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Anarchist ohne Adjektive – graswurzelrevolution

Anarchist ohne Adjektive

Wolfgang Haugs wunderbare Biografie über Theodor Plievier

| Lou Marin

Wolfgang Haug: Theodor Plievier. Anarchist ohne Adjektive. Der Schriftsteller der Freiheit. Eine Biographie. Verlag Edition AV, Bodenburg/Niedersachsen 2020, 490 Seiten, 24,50 Euro, ISBN: 978-3-86841-220-8

Was für ein Leben! Was für eine Erfahrung! Was für ein Buch! Theodor Plievier (1892-1955) begann sein Leben als Matrose. Per Segelschiff verschlug es ihn nach Südamerika. Ausgerechnet Ende Juli 1914 kam er zurück und wurde sofort für den Ersten Weltkrieg „geschanghait“ (1). Von 1916 bis 1918 beteiligte er sich auf der Fregatte „Wolf“ an der Versenkung von 27 Handelsschiffen. Von dieser Kriegsschuld befreite er sich schnell. Noch auf der „Wolf“ lernte er die Freunde Karl Raichle und Gregor Gog kennen. Plievier fand mit ihnen durch Lesen an Bord zum Anarchismus: Der schmecke fälschlich „nach Bomben und Gift, während es in Wirklichkeit nicht um Terror, sondern um die Freiheit des Individuums geht.“ (2)

Vom Matrosenaufstand bis zur „Russischen Teestube“

Die Matrosen waren für Plievier zunächst nur ausgebeutete Kulis (3). Sie entwickelten früh ihre Kritik am Herr-Knecht-Verhältnis in der Marine. Die Revolution von 1918 erlebte Plievier als Soldatenrat auf einem Minensuchboot. Schnell setzten sich die drei Freunde noch im November 1918 in das damals idyllische Bad Urach ab, wo eine Phase des Vagabundenlebens und die erste kleine Veröffentlichung „Anarchie“ folgten. Haug zeigt im Gegensatz zu den biografischen Darstellungen von Harry Wilde und Andreas Graf, dass Plievier diese Kreise schon 1920 wieder hinter sich gelassen hat, als er sich in Berlin bis 1923 an den anarchosyndikalistischen und anarchokommunistischen Milieus um die Zeitungen „Der Syndikalist“ und „Der freie Arbeiter“ beteiligte. Plievier lernte Rudolf Rocker kennen und trat als Agitator auf. Schnell wurde ihm jedoch der selbstgenügsame anarchistische Publikationsrahmen zu eng und von 1922 bis 1925 produzierte er Flugschriften in Massenauflage. Gleichzeitig führte er eine „Russische Teestube“, in der sich vor bolschewistischer Repression geflüchtete russische Anarchist*innen trafen. Ab 1926/27 fand Plievier seine eigentliche Berufung: das Romaneschreiben, gelegentlich unterbrochen durch Malen und Zeichnen. Der Matrosenroman „Des Kaisers Kulis“ erschien 1929 in Wieland Herzfeldes Malik-Verlag und wurde sofort zum Erfolg. Es folgte der Roman über die 1918er-Revolution mit dem bezeichnenden Titel „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“ (1932). Es kam zur Theaterzusammenarbeit mit Piscator und umfangreichen Lese-Rundreisen, etwa im Rahmen der „Gilde freiheitlicher Bücherfreunde“. Haug referiert die literarischen Debatten dieser Zeit mit ausführlichen Darstellungen der Rezensionen von Plieviers Büchern. Als Leser versinkt man geradezu in der Epoche.

Das schwere Exil in der Sowjetunion 1934-45

1933 konnten Plievier und seine damalige zweite Frau Hildegard gerade noch den Nazis entkommen und flüchteten mit der Hilfe libertärer Genoss*innen nach Prag. Auf kurze Zeit dort folgten eineinhalb Jahre bis Mitte 1934 im Pariser Exil. Durch die exakten Aufzeichnungen Haugs von den Treffen Plieviers in seinen Exilstationen finden wir auch immer wieder Kontakte zu „gewaltlosen Anarchisten“, etwa Anselm Rüst (4), der bei von Quäker*innen organisierten Lesungen für den 1933 von Plievier mitgegründeten „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ auftrat. Den für mich beeindruckendsten Teil des Buches macht dann das 11-jährige unfreiwillige Exil Plieviers in der Sowjetunion aus. Er nahm eine Einladung zum Moskauer Schriftstellerkongress im August 1934 an, dort lief jedoch sein Reisepass ab und er konnte die Sowjetunion als Staatenloser nicht mehr verlassen. Für Plievier war diese Exilzeit besonders schwierig, weil er als Libertärer nie in die Partei eintrat und immer wieder in fast ausweglose Lagen geriet, auch wenn seine Romane in Russisch erschienen. Auf diesem Moskauer Kongress verteidigte Plievier die „deutsche Antikriegsliteratur“ so gut er konnte, musste allerdings auch einen für die kommenden Exiljahre typischen „Spagat“ vollziehen, um „die eigene freiheitliche Haltung mit der offiziellen, parteikommunistischen Linie einigermaßen in Einklang zu bringen“, so Haug. (5) Theodor und Hildegard Plievier hatten in den Folgejahren immer wieder Glück, den stalinistischen Säuberungen, nicht nur von 1936, zu entgehen. So hielten sie sich ab 1936 in der Deutschen Wolgarepublik auf, fernab von direkter Bedrohung in Moskau und Leningrad. Gerade zurück in Moskau, flohen die Plieviers 1941 in Panikstimmung vor der anrückenden Nazi-Armee in einem „Schriftstellerzug“. (6) Die folgende Zeit bis Ende Mai 1942 in der Abgelegenheit und Kälte von Taschkent empfand Plievier als besonders schlimm. In ihnen fest zugewiesenen Dörfern sowie unter Hungersnot starben auch seine Weggefährten Gregor Gog (1945) und sein Malerfreund Heinrich Vogeler (1942). Flucht- und Selbstmordgedanken trieben Plievier um. Beschützt wurde er in dieser Zeit durch Johannes R. Becher, in dessen Zeitschrift „Internationale Literatur“ Plievier veröffentlichen konnte. Becher holte die Plieviers 1942 auch zurück nach Moskau, um sie für Radiosendungen des Nationalkomitees Freies Deutschland zu engagieren und so zur Demoralisierung deutscher Truppen beizutragen. Noch in der Sowjetunion schrieb Plievier seinen bekanntesten Roman: „Stalingrad“. Dabei vervollkommnete er sein Genre des dokumentarischen Romans und stützte sich auf Feldpostbriefe und Gespräche mit den gefangenen deutschen Soldaten der 6. Armee.

Vorläufer für ein föderalistisches Europa von unten

Der letzte Teil der Biografie umfasst die Zeit nach Plieviers Absetzung in den Westen 1947. Nach schwierigem Fußfassen in der BRD konnte er in Wallhausen am Bodensee sesshaft werden. Seine Kritik am Staatssozialismus kam nun frei zum Ausdruck. Es entstanden die Romane „Moskau“, über den Winterkrieg von 1941, sowie „Berlin“ – über die sowjetische Eroberung von 1945, wo er getreu seinem Wahrheitsideal erstmals die Massenvergewaltigung von Frauen durch die Rote Armee ansprach (7) Nun wurde Plievier von der kommunistischen Literaturkritik scharf verurteilt. Es kam zum späten Bruch mit Becher und es gab sogar kommunistische Entführungsversuche. (8) Plievier setzte sich in Paris 1948 an der Seite von Sartre und Camus für ein föderatives Europa und einen „Sozialismus von unten“ (9) ein. Beeindruckend, wie Plievier angesichts seiner Lebenserfahrung mit zwei Diktaturen, in denen er sowohl der Wahrheit, wider alle Orwell‘sche Verdrehung, als auch der Freiheit treu geblieben ist, in einem Interview von 1952 zum Schluss gelangt, es gehe „nur mit friedlichen Mitteln“. (10) Plievier verstarb 1955 in seiner letzten Lebensstation in der Schweiz.

(1) Schanghaien bezeichnet in der Seemannssprache das gewaltsame Rekrutieren von Seeleuten für Kriegs- und Handelsschiffe. Diese Art der Freiheitsberaubung, auch Pressen genannt, wurde zeitweise auch für schnelle Truppenaushebungen angewandt. Quelle: Wikipedia
(2) Wolfgang Haug: Theodor Plievier. Anarchist ohne Adjektive. Der Schriftsteller der Freiheit. Eine Biographie. Verlag Edition AV, Bodenburg/Niedersachsen 2020, S. 44.
(3) Als Kuli (englisch Coolie) wurden überwiegend chinesische und südasiatische ungelernte Lohnarbeiter im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnet, die für ein Unternehmen als Kontraktarbeiter oder Tagelöhner arbeiteten. Ihr Einsatz erfolgte überwiegend auf Plantagen, in Kohleminen, als Lastenträger oder für andere gering bezahlte körperliche Tätigkeiten. Quelle: Wikipedia
(4) Wolfgang Haug: Theodor Plievier. Anarchist ohne Adjektive. S. 210.
(5) Ebd., S. 225.
(6) Ebd., S. 268.
(7) Ebd., S. 418.
(8) Ebd., S. 351f.
(9) Ebd., S. 375.
(10) Ebd., S. 406.