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Editorial

Liebe Leser:innen,

es ist eine der Aufgaben der Graswurzelrevolution, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die sich mit Desertion, Kriegsdienstverweigerung und direkten, gewaltfreien Aktionen gegen jeden Krieg, gegen Militarismus und Kapitalismus stemmen. Jeder Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Alle Deserteure und Kriegsdienstverweigerer verdienen Solidarität. Überall. Wir ergreifen Partei, nicht für Staaten und Nationalismus, sondern für Menschen, die sich dem von Regierungen oder Terrororganisationen befohlenen Massenmord auf Kommando verweigern und eine solidarische Welt frei von Herrschaft, Gewalt, Rassismus, Sexismus und jeglicher Form von Ausbeutung und Terror anstreben.
Uns beeindrucken Menschen wie der argentinisch-israelische Dirigent Daniel Barenboim, der sich seit 1999 mit dem West-Eastern Diwan Orchestra für friedliche Lösungen im Nahostkonflikt einsetzt. Nach dem brutalen Massenmord an 1.200 Kindern, Frauen und Männern und der Verschleppung von mehr als 200 Geiseln durch die islamistische Terror-Organisation Hamas am 7. Oktober befahl die in großen Teilen rechtsextreme israelische Regierung dem israelischen Militär die Bombardierung des Gazastreifens zur Vernichtung der Hamas. Mehr als 13.000 Kinder, Frauen und Männer sind bisher durch die Bombardements im Gaza-Streifen getötet worden.
Barenboim veröffentlichte eine Friedensbotschaft: „Es mag wenig erscheinen – aber die Tatsache allein, dass arabische und israelische Musikerinnen und Musiker bei jedem Konzert ein Pult teilen und gemeinsam musizieren, das ist für uns von immensem Wert. Über die Jahre haben wir durch diese Gemeinsamkeit des Musizierens, aber auch durch unsere unzähligen, teilweise hitzigen Diskussionen gelernt, den vermeintlich Anderen besser zu verstehen, auf ihn zuzugehen und Gemeinsamkeiten in unserer Menschlichkeit und in der Musik zu finden. Wir beginnen und enden alle noch so kontroversen Diskussionen mit dem grundsätzlichen Verständnis, dass wir alle gleichwertige Menschen sind, die Frieden, Freiheit und Glück verdienen.“
Eine ähnliche Botschaft gegen den Hass verbreiteten am 19. November mehr als 2.000 Menschen bei einer Demonstration der Initiative „Palestinians and Jews for Peace“ in Köln. Die Demo stand unter dem Motto „Sharing Sorrow. Bringing Hope – Leid teilen. Hoffnung bringen“. Die Demo-Organisatorinnen Kristina Bublevskaya und Zeynep Karaosman haben selbst jüdische beziehungsweise palästinensische Wurzeln. Sie fordern, dass „diese extrem brutalisierte Gewalt, dieses furchtbare Schwarz-Weiß-Denken“ endlich aufhören müsse. „Es wird nicht gesehen und gehört, dass wir beide leiden können, dass wir beide Schmerz empfinden, traurig sind und Wut empfinden. Gleichzeitig können wir aber nicht wirklich trauern, weil das nicht erlaubt wird, weil wir uns immer rechtfertigen müssen“, so Bublevskaya. Ziel sei es, den Diskurs in Deutschland zu verändern. Karaosman: „Wir sind nicht neutral. Wir haben eine Position. Wir sind auf der Seite der betroffenen Zivilistinnen und Zivilisten.“

Solidarität mit den Gefangenen für den Frieden!

Die Graswurzelrevolution zählt als assoziierte Zeitschrift zur War Resisters‘ International (WRI). Zum Internationalen Tag der Gefangenen für den Frieden am 1. Dezember bittet die WRI um Solidarität mit Menschen, die weltweit wegen ihrer Kriegsdienstverweigerung oder ihres Engagements für Frieden inhaftiert sind. Ihre Namen und Gefängnisadressen werden in der Liste der Gefangenen für den Frieden veröffentlicht. (1) Die WRI ruft dazu auf, den Gefangenen Kartengrüße als Zeichen der Solidarität und der Ermutigung in die Haft zu schicken. „Selbst wenn die Karten die Adressaten und Adressatinnen nicht erreichen sollten, machen sie deutlich, dass die Gefangenen nicht vergessen sind, was sich auf die Haftbedingungen günstig auswirken kann“, so Gernot Lennert von der DFG-VK Hessen. (2) Die Liste enthält die Adressen von Gefangenen stellvertretend für viele andere, deren Adresse unbekannt ist oder die keine Publizität wünschen.
In Ländern wie Süd-Korea, Singapur, Turkmenistan und Tadschikistan waren in den letzten Jahren ständig Kriegsdienstverweigerer im Gefängnis. Besonders katastrophal ist die Menschenrechtslage in Eritrea. Dort werden Männer und Frauen zu einem zeitlich unbegrenzten Nationaldienst gezwungen, teils Militär-, teils Arbeitsdienst unter brutalen Bedingungen. In Russland werden Menschen, die sich gegen Krieg aussprechen, in großer Zahl zu oft langjährigen Haftstrafen in Gefängnissen und Straflagern verurteilt. Deserteure und in Frontnähe Verweigernde werden in extra für sie geschaffenen Lagern in den von Russland besetzten Gebieten in der Ukraine gefangen gehalten und misshandelt. Mehr Infos dazu findet Ihr in der „OHNE UNS!“-Aktionszeitung in dieser GWR (Seite 5 bis 8).

Ein Blick in die GWR 484

Die Artikel von Robert Krieg, Jens Kastner und Rudolf Mühland auf den folgenden Seiten knüpfen an den Israel-Schwerpunkt der GWR 483 vom November an. Während Lou Marin auf Seite 9 die menschenverachtende Rekrutierungspraxis der russischen Armee aufzeigt, knüpft Tobias Brück an den antifaschistischen Schwerpunkt der GWR 483 an und beleuchtet auf Seite 10 die rechtsextreme Querfront für Putin. Über den vergessen gemachten Krieg der Türkei gegen die Kurd:innen in Nordostsyrien berichtet aus Rojava der Arzt Michael Wilk (S. 1, 11). Daniel Jerke fragt auf den Seiten 19 f.: „Wie kann eine linke Sicht auf den Konflikt um Bergkarabach aussehen?“ Britta Rabe vom Grundrechtekomitee kritisiert die gegen Geflüchtete gerichteten Gesetzesverschärfungen (S. 2) und GWR-Mitherausgeberin Silke zeigt auf, dass die Aufklärung rassistischer Polizeigewalt in Mannheim noch immer blockiert wird (S. 13). Elmar Wigands monatliche GWR-Glosse „so süß wie maschinenöl“ zu den thematischen Schwerpunkten Arbeitsunrecht, Wirtschaftsdemokratie und Union Busting hat diesmal einen an einen Hit der Fantastischen Vier angelehnten Titel: „Polizei, DKB, HKK, ha ha ha“ (S. 22). Ein Lesevergnügen bereiten können auch der Artikel „Leinemarsch bleibt?“ von Gerhard Knapienski (S. 14 f.) und die Buchbesprechungen von Bernd Gehlken zur „Naturschutzrevolution“ (S. 16) und von Jürgen Mümken über schwedische Anarchist*innen und Syndikalist*innen im Spanischen Bürgerkrieg (S. 21). Außerdem empfehle ich Alex Kempfles Rückblick auf die Linke Literaturmesse in Nürnberg (S. 23), meinen Artikel „Postanarchismus? Was’n das?“ (S. 21), Maurice Schuhmanns Comic-Kolumne (S. 12), Peter Nowaks Würdigung von 40 Jahren „Stichwort Bayer“ (S. 15) und den ersten Teil des Mut machenden Interviews, das Sevgi und ich Anfang Oktober mit dem Musiker Konstantin Wecker geführt haben (S. 1, 18). Konstantin: „Wir hören nicht auf zu träumen von einer herrschaftsfreien Welt.“

In diesem Sinne, Anarchie und Glück,
Bernd Drücke (GWR-Koordinationsredakteur)

(1) Die Karten an die Gefangenen können sowohl gemeinsam und öffentlich als auch privat geschrieben werden. Die neue Liste der Gefangenen für den Frieden wird zum 1. Dezember 2023 veröffentlicht auf: www.wri-irg.org
(2) Die DFG-VK Mainz-Wiesbaden lädt ein zum gemeinsamen Schreiben der Karten an die Gefangenen für den Frieden mit Live-Musik von Strohfeuer Express, mit Filmen, Bilder-Schau, Speis und Trank: Samstag, 9.12.2023, 14 Uhr, Julius-Lehlbach-Haus, Kaiserstr. 26-30, Mainz. Infos: www.dfg-vk-mainz.de