In radikaler SOLIDARITÄT VERBUNDEN

Tagung an der Technischen Universität Wien, 18.-20.9.2026

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Liebe Kolleg*innen, Freund*innen und Interessierte,

wir laden Dich herzlich ein zur Tagung »In radikaler Solidarität verbunden: Unsere Antwort auf Herrschaft und Hierarchie« an der Technischen Universität Wien am Karlsplatz (Karlsplatz 13, 1040 Wien – angefragt / to be confirmed) vom 18.-20. September 2026.

Solidaritäten – wie?

In Zeiten sich zuspitzender sozialer, ökologischer, ökonomischer und politischer Krisen möchten wir uns gemeinsam mit Ihnen der Aufgabe stellen, auf gesellschaftliche Fragen unserer Zeit Antworten zu finden und diese zu diskutieren. Ungleichheit nimmt zu, demokratische Institutionen verlieren an Legitimität, autoritäre und rechte Akteur*innen gewinnen an Stärke, gesellschaftliche Spaltungen werden vorangetrieben und ökologische Kipppunkte sind vielfach schon überschritten.

Als Antwort darauf wird oft Solidarität beschworen – und dabei gleichzeitig vielerorts entleert, als (sozial-)staatliche Pflicht, moralischer Appell oder identitär verkürztes Wir-Gefühl verstanden.

Im Gegensatz dazu setzt unsere Tagung unter dem Titel »In radikaler Solidarität verbunden: Unsere Antwort auf Herrschaft und Hierarchie« hier bewusst und anders an.


Unsere Leitfragen lauten:

Wie können wir in radikaler Solidarität verbunden leben und handeln?
Wie können wir dies jenseits von Staat, Identität und Hierarchie tun?
Wie bauen wir neue sozialpolitische Beziehungen auf?
Wie festigen wir bestehende herrschaftsüberwindende Verhältnisse?


Alle halten zusammen: Verschwisterung von Ungleichen?

Anknüpfend an anarchistische Debatten – insbesondere an das Konzept der unbedingten Solidarität – begreifen wir Solidarität als praktisch-politische, konflikthafte und relationale Praxis: als Prinzip zum Aufbau und zur Pflege sozialer Beziehungen, um Herrschaft gemeinsam sichtbar zu machen und uns zugleich für mehr Demokratie stark zu machen.

Wir verstehen Solidarität nicht als verordnete Pflicht, nicht als Tausch (›Geben und Nehmen‹) (Habermann 2016) und nicht als bloße Zugehörigkeit. Solidarität entsteht demnach nicht durch den Staat, sondern oft trotz oder gegen ihn. Sie gründet nicht notwendig auf Identität, Nähe oder Nutzen.

Solidarität entsteht verbunden mit einem Gemeinschaftsgefühl und der bewussten Entscheidung, für den Schutz, die Bedürfnisse und Rechte anderer Lebewesen zu kämpfen. Sie besteht in Freund*innenschaften als sozialpolitische Praxis (Varela/Oghalai 2024). Solidarität bedeutet: Wir stehen füreinander und für andere und deren Existenz- und Lebensbedingungen ein – ohne Garantie auf Gegenseitigkeit.

Als ein nach wie vor emanzipatorisches Aufbegehren, als utopisches Potenzial, wie es Mia Neuhaus, Lucas Mielke und Massimo Perinelli in ihrem aktuellen Sammelband ›Solidarität – Eine reale Utopie‹ auf den Begriff bringen:

»Solidarität als gerade jene Verschwisterung unter Ungleichen und Ungleichgemachten, die seit jeher die Kraft zum Widerspruch gegen die Macht des Bestehenden ausmacht.« (Neuhaus et al. 2024: 14)

Dabei ist Solidarität immer auch spannungsvoll: Sie ist stets situationsgebunden, zeitlich begrenzt und parteiisch – und gerade darin politisch wirksam. Sie ist nie neutral. Sie ist radikal universal im Sinne Omri Boehms (Boehm 2025) und richtet sich konkret gegen Ungerechtigkeiten in der Welt: Ausbeutung, Rassismus, patriarchale Gewalt, Kriege, ökologische Zerstörung und autoritäre Herrschaft.

Solidarität setzt sich ein für Würde, Verbundenheit, Versorgung, Frieden, Autonomie und Freiheit – im Hier und Jetzt und zukünftig.


Unbedingte Solidarität? Radikale Solidarität? Planetare Solidarität? Ökologische Solidarität? Ökonomische Solidarität? Anarchafeministische und queere Solidarität(en)? Und weitere?

Unsere Tagung fragt nicht nach einem großen einheitlichen Projekt, sondern nach dem, was Jens Kastner und Lea Susemichel (Susemichel et al. 2021) als bedingungslose Solidarität beschreiben. Emilia Roig nennt es radikale Solidarität oder radikale Fürsorge (Roig 2024).

Die Tagung spürt Verbindungen nach, die Edgar Morin und Werner Wintersteiner als planetare Solidarität (Wintersteiner/Werner 2021), Anarchafeminist*innen wie Chiara Bottici (Bottici 2021) als Transindividualität oder queere Ökologien als ökologische Verbundenheiten thematisieren.

Sie sieht Körper und Leiber im Plural und ihre Unterdrückung – wie auch Roig – intersektional verknüpft. Die Anarchafeministin betont ebenso wie Louise Michel (Michel 2016), Eva Geber (Geber/Klüger 2019) oder Milo Probst (Probst 2024) die globale und ökologische Verbundenheit von Menschen-, Tier- und Pflanzengesellschaften.

Transindividualität und Prozesshaftigkeit unserer Körper und Leben zeigen, dass wir aufeinander angewiesen sind. Und was ist mit der ökonomischen Solidarität? Die gehört unbedingt dazu, sagt Friederike Habermann (Habermann 2025). Dazu müssen wir einander so zuhören, dass ein anderer Umgang mit Privilegien und ein Verlernen von Verhaltensweisen kolonialer und imperialer Prägung möglich wird.

Wir hängen ökologisch, ökonomisch, politisch, (inter- und trans-)geschlechtlich zusammen. Bei all dem dürfen wir die Verflechtungen kapitalistischer, patriarchaler und autoritärer Politiken mit ihrem Gewaltpotenzial und ihrem Spaltungs- und Unterdrückungsinteresse nicht vergessen, die alltägliche Solidaritätspraktiken erschweren und zu verhindern versuchen.

Wenn wir als Menschen auf dem Planeten ökologisch eingebunden und sicher überleben wollen, dann müssen wir uns gemeinsam widerständig organisieren und auf alle(s) achten. Dazu brauchen wir egalitäre, gerechte und interkulturell solidarische Beziehungen.

Diese ökologisch, ökonomisch, politisch und geschlechtlich miteinander zu pflegen, ist eine Aufgabe an uns alle, im Sinne unseres Überlebens als Weltgesellschaften.

Vielleicht lassen wir uns inspirieren von:

La Bella Vita (Berg 2025) von Sibylle Berg,
Tausend und ein Morgen (Trojanow 2023) von Ilja Trojanow,
oder Afrotopia von Felwine Sarr (Sarr 2019).


Dazu einige mögliche Fragen:

  • Welche Formen radikaler Solidarität machen Bewegungen zur Freiheit bzw. hin zu mehr Demokratie wie erfahrbar?
  • Was kann Menschen in ihrer Ungleichheit verbinden?
  • Was ist – in Anlehnung an Gandhi’s Salz-Satyagraha / Salzmarsch-Kampagne – das „Salz unserer Zeit“?
  • Wie hängen wir ökonomisch, ökologisch, politisch, (inter- und trans-)geschlechtlich zusammen?
  • Wie kann planetare Solidarität gelingen?
  • Welches transformatorische Potenzial beherbergt Solidarität?
  • Wie lassen sich Prozesse von Transindividualität in friedlicher Weise gestalten?
  • Welche egalitären Praktiken können von Menschen- mit Tier- und Pflanzengesellschaften gepflegt werden?
  • Was können wir dazu von indigenen Kulturen lernen? (Kopenawa/Albert 2024)
  • Wie können verschiedengeschlechtliche Leiber friedlich zusammenleben?
  • Wie organisieren wir Alltag, Arbeit, Organisationen und Gemeinschaft solidarisch, demokratisch und egalitär? (Isop et al. 2017)
  • Wie steht es gegenwärtig um Bewegungen internationalistischer Solidarität?
  • Welche geschichtlichen Referenzen können wie kollektive Bewusstseinsentwicklung informieren und befördern?
  • Wie steht es um Solidaritätsbeziehungen in der (gewerkschaftlichen) Organisierung der Arbeiterinnen und Landwirtinnen?
  • Wie lassen sich antifaschistische Kämpfe im Zuge verstärkter Repressionsmaßnahmen durch Staat und Polizei und Angriffen von rechten, rechtsextremen und konservativen Gruppierungen oder Einzelpersonen unterstützen?
  • Wie werden Fragen zur Solidarität in Medien dargestellt?
  • Wie sieht es mit Solidaritäten in der digitalen Sphäre aus?
  • Welche Alternativen lassen sich wie in Selbstorganisation bauen?
  • Welche Technologien können wie Solidaritäten stärken oder schwächen?
  • Welchen Stellenwert hat Solidarität als Begriff und Praxis in der Bildungsarbeit, in (Berufs-)Schulen, Universitäten und selbstorganisierten Räumen des Lernens und Lehrens?
  • Wie lassen sich partikular ausgerichtete Solidaritätspraktiken und Bündnispolitiken (unter gegenwärtigen Bedingungen) miteinander verbinden?
  • Wie begegnen wir Differenzen, unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilhabevoraussetzungen sowie Ansprüchen an und Kritik an (struktureller) Inklusion? (Haruna-Oelker 2022)
  • Was gilt es angesichts von Konflikt- und Spaltungsdynamiken zu berücksichtigen, damit keine Betroffenen- und Bedürnishierarchien entstehen? (Perko 2024)
  • Was brauchen wir, um politische Bündnisse und Proteste intersektionaler auszurichten sowie anschluss- und handlungsfähiger werden zu lassen?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, institutionen- und klassenübergreifend sowie interkulturell solidarisch zu sein?
  • Inwieweit lässt sich die Soziale Arbeit mit anarchistischen Praxisformen verbinden oder auch nicht?


Erzähle aus Deiner Praxis und Theorie!

Wir laden Dich herzlich zu Beiträgen ein, die Solidarität in Theorie und Praxis reflektieren, gerne mit Bezug zu konkreten Erfahrungen oder aktuellen Beispielen – etwa aus sozialen Bewegungen und Kämpfen, aus ökologischer, technologischer oder der Perspektive von Care-, Bildungs- oder Sozialer Arbeit, Commons-Projekten, anarchistischen, antirassistischen oder antifaschistischen Bündnissen, queer-feministischen und subalternen Lebensentwürfen, intersektional-widerständigen Kulturen und alternativen/sozialwirtschaftlichen Ökonomien oder transnationalen Solidaritätsnetzwerken.

Vielfältige Formate, Kunst und Kultur, Utopien, Heterotopien

Die Stärke unserer bisherigen in Selbstorganisation durchgeführten Tagungen 2021 und 2025 lag darin, dass sehr unterschiedliche Menschen mit einem Begegnungswunsch auf Augenhöhe miteinander in Verbindung gekommen sind. Daran wollen wir erneut anknüpfen – mit offenen Formaten wie World Cafés, partizipativen Gesprächsrunden wie Fish-Bowl-Runden, interaktiven Workshops und Vorträgen.

Dazu möchten wir Räume aufmachen, in denen unterschiedliche Perspektiven, Analysen, Selbstkritik und gemeinsame Anliegen zusammenkommen. Teil des Programms sind ebenso künstlerische Beiträge in Form von Musik, Theater und auch humoristischen Einlagen. Mit ausreichend Verpflegung für alle drei Tage, einem ungezwungenen Miteinander und einer positiven Fehlerkultur.

Durch Beobachtungen und Selbstbeobachtungen, eine kritisch offene Kommunikation zur Organisation und Personen im Tagungsteam, die dafür ansprechbar sind, wollen wir einen gemeinsamen und möglichst inklusiven Lernraum für alle schaffen. Es ist Einladung und Aufgabe zugleich, dass alle Teil des gemeinsamen Reflektierens und Lernens sind oder werden können.

Wir freuen uns über Dein Feedback!

Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass es nicht möglich ist, per Knopfdruck komplett barriere- und diskriminierungsfreie Räume herzustellen. Es ist unser Anliegen, möglichst vielen Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Erfahrungshintergründen einen Zugang zu ermöglichen, und wir bitten Dich, dazu stets offen und kritisch mit uns in den Austausch zu gehen. Sei es zu der von uns benutzten Sprache, unbemerkt gestellten (Wissens-, Kompetenz- oder Teilnahme-)Voraussetzungen oder „blinden Flecken“ im Umgang miteinander.

Sprich uns an, wenn Dir etwas auffällt, und teile uns mit, was Dir für ein gutes Miteinander wichtig ist.

Die Tagung soll einen Lern- und Experimentierraum bieten wie auch Möglichkeiten zur Wissensvermittlung, für Kooperationsanbahnungen, zur Aktionsplanung und Bildung neuer Bündnisse. Wir streben wie bei der letzten Tagung an, Möglichkeiten sprachlicher Übersetzungen und partieller Online-Zugänge anzubieten, und freuen uns über Unterstützung, wenn Du dazu Ideen und Kompetenzen hast, wie sich das gut umsetzen lässt.

Schicke uns Deinen Beitrag!

Wenn Du Interesse hast, Dich an der Tagung zu beteiligen, an der Organisation mitzuwirken, finanziell zu unterstützen oder diese Einladung weiterzugeben, freuen wir uns sehr.

Schreibe uns dazu bis zum 26.04.2026 an:
radikalverbunden@riseup.net (mit PGP-Key).

Mit solidarischen Grüßen
Tagungsteam

(Thomas Lehnen, Utta Isop, Thomas Stölner, Susanne Stölner, Stefan Wagner, Gerlinde Krehn, Robert Stölner, Christian König, Uwe Bittlingmayer, Josef Mühlbauer, Michael Wissgott)

Literatur

Berg, Sibylle (2025): PNR: La Bella Vita: Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Boehm, Omri (2025): Radical Universalism: Beyond Identity. New York: New York Review Books.

Bottici, Chiara (2021): Anarchafeminism: An Introduction and Guide. London / New York: Bloomsbury Academic.

Geber, Eva / Klüger, Ruth (2019): Louise Michel. Die Anarchistin und die Menschenfresser: Mit einem Vorwort von Ruth Klüger. Wien / Paris: bahoe books.

Habermann, Friederike (2025): Ökonomische Solidarität? Unbedingt! In: Unbedingte Solidarität. 2. Aufl. Münster: Unrast Verlag, 207–218.

Haruna-Oelker, Hadija (2022): Die Schönheit der Differenz: Miteinander anders denken. München: btb Verlag.

Isop, Utta / Behr, Dieter Alexander / Buchhammer, Brigitte / Dyminska, Veronika / Eder, Barbara / En, Boka / Haimburger, Wolfgang / Hammer, Heide / Jonk, Mirjam / Lange, Anja / et al. (2017): Gewalt im beruflichen Alltag: Wie Hierarchien, Einschlüsse und Ausschlüsse wirken! Neu-Ulm: Verein zur Förderung der sozialpolitischen Arbeit.

Kopenawa, Davi / Albert, Bruce (2024): Der Sturz des Himmels: Worte eines Yanomami-Schamanen. Berlin: Matthes & Seitz Berlin.

Michel, Louise (2016): Memoiren: Erinnerungen einer Kommunardin. Münster: Unrast Verlag.

Neuhaus, Mia / Mielke, Lucas / Perinelli, Massimo / Binz, Kosmo S. / Dießelmann, Anna-Lena / Dorsch, Timo / Govrin, Jule / Kuht, Malin / Lis, Julia / Mohseni, Hamid / et al. (2024): Solidarität – Eine reale Utopie. Berlin: Verbrecher.

Perko, Gudrun (2024): Diskriminierungskritische Mediation und Konfliktbearbeitung: Grundlagen, Mediationsverfahren, Methoden und Beispiele aus der Sozialen Arbeit und dem Erwachsenenbildungsbereich. Weinheim: Beltz Juventa.

Probst, Milo (2024): Anarchistische Ökologien: Eine Umweltgeschichte der Emanzipation. Berlin: Matthes & Seitz Berlin.

Roig, Emilia (2024): Why We Matter: Das Ende der Unterdrückung. Berlin: Aufbau Taschenbuch.

Sarr, Felwine (2019): Afrotopia. Ort nicht ermittelbar: Matthes & Seitz Berlin.

Susemichel, Lea / Kastner, Jens / Adamczak, Bini / Kron, Stefanie / Buckermann, Paul / Behr, Alexander / Habermann, Friederike / Dyk, Silke van / Günther, Jana / Karakayali, Serhat / et al. (2021): Unbedingte Solidarität. 1. Aufl. Münster: Unrast Verlag.

Trojanow, Ilija (2023): Tausend und ein Morgen. 1. Aufl. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Varela, María do Mar Castro / Oghalai, Bahar (2024): Freundinnenschaft: Dreiklang einer politischen Praxis.* Münster: Unrast Verlag.

Wintersteiner, Werner (2021): Die Welt neu denken lernen – Plädoyer für eine planetare Politik: Lehren aus Corona und anderen existentiellen Krisen. Bielefeld: transcript Verlag.