Bearbeitung: Tinet Elmgren

Erstaunlich ist die Geschichte, wie Unternehmenschefs zielgerichtet vorgingen, um Männer in Informatikjobs zu bringen. Sie hatten gemerkt, dass Programmieren keine bloße Schreibarbeit oder Datenverwaltung ist, sondern hohe Problemlösungsfähigkeit voraussetzt. Weil offenbar die Vorurteile in Bezug auf herausragende intellektuelle Fähigkeiten stärker waren als die objektive Wirklichkeit (Frauen programmierten ja bereits und hatten folglich diese Fähigkeiten), begannen die Unternehmenschefs, Männer zu Programmierern auszubilden.
Persönlichkeitsprofile formalisierten einen stereotypen Programmierer – den „streberhaften Einzelgänger mit geringen sozialen Fähigkeiten und mangelnder Körperhygiene“. Ein vielfach zitierter Psychologie-Artikel von 1967 hatte das „Desinteresse an Menschen“ und die Abneigung gegen „Aktivitäten mit enger persönlicher Interaktion“ als „hervorstechende Eigenschaften von Programmierern“ ausgemacht. Also suchten die Unternehmen gezielt nach solchen Leuten – und das Persönlichkeitsprofil wurde zur selbsterfüllenden Prophezeiung. (13)
Ein anderer in vielen Ländern männlich dominierter, gut bezahlter und hoch angesehener Beruf ist Arzt. In Großbritannien ist er unter den zehn am besten bezahlten Jobs, in Deutschland unter den Top 20. Man könnte denken, es ist logisch, dass der Beruf so gut bezahlt und hoch angesehen ist, weil Ärzt_innen Leben retten und eine schwierige Ausbildung abschließen müssen. Wie kann es dann sein, dass der Beruf in Russland, mit durchschnittlichen 900 € Monatslohn (14), einer der Berufe mit den niedrigsten Löhnen und niedrigem Status ist?
In Russland sind seit den 1930er Jahren ca. 70% der Ärzt_innen Frauen. Die Ausbildung ist genauso hart wie in anderen Teilen der Welt, aber medizinische Berufe werden stereotypisiert als eine „fürsorgliche Berufung“, für welche Frauen „von Natur aus geeignet“ sind – was ihnen entsprechend weniger Prestige verleiht als traditionellen „Männerberufen“. Gleichzeitig gibt es in den am höchsten bezahlten und angesehensten Positionen, wie hochspezialisierten Ärzt_innen oder in der akademischen Medizin, einen drastisch kleineren Anteil Frauen – im Jahr 2001 nur 10%.  (15)

Fazit

Diese Beispiele zeigen, dass Frauen nicht weniger verdienen oder unbezahlt mehr arbeiten müssen, weil ihre Arbeit wenig wert ist. Es ist anders herum. Die Arbeit der Frauen wird weniger wertvoll, weil Frauen als wenig wertvoll angesehen werden. Was auch immer eine Frau tut, ob Kinderpflege, Unterricht, Medizin oder Informatik, wird als weniger wertvoll angesehen, einfach weil es von einer Frau gemacht wird. Die Verantwortung für den „Gender Pay Gap“ liegt nicht bei Frauen, die sich Niedriglohnbranchen aussuchen. Vielmehr werden Tätigkeiten, die von Frauen ausgeführt werden, im Patriarchat „automatisch“ weniger gut angesehen und schlechter bezahlt.

Hinweis der Autorin: Die Begriffe „Frauen“ und „Männer“ werden in diesem Text grundsätzlich als zugeschriebene Genderrollen im Patriarchat verwendet.

(1) Caroline Criado Perez: Unsichtbare Frauen – Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Weltbevölkerung ignoriert, btp 2020, 498 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3-406-74825-77.
(2) Jessica Hamzelou, New Scientist: „Childcare and housework are what give women more heart problems“, 21.04.2016.
(3) Elsa Vulliamy, The Independent: „Husbands ‚create extra seven hours of housework a week‘“, 20.02.2016
(4) Laura Hood, The Conversation: „Census 2016: Women are still disadvantaged by the amount of unpaid housework they do“, 11.04.2017.
(5) Joanna R. Pepin, Liana C. Sayer & Lynne M. Casper: Marital Status and Mothers‘ Time Use: Childcare, Housework, Leisure, and Sleep, 08.02.2018.
(6) Zawn Villines: facebook.com/zawnv/, 03.09.2019
(7) Chris Smyth, The Times: „Women more unhappy than men until they reach mid-80s“, 14.12.2017.
(8) Karl Marx: Das Kapital, Band 1, 1867, Fußnote zu Kapitel 13.3.a.
(9) August Bebel: Die Frau und der Sozialismus, 1911, Kapitel IX.2.
(10) Philip Elmer-DeWitt, ped30.com: „Why iPhones in India are assembled by women“, 31.08.2019.
(11) unison.org.uk, zitiert von Criado Perez.
(12) Lois Mandel, Cosmopolitan: „The Computer Girls“, April 1967.
(13) Nathan L. Ensmenger: The Computer Boys Take Over: Computers, Programmers, and the Politics of Technical Expertise, 2010.
(14) statista.com, Februar 2020.
(15) Jeni Harden: ‘Mother Russia’ at Work – Gender Divisions in the Medical Profession, 2001.

Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Druckausgabe der GWR. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.