Die antikapitalistische Agentur reso.media hat im Dezember 2025 eine 64seitige Broschüre im Format 110 x 174 mm produziert. Titel: „500 Ausgaben Graswurzelrevolution. Ausgesuchte Texte – Geschichte und Grundlagen des Graswurzelanarchismus.“ Neben ausgesuchten Texten enthält diese Broschüre eine Einleitung von reso.media, die wir hier dokumentieren.
Einleitung
Im Sommer 2025 ist die Ausgabe 500 der anarchistischen Zeitung »Graswurzelrevolution« erschienen. Wir von reso.media finden das sehr beachtlich. Als kleines, nichtkommerzielles anarchistisches Medienprojekt und als ebensolcher Broschürenverlag wissen wir, wie viel Arbeit Medienprojekte und Verlagsarbeit bedeuten können. Dass die Zeitung »Graswurzelrevolution« seit 1972 als Printmedium erscheint, ist beeindruckend.
Noch beeindruckender ist, dass die »Graswurzelrevolution« als Zeitung ein basisdemokratisches Projekt ist und jede Ausgabe der Zeitung in einem basisdemokratischen und kollektiven Prozess entsteht, durch ein Herausgeber*innenkollektiv und einen Koordinationsredakteur. Sie ist ein wichtiges Organ anarchistischer und sozialer Bewegungen. Auch der mit der Zeitung verbundene und als Teil dessen fungierende »Verlag Graswurzelrevolution« publiziert tolle und wichtige Bücher.
Sowohl die Zeitung als auch den Verlag wollen wir mit dieser Broschüre und der darin enthaltenden Textsammlung würdigen und wertschätzen. Es sind Texte der Graswurzelrevolution, die wir ausgesucht haben und die wir für wichtig erachten. reso.media fühlt sich der »Graswurzelrevolution« verbunden. Wir teilen nicht nur die antimilitaristische Orientierung der »Graswurzelrevolution«, sondern auch ein Anarchismus-Verständnis, das in Widerstandsformen sozialrevolutionärer Bewegungen auf Gewalt gegen Personen verzichtet und eine explizite Gewaltkritik vertritt, welche nicht nur die strukturelle Gewalt des herrschenden Systems ablehnt, sondern auch einen Militarismus, Bellizismus und Militanzfetisch in linken Bewegungen. Dabei verweisen wir auf den Ansatz des Graswurzelanarchismus, der Sabotage nicht ablehnt. Dies wird oft übersehen und eine anarchistische Gewaltkritik oft als »staatstragend« oder »staatsstabilisierend« verleumdet.
In dem Buch von Bernd Drücke (Koordinationsredakteur der »Graswurzelrevolution«) – Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland – 640 Seiten, Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm 1998, steht zum Beispiel:
»Zu den direkten gewaltfreien Aktionen wurden und werden u.a. Besetzungen, Hungerstreiks, Boykotts, Blockaden, ziviler Ungehorsam und Sabotage gezählt. Die GraswurzelaktivistInnen lehnten und lehnen personenverletzende Gewalt ab, nicht jedoch ›Gewalt gegen Sachen‹«. (…) »Sachen erleiden keine Gewalt. Sabotage an kriegsrelevanten Gütern als direkte gewaltfreie Aktion ist daher ein legitimes Mittel.« (…)
»Das Propagieren direkter Aktionen brachte der Graswurzelrevolution mindestens zwei Ermittlungsverfahren nach § 111 StGB (37) wegen »öffentlicher Aufforderung zu Straftaten« ein. Wegen des in der Graswurzelrevolution Nr. 110 (Dez. 1986) abgedruckten Artikels unter der Überschrift ›Wenn der Strommast fällt … – Überlegungen zu Sabotage als direkte gewaltfreie Aktion‹ wurde im April 1987 das erste Verfahren eingeleitet. In dem inkriminierten Artikel hatte der Graswurzelanarchist ›G. Waltfrei‹ detailliert seine Erfahrungen beim Aufbau einer der – nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in vielen Orten entstandenen – »Sägefisch«-Gruppen beschrieben. ›Wir haben einen Hochspannungsmasten umgesägt. Ich verstehe diese Aktion als gewaltfrei und will im folgenden von meiner Erfahrung ausgehend eine Einschätzung des Verhältnisses von persönlichem Risiko zum Nutzen geben.‹« (…) »Mit dem umfangreichen Artikel wolle er u.a. die Frage der ›Perspektive von Sabotage‹ diskutieren, für eine Einbettung von Sabotageaktionen als Unterstützung von gewaltfrei-libertären Kampagnen Zivilen Ungehorsams plädieren und die für die Widerstandsperspektiven problematischen und fruchtbaren Seiten von Sabotage benennen, so der Graswurzel-Anarchist. Im Juli 1987 wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt.« Buchzitate Ende.
In Zeiten der »Zeitenwende«, der »Whatever it takes«-Aufrüstung in Deutschland, aber auch in Zeiten der teilweisen Rechtsoffenheit der Friedensbewegung und der Tatsache, dass sich die AfD teilweise leider erfolgreich als «Friedenspartei« inszenieren kann, wollen wir auch mit dieser Broschüre und deren Einleitung einen Beitrag leisten, auch im Sinne des Graswurzelanarchismus zu agieren – diesen finden wir ebenso nützlich für den Anarcho-Syndikalismus als auch für den kommunistischen Anarchismus, welchen wir uns gleichermaßen verbunden fühlen.
Leider werden bei nicht wenigen jungen linken Aktivisti zur Zeit wieder rote, stalininistische Organisationen populärer und sie schaffen es, sich auch in den antimilitaristischen Bewegungen zu etablieren – so zum Beispiel bei der Kampagne »Rheinmetall entwaffnen«. Erinnert sei an marxistisch-leninistische Gruppen wie der »Kommunistische Aufbau«; die mit der türkischen, stalinistischen Partei MLKP (Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei) verbundene Jugendorganisation »Young Struggle«; die Organisation »Pride Rebellion«, welche »Young Struggle« nahesteht; die von der marxistisch-leninistischen DKP (»Deutsche Kommunistische Partei«) abgespaltene, noch stalinistischer als die DKP agierende Partei »Kommunistische Partei« – vormals »Kommunistische Organisation«, aber auch die 1982 gegründete MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands), welche in einigen Ostermarschbündnissen vertreten ist.
Zum zentralistischen Parteikommunismus, zum sogenannten »Demokratischen Zentralismus«, zum Avantgarde-Anspruch, zum »Kader«-Wesen und zum Ziel der »Machteroberung« durch die »kommunistische Partei« haben wir als reso.media schon ausführlich in Einleitungen anderer reso.media-Broschüren geschrieben, zum Beispiel in unseren Kropotkin-Broschüren.
Auch zu Querfronten und rechtsoffenen Strömungen und ihrem Versuch, sich als »Friedenkräfte« zu präsentieren und »Querfronten« zu bilden, haben wir uns ausführlich geäußert.
Erwähnt sei hier lediglich, auch im Hinblick auf eine notwendige anarchistische Gewaltkritik, dass Gruppen wie z.B. »Pride Rebellion« und »Young Struggle« das antisemitische und sexistische Massaker am 7.10.2023, die sogenannte Al-Aqsa-Flut durch die Hamas und der mit ihnen zusammen agierenden Organisationen wie zum Beispiel die PFLP (»Volksfront zur Befreiung Palästinas«) legitimieren und behaupten, das unerträgliche Massaker sei eine Aktion mehrheitlich sogenannter »fortschrittlicher und revolutionärer Organisationen« gewesen und damit legitim.
So geäußert in Sharepics auf Instagram von »Pride Rebellion« und in der Stellungnahme von »Young Struggle« mit dem Titel »Die Al-Aqsa Flut – Der Gefängnisausbruch des palästinensischen Volkes«.
Erinnert sei auch an die Rede der Aktivistin Charlotte Kates der Organisation »Samidoun« am 6.10.2024 in Madrid als Teil einer Konferenz zum Jahrestag des »glorreichen 7. Oktobers«. Diese bezeichnete dort den 7.10.2023 als »Tag der Freude«, als »heroische Operation des palästinensischen Widerstandes«, der die »Menschlichkeit verteidigen« würde, »mit jeder Waffe, mit jeder Kugel, mit jeder Rakete.« Nicht nur »Young Struggle« solidarisierte sich nach dem Verbot der Organisation »Samidoun« in Deutschland mit dieser (zu finden im Internet). In Berlin gab es ein Mobilisierungsplakat zum Internationalist Queer Pride im Juli 2025 (für den »Palestine Bloc« auf dieser Demo), auf dem unter anderem ein Paraglider abgebildet ist, was ein eindeutiger positiver Bezug zum Massaker am 7.10.2023 darstellt.
Am 7.10.2025 blockierten einige Aktive in Berlin die Strasse mit einem grossen Transparent, auf dem »Glory to the Fighters« stand, womit das Massaker der Hamas und ihrer Verbündeten am 7.10.2023 gemeint ist, dieses also dadurch glorifiziert wurde. Zum selbigen Tag wurde in Berlin zu einer Demo auf dem Alexanderplatz mit einem Flyer aufgerufen, auf dem nicht nur ein Paraglider abgebildet war, sondern das Massaker am 7.10.23 als heldenhafter Gefängnisausbruch bezeichnet wurde, der hoffnungsvoll gewesen sei und für den »sich nicht entschuldigt werden müsse«.
Solch eine politische Verirrung und Verwirrung durch unter anderem stalinistische Strömungen machen uns als reso.media sprachlos, wir finden so etwas unerträglich. Keine Unterdrückung der Welt rechtfertigt antisemtische und sexistische Gewaltmassaker. Es verstärkt unsere Überzeugung, dass mehr denn je eine grundsätzliche anarchistische Gewaltkritik notwendig ist, nicht nur in den antimilitaristischen Bewegungen, und das ein notwendiger Antimilitarismus anarchistisch sein muss. Gleichzeitig finden wir Repressionen durch den deutschen Staat falsch, wir stehen nicht auf der Seite des deutschen Staates.
Den Terror der genozidalen Kriegsführung durch die rechtsextreme Regierung Israels und die Besatzungspolitik durch diese finden wir unerträglich. Es gibt zahlreiche dokumentierte Kriegsverbrechen durch die israelische Politik. Versuche von ex-linken Strömungen wie zum Beispiel bei Teilen der Wochenzeitung »Jungle World«, welche versuchen, die schlimme Vorgehensweise des israelischen Militärs zu verharmlosen oder zu legitimieren, lehnen wir klar ab. Hunger als Kriegswaffe und das durch Rachegedanken geprägte Vorgehen der IDF (Israel Defend Forces) sind Verbrechen. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Einleitung gibt es eine brüchige Waffenruhe. Es ist zu hoffen, dass diese Waffenruhe anhält. Alle lebenden Geiseln wurden von der Hamas mittlerweile freigelassen. Die IDF muss sich komplett aus Gaza und der Westbank zurückziehen, gleichzeitig müsste die Bevölkerung in Gaza sich gegen die Hamas auflehnen und diese zerschlagen. Es gab erste Versuche von Teilen der Bevölkerung Gazas, die gegen die Hamas demonstrieren.
Als reso.media sind wir für ein sofortiges, dauerhaftes Ende des Krieges, gegen Waffenexporte, für ein sofortiges Beenden der Hungerblockaden, für die sofortige Ermöglichung ausreichender Lebensmittellieferungen nach Gaza. Wir sind klar gegen die rechtsextreme Regierung Netanjahus, aber ebenfalls gegen die islamistisch-faschistische Hamas. Uns hat gefreut, dass es in Israel einen Generalstreik durch hunderttausende Menschen für ein sofortiges Ende des Krieges gegeben hat.
So etwas machte ein wenig Hoffnung in diesen schlimmen Zeiten. Hoffnung macht uns auch das neue, von Bernd Drücke herausgegebene Buch des »Verlags Graswurzelrevolution«: »Die Kriegslogik durchbrechen! Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg«.
Wir zitieren die Text-Vorstellung für das Buch durch den Verlag: »Dieser Sammelband soll dazu beitragen, dass politische Diskussionen in einem Klima geführt werden können, das nicht von Einschüchterung geprägt ist. Zu Wort kommen Menschen, die sich für Aussöhnung und eine solidarische Gesellschaft jenseits von Nationalismus, Herrschaft und Gewalt einsetzen. Die Aktivist*innen u.a. von New Profile, Combatants for Peace und Palestinians and Jews for Peace weigern sich, Feinde zu sein. Sie solidarisieren sich mit den Geiseln, den Angehörigen der Opfer von Gewalt in Israel und Palästina, den Geflüchteten und Menschen, die sich dem Mord auf Kommando verweigern. Sie stellen sich sowohl gegen den Terror der islamistischen Hamas als auch gegen den der extrem rechten Netanjahu-Regierung.«
Das finden wir fortschrittlich. Unsere Utopie für Israel und Palästina und die ganze Welt ist eine nichtstaatliche, entmilitarisierte Föderation, in der alle Menschen in Freiheit, Gleichberechtigung und in Frieden zusammen leben. Uns ist bewusst, dass wir damit von der momentanen grausamen Realität weit entfernt sind, aber genau deshalb ist es so wichtig, eine Stimme der Vernunft zu sein und unermüdlich aktiv zu werden und zu bleiben. Wir brauchen keinen Bellizismus, keine Terrorverharmlosung oder gar Terrorbefürwortung. Wir brauchen keinen Antisemitismus und keinen Rassismus. Wir brauchen das sofortige Ende aller Kriege weltweit!
Vergessen werden darf auch nicht die schlimme Situation z.B. in Sudan. Dort sind laut UNO-Flüchtlingshilfe 12 Millionen Menschen vertrieben worden, 24,6 Millionen Menschen sind dort von Hunger betroffen, Cholera breitet sich aus. Bis zum August 2025 sind in Sudan etwa 150.000 Zivilist*innen getötet worden. Die UNO-Flüchtlingshilfe bezeichnet die Situation in Sudan als eine der größten humanitären Katastrophen der Gegenwart.
Im Jemen-Krieg gibt es schon jetzt laut UNO-Flüchtlingshilfe 4,8 Millionen Binnenvertriebene, 17 Millionen Menschen leiden Hunger. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) geht davon aus, dass seit dem Beginn des Krieges im Jemen (März 2015) Hunderttausende Menschen ums Leben gekommen sind, was sich als eine der schlimmsten humanitären Krisen der Welt darstellt. Darüber sprechen momentan leider nur wenige.
Es gibt realistische Schätzungen, dass weltweit täglich bis zu 40.000 Menschen verhungern. Die tägliche Hungersnot und Armut als Folge des globalen Kapitalismus in der ganzen Welt muss schnellstmöglich überwunden werden. Gleichzeitig gibt es immensen Reichtum bei Wenigen – und Billionenausgaben für Krieg und Militär. Kapitalismus und Herrschaft sind die Ursache dafür und müssen überwunden werden.
Was ist die Alternative?
Sozialismus als Staatlichkeit oder als Anarchie? Natürlich als Anarchie.Nur das führt zu einer gewaltfreien und herrschaftslosen Gesellschaft. »Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution« Bart de Ligt, niederländischer Anarchist
(1) https://www.schwarzesocke.org/mailorder/lesestoff/
Die Broschüre ist erhältlich bei Schwarze Socke Mailorder ((1)) und kann kostenlos als PDF ((2)) heruntergeladen werden. GWR-Neuabonnent*innen können sie ab sofort auch als GWR-Aboprämie ((3)) bekommen.