Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Schwerpunkt der neuen Ausgabe ist die Vertiefung der im November mit der GWR 373 angestoßenen Diskussionen über Politische Mediation, Gewaltfreiheit, Anarchismus und Poststrukturalismus.

Zudem beleuchtet die GWR 374 aus Bewegungsperspektive die in den Massenmedien diffamierten Protestaktionen im Hambacher Forst, wirft einen Blick über den Tellerrand, z.B. nach Indien, Griechenland und Portugal, und stellt antikapitalistische Perspektiven und direkte gewaltfreie Aktionen gegen Militarismus und Atomanlagen in den Fokus.

Aufgrund des begrenzten Platzes bleiben weitere wichtige Themen diesmal aber außen vor.

So wird zum Beispiel das Zeitungssterben nur am Rande behandelt. Dabei ist es bei aller Kritik auch aus gewaltfrei-libertärer Perspektive schade, dass nun z.B. die linksliberale Frankfurter Rundschau insolvent ist. Die Ursachen dafür sind sicher vielfältig. Aber angesichts des jahrelangen, massiven Stellenabbaus und der Zusammenlegung mit der Berliner Zeitung ist die Qualität der Schrumpf-FR in den letzten Jahren ja auch permanent schlechter geworden. Außergewöhnliche Inhalte waren bei der FR zuletzt eher die Ausnahme. Und da wundert es auch nicht, dass es schon zehn Jahre (!) her ist, dass die FR mal einen richtig gut recherchierten Artikel über die Graswurzelrevolution gebracht hat. Titel: „Unter dem Rasen liegt der Strand / Die ‚Graswurzelrevolution‘ lässt sich seit 30 Jahren vom Siegeszug des Kapitalismus nicht beirren“. (1) Damals schickte sie einen Redakteur nach Münster, der ein 1,5stündiges Interview führte und anschließend einen fairen Artikel in der FR gebracht hat. Ein solcher „Qualitätsjournalismus“ ist heute noch mehr die Ausnahme als damals.

Nicht analysiert haben wir bisher auch die Diskreditierung des Friedensnobelpreises durch das Nobelpreiskomitee in Oslo. Nachdem 2009 der Drohnen-Kriegsführer, Todesstrafenfan und Rüstungsweltmeister Barack Obama geehrt wurde, hat das Nobelpreiskomitee diesmal mit der EU ein Staatenbündnis ausgezeichnet, das zu den größten Waffenschmieden und -händlern der Welt zählt, seit Jahren Kriege exportiert und eine Sozial- und Flüchtlingspolitik betreibt, die im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht. Eine absurde Entscheidung!

Der Pazifist und langjährige Herausgeber der Weltbühne, Carl von Ossietzky, der 1936 als KZ-Insasse rückwirkend für 1935 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, ihn aber nicht entgegen nehmen durfte, würde sich vermutlich im Grabe umdrehen. Damals hatte das Nobelpreiskomitee den Mut besessen und den Nationalsozialisten die Stirn geboten.

Heute zeichnet sich das aktuelle Nobelpreiskomitee durch Anbiederung an die Herrschenden aus.

Dass es auch heute noch anders geht, zeigt die Internationale Liga für Menschenrechte.

Sie verleiht seit 1962 die Carl-von-Ossietzky-Medaille. Ausgezeichnet werden Personen, die sich mit Zivilcourage und herausragendem Engagement um die Verwirklichung der Menschenrechte verdient gemacht haben.

Die diesjährige Ossietzky-Medaille geht an den Filmregisseur und gewaltfreien Anarchisten Peter Lilienthal, der mit seinem Lebenswerk gegen Krieg und Unrecht zur Filmgeschichte und in besonderer Weise zur Entwicklung der Menschenrechte in der Bundesrepublik und international beigetragen hat.

Zusammen mit Winfried Bettmer und Isabel Lipthay hatte ich Peter Lilienthal vor einem knappen Jahr als Preisträger vorgeschlagen. Nun habe ich die große Freude die Feier zu moderieren.

Als ich Peter Lilienthal 2004 zum ersten Mal (für die GWR 296) interviewte, erzählte er u.a., was er unter Anarchismus versteht und wie er zum Anarchisten wurde:

„Der Anarchismus ist eine Philosophie der friedlichen Auseinandersetzung und Ideen, eine Philosophie des Friedens. Das wurde ständig missbraucht, nicht nur der Name, du weißt, was ‚Anarchisten‘ für die Polizei bedeutet oder für manche Leute. Es ist schwer, das richtig zu stellen.

(…) Wir hatten in Montevideo im Gymnasium einen Geschichtslehrer, der kam aus Spanien, war Anarchist. Das Erste, was wir von ihm lernten, war, dass er am Montag entweder phantastische Laune hatte und der beste Geschichtsprofessor der Welt war oder der wütendste, den man sich vorstellen konnte. Aus einem einfachen Grund: Am Sonntag ging er zum Pferderennen; wenn er gewann, dann betrachtete er uns als Sympathisanten seiner Idee, des Anarchismus, und wenn er verlor, wurden wir als der ‚letzte Dreck der Bourgeoisie‘ beschimpft, den man noch nicht mal anschauen durfte. Diese Art von Pathos gefiel mir, jenseits von seinen politischen Ideen. Er erzählte uns etwas von Bakunin, von der Auseinandersetzung zwischen Bakunin und Marx. Das interessierte mich, auch, weil er Bakunin so lebendig beschrieb, als einen Nicht-Bourgeoisen – da hatte ich eine Vorstellung, was das ist -, und Marx als den letzten Spießer. Jetzt war es so, dass er in seiner Theatralik auf den Tisch stieg und alle Rollen spielte. Er sprach wie Marx oder erzählte, übernahm die Thesen von Marx und von Bakunin. Bei dieser Geschichte saßen wir gebannt vor ihm, entweder als die Beschimpften und Verachteten oder als die größten Anhänger des Anarchismus. Irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich in meiner Rolle als verachteter Bourgeois weiterleben wollte – oder als Anarchist. Also habe ich mich für den Anarchismus entschieden und auf dem Weg bis heute mich immer mit dieser Philosophie beschäftigt. Mich hat zudem interessiert, dass es immer auch eine missbrauchte Philosophie war. Das habe ich selbst erkannt in den 68er-Zeiten, mit den Studenten der Filmakademie. Missbraucht z.B. für den bewaffneten Kampf, für jede Art von Reaktion, die man heute vielleicht als Terrorismus bezeichnen würde. Ich habe durch die großen philosophischen Gedanken von einem Mann wie Malatesta, die pazifistisch waren, die überzeugen wollten, erkannt, wie wichtig es ist, sich einer Autorität des Staates zu verweigern, um eigene Wege zu gehen, um jeden Tag zu wählen, um die Bedeutung der Entscheidungen des Kollektivs im kleinsten Rahmen zu erkennen, usw. Das hat mich begleitet und ist in irgendeiner Form Teil meiner Auseinandersetzungen mit anderen politischen Ideen, weil gerade so eine Utopie immer ein Licht wirft auf die Dressur einer politischen Idee, der die Menschen unterworfen werden.“

Viel schöner als dieser warmherzige Menschenfreund Peter Lilienthal kann man die Libertäre Ethik kaum beschreiben.

Ich würde mich sehr freuen, am Sonntagmorgen, 9.12.2012, viele Leserinnen und Leser der Graswurzelrevolution unter den Gästen des 50. Festakts der Verleihung der Carl-von-Ossieztky-Medaille im GRIPS-Theater Berlin begrüßen zu können.

Li(e)bertäre Grüße,

 

(1) Siehe: www.graswurzel.net/ueberuns/fr.shtml

Verleihung der Carl von Ossietzky-Medaille an Peter Lilienthal, Sonntag, 09.12.2012, GRIPS Theater, Altonaer Straße 22, 10557 Berlin. Erreichbar mit U9, Bus 106 sowie S-Bahn, U Hansaplatz, S Bellevue

Weitere Infos: www.ilmr.de